Alles Odinisten, oder was?

Der in deutscher Übersetzung auf Lizas Welt veröffentlichte Beitrag des niederländischen Schriftstellers Leon de Winter mit dem Titel „Einen Schweden einen Schweden nennen“ hat einige harsche Reaktionen ausgelöst, sowohl auf Facebook als auch in verschiedenen E-Mails und nicht zuletzt in der Kommentarspalte von Udo Vetters law blog. Manche fanden, der Autor unterschlage die Tatsache, dass auch Nichtschweden zum „Odinismus“ konvertieren können (und dass es in der Geschichte genügend Terroranschläge gegeben habe, die nicht „odinistisch“ motiviert gewesen seien); andere hielten de Winters Ausführungen schlicht für rassistisch und populistisch. Womöglich war es falsch, nicht auf den unmittelbaren Kontext des Gedankenspiels hinzuweisen – etwa im Vorspann –, sondern ihn einfach vorauszusetzen. Die Kontextualisierung sei daher an dieser Stelle nachgeholt.

De Winters Aufsatz erschien zuerst auf dem amerikanischen Webportal Pajamas Media und war eine Einmischung in eine rege Debatte, die derzeit in den USA stattfindet. An den dortigen Flughäfen sind vor einiger Zeit die Sicherheitskontrollen, die ausnahmslos alle Fluggäste über sich ergehen lassen müssen, deutlich verschärft worden; auch so genannte Nacktscanner (über die hierzulande ja ebenfalls kontrovers diskutiert wird) kommen inzwischen zum Einsatz. Wer sich einer Durchleuchtung mit diesen Geräten verweigert, wird von Mitarbeitern der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde Transportation Security Administration (TSA) einer intensiven Leibesvisitation unterzogen, die auch das Abtasten des Genitalbereichs einschließt. Diese Maßnahme wurde eingeführt, nachdem der nigerianische Islamist Umar Farouk Abdulmutallab am 25. Dezember 2009 versucht hatte, mit in seiner Unterwäsche deponiertem Sprengstoff ein Flugzeug in die Luft zu jagen, das von Amsterdam nach Detroit unterwegs war.

Immer mehr Amerikaner empfinden diese Kontrollen als einen schikanösen, demütigenden staatlichen Eingriff in ihre Intimsphäre. Für Aufsehen sorgten insbesondere Fälle, in denen Körperbehinderte, ältere Frauen und kleine Kinder diese Prozedur über sich ergehen lassen mussten. Zum YouTube-Star wurde ein Mann, der während eines Sicherheitschecks zu einem TSA-Mitarbeiter sagte: „Sie können mich hier abtasten, aber wenn Sie mir ins Gemächt greifen [if you touch my junk], werde ich Sie verhaften lassen.“ Der renommierte amerikanische Kolumnist Charles Krauthammer befand in einem Kommentar für die Washington Post: „95 Prozent dieser Kontrollen, Durchsuchungen, Schuhausziehereien und Abtastereien sind lächerlich unnötig. Der einzige Grund, warum das immer noch geschieht, ist, dass die Leute sich nicht trauen, das absurde Tabu des Profilings auch nur in Frage zu stellen – obwohl das Profil derjenigen, die Flugzeuge in die Luft sprengen wollen, konkret, klar definiert und wohlbekannt ist. Aber statt Terroristen aufzuspüren, werden lieber Gel-Tuben in Kulturbeuteln aufgespürt.“

Die Frage lautet demnach: Ist es wirklich nötig, dass sich selbst das von Leon de Winter angeführte „dreijährige Mädchen mit Teddybär“ oder die „evangelisch-lutherische Oma aus Wyoming“ in den Schritt fassen lassen muss? Ist es also wirklich nötig, dass man alle Fluggäste faktisch unter den Verdacht stellt, einen Terroranschlag ausführen oder durch das – freiwillige oder erzwungene – Verstecken von explosivem Material in der Unterwäsche Beihilfe zu einer solchen Attacke leisten zu wollen, obwohl für derlei Aktivitäten nur eine überschaubare Personengruppe in Frage kommt? Kurzum: Ist es tatsächlich verhältnismäßig und angebracht, die Unschuldsvermutung gegenüber sämtlichen Passagieren de facto auszuhebeln, statt es „nur“ gegenüber denjenigen zu tun, die de Winter als „Kerngruppe der Verdächtigen“ bezeichnet hat?

Durchaus, sagen diejenigen, die entweder darauf verweisen, dass sich diese „Kerngruppe“ nicht so klar umreißen lasse, weil auch jemand – um bei de Winters Beispielen zu bleiben – mit dem Nachnamen Honda, Ferrari oder Martinez ein „Odinist“ sein könne, oder die es grundsätzlich für mehr als bedenklich halten, dass man Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten oder ihrer Herkunft verdächtigt, zum Kreis der „Odinisten“ zu gehören – zumal die Betreffenden auch sonst schon allerlei Erniedrigungen zu erleiden hätten. Beiderlei Einwände haben unzweifelhaft ihre Berechtigung – doch wird mit ihnen letztlich ein Status quo legitimiert und zementiert, der das Problem namens „Odinismus“ dadurch umschifft, dass einfach alle zu potenziellen „Odinisten“ erklärt und entsprechend behandelt werden.

Dabei ließe sich das Ganze ohne weiteres so lösen, wie es in Israel geschieht, genauer gesagt: am Flughafen von Tel Aviv. Dort kommen keine „Nacktscanner“ zum Einsatz, und es wird auch nicht unterschiedslos allen Flugreisenden an die Wäsche gegangen. Vielmehr nehmen die israelischen Behörden zunächst ein Profiling vor – beispielsweise entlang der Staatsangehörigkeit, der im Pass zu findenden Reisestempel und des Familienstands – und beginnen dann mit einer Art Interview: zum Vornamen des Vaters, zum Grund des Aufenthalts im jüdischen Staat, zu Freunden in Israel oder dazu, ob man von Fremden irgendwelche Gegenstände angenommen hat. Je nach Profil und den Antworten wird dann entschieden, wie gründlich die anschließende Kontrolle durchgeführt wird. „Man bekommt so viele unvorhersehbare Fragen in so schneller Abfolge gestellt, dass man eine erfundene Geschichte nicht durchziehen könnte, ohne sich in Widersprüche zu verstricken“, schilderte der Journalist Michael Totten in der New York Post das israelische Verfahren. „Man versucht es also besser gar nicht erst. Das Personal ist hochspezialisiert und routiniert, und es kriegt jeden dran, der es übers Ohr hauen will.“

Dieses auf Menschenkenntnis und Erfahrung beruhende Vorgehen mag manche Härten bergen, aber es ist effektiv – der Flughafen in Tel Aviv gilt als der sicherste der Welt –, und es erspart arglosen Reisenden jene Prozeduren, wie sie in den USA zurzeit heftig kritisiert werden. Umfragen zufolge befürworten deshalb bis zu 70 Prozent der Amerikaner seine Einführung an den Flughäfen ihres Landes. Auch wenn Leon de Winter – der sich häufig in den Vereinigten Staaten und Israel aufhält – es nicht explizit geschrieben hat, darf man davon ausgehen, dass auch er ein Anhänger des israelischen Kontrollsystems ist.

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