Alter Wein in neuen Schläuchen

Eines vorneweg: Die Pressefreiheit ist ein extrem kostbares Gut, und der Versuch, sie einzuschränken, ist falsch – auch dann, wenn sie dazu benutzt wird, den größten Unfug zu verbreiten. Insofern hat die schwedische Regierung zunächst einmal Recht, wenn sie der an sie gerichteten Aufforderung der israelischen Regierung, einen kürzlich in der auflagenstärksten schwedischen Tageszeitung Aftonbladet erschienenen Beitrag zu verurteilen, nicht nachkommen will. In diesem Beitrag hatte der Journalist Donald Boström – ohne jeden Beweis – den von Palästinensern erhobenen Vorwurf kolportiert, demzufolge einigen ihrer zuvor getöteten Verwandten in Israel Organe gestohlen worden sind, und eine Untersuchung verlangt. Niemand könne fordern, „dass die schwedische Regierung gegen ihre eigene Verfassung verstößt“, denn die Meinungsfreiheit sei „ein unentbehrlicher Bestandteil der schwedischen Gesellschaft“, begründete der schwedische Ministerpräsident Frederik Reinfeldt seine Weigerung, Kritik an Boströms Text zu äußern.

Wie gesagt: Die Pressefreiheit ist von unschätzbarem Wert. Und dennoch hat das Anliegen der israelischen Regierung an ihr schwedisches Pendant seine Berechtigung – schließlich hat sich Schweden auf diversen OSZE-Konferenzen verpflichtet, aktiv und entschieden jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen. Da mutet es schon reichlich seltsam an, wenn in einem solch offensichtlichen und drastischen Fall von antijüdischem Ressentiment nicht nur eine Stellungnahme ausbleibt, sondern die schwedische Botschafterin in Israel, Elisabet Borsiin Bonnier, auch noch regierungsoffiziell gerüffelt wird, weil sie den Aftonbladet-Artikel als „genauso schockierend und widerlich für uns Schweden wie für Israels Bürger“ bezeichnet hat.

Reichlich fragwürdig ist aber auch ein Kommentar, den Malte Lehming für den Tagesspiegel zum schwedisch-israelischen Streit verfasst hat. Die Reaktion der israelischen Regierung sei, findet Lehming, „der plumpe Versuch, auch einmal einen Karikaturenstreit vom Zaun zu brechen, mit allem, was so dazugehört – offiziellen Protesten, Nazi-Vergleichen, Warenboykott“. Was fehle, seien noch „die Flaggenverbrennungen und diverse Tote infolge gewalttätiger Auseinandersetzungen“. Dennoch dränge sich „die Analogie zum Karikaturenstreit“ auf: „In Israel heißt es heute, die Skandinavier verwechselten Pressefreiheit mit der Freiheit zur Diffamierung. Genau dasselbe wurde dem Westen damals von der islamischen Welt vorgeworfen.“ Und überhaupt: „Israels Regierung unter Benjamin Netanyahu ist überzeugt davon, dass die schlechte Reputation ihres Landes in der Welt nichts mit Israels Politik zu tun hat, sondern das Ergebnis antisemitisch eingestellter Medien ist. Frei nach dem Motto: Kann der Bauer nicht schwimmen, ist die Badehose schuld.“

Der Vergleich, den Lehming hier vornimmt, hinkt an allen Ecken und Enden. Beim „Karikaturenstreit“ ging es um zwölf Zeichnungen, die sich mehr oder weniger humorvoll mit dem islamistischen Terror beschäftigten, dessen mörderische Existenz nun mal nicht von der Hand zu weisen ist. Boströms Aftonbladet-Beitrag hingegen käut mit vollem Ernst die uralte antisemitische Ritualmordlegende in modernisierter Form wieder, um den demokratischen Staat Israel zu dämonisieren und zu delegitimieren. Schon angesichts dieser schwer wiegenden inhaltlichen Unterschiede ist Protest nicht gleich Protest, Streit nicht gleich Streit und Vorwurf nicht gleich Vorwurf. Abgesehen davon differieren die vorgetragenen Beschwerden aber auch in ihren Formen erheblich voneinander – nicht zuletzt gibt es eben keine von Israelis verursachten „Flaggenverbrennungen und diversen Toten infolge gewalttätiger Auseinandersetzungen“. Und das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer zivilen und demokratischen Protestkultur.

Auch in Bezug auf Israels „schlechte Reputation“ liegt Lehming daneben: Das Beispiel Donald Boström zeigt einmal mehr, welche Motivation allzu oft im Spiel ist, wenn es gilt, Israel zu „kritisieren“. Da werden dann auch schon mal wohlbekannte antisemitische Märchen hervorgekramt und ein bisschen zurecht gemacht: Hieß es einst, Juden nutzten das Blut von Christen für rituelle Zwecke, so findet heute das Gerücht Verbreitung, Israelis meuchelten Palästinenser, um sich an ihren Eingeweiden schadlos zu halten. Das ist nichts als alter Wein in neuen Schläuchen, in diesem Fall feilgeboten von einem ausgesprochen populären nordeuropäischen Blatt. Es ist nicht so, dass derlei vergorene, ungenießbare Ware nicht verkauft werden dürfen soll – ihr Konsum allerdings kann brandgefährlich sein.

Zum Foto: Ironischer Protest gegen den Aftonbladet-Artikel: Israelische Demonstranten mit „blutgetränkter“ Matze. Tel Aviv, 24. August 2009.

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