Die Unersättlichen

Es gehört nicht nur hierzulande zu den sorgsam gepflegten Mythen, dass der so genannte Nahostkonflikt sich schon lösen lasse, wenn Israel den Palästinensern nur endlich einen eigenen Staat gewährte, statt seine Besatzungspolitik fortzusetzen. Zudem, so heißt es, könne mit einem solchen Schritt auch den Ambitionen der Islamisten in anderen Ländern Einhalt geboten werden. Nichts, wirklich gar nichts kann diesen Glauben erschüttern; vielmehr wird alles, was rund um den jüdischen Staat geschieht – vom Selbstmordattentat über den Libanonkrieg und die Vernichtungsdrohungen durch die Mullahs bis zu den Anschlägen in Europa –, auf dessen Vorgehen, wo nicht gleich auf seine schiere Existenz zurückgeführt. Ob es nun Politikwissenschaftler sind, der Leiter des Deutschen Orient-Instituts, der Präsident des Europaparlaments oder deutsche Bischöfe: Kaum jemand lässt die Gelegenheit aus, dem als „Israelkritik“ verbrämten Antizionismus Geltung zu verschaffen und den jüdischen Staat zu geißeln, nicht selten zudem mit dem expliziten Hinweis, die Juden müssten seit Auschwitz doch wissen, wie schlimm Unterdrückung ist. Yaacov Lozowick hingegen hat in seinem Buch Israels Existenzkampf prägnant zusammengefasst, warum die Forderung „Land für Frieden“ obsolet ist:

„Seit 1967 übte Israel die Herrschaft über einen großen Teil der palästinensischen Bevölkerung aus, und sein Verhalten kann in vieler Hinsicht kritisiert werden. Dennoch könnte nur ein Narr behaupten, dass sich die Palästinenser in der umgekehrten Situation mit den Maßnahmen, wie sie die Israelis getroffen haben, zufrieden geben würden. Sollten die Palästinenser jemals Herrschaft über die Juden erlangen, wird Palästina ebenso judenrein werden, wie es der größte Teil Europas heute ist: eine kleine Gemeinde hier und dort und Gespenster überall. Um es so deutlich wie möglich zu sagen: Israel blockiert lediglich die nationalen Ambitionen der Palästinenser (beziehungsweise hat das früher getan), die Palästinenser hingegen bedrohen die nackte Existenz der Juden.“

In einem Beitrag für das Weblog der Jerusalem Post analysiert David A. Harris, der Direktor des American Jewish Committee (AJC), darüber hinaus, dass ein Ende des israelisch-palästinensischen Konflikts längst nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Djihadismus wäre: „Es mag tröstlich sein, zu glauben, alles werde gut, wenn nur das ‚nervtötende’ Israel endlich Frieden mit den Palästinensern schlösse (als wäre genau das nicht seit Jahren Israels Ziel). Aber es wird nicht helfen, Druck auf Israel auszuüben, um den Appetit dieser verbissenen Kräfte zu zügeln; es würde vielmehr ihren Hunger nur vergrößern.“ Die Europäer müssten daher, so Harris, schon im eigenen Interesse den jüdischen Staat unterstützen; das hätten die jüngsten Ereignisse erneut deutlich gemacht. Nun sollte der Support Israels ganz gewiss nicht an diese Voraussetzung geknüpft sein, denn ihm im Kampf gegen seine antisemitischen Feinde jede nur erdenkliche Hilfe zu gewähren, müsste sich eigentlich von selbst verstehen. Dennoch ist es bezeichnend, dass man in Deutschland und Europa noch nicht einmal zu der Einsicht fähig ist, dass die Vernichtung Israels für die Gotteskrieger erst der Auftakt wäre. Lizas Welt hat Harris’ Beitrag ins Deutsche übersetzt.

David A. Harris

Geht es wirklich nur um den israelisch-palästinensischen Konflikt?

Weblog der Jerusalem Post, 10. Juli 2007

Ich komme gerade von einer Europareise zurück, bei der es um das Thema Naher Osten ging. Hätte ich jedes Mal einen Dollar (oder, in Anbetracht des Wechselkurses, besser noch einen Euro) bekommen, wenn in irgendeiner Hauptstadt jemand sagte, Israel müsse den Konflikt mit den Palästinensern lösen, um den weltweiten Furor der Djihadisten zu entschärfen – ich wäre jetzt ein wohlhabender Mensch. Glauben solche ansonsten intelligenten Leute wirklich, was sie sagen, oder handelt es sich lediglich um ein rhetorisches Mittel, mit dem eine gebräuchliche Weisheit, die sich durchgesetzt hat, nachgeplappert wird?

