Djihad gegen Schalke?

Als zu Beginn des Jahres 2006 der so genannte Karikaturenstreit losbrach, wunderten sich nicht wenige darüber, dass die Randale beleidigter Muslime erst mit einer mehrmonatigen Verzögerung auf die Veröffentlichung von zwölf harmlosen islamkritischen Zeichnungen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten folgte. Doch dieser Abstand ist noch gar nichts gegen den Zeitraum, der zwischen der Entstehung des Vereinsliedes von Schalke 04 und den Protesten gekränkter Anhänger des Islam gegen das Stück liegt. Schlappe sechsundvierzig Jahre, nachdem Hans J. König die ursprüngliche Version der 1924 verfassten Hymne „Blau und weiß, wie lieb’ ich dich“ um zwei weitere Strophen ergänzt hatte, echauffieren sich Muslime nun über den kuriosen dritten Abschnitt dieses Schlagers, in dem es heißt:

Mohammed war ein Prophet
Der vom Fußballspielen nichts versteht
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht

Selbst der so umtriebige wie notorische Yavuz Özoguz, Mitbegründer der Website Muslim Markt, meldete sich erst jetzt zu Wort, nachdem ihn „aufmerksame Geschwister aus dem Ruhrpott, die wohl selbst als Schalke-Fans auf diese Ungeheuerlichkeit aufmerksam geworden sind“, von diesen Zeilen in Kenntnis gesetzt hatten. Özoguz griff in die Tasten und versuchte im Forum des Muslim Markt umständlich zu begründen, warum der Schalker Song eine nicht länger hinzunehmende Verhöhnung des Propheten darstellt. Zwar könne man, findet er, „zunächst das Positive sehen“, denn „immerhin bezeugt erstmalig in der Geschichte der Bundesliga gleich ein ganzer Verein, dass Prophet Muhammad ein Prophet ist“. Aber, ach:

„Blau und weiß [sind] nicht gerade exklusive Farben von Schalke. Bayerns Landesflagge hat genau wie die israelische Flagge diese beiden Farben, aber solch einen weiten Bogen wollen wir nun wirklich nicht spannen. Nur sollte bekannt sein, dass die Farben des Propheten eher grün, weiß, rot und schwarz waren.“

Das ist natürlich in der Tat ein antimuslimischer Affront, ach was, ein islamophober Riesenskandal – allerdings noch nicht lange, wie Özoguz in einem anderen Beitrag für sein Forum so großzügig wie pathetisch konstatierte. Denn früher, als man noch Arm in Arm vonne Zeche ging und den lieben Gott gemeinsam einen guten Mann sein ließ, war alles besser:

„Viele der heute ‚Beleidigten’ waren 1963, als das Lied geschrieben wurde, noch gar nicht geboren. Damals waren es die Kumpel, [die] gemeinsam schwarz untertage arbeiteten, die Schalke-Fans waren; Christen und Muslime gemeinsam in einem Knochenjob! Man hat gemeinsam geduscht und gemeinsam gelebt! Fußball war noch nicht kapitalistisch durchorganisiert! Und vom 11. September wusste niemand etwas! Damals waren jene Passagen eine Verbrüderung von Muslim und Nichtmuslim unter dem Dach eines Vereins, der die Freizeit mitgestaltete. Und im damaligen Kontext waren jene Passagen des Liedes keine Beleidigung, sondern eine Verbrüderung! Heute aber, im Kontext der heutigen Zeit, können solche Passagen leicht missverstanden werden.“

Und deshalb gelte es, umgehend Maßnahmen zu ergreifen: „Wie wäre es, wenn alle Schalke-Fans, die sich als Anhänger des Islam betrachten, ganz einfach nicht mehr zu Schalke gehen?“ Vor einem solchen Boykott könne „man ja noch eine Mail an Schalke versenden, in aller Freundlichkeit und mit aller Sachlichkeit“. Nämlich ungefähr so:

