Für Araber und andere Tiere

Über die bizarre, laute und höchst aggressive Gruppierung Tierrechtsaktion Nord, die sich mit all ihrer Verve nicht nur den Schlachtern unschuldiger Tiere, sondern auch den Schlächtern unschuldiger Völker widmet – mit anderen Worten: den USA und Israel – und ihre kruden Thesen nun auch auf einem Kongress an der Hamburger Uni auszubreiten gedenkt.


VON DER HAMBURGER STUDIENBIBLIOTHEK*



Wer sich über „Repression“ empört, kann in der Linken mit fraktionsübergreifender Zustimmung rechnen. Weil aber Repression das linke Konsensthema schlechthin ist, reicht die bloße Empörung nicht aus, um sich als Avantgarde zu profilieren. Es muss schon ein Alleinstellungsmerkmal dazu kommen – etwa die Behauptung, im Visier staatlicher Unterdrückungspolitik stünden in erster Linie nicht autonome Antifas, muslimische Terrorverdächtige oder auch Hartz-IV-Empfänger, sondern vor allem: Tierschützer.

Der Verbreitung dieser originellen These hat sich ein Kongress unter dem Titel „New Roads of Solidarity“ verschrieben, der vom 8. bis 10. Oktober an der Hamburger Universität stattfinden wird. Denn in Zeiten des Reformstaus sind neue Wege immer gut. „Wer auch nur“, heißt es verschwörerisch in der Ankündigung, „durch subversives Bewusstsein auffällt, dem droht Kriminalisierung“. Die aber richte sich vor allem gegen diejenigen, „die nach einer ganz anderen Gesellschaft freier und mit der Natur versöhnter Menschen streben“, und wichtigtuerisch ist von der „Herausbildung bellizistischer, xeno- und theriophober Ideologeme für die rücksichtslose Durchsetzung von Profitinteressen“ die Rede.

Mit der Feststellung, wie drollig das alles ist, könnte es auch schon sein Bewenden haben: Dass Aktivisten, die Pelzmäntel zerstören und Tiere aus Labors befreien, die staatliche Verfolgung von Eigentumsdelikten nicht als Risiko einkalkulieren, sondern zu zetern beginnen, wenn auf ihr herzensgutes Tun statt des Bundesverdienstkreuzes eine Anzeige folgt, bestätigt nur einmal mehr, dass es weniger das Leiden der Kreatur ist, was Tierrechtler umtreibt, sondern die Anerkennungssucht schöner Seelen. Nur kommt im vorliegenden Falle noch etwas hinzu: Als moralisch hochstehende Charaktere widmen sich die Veranstalter nämlich nicht nur den Schlachtern unschuldiger Tiere, sondern auch den Schlächtern unschuldiger Völker – mit anderen Worten: den USA und Israel.

Hinter den Kongressveranstaltern, die sich pompös „Wissenschaftlicher Hochschulzusammenschluss zur Erforschung des Mensch-Natur-Verhältnisses“ nennen, verbirgt sich nämlich niemand anderes als die Hamburger Schlägertruppe Tierrechtsaktion Nord (TAN). Diese war vor einem Jahr, gemeinsam mit anderen antiimperialistischen Gruppen, an der militanten Verhinderung einer Aufführung von Claude Lanzmanns Film Warum Israel beteiligt, bei der neben Faustschlägen mit Quarzsandhandschuhen auch der Ruf „Judenschweine“ fiel. Auch in den Monaten darauf beteiligte sich die TAN am Kampf gegen „Zionismus und Philosemitimus“, der in Hamburg gerne in Form systematischer Überfälle auf Freundinnen und Freunde Israels ausgetragen wird. Gegen mindestens ein Mitglied der TAN ermittelt deswegen inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung und Morddrohung.

Kein Wunder also, dass die Tierrechtler das Thema „Repression“ für sich entdecken. Schon im Juni diesen Jahres wurde, als „Solikneipe“ für die Opfer der „Repression im Auftrag von Antideutschen“, zum „Saufen gegen antideutsch“ ins Hamburger antiimperialistische Zentrum B5 geladen (Foto oben). Der anstehende Kongress wiederholt das Ganze auf theoretisch. So darf etwa der israelische Tierrechtsaktivist Yossi Wolfson darlegen, warum israelische Repressionen gegen palästinensische Hamas-Sympathisanten im „Prinzip [...] dasselbe“ seien wie solche gegen „die Tierrechtsbewegung“ – weswegen es endlich an der Zeit sei, „gemeinsame Interessen und Anliegen“ festzustellen. (Bekannt geworden ist Wolfson im letzten Jahr mit einem offenen Brief an die deutsche Linke, die für ihn „immer ein Vorbild gewesen“ sei. Doch statt dass dieses Geständnis ihn für jede weitere Debatte disqualifiziert hätte, wurden seine Warnungen vor den Gefahren der Antizionismuskritik in jeder zweiten linken Gazette begeistert nachgedruckt.)

Geladen ist zudem, als Repräsentantin der loony academics, Sabine Schiffer mit ihrem Lieblingsthema, der „Islamophobie“ – denn sind Muslime nicht ebenfalls, irgendwie, eine gefährdete Spezies? Auch der notorische Zuckermann findet wieder einmal Gelegenheit, im Beifall deutscher Israelfeinde zu baden; diesmal mit feinsinnigen Aphorismen über die gute Rosa Luxemburg und den bösen jüdischen Gott, der bei der Sintflut nicht bloß die Menschen, sondern auch die Tiere vernichtete. Bei der Tierrechtsaktion Nord ist Zuckermann dabei nicht zum ersten Mal zu Gast: „Dass TierrechtlerInnen weiter gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren auf die Straße gehen, ist sicher. Auch Zuckermann wird weiterhin in Israel gegen die Mauer und andere Ungerechtigkeiten im ‚gelobten Land’ demonstrieren“, lautete das Resümee eines gemeinsamen Workshops aus dem Jahr 2004. Und ginge es auf der Welt mit rechten Dingen zu, würde das „auch“ jeden weiteren Satz erübrigen. Die Menschenfeindlichkeit, die aus dem Hass aufs „gelobte Land“ Israel spricht, kehrt sich zwangsläufig auch gegen die Objekte dessen, was sie Solidarität nennen: für Araber und andere Tiere. So aber kämpfen sie weiterhin Seit’ an Seit’, für die putzigen Puschelwesen und für die putzigen Pallis, und sie dürfen sich dabei ungestraft über „xeno- und teriophobe Ideologeme“ ereifern.

Eine Podiumsdiskussion über „den ‚War on Terror’ und modernen Faschismus“ holt schließlich zum großen Wurf aus: Wenn Faschismus „nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus“ heißt, leben wir nicht eigentlich, recht besehen, schon darin? Und hat es dann nicht Methode, dass gewisse Ostküstenphilosophen den Begriff des Faschismus systematisch vernebeln? „Immer mehr WissenschaftlerInnen – darunter der in vielen Kreisen der deutschen Linken populäre Historiker Moishe Postone – wollen, wie der Vordenker des Neoliberalismus Friedrich von Hayek, den klassischen Faschismus nicht mehr als Form bürgerlicher Klassenherrschaft begreifen, sondern als antikapitalistische Massenrevolte ‚von unten’ gegen Liberalismus und Hedonismus“, enthüllt der Ankündigungstext die Machenschaften prozionistischer Arbeiterfeinde. Zum Glück aber stehen Georg Fülberth, Wolfgang Fritz Haug, Rolf Becker, Thomas Wagner und Jürgen Reents bereit, die Wahrheit wieder in ihr Recht zu setzen: „dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse bleiben sollen“; im Auftrag der herrschenden Klasse also. Dimitroff hatte eben doch Recht.

Man kann sich empören, dass honorige Linke wie Fülberth, Haug oder Reents die Schmuddelkinder aufwerten. Aber das verkennt, dass die Trennung künstlich ist. Haug hat schon vor Jahren wacker Attac gegen allerlei hinterlistige Antisemitismuskeulen verteidigt; für Reents’ Neues Deutschland berichtete ausgerechnet Susan Witt-Stahl, die Chefideologin der TAN, über den Konflikt um die „Warum Israel“-Blockade; und im Hamburger Landesverband von Fülberths Linkspartei sitzt, neben allerlei anderen obskuren Gestalten, mit Christian Stache die Kontaktperson der Kongressveranstalter im Vorstand. Möglich, dass Fülberth oder Haug nicht direkt Partei ergreifen werden, wenn sich im Panel über die „staatliche Repression gegen antikapitalistische Linke“ darüber echauffiert werden wird, dass man hierzulande nicht einmal mehr „Zionistenschweine“ schlägern darf, ohne gleich als Antisemit verfolgt zu werden. Aber das ganze Setting aus linken Schlagworten und Allerweltsweisheiten ist doch derart, dass jedem guten Menschen warm ums Herz wird – und da wird man doch wegen derlei Lappalien nicht die schöne Stimmung kaputt machen wollen.

* Die Hamburger Studienbibliothek ist ein Zusammenschluss für die Aneignung und Entwicklung kritischer Gesellschaftstheorie. Zu ihrer Website geht es hier.

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