Brothers in Crime

Es gibt Zeiten, da werden die Kräfte der Vernunft einer ziemlich harten Belastungsprobe unterzogen – mehr als ohnehin schon. Im Moment ist es wieder mal so weit. Statt jede Diskussion über Cartoons, die nichts weiter getan haben, als ein Fabelwesen zu verbildlichen, höflich, aber bestimmt zurückzuweisen und das Selbstverständliche unter keinen Umständen in Zweifel ziehen zu lassen, sorgt man sich in nicht wenigen europäischen Ländern um den öffentlichen Frieden und dreht an der Schraube der Regression. Ob hier – was schon schlimm genug wäre – bloß falsche, aber widerrufbare Konzessionen gemacht werden oder nicht doch eine mehr als bedenklich stimmende Islamversteherei aus schierer Überzeugung betrieben wird, die weit schwieriger zu korrigieren wäre, ist noch nicht endgültig ausgemacht – auch wenn der Trend eher in die Richtung des Letztgenannten geht.

Diejenigen, die in der Öffentlichkeit auch nur zaghaft das Recht verteidigen, sich zum Islam so blasphemisch verhalten zu dürfen wie anderen Religionen gegenüber auch, stehen jedenfalls unter einem absurden Rechtfertigungsdruck. Verständnis ist angesagt – einer nicht eben geringen Zahl an Menschen gegenüber, denen ihre aufklärungsfeindliche Begeisterung für eine zutiefst reaktionäre Angelegenheit Zurichtung und Selbstzurichtung zugleich ist. Diese eigenartige Spielart von Toleranz & Respekt hält jedoch gleichzeitig an Zuschreibungen fest, die nicht zuletzt deshalb so gefährlich sind, weil sie einem regressiven Bedürfnis nach Ursprünglichkeit und Vermittlungslosigkeit entspringen, das nicht mehr vernunftbestimmt ist. Darüber hinaus rubriziert man dadurch zwangsläufig auch diejenigen unter die Kategorie Muslim respektive Muslima, die das gar nicht wollen, sondern sowohl dem Islam als auch ihrer Ethnifizierung gerade zu entfliehen versuchen.

Was auch immer den italienischen Reformminister Roberto Calderoli bemüßigt haben mag, in einer TV-Sendung unter seinem Hemd ein T-Shirt hervorgucken zu lassen, auf dem eine der Jyllands Posten-Karikaturen abgebildet war: Der Schritt an sich ist nicht kritikabel. Die Cartoons stellen keine rassistische Invektive dar und sind auch nicht als solche zu missbrauchen. Dass Calderoli zurücktreten musste, weil er sich– kurios genug – als Minister ganz offensichtlich gegen die Staatsräson gestellt hatte, ist schlicht nicht einzusehen.

Derweil werfen sich die italienischen Linken in Pose und nutzen die Gunst der Stunde. Mauro Bertini ist einer von ihnen. Denn er ist kommunistischer Bürgermeister der knapp 60.000 Einwohner zählenden Stadt Marano bei Neapel. Nicht so schrecklich bedeutsam vielleicht, aber Bertini weiß sich in Szene zu setzen: Die Nachrichtenagentur APA berichtete gestern, er habe „sich bei einer pro-palästinensischen Kundgebung am Wochenende in Rom kritisch über Israel geäußert“. Was Israel-kritisch meint, wenn ein deutscher oder, wie in diesem Fall, österreichischer Meldedienst davon schreibt, davon kündet das folgende Zitat von Bertini: „Der Staat Israel ist wie eine Faust in den Magen der Menschheit. Man könnte darauf gern verzichten.“

Dass sich diese Sätze nicht nur anhören wie „Die Juden sind unser Unglück“, sondern diesen 1879 getätigten Ausruf des Berliner Geschichtsprofessors Heinrich von Treitschke geradezu paraphrasieren, liegt an dem antizionistisch camouflierten Antisemitismus, der aus den Worten des linksradikalen Kleinstadtbürgermeisters spricht und der ein Bindeglied zwischen Linken und Islamisten ist. Nach Bertinis Rücktritt rief hier allerdings niemand. Der Präsident der jüdischen Gemeinschaft in Italien, Amos Luzzatto, forderte lediglich eine Entschuldigung und dürfte dabei geahnt haben, was er auslösen würde, wenn er die Demission des Stadtoberhauptes verlangt hätte – was die Sache noch übler macht. Der Präsident der italienischen Abgeordnetenkammer, Pier Ferdinando Casini, mochte ebenfalls keine unmittelbaren Konsequenzen einklagen, stellte aber klar: „Die Worte Bertinis sind skandalös. Ich entschuldige mich bei Israel für diese Aussagen.“

