Germans don’t play games

Eins vorweg, um Missverständnissen vorzubeugen: Qualifizierungen, die begrifflich und inhaltlich auf die tausend deutschen Jahre zwischen 1933 und 1945 abstellen, sollte man mit Bedacht und gutem (!) Grund einsetzen. Nicht alles, was die Lebensfreude trübt, ist gleich automatisch faschistisch – nicht das morgendliche Klingeln des Weckers und auch nicht behördliche Maßnahmen, die zum Disziplinierungs- und Repressionsarsenal auch bürgerlich-demokratischer Staaten gehören und daher einer pointierten Kritik ihrer Voraussetzungen und Ziele bedürfen statt einer mehr oder minder umstandslosen Parallelisierung mit dem Terror des NS-Regimes. Ein allzu inflationärer Gebrauch des Vergleichs mit dem Nationalsozialismus läuft stets Gefahr, diesen zu bagatellisieren und ein Problem dadurch eher zu vernebeln denn zu erhellen.

Doch mit Relativierungen hat man reichlich Erfahrung in einem Land, das militärisch zur Kapitulation gezwungen werden musste, in dem die Befreiung der Welt von der deutschen Barbarei mehrheitlich als Niederlage betrachtet wurde, wo man alsbald einen Schlussstrich einklagte und daran ging, den Befreiern und ihren Verbündeten vorzurechnen, im Grunde gar nicht anders zu handeln als die braunen Außerirdischen, zu deren Opfern man sich überdies selbst zählte. Mindestens letzteres ist bis heute so und allemal ein Charakteristikum der sich geläutert wähnenden Nation, die offensiv beansprucht, eigenmächtig darüber entscheiden zu dürfen, wer und was ein Nazi ist: Milosevic mit seinen hufeisenförmigen Konzentrationslagern im Kosovo natürlich, Bush sowieso – und selbstmurmelnd die Juden, Verzeihung: Israelis. Über letztere glauben 68,3 Prozent der Deutschen zu wissen, dass sie einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führen, genauso viele „ärgern sich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“, 51,2 Prozent sind der Ansicht, dass das, „was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, im Prinzip auch nichts anderes ist als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“, und 44,4 Prozent können „bei der Politik, die Israel macht, gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. 65 Prozent halten Israel außerdem für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“.

Weshalb man es sich hierzulande streng verbittet, ausgerechnet von Bürgern des Staates, der als Konsequenz aus der Vernichtung der europäischen Juden gegründet wurde, mit Termini bedacht zu werden, die man gegen sie selbst in Anschlag zu bringen sich längst zur Gewohnheit gemacht hat:

„Bei zwei verschiedenen Anlässen brachten sich kürzlich israelische Bürger in Deutschland in Schwierigkeiten, nachdem sie auf Beamte geschimpft und sie als Nazis bezeichnet hatten. […] Im einen Fall geriet eine israelische Frau am Frankfurter Flughafen in einen Streit mit einem deutschen Zollbeamten, nachdem eine große Menge Zigaretten in ihrem Gepäck gefunden worden war. Die Israelin erregte sich und bezeichnete die Zollbeamten als ‚Nazis’. Die Beamten riefen sofort die Polizei; die Israelin wurde in eine Arrestzelle gesperrt und erst nach einer unangenehmen Übernachtung frei gelassen. Im zweiten Fall wollte sich eine israelische Frau am Düsseldorfer Flughafen Steuern zurückerstatten lassen und war verärgert über den Betrag, den sie erhielt. Laut der örtlichen Polizei sagte die Israelin zu ihrem Freund: ‚Guck dir diesen Nazi an.’ Auch hier wurde die Polizei gerufen, die Frau zwei Stunden lang verhört und dann gezwungen, eine Geldstrafe zu bezahlen. Sie bestreitet jedoch, das Wort ‚Nazi’ verwendet zu haben, und kündigte an, die deutsche Regierung auf Schadensersatz zu verklagen.“

Nun könnte man es ja als erfreulich rühmen, dass es in diesen Breitengraden inzwischen als Beleidigung betrachtet wird und nicht mehr als Auszeichnung, wenn man einen Nazi genannt wird – gäbe es da nicht ein paar Einwände. Zwei Drittel der Deutschen halten die Israelis für die politischen Erben des Führers, verdrehen also dreist Opfer und Täter, ohne dass das zum Skandal taugen würde. Wenn dann jedoch die eigentlichen Nachlassverwalter von denen, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte, an ihre Vorfahren erinnert werden, wird die Staatsgewalt eingeschaltet. Die exekutiert den postnazistischen Konsens und verhängt gegen die Überlebenden der Shoa respektive ihre Nachfahren Geld- oder sogar Haftstrafen, wo eine höfliche, aber bestimmte Distanzierung ihres Personals von deutsch-faschistischem Gedankengut die Lage zweifellos hätte entspannen können. Dereinst behielt man sich in Deutschland die mörderische Definitionsmacht darüber vor, wer Jude ist. Heute tut man kund, seine Geschichte aufgearbeitet und deshalb fortan die Hoheit über die Antwort auf die Frage zu haben, wen man als Fascho anzusehen hat und wen nicht. So sieht eine Vergangenheitsbewältigung auf der Höhe der Zeit aus: Die Deutschen lassen sich von den frechen Juden nichts mehr vorhalten; etwaige Widersprüche werden daher nachhaltig sanktioniert.

Die Maßnahmen der Polizei zeigen jedoch, dass man im Land der Dichter und Denker trotzdem ziemlich hektisch wird, sobald jemand die Staatsräson in Frage stellt. Das bleibt natürlich auch denjenigen nicht verborgen, die mit den Konsequenzen dieses Geschichtsverständnisses konfrontiert werden könnten. In England flüstert man Leuten, die mit Deutschen in Kontakt geraten, daher nicht ohne Grund ironisch zu: „And don’t mention the war!“, während die Yellow Press sich gleichzeitig lustvoll antideutschen Schlagzeilen hingibt, die beim Adressaten stets für heftige Aufregung sorgen. Die Botschaft des Staates Israel wiederum sieht eine reale Gefahr für ihre Staatsangehörigen in Deutschland und mahnt daher Zurückhaltung an:

„Ein Botschaftsfunktionär in Berlin warnte, der Gebrauch des Wortes ‚Nazi’ sei ein ziemlich unkluger Schritt, wenn man Beamte anspricht. ‚Solche Ausdrücke dürfen nicht verwendet werden, noch nicht einmal leise oder zu einem israelischen Freund in der Nähe’, sagte er. ‚Die Deutschen spielen nicht und sind sehr empfindlich, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt’.“

Treffend bemerkt und genau deshalb umso erschütternder, dass Juden in Deutschland einmal mehr darauf zu achten haben, was sie sagen und wie sie sich verhalten. Geschehnisse wie die geschilderten sind nicht als einfacher bürokratischer Vorgang abzutun. Es mag bisweilen nicht nett oder sogar falsch sein, der Sympathie für den NS geziehen zu werden; gleichwohl besteht kein Anlass, einen solchen Verdacht justiziabel zu machen. Schon gar nicht, wenn die Vorstellungen einer satten Mehrheit über Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen die Berechtigung emotionaler Äußerungen über die deutschen Verhältnisse eher unterstreichen als widerlegen.

Übersetzung der Ynet-Passagen: Liza

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