Schnittmengenkonferenz

„Es gibt Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion“, hatte kein Geringerer als Oskar Lafontaine kürzlich verlautbaren lassen, dabei Individualismus gegeißelt, repressive Wohlfahrt angemahnt und ein Zinsverbot gefordert, bevor er den Schluss zog: „In einer Zeit, in der ganze Volkswirtschaften in die Krise stürzen, weil die Renditevorstellungen völlig absurd geworden sind, gibt es Grund für einen von der Linken zu führenden Dialog mit der islamisch geprägten Welt.“ So ordinär geht Antiimperialismus, und so bodenlos ist eine Linke mittlerweile geworden, deren Kontinuität nach dem Zusammenbruch der nominalsozialistischen Staaten vor allem darin besteht, in einer stark veränderten Welt an den alten Feinden festzuhalten – zuvörderst also weiterhin gegen die USA und Israel zu Felde zu ziehen – und sich, sozusagen aus alter Gewohnheit, noch mit den reaktionärsten Regimes und Vereinigungen gemein zu machen, weil die zur Attacke auf Amis und Juden, pardon: Zionisten blasen.

Man muss sich daher gar nicht wundern, wenn es zu organisierten Begegnungen dieser politischen Bewegungen respektive ihrer Organisationen kommt, aber darüber mokieren wird man sich ja noch dürfen: Ende März fand in der ägyptischen Hauptstadt die Vierte Kairo-Konferenz statt – die erste stieg im Dezember 2002, organisiert „von ägyptischen Antikriegsgegnern (!) und Antikapitalisten“, wie Attac sich ausdrückte –, eine viertägige Zusammenrottung von Antisemiten und Antiamerikanern, die von der nationalbolschewistisch-islamophilen Postille junge Welt so beschrieben wird:

„‚Weg mit George Bush, Hosni Mubarak und Tony Blair! Kifaya: Es reicht!’ war am Sonntag auf den Straßen Kairos zu hören. Die Demonstration war der krönende Abschluss der nunmehr vierten ‚Kairo-Konferenz gegen neoliberale Globalisierung, Krieg und Besatzung’, zu der vom 23. bis 26. März Delegierte aus über 20 Ländern des Nahen Ostens, aus Europa, Nordamerika und Asien in der ägyptischen Hauptstadt gekommen waren. Die Breite der Bewegung spiegelte sich unter den 1.500 Teilnehmern wieder: Sie reichte von jungen Aktivisten von Antiglobalisierungsgruppen und muslimischen Organisationen, bis hin zu Nassaristen, Sozialisten, Bauern und Gewerkschaftern.“

Und welche das waren, verraten die Verfasser – ein Mitglied von Attac und bei den Amerikahassern von der Achse des Friedens sowie eine WASG-Aktivistin – in dankenswerter Offenheit.* Zu den Vertretern „muslimischer Organisationen“ etwa gehörten unter anderem der palästinensische Kulturminister Atallah Abu Sabeh – der den Anwesenden in seiner Eröffnungsbrandrede „die ablehnende Haltung der Hamas gegenüber der Anerkennung des zionistischen Staates“ versicherte – sowie der „Repräsentant der palästinensischen Hamas im Libanon“, Usama Hamdan (Foto rechts), der, glaubt man der jungen Welt, gar Erstaunliches zu sagen hatte:

„Unser Widerstand in Palästina richtet sich gegen die israelische Besatzung, nicht gegen Juden. Für Palästinenser und speziell für die Hamas-Bewegung gibt es keine Probleme zwischen Arabern und Juden. Juden haben natürlich das Recht, ihre Religion auszuüben – so wie wir. Aber keiner hat das Recht, unser Land zu besetzen.“

Bei den eingefleischten Judenfressern von der Antiimperialistischen Koordination (AIK) aus Wien klingt der Bericht von der „Konferenz gegen Globalisierung, Imperialismus und Zionismus“, wie das Treffen dort firmiert, und von dem Beitrag des Vertreters der Terrorgruppe schon etwas realistischer:

„Die Konferenz gratulierte der Hamas zu ihrem Sieg und begrüßte die Entscheidung des palästinensischen Volkes für den Widerstand, gegen die Korruption und den Ausverkauf der unveräußerlichen nationalen Rechte der Palästinenser auf nationale Selbstbestimmung. Bei der abschließenden Pressekonferenz richtete der Hamas-Vertreter aus dem Libanon klare Worte an die anderen palästinensischen Fraktionen, sich nicht vor der Verantwortung zu drücken und sich an der Regierung der Hamas zu beteiligen. Er bekräftigte, dass die Hamas nicht bereit sei, Israel anzuerkennen, im Gegenteil, anstatt von der Hamas zu fordern dies zu tun, sei die Forderung an die arabischen und westlichen Staaten gestellt, eben diese Anerkennung des Staates Israel wieder zurückzunehmen.“

Was hat er denn nun gesagt, der Usama Hamdan? Vielleicht wirklich beides, das Erste auf Englisch und das Zweite auf Arabisch. Die Botschaft ist aber gewiss bei allen angekommen. Und hier sind sich linksvölkische Tagespresse und national-sozialistische Koordinierer denn auch wieder einig:

„Als wichtige Aufgabe formulierten die Teilnehmer in ihrer Abschlusserklärung, den Widerstand der palästinensischen Bevölkerung sowie der Hamas-Regierung gegen die Besatzung zu unterstützen: ‚Dafür ist breite Unterstützung und Solidarität notwendig, besonders von der arabischen Bevölkerung. Diese Aufgabe können wir nicht vom Kampf für Demokratie und Freiheit in der arabischen Welt trennen.’“

