Im Entführerbunker

Neues, ach was: Altbekanntes aus dem Urlaubsparadies Gazastreifen: Während die Hamas sich rührend um das Schicksal Verschleppter kümmert, ballern die Israelis wie immer auf alles, was nicht bei drei in der Moschee ist. Das schreibt zumindest die bekanntlich bestens informierte deutsche Presse: „Nach fast vier Monaten in Gefangenschaft ist der entführte Reporter Alan Johnston wieder frei – offenbar dank der Bemühungen der Hamas. Die will sich nun auch für die Befreiung des israelischen Soldaten Shalit (Foto) einsetzen“, freute sich die Süddeutsche Zeitung gemeinsam mit diversen Nachrichtenagenturen über die Heldentaten der Gotteskrieger. Doch Undank ist der Welt Lohn, und also hatte der Spiegel kurz darauf gar Schändliches zu vermelden: „Bei einem neuen Vorstoß in den Gazastreifen haben israelische Soldaten mindestens elf Palästinenser getötet. […] In den Morgenstunden [des 5. Juli] waren nach Berichten von Augenzeugen zahlreiche israelische Panzer in zwei Flüchtlingslager im zentralen Teil des Palästinensergebiets am Mittelmeer vorgedrungen. Unterstützt von Kampfhubschraubern lieferten sich die Bodentruppen Feuergefechte mit bewaffneten Einwohnern. […] Bereits vor einer Woche hatte die israelische Armee bei den schwersten Angriffen im Gazastreifen seit der Machtübernahme der Hamas Mitte Juni zwölf Palästinenser getötet.“

Dramatisch, nicht wahr? „Flüchtlingslager“ – das klingt nach notdürftigen Hüttendörfern, bedauernswerter Armut und geschundenen Geschöpfen. So sehen es die Palästinenser selbst, und so wird es auch in den deutschen Medien kolportiert, wiewohl weder von Flüchtlingen noch von Lagern die Rede sein kann. „Bewaffnete Einwohner“ – ein noch prächtigerer Euphemismus, der die Assoziation mit tapferen Partisanen erzeugt, die selbst angesichts „schwerster Angriffe“ des Feindes wild entschlossen für die gerechte Sache einstehen. Und zwar „Kampfhubschraubern“ und „Bodentruppen“ zum Trotze – David gegen Goliath! Raketen gegen Steinewerfer! Besatzer gegen Autochthone! Nämlich diese: „Bei sieben der Toten handele es sich um Kämpfer der radikal-islamischen Hamas-Bewegung.“ Und die macht derzeit, folgt man einem nicht geringen Teil der veröffentlichten Meinung, so eine Art Wandlung vom Saulus zum Paulus durch und lässt sich vor allem für die Freilassung des BBC-Reporters Alan Johnston feiern. Claudio Casula kommentierte derlei Propaganda treffend so: „Karitativ, wohltätig, humanitär: Die Hamas nimmt keine Geiseln, sie befreit sie. Das ist Islamismus mit menschlichem Gesicht. Wir haben uns alle getäuscht.“

Das fand auch die überregionale Tageszeitung aus München, allerdings frei von jeder Ironie. „Einsetzen“ wolle sich „der entmachtete palästinensische Ministerpräsident Hanija“ für die „Befreiung des Israelis Gilad Shalit“ – als ob letzterer nicht die Geisel just von Hanijas Hamas wäre. Dementsprechend sieht deren „Einsatz“ dann auch aus: „Er hoffe, dass eine Vereinbarung getroffen werden könne, welche die Freilassung des seit Juni 2006 entführten Soldaten im Austausch gegen palästinensische Gefangene ermögliche, sagte der Hamas-Politiker auf einer Pressekonferenz mit Johnston in Gaza.“ Eine Mitarbeiterin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg – mithin also das, was man landauf, landab als Nahostexpertin handelt – frohlockte darob: „Die Hamas hat sich immerhin als seriöser Akteur erwiesen. […] Weiter nach vorn geschaut, denke ich, dass man die Trennung Gaza/Westbank nicht aufrechterhalten kann und man einer neuerlichen Einheitsregierung der Palästinenser keinen Stein in den Weg legen sollte. Man kann nicht nur mit der Hälfte der Führung verhandeln.“ Dass die Islamisten ihre ganz spezielle Form von Diplomatie zu inszenieren wissen, die mit dem Begriff Erpressung noch zurückhaltend charakterisiert wäre, ist das eine; dass sie freiwillige Multiplikatoren finden, das andere.