Es versteht sich von selbst, dass eine dauerhafte Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts höchst willkommen wäre. Aber für die Djihadisten würde das nicht viel ändern. Denn sie haben kein Interesse an einem Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Ihre Ablehnung des Existenzrechts Israels und ihr Hass auf diejenigen in der internationalen Gemeinschaft, die den jüdischen Staat unterstützen – wie auch immer dessen Grenzen letztlich aussehen –, würden nicht wie von Geisterhand verschwinden. Aber selbst wenn, sagen wir, Israel nicht mehr auf der Landkarte wäre, würden die Djihadisten ihre Forderungen – westliche Truppen raus aus Irak und Afghanistan; US-Militärbasen raus aus dem Persischen Golf; Indien raus aus Kaschmir; Armenien raus aus Nagorny-Karabach; prowestliche Regimes raus aus Islamabad, Riad, Amman und Kairo; Wiederherstellung des Kalifats; zwangsweise Einführung der Sharia – weiter verfolgen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Liste der „Missstände“ ist endlos und bietet zahllose Gründe für Verdruss. Gepflegt wird sie unter anderem durch die globale Infrastruktur und die beträchtlichen Ressourcen der Muslimbruderschaft, durch von Saudi-Arabien gedeckte wahabitische Institutionen und durch vom Iran unterstützte schiitische Gruppierungen. Um das Offensichtliche einmal auszusprechen: Die verschiedenen Exponenten des radikalen Islams haben theologisch gesteuerte Agenden. Ja, sie erhalten Unterstützung für ihre Behauptung, dass Muslime hier und dort das Ziel von Angriffen werden – ob das nun stimmt oder nicht. Aber niemand sollte sich Illusionen hingeben. Es mag tröstlich sein, zu glauben, alles werde gut, wenn nur das „nervtötende“ Israel endlich Frieden mit den Palästinensern schlösse (als wäre genau das nicht seit Jahren Israels Ziel).

Aber es wird nicht helfen, Druck auf Israel auszuüben, um den Appetit dieser verbissenen Kräfte zu zügeln; es würde vielmehr ihren Hunger nur vergrößern und letztlich zu dem Glauben führen, dass es ein „höheres Wesen“ gibt, das mit Wonne auf die irdischen Kreaturen herunterblickt. Denn wie es scheint, haben der Sieg der Mujaheddin in Afghanistan über die Sowjetunion in den 1980er Jahren und die großen Schwierigkeiten der amerikanischen Truppen und ihrer Alliierten im Irak und wiederum in Afghanistan die radikalen Kräfte überzeugt, dass sie nicht zu stoppen sind und dass „Gott“ auf ihrer Seite ist.

Israel ist, bedingt durch seine Geografie, an vorderster Front in diesem Kampf; seine Gegner sind die Hamas, die Hizbollah, der Islamische Djihad und die staatlichen Sponsoren Iran und Syrien. Seine Fähigkeit, unbeugsam zu sein – als ein starker demokratischer, pluralistischer und friedensbereiter Staat –, verdient weithin Unterstützung und Bewunderung. Ein früherer europäischer Außenminister sagte einer AJC-Gruppe als Privatmann: „Ich habe inzwischen verstanden, dass Israel nicht länger nur eine jüdische Angelegenheit ist. Es ist von äußerster Wichtigkeit für Europa. Sollte Israel in die Hände der Djihadisten etwa der Hamas oder der Hizbollah fallen, mit Rückendeckung durch den Iran, wäre Europa das nächste Ziel. Früher hatte ich daran Zweifel, aber jetzt bin ich davon überzeugt. Die Einschüchterungen, Nötigungen, Gewalt- und Terrordrohungen sind Herausforderungen für Europa. Es sollte ein vitales europäisches Interesse sein, dass Israel stark bleibt.“

Tatsächlich wird Europa unabhängig davon, was Israel widerfährt, herausgefordert. Die jüngsten Ereignisse haben das sehr deutlich gemacht. Aber das Statement dieses linken Politikers ist nichtsdestotrotz eine erfrischende Anerkennung einer Realität, die zu viele andere immer noch nicht zur Kenntnis nehmen. Diese Politiker – wie auch Intellektuelle, Gewerkschafter und Menschenrechtsaktivisten – sollten eine Liste mit Leseempfehlungen bekommen, die mit Ayaan Hirsi Alis Infidel (deutscher Titel: Mein Leben, meine Freiheit) beginnen könnte.