Das findet auch Ali Abdel Fattah, Sprecher der Moslembrüder in Alexandria – einer weiteren islamistischen Organisation also – und einer der Hauptorganisatoren der Konferenz. Mit ihm unterhielten sich zwei Kameraden von der AIK, und dieses Interview veröffentlichte nicht nur sie, sondern auch die junge Welt. Interessanterweise strich letztere dabei das abschließende Statement des Islamistenfunktionärs, doch die AIK war so frei:

Frage: „Im Westen gibt es den Eindruck, dass die Moslemischen Brüder nach ihrem Eintritt ins Parlament auch das Camp David Abkommen mit Israel akzeptieren würden. Was sagen Sie dazu?“ – Antwort: „Primär geht es uns darum dem Volkswillen Ausdruck zu verleihen. Wir werden dieses Abkommen einer Volksabstimmung unterziehen.“

Die Befürchtung der Interviewer, die Moslembrüder könnten eine Vereinbarung mit dem Todfeind – die der notorische Ludwig Watzal in seiner unnachahmlichen Art „ein palästinensisches Versailles“ zu bezeichnen sich nicht entblödete – einhalten, ist überflüssig. Der „Volkswille“ ist die Vernichtung Israels, aber das muss Abdel Fattah gar nicht offen aussprechen, um verstanden zu werden, zumal die Hamas gerade demonstriert, wie sie das mit den eliminatorischen Sehnsüchten zu handhaben gedenkt und wie man diese in ein demokratisch anmutendes Gewand kleidet. Warum die jW die letzte Passage der Unterredung also nicht druckte, bleibt ein Rätsel; die vertretenen Positionen und das, was sie inkriminieren, sind in diesem Blatt jedenfalls Konsens. Vielleicht ging der Redaktion nach dem harmlosen Offenen Brief einiger ihrer Autoren aber doch ein bisschen die Düse.

Weniger Bedenken gab es da, die Linken schildern zu lassen, warum sie nach Kairo gefahren sind, um dort mit Islamisten und anderen Terrorfreunden zu plauschen. Suzanne Esmat beispielsweise, Mitglied der „eine Kooperation und die Annäherung von Islamisten und Liberalen“ befürwortenden ägyptischen Gruppe Kifaya, pries den venezolanischen Präsidenten ob seiner zärtlichen Solidarität: „Der einzige, der den irakischen Widerstand gegen die Besatzung unterstützt, ist Hugo Chávez. Keine einzige arabische Regierung hat das bisher öffentlich so gesagt wie er.“ Und der unvermeidliche George Galloway (Foto links), Abgeordneter der britischen Linkspartei Respect – die als zweite britische Organisation neben der Socialist Workers Party nach Ägypten gekommen war –, sekundierte schneidig: „Die ganze Welt weiß, dass die USA im Irak besiegt worden sind. Keine einzige Straße können sie dort kontrollieren. Gemeinsam müssen wir weiter mobilisieren, damit die Truppen abziehen und ein Krieg gegen Iran verhindert wird.“ Petros Constantinou vom Europäischen Sozialforum schließlich rief die Teilnehmer der Kairoer Horror-Show zum ESF-Treffen im Mai nach Athen ein und kündigte einen „internationalen Aktionstag gegen den drohenden Angriff auf Iran“ sowie „eine große Antikriegsdemonstration“ an.

Kleinere Unstimmigkeiten gab es, folgt man dem Bericht der AIK, lediglich über die Frage eines Prominentenbesuchs:

„Auf die Frage, ob es richtig sei, dass Saddam Husseins Tochter hätte kommen wollen, jedoch nicht erwünscht gewesen wäre, hieß es, dass die Konferenz sich entschlossen hätte, sie nicht als Hauptrednerin einzuladen, um Konflikte zu vermeiden, sie aber als normale Teilnehmerin hätte kommen können.“

So blieb ein demonstrativer Willkommensgruß an das gestürzte massenmörderische Ba’th-Regime aus, aber das dürfte angesichts der ansonsten verhandelten Gemeinsamkeiten nicht weiter von Bedeutung gewesen sein.

Es wäre gefährlich, diese Konferenz bloß als ein Treffen fanatisierter Spinner zu belächeln. Die Islamisten sind auf der Suche nach Bündnispartnern und finden sie mit traumwandlerischer Sicherheit bei einer Linken, deren Verfasstheit der eingangs zitierte Oskar Lafontaine treffend umrissen hat. Anlass zur Selbstkritik bietet das dieser sich progressiv dünkenden Strömung augenscheinlich nicht. Ganz im Gegenteil führen der Hass auf Individualität, der Wunsch nach regressiver Gleichheit und Einordnung ins Kollektiv sowie das Ressentiment gegen diejenigen, die man für sämtliche Weltenübel verantwortlich macht, Subjekte zusammen, die sich zu anderen Zeiten auch schon mal weniger gemocht haben. Aber das Bündnis ist nicht nur ein taktisches, das der Losung „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ folgen würde. Die „Schnittmengen“, von denen Lafontaine in affirmativer Absicht sprach, werden tatsächlich größer. Das als Armutszeugnis zu werten, wäre eine dreiste Untertreibung.

* Weitere Organisationen werden auf der Internetseite der AIK genannt.
Hattip: Ivo

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