Kürzlich gab es ein erstes Lebenszeichen von Shalit (20) – ein ganzes Jahr nach seiner Verschleppung. Auf einer Website der Hamas fand sich ein Tondokument mit der Stimme des Soldaten, der von seinem stetig schlechter werdenden Gesundheitszustand berichtete, von der Notwendigkeit einer Behandlung im Krankenhaus sprach und die israelische Regierung ersuchte, den Forderungen der Entführer nachzugeben: „So wie ich Eltern habe, Mutter und Vater, so haben Tausende palästinensischer Gefangener Mütter und Väter, denen ihre Söhne zurückgegeben werden müssen“, sagte Shalit. Sein Vater Noam (53) hörte sich die Aufnahme bei einem Fernsehsender an und kam daraufhin zu dem Schluss, dass die Erklärung seines Sohnes erzwungen worden war: „Ich denke, es ist das gleiche wie bei dem Brief, den sie ihm diktiert haben, und spiegelt nicht seinen wahren Zustand wider“, erklärte er. Gilad müsse von einem unabhängigen Arzt untersucht werden.

Noam Shalit verfasste nun gemeinsam mit seiner Frau Aviva (52) sowie im Namen von Gilads Geschwistern Yoel (24) und Hadas (17) einen offenen Brief an das entführte Familienmitglied, der in der französischen Tageszeitung Le Figaro erschien.* „Es ist für uns extrem schwer, keinerlei Neuigkeiten von dir zu haben, nicht zu wissen, wie du dich fühlst oder wie dein Gesundheitszustand ist“, heißt es darin. „Was ist die Schwere deiner Verletzungen, wie überstehst du diese schwierige Periode, und wie wirst du von den Organisationen, die dich festhalten, behandelt? Diese Organisationen behaupten, du seiest ein Kriegsgefangener, aber zu unserem großen Bedauern wenden sie nicht die Konventionen an, die man gemäß dem internationalen Recht und gemäß der islamischen Religion den Gefangenen zugesteht. Diese Religion, die vorschreibt, dass man mit Gefangenen in Würde und Menschlichkeit umgeht, indem man ihnen alle Rechte zugesteht und alle ihre Bedürfnisse erfüllt. Die Rechte, die der Staat Israel ohne Einschränkungen jedem palästinensischen Gefangenen zugesteht, ganz gleich, was der Grund seiner Festnahme ist.“ Der Brief schließt mit einem Appell: „Gib nicht auf, und beuge dich nicht bis zu deiner Befreiung. Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, damit diese Befreiung bald bevor steht.“

Wie es aussieht, könnte die Hamas tatsächlich einmal mehr Erfolg mit ihrer Strategie haben, über ein Kidnapping die Freilassung etlicher Angehöriger ihres Terrorrackets zu erzwingen. So etwas wird hierzulande als „Einsatz“ von „seriösen Akteuren“ bezeichnet. Das muss er sein, der Islamismus mit menschlichem Antlitz.

* Übersetzung aus dem Französischen: Franklin D. Rosenfeld

Hattips: Marlies Klein, Mona Rieboldt. Weitere Informationen zu Shalit und den ebenfalls entführten Ehud Goldwasser und Eldad Regev sind auf der Website Habanim zu finden.

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