Eyes wide shut (II)

Zweiter und letzter Teil eines Beitrags von Christian J. Heinrich über die akademisierte Antisemitismusverharmlosung von Wolfgang Benz, Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. (Zum ersten Teil geht es hier.)


VON CHRISTIAN J. HEINRICH


Die verfolgte Unschuld

Für Wolfgang Benz gehört Antisemitismus „in Mitteleuropa und im deutschen Sprachraum, nach Hitler zumal, zu den schwersten Vorwürfen in der politischen Auseinandersetzung“ (WiA, S. 10). Benzens Unwille, diesen Vorwurf zu erheben, wird motiviert durch seine Ablehnung der „Stigmatisierung“ von Antisemiten – auch wenn diese tatsächlich Antisemiten sind.

Als Martin Walser 1998 von der „Moralkeule Auschwitz“ sprach, habe er nur „öffentlich gemacht, was viele empfinden“, glaubt Benz. „Das Plädoyer des Literaten Walser im Herbst 1998 für die Privatisierung der Erinnerung an den Holocaust“, so trivialisiert er dessen Paulskirchenrede, habe „keineswegs zur Leugnung des Geschehens oder zur Abwertung von Schuld“ gedient. Benz sieht allenfalls „missverständliche Zungenschläge“ (WiA, S. 20f.). Auf diese Weise entmündigt der Berliner Professor den Dichter vom Bodensee: Der „Literat“ – mithin also ein Meister des Wortes – soll nicht gewusst haben, welche Worte er wählte und was diese zu bewirken vermochten? Statt hier bei Walser einen Schuldabwehrantisemitismus zu konstatieren, kritisiert Benz bei den Kritikern des Schriftstellers „das Ungefähre und Assoziative, das Gerüchteweise und den auf nicht beweisbare Vermutung gegründeten Umgang mit dem Thema Judenfeindschaft. Dazu gehört auch die Technik der Stigmatisierung, die ebenfalls in allen derartigen Debatten zu beobachten ist und sie rasch auf die Frage verengt, ob der Disput Auslösende ein Antisemit sei, was ebenso rasch Hilfstruppen auf den Plan ruft. Im Falle Walser wurde 2002 eine zweite Debatte um seinen Roman ‚Tod eines Kritikers’ inszeniert.“ (WiA, S. 22)

Dabei kontextualisiert Benz einen Terminus neu: Wenn in der Antisemitismusforschung bisher von der „Technik der Stigmatisierung“ die Rede war, so ging es um die Diskriminierung von Juden durch negative Zuschreibungen. Benz aber bezieht dies nun nicht mehr nur auf den Antisemitismus selbst, sondern auf den Antisemitismusvorwurf – und schon gilt Walser als Opfer einer dem Antisemitismus abgeschauten Technik. Statt die antisemitischen Rempeleien des Bodenseedichters gegen Marcel Reich-Ranicki als solche zu kennzeichnen, argumentiert der Antisemitismusforscher ähnlich wie andere, die vor der „Antisemitismuskeule“ warnen: Er sieht Stigmatisierungen, Hilfstruppen, inszenierte Debatten. Er sieht aber keine Antisemiten.

Unser Holocaust bleibt deutsch

Und während Walser die Zerknirschtheit der Deutschen ob der eigenen Vergangenheit beklagt, sieht Benz das Problem der Auseinandersetzung mit dem Holocaust eher in den USA. So schreibt er in jenem Duktus, den sonst ordinäre, antiamerikanische Globalisierungsgegner pflegen: „Natürlich sind Kitsch und Kommerz Nebenerscheinungen der Amerikanisierung der Erinnerung an den Holocaust. Und selbstverständlich ist die Trivialisierung des Völkermordes nach den Rezepten Hollywoods ebenso kritisch zu diskutieren wie das Gewinnstreben Einzelner, die Profit aus Katastrophen schlagen.“ (WiA, S. 143) Benz sichert seine Argumentation sodann mit jüdischen Kronzeugen ab – ein bekanntes Verfahren –, indem er formuliert, es gebe ja auch ein „immer deutlicher sich artikulierendes Unbehagen jüdischer Vertreter an der Entwicklung der ‚Holocaust Industry’“ (WiA, S. 140), wie beispielsweise „das seriös und umsichtig argumentierende Buch des amerikanischen Historikers Peter Novick“ (WiA, S. 140). Zugleich distanziert sich der ZfA-Direktor halbherzig von Norman Finkelstein, der mit „einer Mischung aus fachlicher Inkompetenz und persönlichem Geltungsdrang“ (WiA, S. 142) keinen Beitrag zu einer „seriösen Debatte“ (WiA, S. 144) geleistet habe. Benz setzt gegen Finkelstein aber weniger eine Kritik von dessen Thesen – ganz im Gegenteil –, sondern Formfragen wie die nach dessen „akademischem Außenseiterstatus“ (WiA, S. 142).

