Das „Kana-Massaker“ der Hamas?

Es war abzusehen, dass irgendwann im Verlauf der Operation Gegossenes Blei der Tag kommen würde, an dem die Medien hierzulande endlich das Ereignis präsentieren, mit dem sie Israel endgültig des planvollen, kaltblütigen Mordes an unschuldigen Zivilisten überführen zu können glauben. Nun scheint es so weit zu sein: Ein Angriff der israelischen Armee auf eine Schule der Vereinten Nationen in Djabalija im Norden des Gazastreifens hatte zwischen drei und 42 Tote – die Angaben schwanken erstaunlich stark – zur Folge. Der Fall scheint auf den ersten Blick klar: Bis zu 1.000 Flüchtlinge hielten sich in der Schule auf, die vom Uno-Palästinenserhilfswerk UNRWA betrieben wird, und wurden dort mit Decken, Essen und Trinkwasser versorgt, als die IDF ohne Rücksicht auf Verluste zur Attacke blies. Das zumindest haben palästinensische Journalisten Spiegel Online gegenüber behauptet. „Die Leute campieren in den Schulen, weil sie sich in Uno-Gebäuden sicher fühlen. Auf dem Dach sind mit großen blauen Lettern Markierungen angebracht, die auch aus großer Höhe zu sehen sind. Die Israelis wissen genau, wo die Uno-Schulen liegen. Wir übermitteln ihnen sogar die GPS-Daten unserer Gebäude.“ Das wiederum hat UNRWA-Sprecher Adnan Abu Hasna zum selben Medium gesagt. Und auch der Leiter der Uno-Vertretung in Gaza, John Ging, hat sich geäußert: „Niemand ist sicher im Gaza-Streifen. Alle hier sind terrorisiert und traumatisiert.“ Wer wollte also daran zweifeln, dass die israelische Armee da ein veritables Kriegsverbrechen begangen hat?

Vielleicht ist die Angelegenheit aber doch nicht so eindeutig, wie es zunächst scheint. Denn einem Bericht der Jerusalem Post und Angaben der IDF zufolge hatte die Hamas von der Schule aus israelische Soldaten mit Mörsergranaten beschossen, bevor diese das Feuer erwiderten. Unter den Getöteten hätten sich auch die Hamas-Funktionäre Immad Abu Askar und Hassan Abu Askar befunden. Das Gebäude sei von der Hamas mit Sprengfallen versehen worden; deren Explosion habe dann zum Tod zahlreicher Menschen in der Schule geführt. Die Armee präsentierte zudem ein Video aus dem Jahr 2007, das zeigt, wie Terroristen just diese UN-Einrichtung zur Abschussvorrichtung umfunktionieren. Ein Armeesprecher sagte denn auch: „Die Hamas hat bereits in der Vergangenheit aus Schulen heraus auf Israel und seine Truppen geschossen und dabei auf zynische Art Zivilisten missbraucht.“ Von alledem war in den meisten deutschen Medien jedoch allenfalls am Rande die Rede, und das, obwohl die Darstellung der IDF der Version der palästinensischen Journalisten und der UN-Sprecher elementar widerspricht, was zumindest zu einer gewissen journalistischen Zurückhaltung hätte führen müssen. Aber man wollte den palästinensischen Quellen ganz offensichtlich lieber Glauben schenken als den israelischen.

Dabei könnten Ulrike Putz & Co. sehr wohl wissen, was noch nicht einmal die Hamas selbst bestreitet: Die Terroristen benutzen Bildungseinrichtungen, Kindergärten, Krankenhäuser und Moscheen als Waffen- und Raketendepots; bereits mehrfach erklärten sich so auch die heftigen Folgeexplosionen nach einem Beschuss von Gebäuden durch die israelischen Streitkräfte. Die Hamas verschanzt sich in diesen Einrichtungen und in Wohnvierteln, sie schreckt nicht einmal davor zurück, Kinder als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, weil sie auf die Manschetten der Israelis vertraut, die sie selbst nicht kennt. Sie verstößt damit übrigens auch gegen den Artikel 58 a-c der Genfer Konvention, der dazu verpflichtet, Zivilisten im Kriegsfall von militärischen Einrichtungen fernzuhalten, diese Einrichtungen nicht in der Nähe von dicht bevölkerten Wohngebieten zu errichten und auch sonst alles zu tun, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Die Hamas ist es, die die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten gewaltsam aufgehoben hat: Jeder Jude ist für sie ein legitimes Angriffsziel, jeder Muslim ein Gotteskrieger und potenzieller Märtyrer im Kampf gegen den zionistischen Feind. Angesichts dessen ausgerechnet Israel den Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit zu machen, ist geradezu grotesk.

Sollten die Angaben der IDF zu dem Vorfall in Djabalija stimmen – und dafür spricht erheblich mehr als für die Aussagen der palästinensischen Journalisten und der palästinensischen UN-Mitarbeiter –, dann gingen die in der Schule Getöteten einmal mehr eindeutig auf das Konto der Hamas; zudem müsste sich die UNRWA – nicht zum ersten Mal – einige sehr deutliche Fragen gefallen lassen. Doch die meisten Medien hierzulande verfahren nach dem Leitsatz, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Fast schon genüsslich zogen beispielsweise Ulrike Putz und Yassin Musharbash auf Spiegel Online einen Vergleich zu „einem ähnlich blutigen Ereignis aus dem Libanon-Krieg 2006“: „Am Ende der dritten Kriegswoche schoss die israelische Luftwaffe im südlibanesischen Dorf Kana damals auf ein Haus, in dem eine Großfamilie Zuflucht gesucht hatte. In ersten Berichten war damals von knapp 60 Toten die Rede, schließlich wurden 28 zivile Opfer gezählt. 16 von ihnen waren Kinder. Kana löste 2006 weltweit einen Sturm der Entrüstung aus, der Israel zum Einlenken zwang: Einen Tag nach dem fatalen Angriff rief Jerusalem eine 48-stündige Waffenruhe aus, die den Bewohnern des Südlibanons die Flucht aus dem Kriegsgebiet ermöglichen sollte. Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung wurde Kana damit zu einem Wendepunkt des Krieges.“ Und weiter: „Auch die internationalen Bemühungen um einen Waffenstillstand gewannen nach Kana deutlich an Fahrt. Die Attacken auf die Schulen in Djabalija könnten nun einen ähnlichen Effekt haben.“

Die Parallelen zwischen Djabalija und Kana sind tatsächlich nicht von der Hand zu weisen – allerdings aus anderen Gründen, als Putz und Musharbash glauben. Bis heute ist längst nicht eindeutig geklärt, was genau in Kana geschah; dass das Ganze seinerzeit eine propagandistische Inszenierung der Hizbollah war – wer erinnert sich nicht an den sagenhaften „Green Helmet“ (Foto)? –, ist jedoch alles andere als abwegig. Auch damals diente ein angegriffenes Gebäude den Islamisten offenbar als Waffenversteck, auch damals wurden aller Wahrscheinlichkeit nach Zivilisten von den Gotteskriegern als Kanonenfutter missbraucht. Zudem gab es eine Reihe weiterer Ungereimtheiten, an denen die Medien jedoch wenig Interesse zeigten. Clemens Wergin – eine der rühmlichen Ausnahmen von der journalistischen Regel – zog seinerzeit ein Resümee, das auch zu den Ereignissen in Djabalija perfekt passen würde: „Der tragische Vorfall macht deutlich, dass Terroristen eigentlich nur Vorteile daraus haben, aus bewohnten Gebieten heraus zu operieren. Schreckt der Gegner vor Angriffen zurück, um Zivilisten zu schonen, machen sich die Extremisten unangreifbar. Werden die Extremisten angegriffen, können sie die Toten für ihren Propagandakrieg benutzen. Die Weltöffentlichkeit wird auch diesmal die Israelis für die vielen Toten verantwortlich machen und nicht etwa die Hizbollah, die Zivilisten als Geiseln ihrer Militäraktionen genommen hat.“ Folgerichtig warnte nun der israelische Radiokorrespondent Gal Berger: „Es besteht die Gefahr, dass die Hamas hier ihr Kana-Massaker konstruiert. Die israelische Armee muss alles tun, um das zu verhindern.“

Allein: Ihre Möglichkeiten dazu sind begrenzt. Auf ihre eigene Art sind die Verstocktheit und die Faktenresistenz der meisten europäischen Medien und Regierungen ähnlich hartnäckig wie die Hamas. Nicht auszuschließen deshalb, dass der diplomatische Druck auf Israel nun deutlich stärker wird als bislang, obwohl für die Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe auch nach den Geschehnissen in Djabalija aus den genannten Gründen kein Anlass besteht. Eine solche Waffenruhe würde zudem vor allem der Hamas nützen – und die hätte es dann einmal mehr geschafft, mit ihrem eiskalt kalkulierten Vorgehen auch noch eine Verschnaufpause gewährt zu bekommen.

%d Bloggern gefällt das: