One hit Integrationswunder

Es ist nicht überliefert, ob Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in seiner Freizeit gelegentlich Rap hört und sich vielleicht sogar in der entsprechenden Szene auskennt. Besonders wahrscheinlich ist es nicht, und das nicht nur deshalb, weil er – wie auch sein französischer Amtskollege Bernard Kouchner – eine ziemlich unbeholfene Figur machte, als er sich bei der Aufnahme des „Deutschland“-Songs in den Background-Chor des deutsch-türkischen Sängers Muhabbet (Foto, links) einreihte. Vielmehr scheint der Sozialdemokrat so gar nicht gewusst zu haben, auf welches vorgebliche Integrationswunder er sich da eingelassen hat, das den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh vor dessen Ermordung am liebsten noch in den Keller gesperrt und gefoltert hätte und das auch der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali den Tod wünscht. Inzwischen könnte Steinmeier (Foto, rechts) es wissen und auf Abstand gehen, doch er zieht es stattdessen vor, die Kritiker des Rappers zu attackieren: „Ich hätte mir gewünscht, dass man sich vielleicht konkret mit dem beschäftigt hätte, was Herr Muhabbet in den letzten zwei Jahren gemacht hat“, sagte der Minister. Und er empfiehlt, „unaufgeregt“ mit der Angelegenheit umzugehen.

Aber seien wir nicht gar zu ungerecht und widmen uns, wie gewünscht, tatsächlich einmal in aller Sachlichkeit den Verdiensten des 23jährigen Musikers, der mit bürgerlichem Namen Murat Ersen heißt. Vor allem seine Liedtexte müssten ja geradezu vorbildlich sein, denn ansonsten wäre der Chef des deutschen Außenamtes wohl kaum auf die Idee gekommen, gerade ihn mit der Produktion eines „Integrationssongs“ zu beauftragen, der zeigen solle, „dass wir vom Reichtum der Kulturen profitieren“ und dass es „bei allen Fehlern und Versäumnissen“ auch „gelungene Kooperationen“ gebe. Suchen muss man jedenfalls nicht lange: Das Stück „Im Westen“ beispielsweise, das Muhabbet 2004 kreierte, verspricht schon des Titels wegen einigen Aufschluss. Und tatsächlich gibt der Barde gleich zu Beginn zu verstehen, wie wohl er sich in seiner Geburtsstadt am Rhein immer gefühlt hat:

„Wo ich herkomm’? Ich komm’ aus der Küche der Hölle!
Den meisten von euch Fotzen ist der Ort bekannt als Kölle.
Hier ist nichts, wie es ist, alles stinkt nach Fisch und Gülle,
Two-faces und Masken gibt’s in Hülle und Fülle. […]
Diese Stadt ist voller Schwuchteln und Schlampen,
oberflächlicher Ottos und richtig linken Ratten.“

Da kann man schlechterdings nicht meckern: Gesellschaftskritisch, reflektiert und weltoffen ist er zweifellos, dieser Muhabbet. Doch damit nicht genug – lyrisch veredelte, konstruktive Handlungsoptionen gegen die von ihm aufgezeigten Missstände hat er auch noch anzubieten:

„Denn ich weiß: Der Hund, der bellt, ist der Hund, der niemals beißt.
Ich bin der, der schweigt und dir das Messer zeigt.
Nachdem ich zugestochen habe, warn’ ich dich: Geh nicht zu weit!
Kill dich, denn für Fotzengelaber hab ich keine Zeit.
In der Hauptstadt der Schwulen, dem deutschen Hollywood
lebt jeder nach dem Trend der Medien und Clubs.“

In seinen anderen Songs klingt das nicht viel anders; stets wird das, sagen wir, Elend der Gegenwart mit all seinen Verlockungen und Versagungen angeprangert, doch der erfrischende Optimismus des jungen Rappers ist ungebrochen: „Aus allen Ecken der Republik kommen meine Wölfe / vereinen uns zu einer Macht, stürme euere Höfe“, heißt es etwa in dem Lied „Das Tum“. Und auch in dem Joint Venture mit Steinmeier und Kouchner sang Murat Ersen Klartext:

„Denkst du, ich werde mich ergeben?
Denkst du, ich halt’ nicht dagegen?
Denkst du, dass ich still und schweigend
mich hier einfach auf deinen Boden leg’?
Es geht nicht, wir geben nicht auf.
Wir streiken, wir gehen den Weg hinauf.
Ihr haltet uns alle nicht auf.
Ihr werdet seh’n, wir schaffen es auch.“

Das entschlossen klingende „Dagegenhalten“ und „Schaffen“, von dem hier die Rede ist, erhält spätestens vor dem Hintergrund dessen, was Ersen zur Fernsehjournalistin Esther Schapira im Beisein seines eigenen Managers und von Schapiras Kollege Tamil Kaylan sagte, allemal eine ganz eigene Bedeutung. Dass der Sänger nun versucht, seine Rechtfertigung der Ermordung von Theo van Gogh und seine Tötungsfantasien gegenüber Ayaan Hirsi Ali als „Missverständnis“ zu verkaufen, ist deshalb in diesem Zusammenhang nachgerade enttäuschend; schließlich konnte man ihm bisher nicht vorwerfen, in Bezug auf seine im Refrain des „Deutschland“-Songs erhobenen Forderungen – nämlich die „Karten auf den Tisch“ zu legen und sich nicht zu „verschließen“ – nicht großzügig in Vorleistung getreten zu sein.

Noch desaströser jedoch ist letztlich das, was Frank-Walter Steinmeier zu alledem zu sagen hat. Zugegeben: Es ist zweifellos schwer, in aller Öffentlichkeit eingestehen zu müssen, dass der Coolness-Faktor und die street credibility, die man gerade demonstriert zu haben glaubt, doch nicht ganz so prall daherkommen wie erhofft. Andererseits hätte der Außenminister eigentlich nur seinen Vorzeigeintegranten Muhabbet beim Wort nehmen müssen. Denn dessen Credo lautet: „Nix zu wissen ist nicht peinlich, nichts dazuzulernen ist peinlich.“ Doch so weit wollte der juvenile Gelegenheitsrapper nicht gehen. Vielleicht ist das aber auch gar nicht seiner Unwissenheit geschuldet, sondern nur konsequent: Wer sich gegenüber den iranischen Mullahs mal als Appeaser und mal als Kollaborateur betätigt, wird im Zweifelsfall auch nicht für Islamkritiker wie Esther Schapira, Tamil Kaylan, Theo van Gogh oder Ayaan Hirsi Ali einstehen. Sondern unter Integration einen Kulturrelativismus verstehen, der noch die abseitigsten Fantasien als Gewinn betrachtet.

Hattip: barbarashm

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