Doch Bertini ist nicht der einzige Linke, der kurz vor den italienischen Parlamentswahlen am 9. April 2006 zu denjenigen gehört, die in den Medien, immerhin, als Skandalkandidaten gehandelt werden, nachdem Kammerpräsident Casini die Parteien aufgefordert hatte, ihre Listen um besonders unangenehm Auffällige zu dezimieren. Rifondazione-Kandidat Marco Ferrando etwa hatte den Anschlag auf das italienische Hauptquartier im irakischen Nassiriya, bei dem im November 2003 siebzehn italienische Soldaten und zwei Zivilisten ums Leben gekommen waren, als legitime „Widerstandsaktion“ klassifiziert. Sein Parteigenosse Francesco Caruso sekundierte: „Ich verurteile die Selbstmordattentäter im Irak nicht.“ Auch sie seien „Widerstandskämpfer gegen die amerikanische Besatzung im Irak“.

Die politische Großwetterlage auf der Halbinsel stellt sich also finster genug dar – und zu allem Überfluss kommt hinzu, dass in italienischen Fußballstadien seit Jahren besonders widerwärtige Manifestationen zu beklagen sind. Zu nennen wären hier ist erster Linie die beiden römischen Erstligisten Lazio und AS respektive deren Anhängerschaft. Vor allem die Lazio-Ultras schaffen es immer wieder mit übelsten antisemitischen Aktionen in die Schlagzeilen. Bereits 1999 hatten sie beim Stadtderby ein riesiges Transparent auf der Tribüne platziert, auf dem geschrieben stand: „Auschwitz la vostra patria, i forni le vostre case!“ („Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind euer Zuhause!“) Ihr Held ist der Spieler Paolo di Canio, der nach Toren oder Auswechslungen gerne mal den Hitlergruß entbietet und zudem entsprechende Gesinnungstatoos auf seinen Oberarmen trägt. Doch die Fans des Lokalrivalen AS Rom holen kräftig auf: Beim Spiel ihres Teams gegen den linken Vorzeigeverein Livorno entrollten sie kürzlich ein Spruchband mit der Aufschrift: „Lazio – Livorno, stessa iniziale, stesso forno“ („Dieselben Initialen, dieselben Öfen“). Hinzu kamen zahllose Hakenkreuzfahnen und allerlei andere faschistische und nationalsozialistische Devotionalien sowie heftige Ausschreitungen beim Spiel. Dem AS Rom brachte das zwar eine Platzsperre ein, aber das Problem besteht dessen ungeachtet natürlich fort.

Als lobendes Gegenbeispiel wird in diesem Zusammenhang nicht nur bei den Linken der bereits erwähnte Underdog aus Livorno gesehen. Dessen Fans schwenken im Stadion rote und Che Guevara-Fahnen, verehren Hammer & Sichel und sprühen Stalin-Parolen an Wände und Mauern. Zudem haben sie mit Cristiano Lucarelli sozusagen einen der ihren in der Mannschaft: Er läuft mit der Rückennummer 99 auf – die an das Gründungsdatum der inzwischen verbotenen Ultra-Vereinigung Brigate Autonome Livornese erinnern soll –, er widersteht den Verlockungen des großen Geldes und verlautbart kämpferische Parolen. Die Anhänger des Teams fühlen sich als Unterdrückte, als Außenseiter, aber sie kultivieren diese Rolle und wähnen sich als letzte Aufrechte im Kampf gegen unbarmherziges Business und Nazis im Stadion.

Dabei ist so manche mit den Rechten geschlagene Schlacht mehr eine Abrechnung unter Schurken denn Ausdruck eines elementaren Widerspruchs. Denn Juden und Amerikaner mögen weder die einen noch die anderen. Und so ekelhaft die antisemitischen Transparente römischer Fans sind, so abstoßend fällt die Antwort der Livorneser Ultras aus. Als sie bei einem Heimspiel ihrer Mannschaft gegen Lazio die gereckten Arme der Römer sahen, packten sie ein Banner aus. Die obszöne Aufschrift: „Ricordare l’Olocausto per condannare Israele! Palestina libera!” („Den Holocaust erinnern, um Israel zu verurteilen! Freiheit für Palästina!“) Und was war zwischen diesen beiden Forderungen aufgemalt? Ein Hakenkreuz, in einem weißen Kreis auf rotem Grund.

Brothers in crime. Gegensätze sehen anders aus.

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