Doing the Crouch

„Von mir aus kann es dann losgehen“, gibt sich Statler bereits WM-startklar, und in der Tat wartet man wie Robinson auf Freitag und damit darauf, dass all das nervtötende Vorgeplänkel – von bizarren Testspielen kurpfälzischer Amateurmannschaften gegen den Eröffnungsspielpartner der Klinsmann-Eleven bis zur abseitigsten Meldung über die Play Station-Erfolge irgendwelcher deutscher Kicker – in drei Tagen ein Ende hat, selbst wenn die aufdringliche schwarz-rot-goldene Beflaggung auch der kleinsten Bäckereiauslage leider noch eine Weile vorhalten wird. Wer sich wirklich für Fußball begeistert und nicht bloß per Support dem nationalen Auftrag Wir werden Weltmeister Genüge tun zu müssen meint, werfe ein Auge auf England, das rechtzeitig vor dem ersten Kick einen in sein Herz geschlossen hat, der dem vermutlich verletzungsbedingt ausfallenden Wayne Rooney sicher nicht ebenbürtig, aber dennoch ein mehr als passabler Ersatz ist. „Do the Crouch“, heißt der Sommerhit auf der Insel und – hopefully – in Kürze auch in den hiesigen Stadien. Er ist dem 25-jährigen Peter Crouch (Foto) gewidmet, der seine Tore – darunter drei beim 6:0 des englischen Teams im Testspiel gegen Jamaika am vergangenen Samstag – auf eine recht eigenwillige Art und Weise feiert. Wer nämlich dachte, der Robot-Dance sei eigentlich ein Relikt aus der Popmusik der 1980er Jahre, erlebt beim Angreifer des FC Liverpool nun das furiose Comeback dieser Einlage, die der Guardian so beschreibt:

„Die Hände ausgestreckt, die Ellbogen steif im rechten Winkel und dann ruckartig zu einem imaginären Beat bewegt, das ist der Torjubel-Mittanz-Wahnsinn, der die Nation durchschüttelt. Von Burnham-on-Crouch bis nach Crouch End machen Menschen den Crouch.”

Und das hoffentlich auch bei den WM-Spielen der Three Lions in Frankfurt (gegen Paraguay), Nürnberg (gegen Trinidad & Tobago) und Köln (gegen Schweden). Im Achtelfinale könnte es dann zu einer Begegnung mit den Deutschen kommen, sofern die Naturfreundejugend Berlin nicht mit ihrer Kampagne schon vorher Erfolg hat. In jedem Fall mögen der Zwei-Meter-Mann Peter Crouch und die Seinen so häufig wie möglich dafür sorgen, dass Grund zum Tanzen besteht. Denn das wäre die Erlösung von einem Zustand, den Tobias Kaufmann auf den Punkt bringt:

„Wir Fans können das Spiel unseres Klubs nicht genießen. Wir durchleben jedes Mal einen neunzigminütigen Höllentrip aus Angstschweiß und Adrenalin, der nach einem Sieg in einer Explosion der Erleichterung und Glückseligkeit mündet. Das ist die stärkste Droge, die es gibt.“

Was sonst noch zu einem gepflegten Fußballspiel gehört – der Rasen etwa, der Ball, Aberglaube und Teamgeist –, fasst Kaufmann in seinen lesenswerten Elf Geboten zusammen, die bereits zur Europameisterschaft vor zwei Jahren zu lesen waren und nun aktualisiert und überarbeitet wurden.

Fehlt noch was zu einer akkuraten und professionellen Vorbereitung? Vielleicht dieses: ein Blick auf die Homepage der Titanic, wo Mark-Stefan Tietze wertvolle Tipps für WM-Touristen gibt, besser gesagt: Hinweise auf „Touristenfallen und jede Menge Verhaltensweisen, die Sie besser meiden“. Unter „Ängste zurückhalten“ beispielsweise heißt es:

„Kultur, Wirtschaft und Küche beruhen in Deutschland traditionell auf Angst. Entsprechend stolz ist man auf diese Angst und verbreitet sie gerne weiter. Aktuell ängstigen sich die Deutschen besonders vor ihrer Rente, ihrem Aussterben und ihrem Ausscheiden in der Vorrunde. Scheuen Sie sich nicht, über Ihre eigenen Ängste zu sprechen (z.B. vor Überschwemmungen, Atomkrieg oder Sauerkraut) – gestehen Sie Ihren Gastgebern aber stets zu, die bedeutenderen Ängste zu haben.“

Und noch eins sollte man nie tun: „Den Krieg zu erwähnen vergessen“. Denn:

„Deutsche brennen darauf, Ihnen in stundenlangen Gesprächen zu beweisen, dass sie ihre teilweise etwas unglücklich verlaufene Geschichte kennen und daraus Wichtiges gelernt haben. Anschließend erklärt Ihnen der Deutsche dann gern, was in Ihrem Heimatland so alles faul ist und für welche Genozide Sie sich verantwortlich fühlen sollten.“

Gerne nimmt er Sie auch mit zum Holocaust-Mahnmal in Berlin, vielleicht nach einem gemeinsamen Endspiel-Besuch. Im ungünstigsten Fall ist er dann stolz, nicht nur Vergangenheitsbewältigungs-, sondern auch Fußball-Weltmeister zu sein. Aber man soll den Teufel ja nicht an die Wand malen.

Hattips: Si Vis Pacem, Para Bellum & Spirit of Entebbe

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