Urbi et Orbi op Kölsch

Joseph Alois Ratzinger aka Benedikt XVI. könnte diese Sätze gewiss auch gesprochen haben, aber von ihm stammen sie gar nicht:

„Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegentreten, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. […] Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.“

Der da so redet, ist vielmehr quasi der Fußballpapst von Kölle, Christoph Daum (Foto) nämlich, Übungsleiter des bekanntesten Fußball- und Karnevalsvereins der Domstadt. Der Klub ist gerade mit Ach und Krach in die Bundesliga aufgestiegen und dann, wie immer, gleich wieder übergeschnappt: Erst verkündete sein Trainer seine vorher fragliche Vertragsverlängerung mit einem Aufriss wie weiland Genscher die Ausreisegenehmigung für die Zonis, dann träumte er öffentlich von der Rückkehr Lukas Podolskis, und schließlich holte er zum Schlag gegen die Schwulen aus. Anlass war die DSF-Sendung „Das große Tabu – Homosexualität & Fußball“, in der auch DFB-Präsident Theo Zwanziger zu Wort kam. Der war kürzlich Gast des „Aktionsabends gegen Homophobie im Fußball“ im Kölner RheinEnergie-Stadion und bot anschließend im DSF – mit hörbaren Einschränkungen allerdings – seine „persönliche Hilfe“ an, falls sich ein Fußballprofi outen wolle: „Wenn mein Zeitplan es hergibt, und ich würde es wahrscheinlich möglich machen, dann würde ich ihn sofort bei mir empfangen, um zu verdeutlichen: Wir sind Freunde.“

Daum war da ganz anderer Ansicht: „Ich hätte wirklich meine Bedenken, wenn von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten“, ergänzte er sein eingangs zitiertes Statement. Wo kämen wir schließlich hin, wenn sich im harten Männerfußball jemand nicht selbstverständlich zu seiner Heterosexualität bekennen würde? Dass der 54-Jährige glaubte, seine Tiraden auch noch mit der Berufung auf den „Kinderschutz“ flankieren zu müssen, setzte dem Ganzen die Krone auf – Schwule sind für Christoph Daum ganz offensichtlich Menschen, die den ganzen Tag krankhaft Unmündigen auflauern, um ihnen den Pimmel ungefragt in die falsche Körperöffnung zu stecken. Sein Arbeitgeber hatte angesichts dieser Sprüche arge Mühe, den Coach zu verteidigen. „Daum will keine Gruppe diskriminieren“, behauptete Manager Michael Meier wenig überzeugend, bevor er den sportlich Verantwortlichen vorsichtshalber eine Presseerklärung verbreiten ließ.

„Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch“, behauptet Daum darin. „Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es einige, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben.“ Freunde sind sie also nicht, bloß „Bekannte“, was allerdings kein Wunder ist, wenn man es mit einem zu tun hat, der Homosexuelle eigentlich pervers findet. Zurücknehmen wollte der Kölner Trainer seine Äußerungen aber ohnehin nicht: „Kinderschutz geht mir aber über alles“, wiederholte er sich, „Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich, ob von homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden“. Besonders natürlich vor den triebhaften Tucken. Denn um die ging’s vorher ja; von Seinesgleichen hat Christoph Daum nicht gesprochen. Der Versuch einer Relativierung darf also als grandios gescheitert betrachtet werden.

„Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen“, grölen die gegnerischen Fans bei Spielen des 1. FC Köln oft und gerne, und das ist als Beleidigung gemeint. Gelegentlich schallt es aus dem FC-Fanblock dann – wenn auch zumeist deutlich leiser – zurück: „Wir sind die Hauptstadt der Schwulen!“ Man darf jetzt gespannt sein, ob in den bekanntlich ostentativ toleranten Kreisen der Anhänger des Vereins über die Daumschen Ausfälle diskutiert wird und ob die Homophobie im Fußball überhaupt ein Thema ist. Wahrscheinlicher ist jedoch das Kölsche „Et hätt noch immer joot jejange“, mit dem Konflikte typischerweise ausgesessen werden, bis keiner mehr über sie redet. Mit dem Segen des Papstes, versteht sich.

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