Sittenpolizei!

Wenn Meldungen die Runde machen, drei iranische Nationalspieler hätten ihren Protest gegen einen Besuch Mahmud Ahmadinedjads bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft angekündigt, und außerdem dürften im Iran ab sofort auch Frauen ins Stadion gehen, hört sich das zunächst einmal nach guten Nachrichten an. Ein paar nicht ganz unwichtige Einschränkungen gäbe es da allerdings doch. Aber der Reihe nach.

Zunächst vermeldete die Deutsche Welle nachgerade euphorisch eine „Sportpolitische Revolution im Stadion“:

„Frauen erhalten laut Präsident Mahmud Ahmadinejad erstmals seit Gründung der Islamischen Republik die Erlaubnis, Männern beim Fußballspiel im Stadion zuzuschauen. Erstmals seit der islamischen Revolution vor 27 Jahren erlaubt die iranische Regierung somit Frauen wieder den Besuch im Stadion. Nach der Islamischen Revolution 1979 war ihnen der Zutritt zunächst mit der Begründung verwehrt worden, Sportlern in kurzen Hosen zuzusehen sei unkeusch. Später wurde das Verbot damit gerechtfertigt, dass Frauen vor der Pöbelsprache der Fans auf den Rängen geschützt werden müssten.“

Man kratzt sich erst einmal am Kopf. Seit Jahren schon vereitelt die iranische Polizei so ziemlich jeden Versuch von Frauen, sich die Kerle beim Kicken anzugucken, und das nicht selten mit brutaler Gewalt. Erst kürzlich endete das Bedürfnis zahlreicher weiblicher Fans, das Länderspiel des Iran gegen Costa Rica live sehen zu können, mit Knüppeln der islamistischen Staatsmacht und anschließenden Festnahmen. Das aktive Fußballspielen ist Frauen und Mädchen zwar nicht verboten, aber ihr Publikum muss – wenn überhaupt eines zugelassen ist – rein weiblich sein; das iranische Nationalteam spielt zudem ausschließlich auswärts, und dort müssen die Kickerinnen in einem Trainingsanzug und verschleiert auflaufen. Das soll jetzt also alles anders werden? Der Präsident hat das Wort:

„Nun zitierte ein Fernsehsprecher Ahmadinedjad […], Frauen im Stadion förderten die Sittlichkeit. ‚Die Anwesenheit von Familien und Frauen wird die Manieren verbessern und zu einer gesunden Atmosphäre in den Stadien führen’, so Ahmadinedjad.“

Irgendwie war es klar, dass die Sache einen Haken haben musste, und der ist in diesem Fall sogar besonders krumm: Wenn man schon Weibsvolk zum Fußball lässt, hat es dort gefälligst die ihm ohnehin vom Islam zugedachte Rolle weiterzuspielen, nur diesmal eben etwas öffentlicher und angeblich auf den „besten Plätzen in den Stadien“ – doch weiterhin mit der unverrückbaren Maßgabe „Schnauze halten und die Männer machen lassen“:

„Allerdings sollen Zuschauerinnen getrennt von den männlichen Fans in den Stadien untergebracht werden.“

Und sich an die entsprechenden Kleidervorschriften halten, wäre noch zu ergänzen. Sie sind schließlich der Förderung der Sittlichkeit verpflichtet und für eine gesunde Atmosphäre verantwortlich, da kommt es nicht so gut, wenn sie im Beckham-Trikot die Welle machen und noch nicht einmal verheiratet sind.

Ahmadinedjad verkauft seinen Entschluss jedoch als echte Liberalisierung, die allerdings vor allem taktischer Natur ist, der enge Grenzen gesetzt sind und die angesichts des wachsenden Drucks auf den Iran eine lässliche und verschmerzbare Konzession für ihn darstellt. Der iranische Präsident will offenbar – zumal vor der Weltmeisterschaft – dem allmählich heftiger werdenden Protest etwas den Wind aus den Segeln nehmen und darüber hinaus gewissermaßen Zückerchen an die fußballbegeisterte Bevölkerung verteilen. Viel kostet ihn dieser Schritt nicht, und vor allem darf und kann er nicht darüber hinwegtäuschen, was die Pläne der Mullahs sind und wie unverhohlen sie in aller Öffentlichkeit geäußert werden.

