Sieh an!

Als Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, gestern in einem Zeitungskommentar die Iranreise Gerhard Schröders kritisierte, trieb ihn dabei vor allem eine Sorge um: „Herr Schröder fügt dem Ansehen der Bundesregierung und der Bundesrepublik Deutschland schweren Schaden zu.“ Zu gerne wüsste man, wie dieser Schaden genau aussieht und wo er konkret entsteht: Kommen jetzt weniger japanische Touristen nach Germany? Sinken die Exportquoten? Gibt es Demonstrationen vor deutschen Botschaften? Brechen mehrere Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab (oder bestellen sie wenigstens den jeweiligen deutschen Emissär ein)? Nichts von alledem, gar nichts. Schade eigentlich.

Es ist schon bizarr: Wann immer hierzulande etwas Kritikwürdiges geschieht – nie fehlt jemand, der erhobenen Zeigefingers mahnt, das „Ansehen Deutschlands“ sei nun aufs Äußerste bedroht. Dieser angebliche Ansehensverlust ist für Deutsche (neben dem Vorwurf, ein „vaterlandsloser Geselle“ zu sein) offenbar so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann, sonst würde schließlich nicht ständig vor ihm gewarnt. Machen Neonazis Jagd auf alles, was nicht so aussieht, als könnte es jederzeit der NPD beitreten, dann sollen nicht etwa zuvörderst die Verfolgten in größter Gefahr sein, sondern das „Ansehen Deutschlands“. Entlässt ein international aufgestellter deutscher Konzern haufenweise Angestellte, dann soll nicht etwa vor allem deren finanzielle Existenz in Gefahr sein, sondern das „Ansehen Deutschlands“. Werden im Bereich der auswärtigen Kulturpolitik Mittel gekürzt, dann soll nicht etwa hauptsächlich der Fortbestand der entsprechenden kulturellen Einrichtungen in Gefahr sein, sondern das „Ansehen Deutschlands“.

Und wenn ein Ex-Kanzler und pro-iranischer Lobbyist den Mullahs die Aufwartung macht und Holocaustleugnern die Hand reicht, dann soll das nicht etwa in erster Linie deshalb ein Problem sein, weil er damit ein Regime hofiert, das an der Vernichtung Israels arbeitet und unter dem Homosexuelle an Baukränen aufgehängt, Minderjährige zwangsverheiratet und Frauen unter das Kopftuch gezwungen werden – sondern weil angeblich das „Ansehen Deutschlands“ in Gefahr ist. Ach, wäre dem doch bloß so! Dann hätte Schröders Iranreise wenigstens schmerzhafte Konsequenzen. Aber nix da: Deutschland ist inzwischen sogar Beliebtheitsweltmeister, wie die BBC unlängst in einer Umfrage herausfand. Wie konnte das eigentlich passieren? Und wo ist der Alliierte Kontrollrat, wenn man ihn braucht?

Das Foto entstammt einer Protestkundgebung vom 7. Februar in Berlin gegen die Kollaboration des Berlinale-Intendanten Dieter Kosslick mit dem Mullah-Regime. Herzlichen Dank an Just/Just.Ekosystem.org für die Aufnahme.

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