Romantik und Realität

Es war ein Rührstück, wie es selbst im zu Kitsch und Pathos neigenden Fußball nicht oft vorkommt: Der Auftritt des Lukas Podolski mit den Bayern bei seinem langjährigen Klub, dem 1. FC Köln, geriet für den 23-Jährigen zu einem regelrechten Triumphzug mit einer ganz besonderen Pointe. Denn als er in der Nachspielzeit das 3:0 für den deutschen Rekordmeister besorgte, wurde er dafür nicht nur von den Bayern-Fans gefeiert, sondern – nach kurzem Zögern – vom ganzen Stadion. Das dürfte in der Tat so einmalig sein, wie Podolski es hernach empfand. Und es ist zweifellos ein mehr als beachtlicher Kontrapunkt zu den dämlichen „Judas“-Rufen, mit denen üblicherweise jene Kicker bedacht werden, die mit ihrem neuen Verein gegen ihren alten spielen – zumal dann, wenn es sich bei diesem neuen Verein um den FC Bayern handelt. In Köln verehrt, nein: vergöttert man den in Gliwice geborenen und nahe der Domstadt aufgewachsenen Angreifer, und man lebt von der Hoffnung, dass er in naher Zukunft an den Rhein zurückkehrt. Podolski selbst nährt diese Hoffnung nach Kräften. Und wenn nicht alles täuscht, ist der Tag tatsächlich nicht mehr fern, an dem die katholische Metropole die Ankunft des Messias feiert wie sonst nur den Karneval.

Ob Lukas Podolski (Foto) sich mit einem neuerlichen Engagement bei dem Klub, für den er schon als Zehnjähriger gegen den Ball getreten hat, wirklich einen Gefallen täte, darf man jedoch bezweifeln. Denn abseits aller Romantik wäre ein Wiedereinstieg beim 1. FC Köln ohne Frage der ultimative Karriereknick für ihn: Der erste Bundesligameister ist seit Jahren eine klassische Fahrstuhlmannschaft, die, realistisch betrachtet, auf absehbare Zeit keinerlei internationale Perspektive hat. Ein mit reichlich Talent ausgestatteter Kicker wie Podolski würde diese Mannschaft natürlich schmücken und ihre Chancen auf einen Platz im gesicherten Mittelfeld steigern – mehr aber auch nicht. Podolskis internationale Auftritte würden sich auf die Spiele mit der Nationalmannschaft beschränken. Ansonsten wäre er beim FC der unumstrittene Star in einem allenfalls durchschnittlichen Team. Möglicherweise genügt ihm das ja; sein so sympathisches wie unprofessionelles Auftreten jenseits des Platzes – vor allem am vergangenen Samstag – spricht jedenfalls dafür.

Lukas Podolski wäre allerdings nicht der Erste, der unter der Last überbordender Erwartungen zusammenbrechen würde. Denn in Köln würde man von ihm nicht weniger als Wunderdinge verlangen. Der Klub und seine Fans haben seit jeher große Probleme damit, die extreme Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch nur zur Kenntnis zu nehmen, das heißt: der Realität ins Auge zu sehen. Nach jedem (Wieder-) Aufstieg in die Bundesliga wird sofort unvermeidlich die Frage diskutiert, wann denn mit der ersten Meisterschaft seit 1978 zu rechnen ist, obwohl der Kader, bei Lichte betrachtet, vielleicht mit Ach und Krach für den Klassenerhalt reicht. Als Christoph Daum im November 2006 erneut Trainer des 1. FC Köln wurde, bejubelten ihn die Anhänger des Vereins, als ob er den Titel gerade an den Rhein geholt hätte. Entsprechend groß war die Ernüchterung, als nicht sofort ein souveräner Durchmarsch ins Oberhaus des deutschen Fußballs gelang. Daum büßte einiges von seinem Ruf als Magier ein, blieb aber. Ob der gut 32 Jahre jüngere Podolski den auf ihm lastenden Druck auch so gut verkraften würde – einen Druck, der den bei seinem jetzigen Arbeitgeber alles in allem noch um einiges überstiege?

Vielleicht ist der FC Bayern wirklich nicht der richtige Klub für Lukas Podolski, einen Fußballer, der vor allem dann zu guter Form aufläuft, wenn ihm das Umfeld vertraut ist, er eine Art Einsatzgarantie bekommt, Platz für sein Spiel hat und nicht alle Erwartungen auf ihm lasten. Werder Bremen oder der Hamburger SV wären solche Klubs, die ihm geradezu ideale Bedingungen bieten würden. Der 1. FC Köln hingegen ist es sicher nicht. Auch wenn Fußballromantiker das anders sehen und schon sehnsüchtig auf das nächste, das finale Rührstück warten.

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