Schriftsteller – und Kämpfer

Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter erhält diesen Sonntag in Erfurt die Buber-Rosenzweig-Medaille. Diese Auszeichnung wird jährlich vom deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Erinnerung an die jüdischen Philosophen und Pädagogen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929) verliehen und an Personen, Initiativen und Einrichtungen vergeben.

In der Jüdischen Allgemeinen gratuliert Henryk M. Broder seinem Freund. Da dieser Text im Internet nur Online-Abonnenten der Zeitung zur Verfügung steht, soll er hier dokumentiert werden.

Lieber Leon, alter Freund, am Sonntag bekommst du in Berlin die Buber-Rosenzweig-Medaille. Ich freue mich mit dir, und ich gratuliere dir von ganzem Herzen. Ich wüßte niemand, der den Preis eher verdient hätte. Du bist, ich meine es ernst, eines der großen Talente unserer Zeit: Schriftsteller, Reporter, Analytiker und – verzeih das abgegriffene Wort: ein Kämpfer. Diejenigen, die es mit dir aufnehmen könnten, kann man an den Fingern einer Hand aufzählen: Alain Finkielkraut, Mark Steyn, Alan Dershowitz, Oriana Fallaci und natürlich die großartige, wunderbare und einzigartige Ayaan Hirsi Ali.

Ihr alle habt eines gemeinsam: Ihr sagt das Selbstverständliche zu einem Publikum, das mit Halbwahrheiten, Lügen, Heucheleien und der Verheißung des ewigen Friedens zum Nulltarif so lange korrumpiert wurde, bis es zwischen Fakten und Fiktionen, Wirklichkeit und Wunschdenken nicht mehr unterscheiden konnte. Und da kommst du mit deinen Texten immer wieder dazwischen und sagst den Leuten, daß sie rhetorische Locken auf verkarsteten Glatzen drehen, worauf sie noch wütender werden. Wie die Buchhändler, die deinen letzten Roman, Malibu, nicht verkaufen wollten, um dich für deine Stellungnahmen zum Irak-Krieg zu bestrafen. Macht nichts, denn am Ende brauchen sie dich mehr als du sie. Mit Horst Eberhard Richter, Friedrich Schorlemmer und Eugen Drewermann kann man die Kassen füllen, aber am Ende des Tages fühlt man sich, als hätte man nur Goldbroiler, Currywurst und Tofuboulletten in sich reingestopft.

Ich fürchte nur eines. Bei der Verleihung am Sonntag wird mal wieder die Rede von der Bedeutung des „interkulturellen Dialogs“ und der Notwendigkeit von „Toleranz“ die Rede sein. Als dein Bewunderer, dein Freund und dein Hausmeister bitte ich dich, dich diesem Ritual zu verweigern und von der Sinnlosigkeit des „Dialogs“ unter den geltenden Umständen und von der Notwendigkeit von Intoleranz zu sprechen. Der Dialog der Kulturen ist nur ein Synonym für die Kapitulation vor der Gewalt der Straße, und Toleranz kann in diesem Kontext nur heißen: Wir sind nett zu jenen, die uns nach dem Leben trachten.

Vergiß bitte nicht zu sagen, was für ein erbärmliches Schauspiel das alte Europa im Streit um die 12 Mohammed-Karikaturen bot, die man nur wegen ihrer exzessiven Harmlosigkeit kritisieren könnte. Wie sich die Leitartikler einen Knoten in das Rückgrat schrieben, um zu begründen, warum es richtig war, die Karikaturen nicht nachzudrucken. Wie die Schweizer Firma Nestlé, die schon zu den Profiteuren der „Arisierung“ zählte und heute ein Nutznießer der Globalisierung ist, sich in Anzeigen rühmte, daß sie keine dänischen Erzeugnisse verwendet.

Der „Dialog“ und die „Toleranz“ haben dazu geführt, daß wir heute in der Zeit vor Voltaire angekommen sind, als Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung schwere Verbrechen waren. Vorige Woche wurde in einer westfälischen Kleinstadt ein Mann zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er das Wort „Koran“ auf ein paar Blätter Toilettenpapier gedruckt hatte. Ein geschmackloser Scherz, nicht mehr, und eine Bagatelle, verglichen mit den Gewaltakten, die im Namen des Koran beinah täglich verübt werden. Aber der Staatsanwalt und das Gericht hängten sich sehr weit aus dem Fenster des zuständigen Amtsgerichts, um ein Exempel der Abschreckung und des Wohlverhaltens zu statuieren. Ein Jahr mit Bewährung! Mehr bekommen normalerweise auch Hooligans nicht, die Ausländer aus Langeweile zusammenschlagen.

Martin Buber und Franz Rosenzweig wären sehr geehrt, daß du einen Preis bekommst, der nach ihnen benannt wurde. Das Einzige, was sie stören würde, wäre das Timing der Feier: morgens um 9.30 Uhr. Man muß schon sehr tolerant und extrem dialogversessen sein, um so früh aus dem Haus zu gehen.

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