In dieser bemerkenswerten Autobiografie macht die in Somalia geborene Hirsi Ali (Foto) deutlich, wie radikale Islamisten die Welt sehen. Sie hat das am Horn von Afrika, Kenia und Saudi-Arabien selbst miterlebt und weiß, wovon sie spricht. Als Whistleblower warnt sie vor der im Islam fest verankerten Unterdrückung von Frauen, vor dem allgegenwärtigen Antisemitismus, dem Argwohn gegenüber den „Ungläubigen“ und dem Ziel einer globalen Dominanz des Islam, die sie aus nächster Nähe kennen lernte. Sie gibt die Worte eines islamischen Predigers wieder: „Der Islam sei bedroht, und seine Feinde – die Juden und die Amerikaner – würden ewig im Feuer schmoren. Auch diejenigen muslimischen Familien, die ihre Kinder auf Universitäten in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und anderen Ländern schickten, werde man verbrennen. […] Wenn man seine Freundschaften mit Nichtmuslimen nicht abbreche, werde man ebenfalls den Flammen übergeben.“ Und ihr Religionslehrer auf einer muslimischen Schule in Nairobi habe geglaubt, dass „die Juden die Welt kontrollieren, und das war es, warum wir ‚rein’ zu bleiben hatten: um diesem bösen Einfluss zu widerstehen. Der Islam werde angegriffen, und deshalb sollten wir die Juden bekämpfen, denn nur wenn alle Juden vernichtet seien, hätten Muslime ihren Frieden“.

Ein weiteres Buch auf der Liste sollte Magdi Allams Viva Israele sein (bisher nur auf Italienisch erhältlich, aber demnächst hoffentlich auch in anderen Sprachen). Der gebürtige Ägypter Allam, ein Muslim, ist einer der prominentesten Zeitungskolumnisten Italiens – und er nimmt kein Blatt vor den Mund. In seiner mächtigen Verteidigung Israels schrieb er: „Auf diesen Seiten möchte ich Ihnen von meinem langsamen, schmerzlichen Weg berichten, der von der Lüge, von der Diktatur, vom Hass, von der Gewalt und vom Tod zur Zivilisation der Wahrheit, der Freiheit, der Liebe, des Friedens und des Lebens führte. Bis zu dem Punkt, an dem ich zu der festen Überzeugung gelangte, dass – heute mehr denn je – die Verteidigung der Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens mit der Verteidigung des Existenzrechts Israels verbunden ist.“

Sowohl Hirsi Ali als auch Allam warnen vor Gefahren, die für Außenstehende nicht leicht zu erkennen sind, weil die Komplexität der islamischen Welt nicht durch Ausflüge in schicke Hotels in Marrakesh oder Pyramidenbesuche enträtselt wird und noch weniger durch Einfühlungsvermögen, Projektionen oder bruchstückhafte Information. Gelegentlich bekommt man einen eindringlichen visuellen Eindruck, der ebenfalls aufschlussreich ist, wie im großartigen Film Osama über das unvorstellbar harte Leben von Frauen im Afghanistan der Taliban-Zeit oder in der kürzlich ausgestrahlten ausführlichen Dokumentation von CNN über Pakistan als zentrale Adresse des globalen islamistischen Terrors.

Es geht nicht darum, von einem Kampf zwischen dem Islam und dem Rest der Welt zu sprechen. Es geht eher um diejenigen, die der Ansicht sind, der Islam befinde sich in einem dauerhaften und göttlich bestimmten Konflikt mit dem Rest der Welt, der sich auf wirklich jede politische Situation beziehe, sei es Israel oder Kashmir, um eine oft leichtgläubige Welt davon zu überzeugen, dass es in diesem Konflikt um etwas sehr Konkretes und daher weniger Kosmisches gehe. Es gibt fraglos politische Konflikte, die dringend einer Lösung bedürfen. Zu glauben, dass diese Lösungen das Verlangen des radikalen Islams befriedigen könnten – oder ihm auch nur den Wind aus den Segeln nähmen – ist jedoch eine ganz andere Angelegenheit. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Hattip: barbarashm

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