Kleiner Leitfaden für „Israelkritiker“

Du hast es in der Zeitung gelesen oder in der Glotze gesehen: Die Bundeskanzlerin ist in Israel, weil Israel demnächst 60 Jahre alt wird. Sie hat sich dort mit Ehud Olmert und Shimon Peres getroffen, aber natürlich kein einziges Wort darüber verloren, wie ganz und gar unmenschlich Israel die Palästinenser behandelt. Stattdessen hat die blöde Kuh was von den „besonderen Beziehungen“ zwischen Deutschland und Israel erzählt und über die „immer währende geschichtliche Verantwortung“ geredet. Das regt dich maßlos auf, weil du das erstens nicht mehr hören kannst und zweitens findest, dass die Israelis sich viel zu viel ungestraft herausnehmen. Und das auch noch mit deutschen Steuergeldern! Jetzt musst du deinen Ärger dringend loswerden, aber dabei hast du ein Problem. Denn du fürchtest, von der Antisemitismuskeule getroffen zu werden, die deiner Ansicht nach überall geschwungen wird. Und ein Antisemit, das bist du nun wirklich nicht; schließlich willst du nur Israel ein bisschen kritisieren, um das du dir ganz viele Sorgen machst. Das wird man ja wohl noch dürfen, gerade unter Freunden! Aber hab keine Angst: Klar darfst du das. Du musst eigentlich nur ein paar Dinge beachten:

  • Mach als Erstes immer klar, dass du aus der deutschen Geschichte gelernt hast. Du bist nämlich eindeutig gegen Neonazis und findest Parolen wie „Wehret den Anfängen!“ total gut und wichtig. Du hast dir schon mal das Holocaust-Mahnmal in Berlin angeguckt und sämtliche Hitler-Dokus von Guido Knopp gesehen, auf deinem Fensterbrett steht eine Menorah, und am 9. November gehst du regelmäßig zu einer Gedenkveranstaltung und verdrückst ein paar Tränen wegen der toten Juden. So etwas darf nämlich nie wieder passieren! Nie wieder Krieg! Nie wieder Völkermord!
  • Weil du aus der deutschen Geschichte also gründlichst gelernt hast, meldest du dich immer dann zu Wort, wenn es irgendwo auf der Welt ungerecht zugeht. Das ist schließlich deine Pflicht, gerade als Deutscher. Da bist du ganz einer Meinung mit Alfred Grosser, und der muss es schließlich wissen, weil er 1933 mit seiner Familie vor den Nazis fliehen musste. Heute sagt er in der taz, einer deiner Lieblingszeitungen: „Ich denke, dass die Lehre aus der Ablehnung des Hitlerismus eine universelle ist. Überall, wo Menschenrechte eklatant verletzt werden, sollte man im Namen des Antinazismus protestieren. Das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung aus der NS-Zeit.“ Und es ist auch deine!
  • Denn Auschwitz ist quasi überall, und besonders eklatant verletzt natürlich Israel seit Jahr und Tag die Menschenrechte. Ausgerechnet Israel! Dabei müssten es die Juden doch nun wirklich besser wissen, wegen Auschwitz und so. Aber nichts haben sie gelernt! Das findet auch Grosser: „Ich bin als kleiner Jude 1933 in Frankfurt gedemütigt worden. Ich kann nicht verstehen, dass Juden demütigen. Es geht auch um das Verständnis für das Leiden der anderen.“ Grosser sagt außerdem: „Es gab Kriegsverbrechen in Gaza – doch das anzusprechen, traut sich niemand, weil Schuldgefühle dominieren.“ Dafür bist du diesem mutigen Mann echt dankbar.
  • Wenn es nämlich Juden gibt, die das sagen, was auch du denkst – und es gibt eine ganze Menge! –, kannst du dich bequem auf sie als Kronzeugen berufen und so die Antisemitismuskeule souverän parieren. Schließlich können Juden ja gar nicht antisemitisch sein – sie sind doch Juden! Also hast du immer ein paar Zitate von ihnen auf Lager, nicht nur von Alfred Grosser, sondern auch von Uri Avnery, Felicia Langer, Moshe Zuckermann, Evelyn Hecht-Galinski oder Abi Melzer. Denn das sind antizionistische, also gute Juden. Und Antizionismus ist, wie jedes Kind weiß, was ganz anderes als Antisemitismus. Weil: Zionismus ist ja Rassismus, und du bist natürlich gegen jeden Rassismus. Gerade als Deutscher.
  • Aber denk daran: Wenn du dich nun auf solche Juden berufst, vergiss nie, laut darüber zu jammern, dass man als Deutscher Israel ja nicht kritisieren dürfe. Du musst nicht nachweisen, wer das verhindert oder verbietet, denn es fragt dich normalerweise sowieso niemand danach. Und wenn doch, dann schreib oder sag irgendwas mit „der Zentralrat“, das hört sich unverdächtiger an als „jüdische Weltverschwörung“, aber alle wissen, dass ungefähr das Gleiche gemeint ist. Mach außerdem einen auf progressiv, das kommt immer gut. Nimm dir am besten einfach taz-Leser „Klaus B.“ zum Vorbild: „Danke für Ihre Äußerungen, Herr Grosser. Leider kann man in Deutschland seine Meinung zu Israel nicht öffentlich äußern, da man gleich als Faschist gilt. Ich bin aber ‚links’ eingestellt und kritisiere daher das destruktive militaristische Verhalten Israels gegenüber seinen Nachbarn.“ Du siehst, wie einfach das ist: Nur drei Sätze, und schon ist man aus dem Schneider.
  • So gewappnet, kannst du jetzt sogar behaupten, dass Israel mit den Palästinensern das macht, was damals die Nazis mit den Juden gemacht haben, und dass es einen Vernichtungskrieg führt. Auf diese Weise schlägst du praktischerweise gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Du zeigst, dass du die Lehren der deutschen Vergangenheit kennst, du tust Alfred Grosser und Abi Melzer einen großen Gefallen, und du machst deutlich, dass du dir nicht einfach den Mund verbieten lässt, sondern im Gegenteil todesmutig die Wahrheit sagst. Außerdem befindest du dich in kuscheliger Gesellschaft, denn deine Behauptungen werden von einer satten Mehrheit deiner Landsleute geteilt. Diese Mehrheit wird natürlich von einer Minderheit unterdrückt, die die Macht hat und den Deutschen die Israelkritik verbietet. Aber die da oben machen ja sowieso, was sie wollen.
  • Ansonsten kannst du getrost so argumentieren, wie die ganzen Nahostkorrespondenten das auch tun: Die Palästinenser sind immer die Opfer, die Israelis immer die Täter. Alles, was die Palästinenser tun, ist deshalb nur eine irgendwo verständliche Reaktion auf die brutale Unterdrückung durch den Judenstaat, und alles, was die Israelis tun, ist nur ein neuerliches Zeichen ihrer Brutalität und sorgt außerdem dafür, dass sich die Gewaltspirale (ein ganz wichtiger Begriff!) weiter dreht. Lass dich nicht davon irritieren, dass die Medien Israel zu kritisieren scheinen – das täuscht, denn in Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer, aber das dürfen sie natürlich nicht schreiben, wg. deutscher Geschichte, zionistischer Lobby und so.

Jetzt bist du fit für die Israelkritik; niemand kann dir mehr etwas anhaben. Antisemitismus? Ach was! Und nun schnell ins Forum des Focus und darüber abgestimmt, ob Angela Merkel „Israel vor der Knesset kritisieren“ soll. Denn bisher finden erst 76 Prozent:* „Ja. Merkel muss die israelische Apartheidspolitik anprangern.“ Und das ist noch viel zu wenig, nicht wahr?

* Stand: 17. März 2008, 17.45 Uhr. Seit dem 18. März ist das Forum nur noch mit einem Login zu betreten.

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