Doch selbst diese maue Maßnahme geht so manchem Ajatollah viel zu weit. Ahmadinedjad löste mit ihr nämlich „einen Proteststurm bei führenden Geistlichen der Islamischen Republik“ aus. Frauen im Stadion sei „gegen die islamischen Grundsätze“, hieß es dort:

„Großajatollah Safi Golpajegani rief Ahmadinedjad auf, die Entscheidung zurückzunehmen. ‚Nach islamischer Ansicht ist der Blick einer Frau auf einen Mann, auch wenn dabei keinerlei Vergnügen im Spiel ist, nicht zulässig’, sagte der Geistliche nach Angaben der Nachrichtenagentur ISNA. Fasel Lankarani, ebenfalls Großajatollah, warnte, die Anwesenheit von Frauen in den Stadien könne zu ‚sozialen Unsittlichkeiten, wie sie aus der westlichen Welt bezeugt sind’, führen. Auch der Anführer der iranischen Islamisten, Ajatollah Messbah Jasdi, und das von Ahmadinedjads Abadgaran-Partei beherrschte Parlament schlossen sich der Kritik an.“

Man darf gespannt sein, welche Mannschaft der islamischen Sittenpolizisten schließlich die Punkte einfährt beim Spiel Not gegen Elend im Kampf gegen den Abstieg.

Bliebe also noch die Nachricht von den drei iranischen Nationalspielern, die gegen einen möglichen Trip des Irren von Teheran zur Weltmeisterschaft protestieren. Nein, es dreht sich leider nicht um Ali Karimi, Mehdi Mahdavikia und Vahid Hashemian, drei bekannte iranische Bundesligaprofis. Denn die haben schon öfter verlautbaren lassen, „dass man Sport von Politik hundertprozentig trennen sollte“, den Mullahs also nicht ans Bein pinkeln dürfe. Bei den drei Regimegegnern handelt es sich vielmehr um ehemalige Spieler, die in den 1970er Jahren fußballerisch aktiv waren: Hassan Nayeb-Agah, Bahram Mavadat und Asghar Adibi. Die gaben in Berlin eine Pressekonferenz, auf der Nayeb-Agah sagte:

„Lasst das iranische Regime die Weltmeisterschaft nicht auf die gleiche Art und Weise missbrauchen, wie es Hitler mit den Olympischen Spielen 1936 getan hat.“

Die Ex-Profis kündigten außerdem Protestaktionen an – „Wir planen Demonstrationen in verschiedenen deutschen Städten, wenn der Präsident kommt“ –, auch für den Fall, dass diese von den deutschen Behörden verboten werden. Das ist bekanntlich alles andere als unwahrscheinlich und begründet daher weitere Einwände:

„‚Die jüngsten Verhandlungen der deutschen Behörden mit den Mullahs sind eine Schande’, sagte Nayeb-Agah.“

Er und seine zwei früheren Mitspieler sind Mitglieder des Nationalen Widerstandsrats des Iran und stehen den Volksmujaheddin nahe. Beide streben den Sturz des islamistischen Regimes an, sind jedoch ideologisch dem Ba’thismus zuzuordnen, vertreten die wenig sympathische Idee eines islamischen Sozialismus, sind Israel und den USA – vorsichtig gesagt – nicht gerade durchweg freundlich gesonnen und wurden von Saddam Hussein unterstützt. Sowohl die USA als auch die EU führen den Rat als terroristische Organisation. Gleichwohl ist Asghar Abidi selbstverständlich zuzustimmen, wenn er befindet:

„Es ist ein Recht der Iraner und aller anderen hier, gegen Ahmadinedjads Anwesenheit zu protestieren und deutlich zu machen, dass solch ein Krimineller hier nichts zu suchen hat.“

Mag seine Organisation auch gewiss nicht die erste Anlaufstelle sein, wenn es darum geht, Mitstreiter für das Vorhaben zu finden, dem Mullah-Regime und seinem Vorsteher die Umsetzung ihrer Pläne zu sabotieren: Gegen diese deutliche Stellungnahme der ehemaligen Fußballspieler ist nichts einzuwenden. Zumal dann nicht, wenn sowohl die FIFA als auch die maßgeblichen politischen Instanzen hierzulande wenig Probleme mit der Visite eines Holocaust-Leugners und vernichtungswütigen Antisemiten haben.

Hattip: Ivo

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