Des Institutsdirektors akademischer Insiderstatus hingegen ermöglicht es ihm, ohne Sorge um die Reputation Positionen zu äußern, die denen Finkelsteins ähneln und, etwas popularisiert, auch am deutschen Stammtisch artikuliert werden. So beispielsweise Benzens Andeutung, die Amerikaner beuteten die Shoa aus, denn „der Holocaust als Tragödie, der fernab von den USA stattfand, eignet sich als Metapher des Bösen hervorragend, Werte der amerikanischen Gesellschaft wie Optimismus, moralisches Sendungsbewusstsein, den Glauben an den Triumph des Guten zu vermitteln. Die Juden spielen immer nur die Rolle der Opfer, sie werden in diesem Zusammenhang nicht als ethnische oder religiöse Minderheit wahrgenommen.“ Als „ethnische oder religiöse Minderheit“ wurden und werden sie – da hat Benz gegen seine Intention Recht – in Deutschland immer schon und immer noch anders als in Amerika behandelt. „Die Rezeption des Holocaust in den USA dient zugleich der Heroisierung der eigenen Nation.“

Das allerdings kann man nicht adaptieren: Der Holocaust bleibt das düsterste Kapitel deutscher Geschichte, und man neidet es den USA, früher schon „auf der moralische richtigen Seite“ gewesen zu sein. Aber die deutsche Aufarbeitung des Holocaust – anders bewerkstelligt als in Filmen Hollywoods oder im Memorial Washingtons – gereicht gleichwohl zur moralisch abgesicherten postnazistischen Identitätsstiftung. Im Aufarbeiten empfindet sich Deutschland als mustergültig und übt sich als Lehrmeister, da doch die Amerikaner „Mühe mit dem Genozid auf amerikanischem Boden, der Vernichtung der indianischen Kulturen“ hätten. Dass dergleichen Invektiven tatsächlich nicht fern von Finkelsteins Positionen sind, gibt Benz durchaus zu, doch „Finkelstein vergröbert solche Überlegungen zu Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen“ (WiA, S. 141). Benz aber vergröbert nicht, er akademisiert den nämlichen Gedanken.

Trivialisierter Antisemitismus

Gut zweihundertfünfzig Seiten greift Benzens Darstellung Raum, Judenfeindschaft existiere zuvörderst „als Ressentiment, als innerer Vorbehalt gegen die jüdische Minderheit, als Einstellung“ (WiA, S. 7). Mit derlei Allgemeinem wird das Spezifische des Antisemitismus unkenntlich gemacht. Die beständig wiederkehrenden Vokabeln („Ressentiment“, „Vorbehalt“, „Einstellung“) sind also von ihrem terminus ad quem zu verstehen, also von dem aus, was an erkenntnisfördernder und vor allem -verhindernder Absicht hinter ihnen steht. Wenn beispielsweise fortwährend von einem „Vorbehalt“ gegen Juden die Rede ist, so handelt es sich um einen Euphemismus, der dazu taugt, die Gewaltsamkeit des Judenhasses zu verschleiern, wie sie in jeder seiner Formen angelegt ist. Dem Antisemiten nämlich – dem zivilisiert sich zurückhaltenden wie dem offen zur Tat schreitenden – geht es keineswegs um das konkrete Verhalten konkreter Juden, er zielt auf die Existenz der Juden als negatives Prinzip überhaupt. Der Wunsch, dass all jene Probleme, die falsch auf Juden projiziert werden, gelöst werden mögen, offenbart sich als Wunsch, von den Juden erlöst zu werden.

