Alles Fanatiker (außer Stefan)

Stefan Kornelius hat vor rund einem Jahr einen recht eigenartigen Satz zum Besten gegeben. In einem Kommentar zum palästinensischen Antrag auf Vollmitgliedschaft bei den Vereinten Nationen deklamierte der Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung: »Israel hat neun Monate nach Beginn der arabischen Umwälzungen erkannt, dass es Gefahr läuft, sich sehr schnell in einem extrem feindseligen, ja kriegerischen Umfeld wiederzufinden, wenn es nicht jetzt für Frieden sorgt.« Eigenartig war das vornehmlich aus zwei Gründen: Zum einen deshalb, weil Israel sich bekanntlich nicht erst jetzt, sondern schon seit seiner Gründung vor mehr als sechs Jahrzehnten in einem extrem feindseligen, ja kriegerischen Umfeld wiederfindet – einem Umfeld, das einfach nicht verknusen kann, dass es einen jüdischen Staat im Nahen Osten gibt, der es auch noch wagt, seine Existenz zu verteidigen. Und daher ist, zum anderen, die Vorstellung, Israel könnte einfach mal so »für Frieden sorgen«, mindestens reichlich weltfern – wo seine Nachbarn ja noch nicht mal eine Koexistenz wollen, weder im »Arabischen Frühling« noch in einer anderen politischen Jahreszeit.

Nun, da Islamisten in einigen Ländern dieses »Frühlings« ein im Internet zu findendes Video, in dem der Prophet Mohammed verhöhnt wird, einmal mehr zum Anlass nehmen, um Amok zu laufen, meldet sich Kornelius wiederum zu Wort, wobei es nicht minder eigenartig zugeht. Amerikanische Botschaften brennen, in Bengasi sind vier Menschen getötet worden – darunter der US-Botschafter in Libyen –, doch Kornelius vertritt allen Ernstes die Ansicht: »Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt.« Womit mal eben die Produktion und Verbreitung eines Films – wie widerwärtig auch immer er sein mag – mit der Ermordung von Menschen in eins gesetzt wird. Beides soll gleich extremistisch sein, beides gleich fanatisch, beides gleich radikal. Darüber hinaus: »Zurückgezahlt«? Was, bitteschön, haben amerikanische Diplomaten in Libyen mit dem Schmähfilm »Innocence of Muslims« zu schaffen? Ganz einfach: gar nichts.

Doch derlei Differenzierung ist Kornelius’ Sache nicht. Vielmehr sieht er allenthalben unterschiedslos »blindwütigen Fanatismus, der besonders gut in den dunklen Winkeln der Weltregionen gären kann«. Ergo: »Jüdische, christliche, muslimische Fanatiker – im Ergebnis richten sie dasselbe Werk der Zerstörung an.« Woher hier plötzlich die »jüdischen Fanatiker« kommen, weshalb sie in der Aufzählung gleich als erste genannt werden und worin ihr destruktives Wirken bestehen soll, bleibt offen. Haben erboste Juden etwa türkische Botschaften gestürmt, als der Film »Tal der Wölfe – Palästina« in die Kinos kam? Oder haben sie nach der Prämierung von Holocaust-Karikaturen in Teheran iranische Emissäre ins Jenseits befördert? Und die Christen: Sind radikale Exemplare ihrer Glaubensgemeinschaft beispielsweise brandschatzend in deutsche Botschaftsgebäude gestürmt, als die Titanic sich mal wieder über den Papst lustig gemacht hat? Oder wurden seinerzeit britische Diplomaten wegen Monty Pythons »Das Leben des Brian« umgebracht?

Nein – aber das heißt natürlich nicht zwangsläufig, dass gewaltsame Reaktionen für immer ausbleiben werden. Und deshalb sei hiermit ein weiterer Versuch gestartet, den Fanatismus in verschiedenen Religionen auf die von Kornelius behauptete Gleichartigkeit hinsichtlich der zerstörerischen Wirkung zu testen: Der über diesem Blogbeitrag platzierte Cartoon des amerikanischen Satiremagazins The Onion – der außer Juden und Christen auch Hindus und Buddhisten ins Mark treffen müsste – ist bislang angeblich folgenlos geblieben. Ein bisschen Zeit haben die radikalsten Anhänger der genannten Religionen noch, aber so in spätestens zwei Wochen müssten dann schon die ersten Attacken auf US-Vertretungen und deren Personal erfolgen – sprich: es müsste im Ergebnis dasselbe Werk der Zerstörung angerichtet werden wie durch die Islamisten –, wenn der Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung mit seinen Einschätzungen richtig liegen sollte. Was aber, so viel sei prognostiziert, schon recht eigenartig wäre.

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