Selbstgespräch mit Kronzeuge

Um eine Feststellung kommt man nicht umhin: Dass die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Petra Roth, den „Israelkritiker“ Alfred Grosser eingeladen hat, auf der Veranstaltung am 9. November in der Paulskirche zum Gedenken an die „Reichspogromnacht“ von 1938 eine Rede zu halten, ist allen Protesten zum Trotz nur konsequent. Denn schon lange wird hierzulande die als „Vergangenheitsbewältigung“ verstandene, demonstrative Trauer über die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden geradezu als Selbstermächtigung begriffen, sich Israel, das bewaffnete Refugium für alle antisemitisch Bedrohten und Verfolgten auf dieser Welt, mal so richtig zur Brust zu nehmen. Und wenn dieser Furor dann noch von einem Juden befeuert wird – zumal von einem vor den Nazis geflohenen –, umso besser.

Grosser nämlich spricht den geläuterten Deutschen förmlich aus der Seele, wenn er Sätze sagt wie beispielsweise diese: „Es ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel. […] In diesem Punkt stehe ich hinter Martin Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: ‚Ich schlage dich mit Auschwitz.’ Ich finde das unerträglich.“ Oder wenn er das „deutsche Leid der Bombennächte und der Vertreibungen“ beklagt. Oder wenn er behauptet, „dass gerade Israels Politik den Antisemitismus fördert“. Oder wenn er fragt: „Ist es nicht eine Verpflichtung der heutigen Juden, an das Schicksal anderer Unterdrückter und Verachteter zu denken?“ – gerade so, als ob Auschwitz eine Besserungsanstalt gewesen wäre und kein Vernichtungslager.

Mit solchen Tönen hat sich Alfred Grosser dafür qualifiziert, bei der Frankfurter Gedenkfeier am kommenden Dienstag die Musik zu machen. Das zeigt auch die Begründung, die die Oberbürgermeisterin der Mainmetropole für seine Einladung gegeben hat: „Ich erhoffe mir von Menschen mit einer solch schicksalhaften Biografie eine Vermittlungsarbeit insbesondere gegenüber der heutigen Generation“, ließ Petra Roth ausrichten – wohl wissend, dass Grossers Konsequenzen aus seiner „schicksalhaften Biografie“ exakt die der „heutigen Generation“ postnazistischer Deutscher sind und sich die gewünschte „Vermittlungsarbeit“ dadurch vollkommen unproblematisch darstellt.

Dass Roth anfügt, „gerade aus der Geschichte“ erwachse „Deutschland eine besondere Verantwortung für die Sicherheit Israels“, weshalb der jüdische Staat ihre „persönliche uneingeschränkte Solidarität und die der ganzen Stadt Frankfurt“ habe, ist dabei nur vordergründig ein Widerspruch. Derlei hat auch der Deutsche Bundestag verlautbaren lassen, bevor er Israel Anfang Juli wegen dessen Vorgehen gegen die Gaza-Flotte ohne Gegenstimme verurteilte. Schließlich glaubt man hierzulande weitaus besser als die israelische Regierung zu wissen, was gut für die Sicherheit des jüdischen Staates ist: „die Aussöhnung zwischen Juden und Palästinensern“ nämlich, wie Petra Roth es formulierte. Eine Aussöhnung, an der die Letztgenannten jedoch nachweislich kein Interesse haben, weshalb jede Konzession sie nur ihren feuchten Traum von einer Welt ohne Israel weiterträumen lässt.

Nähmen die Gerade-wir-als-Deutsche-Deutschen ihr vor allem an jedem 9. November so vernehmlich geäußertes „Nie wieder!“ ernst und zögen sie die angemessenen Konsequenzen aus dem nationalsozialistischen Erbe, dann wählten sie den Jahrestag der antijüdischen Novemberpogrome beispielsweise dafür, nachdrücklich die politische, wirtschaftliche und militärische Unschädlichmachung insbesondere des Iran, aber auch aller anderen Staaten und Banden zu fordern, die an der Vernichtung des jüdischen Staates arbeiten. Stattdessen führen sie öffentliche Selbstgespräche mit Kronzeugen und halluzinieren dabei noch eine unzulässige Beschneidung ihres Redeflusses und -bedarfs. Deprimierend.

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