„Sehr geehrte Damen und Herren, als langjähriger Schalke-Fan bin ich erst jetzt auf den Missbrauch des gesegneten und heiligen Namens des Propheten Muhammad – der Friede sei mit ihm – im Vereinslied von Schalke 04 aufmerksam geworden. So gerne ich die Spiele von Schalke 04 auch besuche, haben meine Familie und ich sowie viele Freunde beschlossen, sowohl den Spielen von Schalke 04 fern zu bleiben als auch keinerlei Fan-Artikel mehr zu kaufen, bis jene Strophe aus dem Vereinslied gestrichen wird. Ich gehe nicht davon aus, dass das Lied auf Böswilligkeit gegenüber dem Islam und dem Muslimen beruht, denn sonst würde ich für immer dem Verein den Rücken kehren, sondern auf Unachtsamkeit. Prophet Muhammad ist für uns aber die höchste menschliche Heiligkeit, und sicherlich würden Sie auch nicht beispielsweise Jesus oder nur den Papst, der für Christen eine viel niedrigere Heiligkeit darstellt als Muhammad für Muslime, in solch einem Lied auf diese Weise erwähnen. Daher bitte ich Sie höflichst, schnellstmöglichst auch zu berücksichtigen, dass die Vielzahl muslimischer Anhänger des Vereins einen sensibleren Umgang mit diesem Thema notwendig macht. In der Hoffnung auf Ihr Verständnis usw…“

So mancher von Özoguz’ Glaubensgenossen wird allerdings etwas direkter und gibt sich auch nicht mit einer Boykottankündigung zufrieden, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Ihr zufolge trudeln beim FC Schalke derzeit E-Mails mit ultimativen Aufforderungen wie diesen ein: „Ihr verdammten Hurensöhne werdet euer beschissenes Lied sofort ändern! Was hat unser Prophet mit eurem ungläubigen Lied zu tun? Löscht diesen Teil, oder ihr müsst die Konsequenzen tragen!“ Und was tut man auf Schalke? Eine Strafanzeige wegen Nötigung und Beleidigung stellen? Aber nicht doch: „Zunächst müssen wir klären, ob es sich hier um künstliche Empörung oder ehrliche Überzeugung handelt“, zitiert die Süddeutsche den Vorsitzenden des Schalker Ehrenrates, Hans-Joachim Dohm – einen pensionierten Pfarrer. Und weiter: „Womöglich wird der Verein jetzt erst einmal anerkannte Islamwissenschaftler konsultieren. Wenn sich Gläubige des Islam durch das Schalke-Lied verletzt fühlten, sei dies aber durchaus ernst zu nehmen, erklärt Dohm. ‚Deshalb sollten wir das Gespräch suchen.’“

Nun darf man gespannt sein, was bei diesen Unterhaltungen herauskommt. Drohen die Surensöhne den Hurensöhnen aus Überzeugung oder nur künstlich mit einem Fußball-Djihad? Wird Schalke „nach über vier Jahrzehnten ein neues Lied komponieren“, wie es Yavuz Özoguz vorschlägt? Lässt sich der Schalker Stümperstürmer mit dem dünnen Bärtchen als Geste des guten Willens in Kevin Koranyi umbenennen? Oder werden die einbestellten Islamwissenschaftler die empörten Muslime mit einem Befund beruhigen, nach dem der Revierklub nicht erst vor 105, sondern bereits vor rund 1400 Jahren gegründet wurde – von Mohammed persönlich nämlich – und die dritte Strophe des Vereinsliedes deshalb eine Hommage an den Propheten darstellt, die letztlich auf das Jägerlied „Lob der grünen Farbe“ des Ludwig Karl Eberhard Heinrich von Wildungen aus dem Jahr 1797 zurückgeht?

Herzlichen Dank an Claudio Casula für einige Steilvorlagen.

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