Quod licet Jovi

Wenn irgendwo auf dieser Welt und insbesondere in den USA von einer „Israel-Lobby“ die Rede ist, wird man hierzulande sofort hellhörig. Denn Lobbys sind bekanntlich per se verdächtig, einen Anschlag auf das Gemeinwohl darzustellen, weil man sie im Verdacht hat, von niemandem kontrolliert im Verborgenen zu wirken, prinzipiell verwerfliche Partikularinteressen zu verfolgen und dadurch Sabotage am großen Ganzen zu betreiben. Mit rechten Dingen kann es in Lobbys jedenfalls nicht zugehen. Wenn eine davon dann noch dem jüdischen Staat dienen soll oder könnte, muss zwangsläufig der Leibhaftige höchstpersönlich den Vorsitz übernommen haben. In Deutschland wäre so etwas selbstverständlich völlig undenkbar – auch wenn respektive weil eine satte Mehrheit die Halluzination pflegt, Politik und Medien seien gleichsam zionistisch kontrolliert und unterdrückten daher jedwede sich kritisch dünkende Äußerung zu Israel. Mit großer Sympathie begegnet man daher beispielsweise den amerikanischen Politikwissenschaftlern John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt, die in einer Studie den US-Kongress als „israelisch besetztes Gebiet“ bezeichneten, oder dem britischen Historiker Tony Judt, der Israel für einen Anachronismus hält und der Ansicht ist, die amerikanische Außenpolitik nehme viel zu viel Rücksicht auf die Interessen des Verbündeten.

Doch über eine vorgebliche Einschränkung der freedom of speech empört man sich bisweilen auch in liberaleren Staaten wie etwa den USA und Großbritannien, wenn Israel nicht eben freundlich Gesonnene auf entschlossene Gegenwehr stoßen. Gleichzeitig nimmt man es mit der Verteidigung dieses Grundrechts häufiger nicht mehr so genau, wenn sich Kritiker des Islam zu Wort melden. In seinem Gastbeitrag für Lizas Welt analysiert der in Baden bei Wien lebende Journalist und Buchautor Karl Pfeifer diesen double standard, berichtet von einem besonders bizarren Fall und weiß auch, warum es augenscheinlich ein Unterschied ist, ob man antisemitische Passagen aus der Bibel zitiert oder aus dem Koran.

Karl Pfeifer

Zweierlei Redefreiheit

Quod licet Jovi, non licet bovi – was Jupiter erlaubt ist, steht dem Ochsen noch lange nicht zu. Diesen Spruch habe ich vor langer Zeit gelernt und seither erfahren, dass es wenige Menschen gibt, die ihre Prinzipien ausnahmslos für alle gelten lassen. Nehmen wir das Prinzip der Redefreiheit, das in den angelsächsischen Ländern postuliert wird: Liberale englische und amerikanische Journalisten kritisieren Österreich, weil hier – aufgrund unserer Geschichte – die Redefreiheit beschränkt und die Leugnung beziehungsweise Verharmlosung der NS-Verbrechen verboten ist und David Irving deswegen zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Noch größere Stürme der Entrüstung hat jedoch Ende Oktober dieses Jahres das Telefonat zweier jüdischer Funktionäre in den USA ausgelöst, die das polnische Konsulat in New York angerufen hatten, um sich zu erkundigen, ob der Historiker Tony Judt (Foto) dort bei einer Veranstaltung sprechen wird. Judt lehrt europäische Geschichte an einer New Yorker Universität. Früher zionistischer Aktivist in seinem Geburtsland England, ist er inzwischen enttäuscht vom Zionismus und dem Staat Israel. Er zog daraus die Konsequenz, dass „die Herrschaft des Rechts, die Macht der westlichen Staaten und die internationale Diplomatie“ besser die Sicherheit der Juden garantierten als ein jüdischer Staat. Israel, erklärte Judt, habe „ein für das späte neunzehnte Jahrhundert typisches separatistisches Projekt in eine Welt importiert, die sich weiter bewegt hat, in eine Welt individueller Rechte, offener Grenzen und internationalen Rechts“ und müsse daher eher früher als später in „einen einheitlichen, integrierten binationalen Staat der Juden und Araber, der Israelis und Palästinenser“ transformiert werden.