Dabei wird weder auf sich selbst noch auf das Ziel der Projektion reflektiert. Doch im Bewusstmachen und Bewusstwerden allein läge die Möglichkeit, den Wahn zu brechen. So heißt es – allerdings nicht bei Benz, sondern vielmehr bei Horkheimer und Adorno: „Das Pathische am Antisemitismus ist nicht das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexion darin.“ (1) So ist jede Form des Antisemitismus von der Konsequenz her gedacht eine existenzielle Drohung und keineswegs einfach ein in Unkenntnis begründetes zaghaftes Zurückweichen der Mehrheit vor der Minderheit, wie es der Terminus „Vorbehalt“ nahe legt. Spätestens seit Auschwitz ist ein Antisemitismus undenkbar, der nicht die Vernichtung der Juden in sich trägt oder billigt. Wolfgang Benz sieht in alledem gleichwohl nur einen „Vorbehalt“.

Der ZfA-Chef insinuiert einen moderaten, weniger gefährlichen Antisemitismus, der folgerichtig nicht mit wahnhaftem Judenhass, sondern mit unaufgeklärten „Vorbehalten“ bezeichnet wird. Darin begründet liegt auch seine Ankündigung, des Problems durch die pädagogische Vermittlung hinreichender Fakten Herr werden zu können. Der Antisemitismus wird der Verwaltung durch Bildung und Sozialarbeit verfügbar gemacht. Einem „Vorbehalt“ nämlich kann tatsächlich durch Aufklärung begegnet werden. Das Wahnhafte des Antisemitismus, an dem die Aufklärung seine Grenzen hat, bleibt notwendig ausgeblendet. Ist einmal nicht vom „Vorbehalt“ die Rede, so beschreibt der ZfA-Direktor Antisemitismus auch als „Animosität“ (WiA, S. 16), als „Abneigung“ (WiA, S. 82) oder als „Vorurteil“ (WiA, S. 166). Mit derlei Binsen ist keine Erkenntnis zu gewinnen, schon gar nicht vom Spezifischen des Antisemitismus. Eine solche Wissenschaft muss sich fragen lassen, warum sie sich so begriffslos gibt.

Islamischer Antisemitismus und „Israelkritik“

Die Antisemitismusforschung regrediert zur „Vorurteilsforschung“. Im Zuge dessen wird der Vergleich zwischen dem „antimuslimischen Ressentiment“ (wie es ganz offensiv in den Terminus „Islamophobie“ gefasst wird) mit dem Antisemitismus sowie die Übertragung der moralischen Emphase von den Juden auf die Muslime vorbereitet. Erhellend ist dabei das Bild, das bei Wolfgang Benz vom islamischen Antisemitismus (wenn er ihn überhaupt einmal beiläufig einräumt) gezeichnet wird: Es ist nicht die Rede von einem jahrhundertealten, tief im Islam verwurzelten Judenhass, der einen fruchtbaren Nährboden auch für die Ideen der NS-Rassentheorie darstellte, sondern allenfalls von einer „Adaption des europäischen Antisemitismus“ (WiA, S. 191). So wird der Antisemitismus als ein dem Islam eigentlich fremdes, originär europäisches Phänomen gekennzeichnet. Es sei, so Benz, „sichtbar, wie sich muslimische Judenfeindschaft, die durch das Palästinaproblem politisch generiert ist, traditioneller Stereotypen bedient und wie der ursprünglich im Nahen Osten unbekannte Rassenantisemitismus […] adaptiert und ins islamische Weltbild integriert wurde“ (WiA, S. 190). Seine Behauptung, die „muslimische Judenfeindschaft“ sei „durch das Palästinaproblem politisch generiert“, ist eine fatale Rationalisierung: Als hätte der islamische Antisemitismus einen guten Grund, als wäre ohne diesen – heißt das: ohne Israel oder mit einer Zweistaatenlösung? – der islamische Antisemitismus nicht existent.

