Eyes wide shut (I)

Seit gestern veranstaltet das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) seine diesjährige, dreitägige „Sommeruniversität“. Nachdem die Einrichtung im Dezember letzten Jahres zu dem Schluss kam, dass „Islamophobie“ irgendwo das Gleiche ist wie Antisemitismus und also die Muslime sozusagen die Juden von heute sind, beschäftigt sie sich nun mit den „Erscheinungsformen des aktuellen Antisemitismus“ und fragt sich: „Extremismus oder gesellschaftliche Mitte?“ Christian J. Heinrich hingegen fragt sich – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der letztjährigen Konferenz „Feindbild Muslim, Feindbild Jude“ –, wie es beim ZfA überhaupt um den Begriff des Antisemitismus bestellt ist. Dabei stellt er fest, dass man schon vor fünf Jahren hätte wissen können, welch beschränktes Verständnis das Zentrum und insbesondere sein Direktor Wolfgang Benz (Foto, links) von jenem Gegenstand haben, der ihrem Institut den Namen gegeben hat. Erster Teil eines Beitrags, den Heinrich in gekürzter Form im August-Heft der Monatszeitschrift KONKRET veröffentlicht hat. Der zweite Teil folgt morgen.


VON CHRISTIAN J. HEINRICH


Im Juli 2002 titelte das Satiremagazin Titanic: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Weil diese Frage noch der Beantwortung zu harren scheint, gibt Wolfgang Benz seit zwanzig Jahren den Antisemitismusbeauftragten der Bundesrepublik mit angeschlossenem Institut. In wenigen Monaten wird er nun als Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) pensioniert. Mit dem Buch „Was ist Antisemitismus?“ (1) lieferte er bereits vor fünf Jahren ein Resümee seiner Arbeit. Das ZfA, für Wolfgang Benz „weltweit einmalig“, gilt nicht allein wissenschaftlich als bedeutsam, sondern wird seinem eigenen Verständnis zufolge „in hohem Maß auch als eine öffentliche Institution verstanden, die weit über den Rahmen eines Universitätsinstituts hinaus Dienstleistungen und Aufklärungsarbeit für die Öffentlichkeit erbringt“. Deshalb wendet es sich in vielen seiner Publikationen nicht allein an ein akademisches Publikum, sondern hegt darüber hinaus volkspädagogische Absichten. So formuliert es auch der Institutsdirektor in „Was ist Antisemitismus?“. (2)

Das Vorwort dieser Schrift eröffnet gleichwohl mit dem Nimbus nüchterner Wissenschaftlichkeit: „Gegenstand des Buches ist nicht die dramatische Darstellung judenfeindlicher Aggression und Propaganda mit dem Ziel, Abscheu, Schuld und Betroffenheit zu erzeugen.“ (WiA, S. 7) Schon in diesem ersten Satz offenbart Benz sein Anliegen, nicht „Schuld […] erzeugen“ zu wollen. Das ist aufschlussreich in Formulierung und Gedanken: Ein gutes Buch könnte Antisemiten allenfalls (und mit Recht) Schuld zuweisen und bei diesen (bestenfalls) Schuldgefühle provozieren, bei niemandem jedoch Schuld erzeugen. Benzens Formulierung ist allerdings kein Fauxpas, sondern als vollgültig anzuerkennen: Soll nicht die Debatte über den Antisemitismus – so die zentrale Behauptung deutscher Schuldabwehr – nur dazu dienen, „Schuld […] zu erzeugen“? Dies ist Benzens Sache nicht.

Postnazistische Selbstvergewisserung

Es gehört zu den Strategien postnazistischer Selbstvergewisserung, den rassistischen Antisemitismus der eigenen Väter und Großväter, der zu Auschwitz führte, mit großer symbolischer Geste abzulehnen und als dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte historisch – also als Vergangenes – einzuordnen. Antisemitismusforschung am ZfA wird zu diesem Behufe vorrangig als Geschichtswissenschaft betrieben. So gibt es am Institut im Sommersemester 2009 allerlei Veranstaltungen zur Weimarer Republik, zu Polen unter deutscher Besatzung, zur antibolschewistischen Propaganda in deutschen Zeitungen 1933 bis 1945, zum nationalsozialistischen KZ-System usw. (3) Von 55 aktuellen Dissertationsvorhaben sind mehr als 40 ausdrücklich historischen Inhalts. (4)

Auffällig an dieser zuvörderst als Geschichtswissenschaft betriebenen Antisemitismusforschung ist, dass vor allem positivistisch gearbeitet und also viel Empirie, Statistik und Faktensammlung betrieben, ein Begriff des Antisemitismus jedoch kaum entfaltet wird. Zwar vermutet Wolfgang Benz vielerlei Motive hinter dem Antisemitismus: „gekränkter Nationalstolz“, „kleinbürgerliche Überfremdungsangst“ oder auch „unspezifischer Unmut über Regierung, Volksvertreter, politische und ökonomische Verhältnisse, über die unerfreulichen Zeitläufe ganz allgemein“ (WiA, S. 28f.) Aber in derlei Banalitäten und simplen Rationalisierungen erschöpft sich die begriffliche Mühe bereits. Die Antisemitismusforschung des ZfA greift stattdessen zum autoritären Verfahren: Was Antisemitismus – und vor allem was kein Antisemitismus – ist, wird mittels professoralem Zeigefinger festgelegt. So scheint man der begrifflichen Auseinandersetzung entzogen. Gleichwohl sind solche definitorischen Setzungen interessant: Sie geben zwar keine Auskunft über das Wesen des Antisemitismus, aber über die gesellschaftspolitische Funktion einer so verstandenen „Wissenschaft“.

Zu den Strategien postnazistischer Selbstvergewisserung gehört es ebenso, aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit moralische Reputation für das Deutschland der Gegenwart abzuleiten. Antisemitismus wird – weil historisch mit dem Nationalsozialismus identifiziert – heute vorrangig den Milieus der Ewiggestrigen und Rechtsradikalen zugeschrieben; andere Milieus werden ignoriert. Antisemitische Tendenzen beispielsweise in der Linken werden relativiert und im Vergleich zum Rechtsradikalismus heruntergespielt. Nach Benz werden derlei Tendenzen „gern als ‚linker Antisemitismus’ subsumiert und oft zur Aufrechnung benutzt, um die ungleich stärker verbreitete nationalistische, rechtsextreme Version der Judenfeindschaft zu rechtfertigen“ (WiA, S. 238). Statt also den linken Antisemitismus zu kritisieren, wird seine Existenz bei Benz durch Anführungszeichen angezweifelt und seinen Gegnern die Relativierung des rechtsradikalen Antisemitismus unterstellt; nicht der linke Antisemitismus, sondern seine Kritik wird – weil angeblich „zur Aufrechnung benutzt“ – denunziert. Die historisierende Antisemitismusforschung des ZfA hat also eine spezifische Funktion: Sich kritisch zur deutschen Vergangenheit zu stellen, soll legitimieren, sich unkritisch zur Gegenwart zu verhalten. Die Festschreibung des Antisemitismus auf seine alten Formen bedeutet, die neuen Formen als nicht-antisemitisch zu verkennen und damit zu salvieren. Hier schlägt die historisierende Antisemitismusforschung in zeitgenössische Antisemitismusverharmlosung, mithin in Legitimationswissenschaft um.

Dies zeigt sich auch darin, dass jene, die sich so vehement gegen den alten Antisemitismus wenden – und dazu taugt der Beruf des Antisemitismusforschers wie kaum ein zweiter –, sich oft vehement gegen den Begriff des Neuen Antisemitismus sperren. Benz begründet das so: „Judenfeindschaft gilt als das älteste soziale, kulturelle, religiöse, politische Vorurteil der Menschheit; Judenfeindschaft äußert sich […] in ausgrenzenden und stigmatisierenden Stereotypen, d.h. in überlieferten Vorstellungen der Mehrheit von der Minderheit, die unreflektiert von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das ist ein Argument gegen die Vermutung, es gebe derzeit einen ‚neuen Antisemitismus’, der sich in seinen Inhalten oder in der Radikalität vom ‚alten Antisemitismus’ unterscheide.“

Benz unterschlägt, dass auch der Neue Antisemitismus weiterhin ein Antisemitismus ist und in der schier endlos scheinenden Tradition des Judenhasses steht. Seine Formen und Trägerschichten wurden nach Auschwitz jedoch signifikant modernisiert und zeugen vom Willen zur politischen Opportunität: nämlich Antisemit sein zu dürfen, ohne als solcher – in der Außenwirkung ebenso wie im Selbstbild – zu gelten. Eben deshalb kapriziert er sich nicht offen auf Juden, sondern auf Israel. Benz aber fokussiert auf den tradierten und ignoriert den transformierten Antisemitismus; er denunziert die Behauptung eines Neuen Antisemitismus, weil ihm nichts Neues unter der Sonne erscheinen will.

Dabei hatte sich bereits der völkische Judenhass nicht nur aus dem christlichen entwickelt, sondern sich selbst zu diesem in Widerspruch gesetzt. „Wie blödsinnig die religiöse Seite dieses Hasses war, erhellt schon daraus, dass man die Juden verantwortlich für die Kreuzigung Christi machen wollte“, meinte Wilhelm Marr, der sein Traktat vom vermeintlich drohenden „Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ vom „nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet“ verstanden wissen wollte. „Gegen jede ‚religiöse’ Verfolgung nehme ich somit die Juden unbedingt in Schutz und ich glaube, es ist in dieser Hinsicht kaum möglich, sich deutlicher auszusprechen, als ich es hier gethan habe.“ (5) Und wie der völkische ein neuer Antisemitismus in ostentativer Ablehnung des christlichen war – immer noch ein Judenhass, doch ein moderner –, so ist es heute der „israelkritische“ in scharfer Ablehnung des völkischen wieder, nur diesmal ein postmoderner. Die neuen Antisemiten wollen mit den alten nichts zu schaffen haben – und sind doch ihre Wiedergänger.

Das aktuell je Spezifische im geschichtlich Allgemeinen wird aber beim ZfA ausgeblendet; die Rede ist vielmehr von etwas Uraltem, das „unreflektiert“ – so drückt sich Benz nachsichtig aus – „von Generation zu Generation weitergegeben“ werde. Und sein Institut hätte tatsächlich ein politisches Opportunitätsproblem, würde es heute einen Neuen Antisemitismus konstatieren: Plötzlich müssten neben dem rechtsradikalen auch eigene Milieus Gegenstand der Untersuchungen werden.

Verharmlosungsstrategien

Benzens Buch kennzeichnet das Bestreben, den Antisemitismus außerhalb rechtsradikaler Milieus allenfalls so weit anzuerkennen, wie es aufgrund der erdrückenden Realität gerade nötig ist; die Antisemiten der so genannten Mitte werden bestmöglich pardoniert. So meint der Geisteswissenschaftler Benz, dessen täglich Brot Begrifflichkeiten und terminologische Mühen sein müssten: „Aber bringt solche terminologische Mühe im Dienste der Begrifflichkeit, die Frage, ob etwa der Romanschriftsteller Walser oder der Politiker Hohmann oder der Gelehrte Nolte ein Antisemit ist, in der Sache weiter?“ (WiA, S. 149)

Warum stellt Benz – obwohl die Berufe der erwähnten Herren hinreichend bekannt sind – den Walser ausdrücklich als Romanschriftsteller, den Hohmann als Politiker und den Nolte gar als Gelehrten vor? Titel und Status sprechen für Reputation und Ehrenhaftigkeit. Der ZfA-Direktor wird solchen zeitgenössischen Koryphäen nicht zu nahe treten. Dabei brächte es, um Benzens Frage gegen seine Intention zu beantworten, tatsächlich „in der Sache weiter“, wenn Antisemiten ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung als solche auch benannt würden: Solange Antisemitismus in der Bundesrepublik offiziell geächtet ist, bleibt die Stigmatisierung von Antisemiten als Antisemiten ein legitimes und nötiges politisches Mittel, um Diskurs- und Opportunitätsgrenzen zu etablieren oder zu behaupten. Wenn beispielsweise Möllemann von Anfang an als das begriffen worden wäre, was er auch war – nämlich ein Antisemit –, so hätte er sich nicht so umfassend und erfolgreich ausbreiten können. So aber geht er bis heute als „Israelkritiker“ durch – und das gilt als legitim.

Benz konstruiert in drei Schritten einen Antisemitismus ohne Antisemiten: Als Zugeständnis an die Realität räumt er „absichtsvolles oder fahrlässiges Hantieren mit Stereotypen der Judenfeindschaft“ (WiA, S. 150) zunächst ein. Weil die Protagonisten aber angeblich nicht wissen, was sie tun und wohin das führt, dementiert Benz in mehreren Beispielen das „absichtsvolle“ Hantieren und behauptet allenfalls ein „fahrlässiges“. Schließlich betreibt er eine exemplarische Ehrenrettung, indem er weniger den Antisemitismus als vielmehr den Antisemitismusvorwurf problematisiert.

Exemplarisch wird das an Heinrich von Treitschke vorgeführt: Der „einst renommierte Historiker […] entfachte im 19. Jahrhundert eine Debatte, die als ‚Berliner Antisemitismusstreit’ in die Geschichte einging. Treitschkes Sentenz ‚Die Juden sind unser Unglück’ wurde zum geflügelten Wort, wurde selbständig und war ein halbes Jahrhundert später allwöchentlich im ‚Stürmer’, dem widerlichsten Hetzblatt nationalsozialistischer Judenfeindschaft, als Leitmotiv abgedruckt. Das hat der Historiker und Reichstagsabgeordnete Treitschke, ein Mann von Reputation und einigem Nachruhm, gewiss nicht beabsichtigt, und die Nationalsozialisten hätte er sicher verachtet, so er sie hätte erleben müssen. […] Dass Treitschke den 1933 zur Macht gekommenen Antisemiten als Kronzeuge für die Notwendigkeit der totalen Segregation der Juden bis zur letzten Konsequenz, der physischen Vernichtung, dienen würde, war natürlich nicht zu ahnen. Aber es ist geschehen. War Treitschke ein Antisemit? Die Frage wurde in mancher Abhandlung mit Scharfsinn behandelt und so oder so beantwortet […] Die Frage, ob Treitschke ein Antisemit war und willentlich den Antisemitismus förderte, ist angesichts der Wirkung seiner Worte ganz unerheblich, und ebenso unerheblich ist das Mutmaßen darüber, ob Jürgen Möllemann ein Antisemit gewesen ist.“

Zum einen wird Treitschke hier also als „einst renommierter Historiker“, als „Mann von Reputation und einigem Nachruhm“, als „Historiker und Reichstagsabgeordneter“ vorgeführt. An anderer Stelle im Buch kontrastiert Benz Treitschkes „kulturpessimistische Ausführungen“ – derart verharmlosend bewertet er dessen Ausspruch „Die Juden sind unser Unglück“ – mit der antisemitischen Argumentation, „wie sie von drittrangigen Publizisten und eifernden Kleingeistern entfacht worden war“ (WiA, S. 87).

Zum anderen wird Treitschke von den Folgen seiner Demagogie freigesprochen: Mit den Nationalsozialisten hätte er laut Benz wohl gehadert, diese jedoch sind die unzweifelhaften, im Jahr „1933 zur Macht gekommene Antisemiten“. Fast klingt es, als würde Treitschke hier zum – nur durch frühzeitiges Ableben verhinderten – Antifaschisten geadelt. Es scheint also nicht nur die Gnade der späten Geburt, sondern auch die des frühen Dahinscheidens zu geben. Dass Treitschke, der in seinen Traktaten den „jüdischen Todhass“ gegen die Vertreter deutscher Kultur halluzinierte und deshalb – in nachgerade klassischer Täter-Opfer-Umkehr – die „antijüdische Erregung“ seines Volkes ausdrücklich goutierte, für die Nazis einmal als Kronzeuge dienen könnte, war Benz zufolge damals nicht zu ahnen. Das ist richtig: Niemand kann ein halbes Jahrhundert in die Zukunft sehen. Viele deutsche Juden fürchteten aber schon während des „Berliner Antisemitismusstreits“ eine durch Treitschke initiierte Pogromstimmung. Damit ist die Frage, „ob Treitschke ein Antisemit war und willentlich den Antisemitismus förderte“, obsolet, weil gegen Benzens Absicht beantwortet. Dieser behauptet dessen ungeachtet, man könne das „mit Scharfsinn“ so sehen oder auch ganz anders. Seine Behauptung, die Frage sei ja „ganz unerheblich“, demaskiert seinen Unwillen, Antisemiten auch dann als solche zu erkennen, wenn sie nicht gerade ausgemachte Nationalsozialisten sind. Eben das verbindet Treitschke auch mit dem durch Benz in diesen Zusammenhang gestellten Möllemann.

Alles keine Antisemiten

Bei der Lektüre von Benzens Buch erscheint es fast so, als könnte man im heutigen Deutschland außerhalb rechtsradikaler Milieus kaum Antisemiten ausmachen. Denn, so doziert der ZfA-Direktor: „Nicht alles ist freilich Antisemitismus, was Juden an Taktlosigkeit, Unsensibilität, Missverständnis und verfehltem Bemühen beleidigt und kränkt.“ (WiA, S. 19) Die Juden im heutigen Deutschland – beleidigt und gekränkt aus nicht-antisemitischen Gründen?

Das Beispiel Möllemann: Benz rekapituliert „die ebenso populistische und wirksame wie absurde Behauptung“ des FDP-Politikers (das Wort „antisemitisch“ vermeidet Benz hier tunlichst), „es existiere ein Verdikt, Kritik an Israel zu üben, und es gebe einschlägige Denk- und Meinungsverbote“ (WiA, S. 146). Die Debatte habe sich – und das scheint Benz recht eigentlich umzutreiben – „auf einen Nebenkriegsschauplatz totgelaufen, an dem Problem nämlich, ob diejenigen, die sie entzündet haben, Antisemiten seien“ (WiA, S. 147). Dieser Debatte verweigert sich der Antisemitismusforscher. Das „Mutmaßen“ darüber „ob Jürgen Möllemann ein Antisemit gewesen ist“, ist ihm ja „unerheblich“ (WiA, S. 149f.).

Oder das Beispiel Günzel: Der christdemokratische Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann hatte „Gerechtigkeit für Deutschland“ gefordert, indem er sich gegen die Bezeichnung der Deutschen als „Tätervolk wehrte und in vergleichender Absicht Juden u.a. für den Bolschewismus verantwortlich machte. Der Brigadegeneral der Bundeswehr Reinhard Günzel sprang ihm bei. Wolfgang Benz sieht auch hier weniger antisemitische Motivation als vielmehr mangelnde Kenntnis am Werk: „Vermutlich hat er [Günzel] die Rede Hohmanns nicht gelesen oder nur die patriotischen Parolen wahrgenommen, denn auch der General ist gewiss kein Antisemit, selbst wenn seine Vaterlandliebe nach rechts ziemlich grenzenlos sein mag. Der Brigadegeneral a.D. hat überdies Geschichte und Philosophie studiert und damit doch eigentlich das Rüstzeug erworben, um die Argumentation Hohmanns zu durchschauen.“ (WiA, S. 157) Auch über Fritz Schenk, einen ehemaligen Fernsehmoderator und CDU-Mann, der eine Unterschriftenaktion für Hohmann und gegen dessen Ausschluss aus der CDU initiierte, behauptet Benz, dass sich hier viele „mangels Kenntnis des Hohmann-Textes und insbesondere ohne Kenntnis der antisemitischen Agitation“ solidarisiert hätten: „Schenk ist über den Verdacht der Judenfeindschaft so erhaben wie sicherlich die Mehrheit der Unterzeichner.“ (WiA, S. 169) Das Koscher-Zertifikat wird also ohne nähere Begründung ausgestellt.

Schließlich das Beispiel Blüm: Der ehemalige Bundesminister reüssiert in den letzten Jahren als antiisraelischer Aktivist. Wenn er beispielsweise Israel einen „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser unterstellt, so bescheinigt Wolfgang Benz ihm zwar, dass er „unreflektiert mit Stereotypen“ hantiert. Aber Blüm „wurde von vielen verteidigt, die – natürlich ganz zu Recht – betonten, er sei kein Antisemit“ (WiA, S. 206). Was aber müsste Blüm noch äußern, um selbst im ZfA als Antisemit durchzugehen?

Sogar bei offensichtlichen Rechtsradikalen gibt sich Benz manchmal nachsichtig: „Berliner Hertha-Fans, die sich der rechten Szene zugehörig fühlen, z.B. Rudolf Hess als Idol verehren, aber an Politik generell desinteressiert sind, zeigen alltägliche unreflektierte Judenfeindschaft, die mit bestimmten Feindbildern und Konnotationen operiert.“ (WiA, S. 237) Benz, der von „bestimmten Feindbildern und Konnotationen“ spricht und diese doch nicht näher bestimmt, relativiert die Verehrung der Fußballnazis für Rudolf Hess. Die jungen Leute seien ja „an Politik generell desinteressiert“, ihre Judenfeindschaft sei „unreflektiert“. Soll heißen: Sie können es nicht so genau wissen und es also auch nicht so ernst meinen.

