Guns n’ Roses

Die ach so rechte Jyllands Posten hat im September vergangenen Jahres einen Job übernommen, dem sich andere – weit größere und sich liberaler dünkende – Blätter stets beharrlich verweigerten: Sie hat für eine wohl verstandene Religionsfreiheit gestritten – und die meint nicht die Freiheit für den Aberglauben, sondern im Gegenteil die Emanzipation von ihm. Die Reaktionen sind sattsam bekannt und niederschmetternd: Während die Gefolgschaft des Propheten – fast immer im Bunde mit ihrem gottgegebenen Staatsapparat – allerorten und ausdauernd ihre bewaffnete Ikonophobie walten lässt und mit antisemitischen Schmierereien einen Hohnchoral auf jedwede Form von Liberalität anstimmt, warnt man im Westen davor, weiteres Öl ins Feuer zu gießen und religiöse Gefühle zu verletzen, statt das befreiende Gelächter über das Allerheiligste zur conditio sine qua non des öffentlichen Raums zu erheben.

Flemming Rose (Foto unten), inzwischen geschasster Feuilletonchef der zu unerwarteter Prominenz gelangten dänischen Regionalzeitung, hat diesen Schritt offensiv übernommen und gestern in der Washington Post noch einmal Stellung zu der Frage bezogen, warum er die Veröffentlichung der Karikaturen für eine schiere Notwendigkeit hielt:

„Unser Ziel war es ganz einfach, die selbst auferlegten Beschränkungen zurückzudrängen, die uns immer fester in den Griff zu bekommen schienen. Ende September [2005] sagte ein dänischer Standup Comedian in einem Interview mit Jyllands-Posten, er habe kein Problem, vor dem Kamera auf die Bibel zu pinkeln, aber er wage es nicht, das Gleiche mit dem Koran zu tun.“

Dieses Statement sei der Kulminationspunkt einer Reihe von Fällen der Selbstzensur infolge der Angst vor der Konfrontation mit dem Islam gewesen, und so erging schließlich – da dies allemal eine legitime Story war – die Bitte an 25 Karikaturisten, „Mohammed so zu zeichnen, wie sie ihn sehen“. Weniger als die Hälfte von ihnen meldete sich zurück. Die Ergebnisse sind künstlerisch zwar nicht besonders wertvoll, aber darum geht es auch gar nicht; Rose verstand die Aktion als Angebot zur Eingliederung der Muslime in die dänische Gesellschaft – und die ist zum Glück nun mal vergleichsweise säkular:

„Es gibt bei uns eine Tradition von Satire über die königliche Familie und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, und die spiegelte sich in den Cartoons wider. Die Karikaturisten behandelten den Islam auf die gleiche Art und Weise wie das Christentum, den Buddhismus, den Hinduismus und andere Religionen. Und indem sie die Muslime in Dänemark als Gleiche behandelten, machten sie klar: Wir integrieren euch in die dänische Tradition von Satire, weil ihr Teil unserer Gesellschaft seid, keine Fremden. Die Cartoons schließen Muslime mehr ein als aus.“

Nun soll gewiss nicht behauptet werden, in Dänemark sei alles in Butter, die Eingemeindung mithin ein Akt purer Nächstenliebe. Dennoch spricht aus Roses Sätzen und aus den Bildern der Karikaturisten ein begrüßenswertes Plädoyer für Aufklärung und Vernunft, die unabdingbar für eine im Wortsinne wirkliche Freiheit sind. Darüber hinaus ermöglicht es die Offerte denen, die es wollen, aus der Zumutung namens autochthone Kultur auszubrechen. Und dazu gehört ganz selbstverständlich, dass Religion dem privaten Raum überantwortet werden muss:

„Wenn ein gläubiger Mensch verlangt, dass ich, ein Nichtgläubiger, in der Öffentlichkeit seine Tabus befolge, ist es ihm nicht um meinen Respekt zu tun, sondern um meine Unterwerfung. Und das ist mit einer säkularen Demokratie nicht vereinbar.“

