Jahresendpreisrätsel

Manche Sätze gehören einfach in Stein gemeißelt: „Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv“, schrieben Horkheimer und Adorno einmal über die maßgeblichen Triebkräfte des Antisemitismus, und: „Je weniger sonst herauskommt, um so verstockter hält man sich wider die bessere Erkenntnis an die Bewegung. Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ Es war dies nicht zuletzt eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben, die in Auschwitz, Treblinka und Majdanek bloß die Kulmination der Verbrechen des Monopolkapitals, die ultimative Konsequenz ungehemmten Profitstrebens also, erkennen wollten. Dass die Vernichtung der europäischen Juden um ihrer selbst willen geschehen und keiner gewöhnlichen Kosten-Nutzen-Rechnung gefolgt sein könnte, war für die Revolutionäre schlicht undenkbar.

Die 1944 erstmals veröffentlichten Ausführungen der beiden Philosophen haben jedoch an Bedeutung, Richtigkeit und Aktualität auch über ihren Bezugsrahmen hinaus nichts eingebüßt und dürfen daher noch heute Gültigkeit beanspruchen. Und das nicht nur als Argumente gegen die Götz Alys dieser Welt, die eine vorgeblich kühle und unideologische Berechnung der Volksgenossen als Hauptgrund für Arisierung und Judenmord ausmachen und den Antisemitismus für vergleichsweise vernachlässigenswert halten. Sondern auch als Erklärung für die Motivation jener völlig verkrachten Existenzen, die mit geradezu manischem Eifer allen nachstellen, die den Lustgewinn der Antisemiten (also die von Horkheimer und Adorno so genannte Sanktionierung der Wut durchs Kollektiv) zu verhindern bemüht sind.

Diese Spezies postnazistischer Judenhasser hält ungezählte Exemplare bereit, allerdings erreichen nicht alle auch einen relativen Bekanntheitsgrad. Die meisten lassen ihrem – manchmal als „Israelkritik“ verbrämten – Antisemitismus im Bekanntenkreis oder am Stammtisch freien Lauf; eine Vielzahl tobt sich außerdem in Internetforen, Kommentarspalten oder Mailinglisten aus. Aber nur wenige betreiben eigene Internetseiten, die ungewollt zum Zeugnis des pathologischen Wahns werden, und noch weniger sind in ihrer Besessenheit dermaßen auf eine Person fixiert, dass jeder Psychiater statt eines Honorars ein Schmerzensgeld berechnen müsste, wäre er mit den Betreffenden zum Zwecke ihrer Kurierung konfrontiert. Um zwei besonders verhaltensauffällige Repräsentanten dieser Gattung, die mit der Realität unversöhnlich auf Kriegsfuß steht, soll es hier gehen.

Beide eint, dass sie den Journalisten Henryk M. Broder als Erzfeind betrachten und darauf gesetzt haben, ihren Hass juristisch veredelt zu bekommen. Der eine ist Frührentner, nennt sich selbst einen „Künstler“ und vermittelt ästhetisch wie inhaltlich auf seiner Website eine ungefähre Idee davon, was den Ausstellungshallen dieser Republik bislang erspart bleibt. Die andere hat sich selbst einen Wikipedia-Eintrag geschrieben, der jedoch binnen kürzester Zeit wieder gelöscht wurde. Und so muss man auf ihre Homepage ausweichen, um zu erfahren, dass sie als Energieanlagenelektronikerin begann, bevor sie Sozialarbeiterin wurde und schließlich den Beruf der „Allrounderin“ ergriff, für den es nur deshalb noch kein Diplom gibt, weil niemand den Windungen einer Größenwahnsinnigen folgen will, die sich allen Ernstes für die Reinkarnation von Karl Kraus hält.

Der „Künstler“ lässt es sich nicht nehmen, den virtuellen Stalker von Broder zu geben, dessen Beiträge er seit Jahren nahezu lückenlos kommentiert. Auf diese Weise sind inzwischen mehrere hundert Artikel entstanden, die ihren Urheber ausnahmslos als hoffungslosen Zwangscharakter ausweisen. Dass der sich dabei auch noch als Teil einer verfolgten Minderheit fühlt, gehört genauso unvermeidlich zum Antisemitismus wie das unablässige Heranziehen von jüdischen Kronzeugen für die eigene Raserei. Hajo Meyer und Abraham Melzer zählen daher zu den bevorzugten Bezugsgrößen des Dortmunders, aber auch Reuven Moskovitz – wobei es einigermaßen erstaunlich ist, dass dessen Titelbetrug bisher nicht Anlass zu einer flammenden Verteidigung durch seinen treuen Freund war.

