Kujau für Arme

Vielleicht täte man Adnan Hajj doch etwas zu viel der Ehre an, wollte man ihn als nahöstliche Reinkarnation von Konrad Kujau bezeichnen; schließlich gab es zu Lebzeiten des Letztgenannten keine Computerprogramme wie PhotoShop, sondern musste man die Tagebücher Adolf Hitlers noch in zäher Handarbeit fälschen. Außerdem kann man dem vor knapp sechs Jahren verstorbenen Maler doch einen Schuss mehr Originalität zubilligen als dem Fotografen, der sich mit vergleichsweise billigen Fakes nun bei der Nachrichtenagentur Reuters ins Off manövriert hat; das Unternehmen zog inzwischen sogar sämtliche 920 Aufnahmen ihres (jetzt ehemaligen) Mitarbeiters aus dem Verkehr. Hajj flog endgültig auf, als ihm die Manipulation eines Fotos nachgewiesen werden konnte, das monströse Rauchschwaden über Beirut nach einem israelischen Lufteinsatz zeigt. Doch dem vermeintlichen Inferno war nachgeholfen worden: Der Lichtbildner hatte nachträglich Rauchsäulen eingefügt, die ein selbst für Laien gut zu erkennendes, eigenartig regelmäßiges Muster aufwiesen (Foto oben). Auch manche Häuser sahen auf dem Foto auffällig gleich aus. Ein simples Copy & Paste, keine große Sache selbst für einen Anfänger. Doch Reuters brachte das Bild; mehrere Blogger deckten schließlich den Schmu auf. Hajj bestritt die Fälschung; er habe lediglich „einige Stellen auf dem Foto säubern wollen und dabei angesichts schlechter Lichtverhältnisse Fehler gemacht“.

Wenn es denn so einfach wäre. Der gezinkte Schnappschuss von der angeblich lichterloh brennenden libanesischen Hauptstadt war nämlich nicht Hajjs einziges Falsifikat. Auch das Foto eines israelischen F-16-Kampfjets, das gerade Raketen abzuschießen scheint (Foto rechts), hatte er nachbearbeitet. Denn abgefeuert wurden gar keine Raketen, sondern Täuschkörper gegen Geschosse der Hizbollah, die die Maschine und ihren Piloten treffen wollten. Eine Verteidigungsmaßnahme also, doch nach Hajjs Eingriffen sah die Sache gänzlich anders aus. Und selbst damit ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Der Reuters-Fotograf war auch in Kana unterwegs und knipste dort besonders häufig den scheinbar omnipräsenten Green Helmet, der Kinderleichen in die Kamera hielt, die merkwürdig steif und dunkel aussahen; nicht zuletzt nachdem die Angaben über die Zahl der Toten in der libanesischen Stadt von ursprünglich geschätzten 54 auf 28 korrigiert worden waren, verdichteten sich die Anzeichen, dass schon deutlich vorher verstorbene Kinder nach Kana gebracht und der Öffentlichkeit präsentiert worden waren. Hajj lieferte Reuters die Bilder, die ohne weitere Prüfung Verbreitung fanden. Darüber hinaus übermittelte er zwei Fotos an seinen Arbeitgeber, die ein und dasselbe zerbombte Gebiet in Beirut zeigen – einmal am 24. Juli und einmal am 5. August. Auch der zweiten Aufnahme (Foto unten) sei ein israelischer Luftangriff vorausgegangen. Doch der war genauso frei erfunden, wie man spätestens auf den zweiten Blick erkennt: Die Gebäude – laut dem ersten Agenturbericht Hizbollah-Stellungen – waren bereits zwölf Tage zuvor zerstört worden.

Es häufen sich die Fälle, in denen Agenturen und den durch sie beschickten Medien vorgeworfen wird, durch manipuliertes Material die Stimmung gegen Israel zusätzlich anzuheizen. Zahlreicher werden aber auch die Dementis bei Berichten über angebliche israelische Gräueltaten. Inzwischen gibt es fast täglich Meldungen, die zunächst ganz im Geiste von Kana von neuerlichen Ungeheuerlichkeiten des jüdischen Staates künden, um später kleinlaut zurückgenommen werden zu müssen. Just gestern beispielsweise wurde erst vermeldet: „Hanija-Mitarbeiter fallen nach Kontakt mit Brief in Ohnmacht“. Es ging dabei nicht um eine Büttenallergie, sondern um ein „verdächtiges Pulver“, das sich in einem angeblich aus Tel Aviv verschickten Umschlag befunden und beim Hofstaat des palästinensischen Ministerpräsidenten Brechreiz und Bewusstlosigkeit inklusive Klinikaufenthalt für fünf Menschen bewirkt haben soll. „Sie haben gesagt, dass sie nach dem Öffnen des Umschlags ein Gas eingeatmet haben“, kolportierte ein Arzt, der seinen Namen nicht nennen wollte, die Beschwerden der Betroffenen. Ein Gas also – die Juden sind halt auch nicht besser als die Nazis und darüber hinaus die altbekannten Brunnenvergifter, weshalb Hanijas Stellvertreter Al-Shaer sogleich Israel vorwarf, hinter dem Vorfall zu stehen. Doch das erwies sich einmal mehr als Räuberpistole – die Bir-Zeit-Universität, die sich der weiteren Untersuchung des Vorfalls angenommen hatte, stellte klar, in dem Umschlag habe sich kein giftiges Pulver befunden, und es hätten auch keine Staatsbediensteten im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Die nächste Horrornachricht ließ gleichwohl nicht lange auf sich warten: „Über 40 Tote bei israelischem Angriff auf Dorf im Libanon – Regierungschef Siniora spricht von ‚Massaker’ in Hula“. Diesmal war es also der libanesische Ministerpräsident, der Israel anklagte, bei einem Luftangriff mehr als drei Dutzend Tote verursacht zu haben, und der an ein „Ende der Gewalt“ appellierte. Nicht viel später hieß es allerdings: „Libanon: Zahl der Toten von 40 auf 1 korrigiert“. 39 Opfer weniger also. Die Korrektur hatte Siniora höchstselbst vorgenommen. Das mit den Massakern geht dieser Tage halt recht schnell, und wer will das alles schon so genau prüfen, wo man ohnehin weiß, worum es geht: „Israels Luftwaffe zerschmettert Libanons Infrastruktur“. Und die Zivilisten, versteht sich.

Inmitten des ganzen Hizbollywood-Theaters gibt es jedoch auch eine positive Nachricht zu vermelden: Einer der Entführer der beiden israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev ist festgenommen worden und wird von der IDF verhört, wie der Kommandant des militärischen Nachrichtendienstes Israels, General Amos Yadlin, mitteilte. Gut zu wissen, dass die Adnan Hajjs dieser Welt das zumindest nicht verhindern konnten.

Hattips: Constanze Arenz, Bernd Dahlenburg, Gudrun Eussner, Olaf Kistenmacher, Niko Klaric, Mona Rieboldt

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