Auschwitz zu den Akten

Der K.u.K.-Satiriker Alexander Roda-Roda sagte einmal: „Aus dem Antisemitismus könnt’ schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden.“ Ob Iris Hefets von der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost dieses Bonmot kennt, ist nicht überliefert, aber auch nicht so wichtig: Sie und ihre Organisation geben sich jedenfalls alle Mühe, es zu materialisieren. Zu ihren Lieblingen gehören solche Granden wie Norman Finkelstein, Ilan Pappe und Hajo Meyer, die bereits über die Titel ihrer Bücher – „Die Holocaust-Industrie“ (Finkelstein), „Die ethnische Säuberung Palästinas“ (Pappe), „Das Ende des Judentums“ (Meyer) – hinreichend Auskunft darüber geben, wes Geistes Kind sie sind, und deren Vorstellungen von einem „Frieden in Nahost“ auf eine Endlösung des Nahostkonflikts hinauslaufen. Genau deshalb werden sie und Ihresgleichen hierzulande gern gehört und gelesen. Zwei der drei Genannten, nämlich Finkelstein und Pappe, wurden jedoch kürzlich in Berlin und München wieder ausgeladen, dem Dritten, Hajo Meyer, war das Gleiche bereits vor einigen Jahren widerfahren.

Diese Ausladungen kamen dadurch zustande, dass sich israelfreundliche Organisationen an die jeweiligen Veranstalter gewandt und auf die kruden Thesen der Eingeladenen hingewiesen hatten, woraufhin die Lesungen abgesagt wurden. Das scheint zunächst einmal einigermaßen erstaunlich zu sein, wenn man bedenkt, dass etwa die Parteistiftungen der Grünen und der Linken eigentlich genau der richtige, weil logische Ort für diese „Israelkritiker“ sind und es kein Zufall gewesen ist, dass die jüdischen Kronzeugen der Anklage überhaupt gebeten wurden, ihre Elaborate vorzustellen. Aber die spontane Verwunderung legt sich rasch wieder: Die Kündigungen sind eine eigenartige Mischung aus dem Versuch, potenziellen Ärger zu vermeiden, und einem hilflosen Rechtfertigungsgestammel, das alles verrät, nur keine grundsätzliche Einsicht. Man distanziert sich schon mal von den (vermeintlichen) Extremen, um anschließend – womöglich noch mit dem Verweis auf genau diese Distanzierung – weiterhin ganz ungeniert vom „israelischen Völkermord“ an den Palästinensern zu delirieren und damit exakt das zu sagen, was auch Finkelstein, Pappe und Meyer in petto haben.

Derweil gehen die Vertreter der reinen Lehre auf die Barrikaden respektive zur taz, um dort über den „Druck sich proisraelisch gebender Kreise“ bittere Tränen zu vergießen. In der Rudi-Dutschke-Straße zu Berlin hat man nämlich stets ein Herz und folglich ein offenes Ohr für „Israelkritiker“, zumal, wenn sie jüdisch sind, also den begehrten Koscherstempel mitbringen. Also durfte die eingangs erwähnte Iris Hefets mal so richtig vom Leder ziehen und unter der Überschrift „Pilgerfahrt nach Auschwitz“* den – überwiegend nichtjüdischen – taz-Lesern erklären, warum bereits die Verwendung des Begriffs Shoa ein Kotau vor den israelischen Völkermördern ist, weshalb in Israel der Holocaust zu „einer Art Religion mit festen Ritualen“ wurde und wieso die Deutschen endlich aufhören sollten, ein schlechtes Gewissen zu haben. Da wird Claude Lanzmann attackiert, weil er mit „Shoa“ einen „religiös aufgeladenen Begriff“ popularisiert habe. Da ist die Rede von der angeblichen Pflicht junger Israelis, „mindestens einmal Suff, Sex und eine Auschwitzreise erlebt zu haben“, bevor es erst zur Armee und anschließend zum „Ausflippen“ nach Indien geht. Und da wird Angela Merkel dafür angegriffen, den Papst wegen seiner Nachsicht gegenüber einem Holocaustleugner kritisiert zu haben.

Im Grunde genommen muss man dem Blatt wie auch seiner Autorin nachgerade dankbar dafür sein, derart blank gezogen zu haben. Denn beide haben dadurch ihre Agenda erfreulich offen gelegt und deutlich gemacht, worauf die „Israelkritik“ in letzter Konsequenz immer hinausläuft: auf eine Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates, auf eine Verdrehung von Tätern und Opfern und auf eine Entlastung von der originär deutschen Tat Auschwitz. Die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost ist eine eigentlich vernachlässigenswerte Gruppierung, die selten mehr auf die Beine bringt als ein Dutzend Nebbichs. Dass die taz dennoch – oder gerade deswegen – den Stumpfsinn, den diese Vereinigung aus welchen Gründen auch immer verbreitet, durch den Abdruck des nämlichen Kommentars veredelt hat, spricht allerdings Bände.

Iris Hefets wiederum will Israel laut taz „vor acht Jahren aus politischen Gründen verlassen“ haben. Sie ist also gewissermaßen eine „Exil-Israelin“. Nun müsste die Bundesrepublik nur noch ihren Asylantrag bewilligen – den sie ja unter Berufung auf den Artikel 16 des Grundgesetzes gewiss gestellt hat –, also einer von Israel verfolgten Jüdin Unterschlupf gewähren. Und ihr das Bundesverdienstkreuz verleihen. Dann könnte man Auschwitz endgültig zu den Akten legen.

* „Zu offiziellen Gedenktagen holen auch ältere Israelis die inzwischen obligate Pilgerfahrt nach Auschwitz nach“, schrieb Iris Hefets. „Von einfachen Soldaten bis zu hohen Generälen und Politikern marschieren sie in Uniform (!) durch Auschwitz und erinnern an die Worte Ehud Baraks: ‚Wir sind 60 Jahre zu spät gekommen.’“ Dazu kein Kommentar, sondern nur der Hinweis auf dieses Video.

Das Bild entstammt einer Demonstration von Hamas-Sympathisanten in Berlin am 3. Januar 2009.

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