Neu sind diese Ideen nicht. Warum eigentlich die schiitischen mit den sunnitischen Arabern im Irak anscheinend nicht friedlich leben können und warum es Serben und Albaner nicht in einer Gesellschaft im Kosovo miteinander aushalten – solche Fragen stellt Tony Judt nicht. Dass zwei jüdische Funktionäre höflich fragten, ob Judt einen Vortrag halten werde, und dass das polnische Konsulat diesen daraufhin auslud, empörte führende Intellektuelle jedoch als eine Verletzung der Redefreiheit: Sie rügten am 16. November in einem in der New York Review of Books erschienenen offenen Brief den Direktor der Anti-Defamation League (ADL), Abraham H. Foxman.

Am gleichen Tag veröffentlichte die Tageszeitung New York Sun Auszüge aus einer Rede, die Sir Harold Evans (Foto), langjähriger Chefredakteur der Sunday Times und der Londoner Times, drei Tage zuvor gehalten hatte. Sir Harold schilderte darin, was in diesem Jahr beim von der linksliberalen Tageszeitung The Guardian gesponserten Hay-on-Wye-Festival geschah, als fünf Personen auf dem Podium die Frage „Gibt es irgendwelche Grenzen für die Redefreiheit?“ diskutierten. Ein muslimischer Podiumsteilnehmer sagte dabei: Wenn jemand seine Religion beleidige, dann würde er ihn schlagen. Der Rechtsanwalt Anthony Julius – der Deborah Lipstadt und den Penguin Verlag im Prozess gegen David Irving verteidigt hatte – antwortete, dass die Juden als Minderheit unter zwei mächtigen Hegemonien lebten, unter Christen und Muslimen, und dass sie gezwungen waren zu lernen, wie man gewaltlos mit Beleidigungen umgeht, die ihnen die heiligen Schriften beider Religionen zufügten.

Julius begann dabei mit dem Zitat einer antisemitischen Stelle im Neuen Testament, was ohne Kommentar durchging. Doch als er anfing, die Stellen aus den Koran zu zitieren, die Juden als „Affen und Schweine“ verunglimpfen, wurden die anderen Podiumsdiskutanten wütend. Eine von ihnen, Madeleine Bunting vom Guardian, hielt ihre Hand vor das Mikrofon und sagte sinngemäß: „Ich werde nicht hier sitzen und irgendeine Kritik an Muslimen anhören.“ Sie erhielt Beifall, und keiner der rechten oder linken Journalisten unter den Zuhörern verteidigte die Redefreiheit – nicht die Hassrede! – des sehr gemäßigten Anthony Julius.

Man regt sich zwar in den linksliberalen Medien sehr über den höflichen Anruf zweier jüdischer Funktionäre in den USA auf, der dazu führte, dass Tony Judt vom polnischen Konsulat ausgeladen wurde. Die Tatsache aber, dass einem prominenten britischen Verteidiger der Redefreiheit diese nicht gewährt wird, scheint den gleichen Intellektuellen selbstverständlich zu sein. Man darf zwar über Israel und „die Zionisten“ alles sagen und gleichzeitig jammern, dass die angeblich mächtige „zionistische Lobby“ jeden Kritiker als Antisemiten hinstelle. Juden dürfen sich jedoch nicht beschweren über Beleidigungen und Verunglimpfungen, und ein prominenter Jude darf – in Großbritannien, das so stolz auf die Redefreiheit ist – nicht einmal aus dem Koran zitieren. Quod licet Muslimen, non licet Juden.

Eine glänzende Erledigung der Kritiker einer „Israel-Lobby“ besorgte jüngst Gabriel Schoenfeld in einem Beitrag für die Zeitschrift Commentary; in der gleichen Publikation befasste sich Daniel Johnson mit Allah’s England (Hattip: barbarashm).

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