Weil Broder das penetrante Stalking irgendwann gründlich satt hatte, klagte er gegen den „Künstler“; Gegenstand waren dabei die zahllosen Fotos, Fotomontagen und Ausschnitte, die letzterer auf seine Website gestellt hatte. Anfang November entschied die Urheberrechtskammer des Landgerichts Berlin im Sinne Broders und wies den Beklagten bei Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 250.000 Euro an, die beanstandeten Objekte von seiner Homepage zu löschen. Der Verurteilte glaubte gleichwohl trotzig, ein Unentschieden erreicht zu haben, und jammerte ansonsten über die angebliche Kapitulation des Justiz vor der „Israel-Lobby“. Außerdem traf es ihn merklich, dass sein Prozessgegner nicht persönlich bei der Verhandlung anwesend war. Die Kommentierung von Broders Texten wurde nun noch zwanghafter und ressentimentgeladener als ohnehin schon; inzwischen dürfte der Fachmann für „Gestaltung und Design“ das Delirium erreicht haben, in dem er Sätze schreibt wie: „Der Terror der christlichen Fundamentalisten und der jüdischen Israelis übertrifft millionenfach den der Islamisten.“

Die „Allrounderin“ wiederum fühlte sich von Broder beleidigt und unternahm ihrerseits den Versuch, sich eben dies von einem Gericht bestätigen zu lassen. Dazu kam es bisher allerdings nicht, weil zuletzt ein Befangenheitsantrag Broders gegen die Richterin zu einer Verschiebung des Prozesstermins führte. Unterdessen musste die Augenzeugin von Beatles & Brandt, die eine Zeit lang in Spanien lebte, dennoch bereits eine Schlappe einstecken: Sie hatte Prozesskostenhilfe beantragt, weil sie angeblich bloß über ein geringes Einkommen verfügt. Dumm nur, dass sie auf ihrer Website ihr neues, großzügiges Domizil im Hessischen selbst zur Schau stellte. Broders Anwalt ließ deshalb eine Kostenforderung im Grundbuch eintragen – woraufhin die gelernte Energieanlagenelektronikerin so richtig unter Strom geriet: „Für mich grenzt das an jüdischer [sic!] Vetternwirtschaft – eine andere, sachliche Begründung weiß ich nicht“, schrieb sie an das Landgericht Kassel, das die Eintragung doch, bitteschön, löschen möge.

Das tat es aber nicht, und deshalb greint die Westfälin, die selbst dem Muslim-Markt bereitwillig Rede und Antwort stand, auf ihrem Weblog jetzt vernehmlich über den möglichen Zwang zur Einstellung ihres publizistischen Wirkens, der daraus resultiere, „dass man in diesem Staat beinahe allein auf sich gestellt ist, weil niemand Beleidigungen der Israel-Lobby in Form des ‚deutsch-jüdischen Publizisten’ Henryk M. Broder ahndet“. Ihr neues, immerhin von der Waldeckischen Landeszeitung gewürdigtes Buch scheint also nicht die erhofften Tantiemen abzuwerfen – was ihr jedoch die Möglichkeit gibt, weiterhin den Ruf des verkannten Genies zu pflegen, dessen Schreibstil laut eigener Selbstüberschätzung „aus einer seltenen Mischung von Sprachartistik, Aggressivität und Detailverliebtheit“ besteht.

Wer nun ahnt oder sogar weiß, um welche beiden Besessenen es sich handelt, die da auf die Sanktionierung ihrer Wut durchs Kollektiv hoffen, schicke die beiden Namen bis zum Donnerstag, 20. Dezember, um 16 Uhr per E-Mail an Lizas Welt. Aus den richtigen Einsendungen werden anschließend unter dem handelsüblichen Ausschluss des Rechtsweges drei Gewinner ermittelt, die jeweils ein Exemplar der grandiosen „offiziellen Autobiografie von Osama bin Laden“ (Ein Leben für den Terror) bekommen, erschienen im und spendiert vom Macchiato Verlag.

Update 20. Dezember 2007: Einige der insgesamt 83 Teilnehmer beschwerten sich, das Rätsel sei zu leicht gewesen. Die haben vermutlich noch nie die Gewinnspiele bei Pro7 („Wo hat Lukas Podolski früher gespielt? A) 1. FC Köln oder B) Real Madrid?“) oder im DSF („Was ist Luca Toni? A) Italiener oder B) Finne?“) gesehen. Andererseits haben sie auch wieder Recht, denn schlappe 96,4 Prozent wussten die richtige Antwort. Also gut, beim nächsten Mal wird es komplizierter. Was zur Lösung zu sagen ist, steht übrigens im Wesentlichen hier; den Rest verrät Google oder eine andere Suchmaschine. Bei der Ziehung der drei Gewinner ließ der Zufall geografische Gerechtigkeit walten; je ein Exemplar von Ein Leben für den Terror geht nun nach Berlin, Zichron Yaacov und Sydney. Die Empfänger werden natürlich vorher per E-Mail benachrichtigt. Allen anderen ein sehr herzliches Dankeschön für die rege Beteiligung.

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