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Pfaff und der PAOKenschlag

15. Februar 2012 von Lizas Welt

Unlängst sollte ich für ein Buchprojekt einmal meine ganz eigene Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich für Jean-Marie Pfaff entschieden, den ich als Jugendlicher nachgerade bewundert habe, so sehr, dass ich mir sogar die Schallplatte mit seinem reichlich grenzwertigen Gesangsversuch namens »…jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden, und über einen von ihm gehaltenen Elfmeter habe ich mich bisweilen mehr gefreut als über ein Münchner Tor.

Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich auch im Stadion war. Saison 1983/84, Uefa-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.

Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch nullzunull, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.

Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war (wie auch das Video zeigt) und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – augenscheinlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.

Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel sörenlerbymäßig links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich herausstellen sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.

Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute. Ich brauche das Video des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel, heulend vor Glück und Erleichterung. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.

Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Webportal SPOX.

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