Das sind klare und unhintergehbare Worte. Rose hat einen schweren Fehler gemacht, als er öffentlich ankündigte, auch antichristliche und selbst die erwartbar antisemitischen Strichzeichnungen zur Shoa aus einer Teheraner Zeitung abzudrucken, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, antiislamisch zu sein. Diesen groben Unfug – der sich die Frage der Legitimität gar nicht mehr stellte – hat er mit seiner Beurlaubung bezahlt, und Chefredakteur Carsten Juste machte danach sofort klar, dass in seiner Zeitung keine Holocaust-Karikaturen abgedruckt würden. Doch auch in seinem Washington Post-Beitrag gibt Rose sich alle Mühe, den Islam vor seinen militanten Anbetern in Schutz zu nehmen. Sein Fazit allerdings – ob vorläufiges oder schließliches, bleibt unklar – aus dem hierzulande dreist verharmlosend Karikaturen-Streit Genannten lautet:

„Es wird klar, dass dies nicht eine Debatte zwischen ‚ihnen’ und ‚uns’ ist, sondern zwischen denen, die sich auf die Demokratie festgelegt haben, und jenen, die das nicht tun. Diese Art von Debatte hoffte Jyllands-Posten in Gang zu bringen, als sie sich entschloss, die Grenzen der Selbstzensur auszuloten, indem sie Karikaturisten bat, ein muslimisches Tabu herauszufordern. Haben wir unser Ziel erreicht? Ja und nein. Einige der geistvollsten Verteidigungen unserer Freiheit des Wortes sind beseelt worden. Aber tragische Demonstrationen im ganzen Nahen und Mittleren Osten und in Asien waren nicht das, was wir vorausgeahnt oder sogar gewollt hatten. Mehr noch: Die Zeitung hat 104 aktenkundige Drohungen erhalten, zehn Menschen sind verhaftet worden, Cartoonisten wurden zum Verstecken gezwungen, weil sie Morddrohungen erhalten hatten, und der Hauptsitz von Jyllands-Posten musste wegen Bombendrohungen mehrmals evakuiert werden. Das ist kaum ein Klima, um die Selbstzensur zu lindern.“

Es ist eine verdienstvolle Angelegenheit, mittels einer Provokation, die niemals eine sein dürfte, den gesellschaftlichen Stand der Dinge sichtbar werden zu lassen. Natürlich wollte niemand die – nicht nur – antidänische Brandschatzerei. Aber angesichts einer Häufung von Scheren im Kopf war es allemal angesagt, zum Klartext überzugehen und zu signalisieren, dass man Tugendterror und falsch verstandene Toleranz nicht hinzunehmen bereit ist.

Roses Aufsatz merkt man eine veritable Erschütterung über die – ganz offenkundig zumindest nicht in dieser Intensität erwarteten – Ereignisse an. Umso respektabler ist es, dass er – wenn auch häufig von zweifelhaften Beschwichtigungsversuchen unterbrochen – in wesentlichen Punkten immer noch klar Stellung bezieht und die Veröffentlichung der Prophetenbildchen verteidigt. Es ist in diesem Sinne die eingangs angesprochene conditio sine qua non, die hier einer harten Prüfung unterzogen wird. Rose will für ihr Bestehen sorgen, daran kann es keinen Zweifel geben.

Wie wichtig das ist, hat ganz aktuell eine Äußerung des Generalsekretärs der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), Ekmeleddin Ihsanoglu, gezeigt. Der gab bei einem Treffen mit dem EU-Außenbeauftragten Javier Solana zu Protokoll, die „satirischen Zeichnungen“ seien quasi der 11. September der islamischen Welt, weshalb die Europäische Union schärfere Gesetze gegen „Islamophobie“ auf den Weg geben möge. All(ah)mächt’!

Übersetzung der Passagen aus der Washington Post: Liza, Hattip: Jonny

%d Bloggern gefällt das: