Der Wiederholungstäter

Hennig Mankell ist derzeit wieder sehr präsent im deutschen Fernsehen. Die ARD strahlt gerade Neuverfilmungen von dreien seiner Krimis aus, außerdem hat er zwei Vorlagen für den Tatort geschrieben. Dabei ist es letztlich wie immer: Was der schwedische Schriftsteller an Spannung nicht vermitteln kann, kompensiert er durch ein besonderes, ja, geradezu obszönes Maß an Blutrünstigkeit. Er selbst formuliert es natürlich anders, nämlich so: „Ich kann mir in meiner Fantasie nie so schreckliche Dinge ausmalen, wie sie in Wirklichkeit geschehen. Das ist der Grund, warum ich diese schrecklichen Sachen verwenden muss. Wenn ich es nicht täte, wäre das, was ich schreibe, nicht glaubwürdig.“

Was da so harmlos-unschuldig – um nicht zu sagen: infantil – klingt, offenbart einen tiefen Einblick in Mankells gar nicht so heimliche Sehnsüchte. Denn die vermeintliche Abscheu vor dem angeblich nicht Auszumalenden verweist – zumal in Kombination mit der Berufung auf die Kategorie der Glaubwürdigkeit – durch die groteske Überzeichnung der „schrecklichen Dinge“, die sich auf diesem Planeten zutrügen, in Wahrheit auf den nekrophilen Wunsch nach dem Armageddon. Und das lässt sich nicht nur in Mankells Kriminalromanen sonder Zahl nachweisen, sondern auch und besonders in seinem politischen Wirken – etwa, wenn er Israels Untergang für eine beschlossene Sache hält und auch schon mal selbst gen Gaza schippert, um ein bisschen nachzuhelfen.

Seine Vernichtungsfantasie korrespondiert dabei mit einem offene Sympathie kaum verhehlenden Verständnis für diejenigen, die zuvorderst dazu berufen scheinen, sie zu exekutieren – handle es sich dabei um palästinensische Selbstmordattentäter oder um jenen jungen Islamisten namens Taimour Abdulwahab, der im Dezember in der belebten Stockholmer Innenstadt eigentlich für ein Massaker sorgen wollte, versehentlich jedoch nur sich selbst richtete. Mankell hat im Londoner Guardian kurz vor Weihnachten eine Art Bekennerschreiben nachgereicht und darin gleich zu Beginn kund getan: „Das schwedische Volk sollte für all das Leid bestraft werden, das wir Muslimen zugefügt haben, vor allem in Afghanistan. Alle, die sich auf der Straße aufhielten, sollten sterben – egal, ob Kinder, Frauen oder Muslime.“ Alsdann präzisierte er:

Es war das erste Selbstmordattentat in Schweden, und ich bin überrascht, dass so viele überrascht sind. Mich hat das Ganze an die Passagierflugzeuge erinnert, die in die New Yorker Türme gekracht sind. Ich habe die Überraschung nie verstanden, die darauf folgte. War das nicht exakt das, was wir erwartet hatten? Eine Situation, in der die Extremen, die Verzweifelten und die Wütenden die westliche Welt angriffen, die so lange die muslimischen Länder gedemütigt hatte. Eine Attacke, die verständlich war, wenn auch falsch und verurteilungswürdig. […] Muslimische Organisationen müssen nun einen Aktionsplan erstellen, wie man in Schulen und Studienzirkeln arbeiten soll, um der wachsenden Islamophobie entgegenzutreten, die es in Schweden und vielen anderen westlichen Ländern gibt. Und dafür sollten sie die volle Unterstützung der schwedischen Regierung bekommen. […] Aber die Zeit ist auf unserer Seite, und sie ist auf der Seite derjenigen, die bereit sind, Aufklärung und Wissen darüber zu verbreiten, wofür der Islam wirklich steht.

Bemerkenswert, nicht wahr? Die islamophobe Demütigung des Westens war im Falle des extremen, verzweifelten und wütenden Taimour Abdulwahab übrigens besonders abgefeimt: Bevor er nach Südschweden zog, wo er mit seiner Frau und seinen drei Kindern zuletzt lebte, studierte er in England an der Universität Luton und legte dort seinen Bachelor in Physiotherapie ab. „Ich kann nicht sagen, dass ich reich bin, aber Gott sei Dank bin ich auch nicht arm“, ließ er in einer muslimischen Internet-Partnerbörse, über die er nach einer zweiten Ehefrau suchte, noch kurz vor der Attacke verlautbaren. Ein Leben mithin, das nach dem Djihad – sprich: danach, wofür der Islam zumindest in den Augen des Stockholmer Attentäters wirklich steht – förmlich schrie. Womöglich hatte Abdulwahab aber auch einfach nur zu viele schlechte Wallander-Krimis gelesen.

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