Wenn sich in Umfragen erweist, dass es durchaus Antisemiten in relevanten Größenordnungen in Deutschland gibt – selbst dann, wenn nur nach den alten und nicht nach den neuen, „israelkritischen“ Erscheinungsformen gefragt wird –, dann fühlt sich Wolfgang Benz zu deren Ehrenrettung aufgerufen. „Jeder fünfte Deutsche ein Antisemit?“, fragt der ZfA-Direktor in seinem Buch rhetorisch und lehnt diesen Schluss rigoros ab. Er kritisiert vielmehr die „mediale Vergröberung und Verkürzung“: Befragte übten lediglich „Zurückhaltung“ oder seien „von der Fragestellung geleitet“ worden, „stereotype Vorstellungen über Juden (‚zu viel Macht’, ‚zu viel Geld’ etc.)“ zu äußern. Benz schlägt sich folgerichtig auf die Seite der solcherart zu antisemitischen Aussagen angeblich Verführten. Die „empörte Reaktion des Publikums auf die Umsetzung von sozialwissenschaftlichen Messergebnissen in Getöse mit moralischem Unterton“ ist für ihn „verständlich“. Die deutschen Verhältnisse seien nämlich viel besser als behauptet: „Nach empirischen Forschungen ist Antisemitismus als persönliches Vorurteil in der Bundesrepublik seit den 60er Jahren im Rückgang begriffen.“ (WiA, S. 193)

Gleichwohl ist das von Benz selbst präsentierte Zahlenmaterial erdrückend: „So glauben 18% der Deutschen, Juden versuchten, aus der Vergangenheit Vorteile auf Kosten der Deutschen zu ziehen, 19% halten die religiöse Komponente des antisemitischen Ressentiments (‚Schuld der Juden am Tode Jesu’) noch für relevant, 20% halten Juden für egoistisch, 21% finden sie ‚intolerant’, und 36% stimmen der Behauptung zu, die Juden hätten zuviel Einfluss in der Welt.“ Die zuletzt genannte Zahl allein dementiert schon die These, jeder fünfte Deutsche sei ein (klassischer) Antisemit – es ist mindestens jeder Dritte. Doch nur, weil sich jemand antisemitisch äußert, ist er noch lange kein Antisemit, so die Logik des ZfA; gerade einmal ein Prozent der Deutschen lehnten Juden doch ausdrücklich ab (WiA, S. 194).

Interessant an diesem einen Prozent ist, dass nur die zu ihm Zählenden sich offen als Antisemiten zu erkennen geben und aus ihrer Ablehnung keinen Hehl machen. Es zeigt sich hier eben jenes von Benz ignorierte Phänomen, dass der zeitgenössische Judenfeind sich selbst nicht mehr als antisemitisch verstehen möchte.

Anmerkungen:
(1) Wolfgang Benz: Was ist Antisemitismus? C.H. Beck Verlag, München 2008 (im Folgenden: WiA)
(2) Das Buch ist inzwischen in wohlfeiler Ausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung für eine Bereitstellungspauschale von zwei Euro erhältlich. Bei GoogleBooks findet sich eine vollständig digitalisierte Fassung. Herzlichen Dank an die Initiative Verteidigt Israel aus Kiel für den Hinweis.
(3) Was völlig fehlt, ist die explizite Thematisierung des islamischen Antisemitismus. Ein Hauptseminar beschäftigt sich mit „Religion und Gewalt“ im Allgemeinen; in der Ankündigung ist allenfalls von einer zu untersuchenden „Welle religiös motivierter Gewalt“ die Rede – so, als wären beispielsweise Christentum und Judentum ähnlich zu problematisieren wie der Islam. Ein anderes Seminar beschäftigt sich mit den „Debatten zum Islam“, es soll Diskurskritik geleistet werden, also: „welche Akteure auftreten, welche Thesen sie vertreten, welche Interessen und Bedürfnisse dahinter stehen und welche Dynamiken in öffentlichen Debatten wirken“ – eine Problematisierung des islamischen Antisemitsmus ist dies mitnichten.
(4) Viele der anderen Themen sprechen für eine nicht minder kritikwürdige Themensetzung („Aktuelle Entwicklungen des Antisemitismus und Philosemitismus in Japan“, „Jüdische Viehhändler“, „Probleme der Integration und Identität der koreanischen Minderheit in Deutschland“ usw.). Allein der Doktorand Günther Jikeli betreibt am ZfA eine „Vergleichende Typisierung von antisemitischen Einstellungsmustern arabisch/islamisch geprägter Jugendlicher in Europa“.
(5) Wilhelm Marr: Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet. Rudolph Costenoble, Bern 1879, S. 7f.

Zum Foto: Männer „von Reputation und einigem (Nach-) Ruhm“: Wolfgang Benz und die Kameraden Treitschke, Günzel, Möllemann und Blüm.

Im zweiten Teil: Die verfolgte Unschuld – Unser Holocaust bleibt deutsch – Trivialisierter Antisemitismus – Islamischer Antisemitismus und „Israelkritik“ – Unvermögen und Unwillen

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