Wenn sich auf Europas Straßen die vorgebliche „Solidarisierung junger Muslime mit den Palästinensern“ als „israelfeindliche Propaganda“ und in „Demonstrationen bis hin zu Ausschreitungen“ äußert, so wird dabei in Benzens Verständnis „traditioneller Antisemitismus instrumentalisiert“ (WiA, S. 211). Das aber ist dem Antisemitismus noch nicht widerfahren: dass er instrumentalisiert wird. Ein solcher Antisemitismus jedoch muss Gründe haben, und so argumentiert Benz nachsichtig: „Formen der gewaltsamen Aggression sind: offen am Rande propalästinensischer Kundgebungen artikulierter Hass gegen Juden und heimtückisch durch nächtliche Anschläge agierte Wut junger islamischer Nordafrikaner, die am unteren Ende der sozialen Stufenleiter als Einwanderer ein schweres Leben haben (ein Drittel von ihnen ist arbeitslos) und ihrerseits Objekte der Ablehnung durch die französische Mehrheitsgesellschaft sind.“ (WiA, S.212) Als wären ein schweres Leben und eigene Ausgrenzungserfahrungen mildernde oder gar erklärende Umstände und hinreichend nachvollziehbare Gründe für antisemitisches Wüten!

Benzens Verständnis reicht jedoch noch weiter: „Das Mitleid mit palästinensischen Familien, die bei Aktionen der israelischen Armee ihr Hab und Gut, gar Kinder verloren haben, und die Entrüstung über den Zaun, mit dem die Sicherheitsbehörden Israels ihr Land schützen wollen, Abscheu ob der schikanösen Arroganz der israelischen Grenzhüter am Gaza-Streifen gegenüber friedlichen Palästinensern eint viele, die die Politik der israelischen Regierung missbilligen, weil sie sie für schädlich halten, da sie kaum den Frieden in der Region, wohl aber die stetige Eskalation von Gewalt bewirkt.“ (WiA, 200) Bei Benz gehen die Paraphrase „israelkritischer“ Positionen und die eigene, mitnichten wissenschaftliche Beurteilung der israelischen Politik untrennbar Hand in Hand. Dabei wird in auffällig dichter Aufzählung Israels Politik gegenüber den Palästinensern als brutal und kriegerisch stigmatisiert; die Einseitigkeit und Totalität der Darstellung wirkt geradezu obsessiv. Zwar spricht Benz dem jüdischen Staat ein allgemeines Selbstverteidigungsrecht nicht ab – das gebietet ihm die politische Raison –, das aber erweist sich als bloße Phrase. Das Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Staates wird de facto denunziert, weil in concreto nur Negatives aufgelistet wird.

Und das setzt sich fort, wenn der Antisemitismusforscher mit der Frage ringt: „Wie viel Israelkritik ist erlaubt?“ Die erste so genannte Intifada gilt ihm als „Kampagne zivilen Ungehorsams“, die später eskaliert und „mit Absperrung, militärischen Aktionen, Vergeltungsschlägen und weiteren Maßnahmen einer bedingungslosen Politik der Stärke“ beantwortet worden sei (WiA, S. 200). So viel „Israelkritik“ ist also erlaubt: Die Behauptung israelischer „Vergeltung“ und „bedingungsloser Stärke“ scheint – weil Antisemitismusforscher per definitionem nicht antisemitisch argumentieren können – opportun.

Benz formuliert den Merksatz: „Erlaubt und selbstverständlich ist die kritische Beurteilung jeder Politik, unerlaubt ist aber das Bestreiten des Existenzrechts eines Staates, das mit der Diffamierung seiner Bürger argumentiert.“ (WiA, S. 208) Gemeint ist zwar nicht „jede Politik“, sondern konkret die israelische; gemeint ist auch nicht das Bestreiten des Existenzrechts „eines Staates“, sondern konkret das des jüdischen Staates. So verstanden, taugt Benzens Merksatz als Rüstzeug koscherer „Israelkritik“: Solange nicht explizit Israels Existenzrecht bestritten wird, darf man Israel kritisieren, darf man seine Selbstverteidigung durch ausschließlich negativ bewertete Beispiele delegitimieren. Die Sehnsucht der „Israelkritiker“ fände ihre Erfüllung, wenn der jüdische Staat auf jedwede Selbstverteidigung verzichtete, da ihnen ja keine konkrete Maßnahme gegen den Terror als „angemessen“ erscheint. Diese Delegitimierung jedweder Selbstverteidigung jedoch zielt auf das wehrlose Ende Israels ab.

Unvermögen und Unwillen

Kritiker der vom Zentrum für Antisemitismusforschung veranstalteten Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ vom Dezember 2008 sowie des etwa zeitgleich herausgegebenen 17. Bandes des „Jahrbuchs für Antisemitismusforschung“ zeigten sich überrascht von der Selbstverständlichkeit, mit der das ZfA den antiislamisch drapierten Rassismus und den Antisemitismus auf eine Stufe stellt. (2) Dabei wurde übersehen, dass Benzens Antisemitismusforschung in ihrer historisierenden Tendenz, ihrer Ignoranz des Neuen Antisemitismus und ihrer Regression zur „Vorurteilsforschung“ eben dafür längst die Voraussetzungen geschaffen hatte. Das ZfA ist nicht erst seit kurzem „auf Abwegen“.

Symptomatisch und keineswegs zufällig ist das begriffliche Unvermögen dieser Antisemitismusforschung: Wolfgang Benz meint – und das ist das Resümee seines Buches „Was ist Antisemitismus“–, das Wesen des Antisemitismus sei in einem Witz auf den Punkt gebracht: Während des Sechstagekrieges im Juni 1967 sei einer, der sich erst über die israelischen Erfolge gefreut habe, plötzlich unglücklich. Jemand habe ihm nämlich mitgeteilt, dass die Israelis Juden sind (WiA, S. 234). Es verwundert kaum mehr, dass Benz im Epilog seines Buches ausgerechnet den notorisch antiisraelischen Demagogen Uri Avnery mit diesem Witz zitiert, um den Antisemitismus zu ergründen. So sehr hier auch ein Stück Wahrheit über den Antisemitismus des sich proisraelisch gebenden Philosemitismus seinen Ausdruck findet, so wenig ist hier „das Wesen des Antisemitismus […] auf den Punkt gebracht“.

Dabei ginge es auch anders: Ausgehend von der Empirie (Dämonisierung, Dehumanisierung, Delegitimierung von Juden als Einzelne und als Kollektiv) wäre zur Ergründung des antisemitischen Bedürfnisses vorzudringen, welches sich in einem irrationalen, sich der Aufklärung verweigernden psychopathologischen Prozess darstellt. Ein kritischer Begriff des Antisemitismus käme nicht umhin, von einer mit der Gesellschaft verschränkten Ideologie zu sprechen, die sich entscheidend transformiert, ohne aber ihr Wesen aufzugeben. Man müsste die Identitätszerrüttungen und die Abwehrwünsche in und gegen die Moderne reflektieren, wie sie im Westen und im Islam gleichsam auf fruchtbaren Boden fallen. Das bedeutete aber auch eine Parteinahme für die Moderne und für den modernen jüdischen Staat Israel sowie eine Kritik des Antisemitismus auch und gerade in seiner postmodernen und seiner islamischen Ausprägung.

Das alles ist Wolfgang Benz nicht zuzumuten. Er zieht moralische Reputation aus der Beschäftigung mit dem Vergangenen, um die Behauptung eines Fortwesens des Antisemitismus in modernisierten Formen und in neuen Milieus empört und mit akademischer Autorität abzulehnen zu können. So aber erscheint sein begriffliches Unvermögen als Unwillen: Diese Antisemitismusforschung, die der Reflexion auf sich selbst so sehr bedürfte, lenkt von sich ab – auf vergangene Zeiten, auf andere „Vorbehalte“ und „Vorurteile“, auf andere „Stigmatisierungen“. Und das hat Gründe.

Anmerkungen:
(1) Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1981, S. 214.
(2) Beispielhaft Matthias Küntzel: Das Zentrum für Antisemitismusforschung im Kampf gegen „Islamophobie“.

Zum Foto: „Das Mitleid mit palästinensischen Familien eint viele, die die Politik der israelischen Regierung missbilligen, weil sie sie für schädlich halten“ (Wolfgang Benz): Antiisraelische Kundgebung in Köln mit Experten für Geschichte und Mathematik, 17. Januar 2009.

%d Bloggern gefällt das: