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		<title>Der Vatermord der Grassdeutschen</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Apr 2012 20:13:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Über die medialen Anstrengungen zur Rettung der »Israelkritik«. VON BORIS YELLNIKOFF Deutschland empört sich. Und alles ist gut. Ein nobelbepreister greiser Dichter, kein Geringerer als ein Säulenheiliger der Nation, vergeht sich an Sprache und Staatsräson, und eine Welle der Empörung schlägt ihm entgegen. Das Land – sein Land! –, es zeigt sich undankbar, trotzdem er [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2252&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><img class="alignnone size-full wp-image-2254" title="Die neue Zeit hat ihren neuen Jargon, da stört das desavouierte Raunen des Alten. Wir erleben: den überfälligen Vatermord der Grassdeutschen. — Von Grass gestiftetes, mit einem Graffito versehenes Denkmal, Göttingen, 7. April 2012." src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/ss-gc3bcnni.jpg?w=500&#038;h=429" alt="" width="500" height="429" /></em></p>
<p><strong>Über die medialen Anstrengungen zur Rettung der »Israelkritik«.</strong><em></em><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON BORIS YELLNIKOFF</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
<em>Deutschland empört sich. Und alles ist gut.</em></p>
<p>Ein nobelbepreister greiser Dichter, kein Geringerer als ein Säulenheiliger der Nation, vergeht sich an Sprache und Staatsräson, und eine Welle der Empörung schlägt ihm entgegen. Das Land – sein Land! –, es zeigt sich undankbar, trotzdem er so tatkräftig und wortreich half: bei der »Wiedergutwerdung der Deutschen«*. Doch diesmal ist der alte Mann zu weit gegangen: Nun klingt er wieder wie der junge, der er einmal war, als die Runen der SS an seinem Kragen prangten.</p>
<p>Zu Grass’ »Gedicht« ist unterdessen in allen Medien alles gesagt worden. All der Aufwand mit all den Kommentaren, Interviews und Feuilletons war gleichwohl unnötig. Denn über Grass war keine neue Erkenntnis zu gewinnen. Als er vor mehr als zehn Jahren sich schon einmal »israelkritisch« bis zur Einstaatenlösung exponierte, stellte Paul Spiegel <a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/paul-spiegel-und-otto-schily-gegen-guenter-grass-und-co/265280.html" target="_blank">fest</a>, mit seinen Auslassungen stelle sich Grass »auf eine Stufe mit den radikalen Feinden Israels«. Wenig später weitete Spiegel den Blick von Grass auf die Grassdeutschen: »Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder.« Und die da rufen, sind ihre Büttel und Lakaien. Damit war alles Nötige erkannt und gesagt.</p>
<p>Wohl gibt es in diesen Tagen einige gelungene Repliken. Bei Henryk M. <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106152894/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html" target="_blank">Broder</a> beispielsweise nimmt es nicht wunder, wenn Klarheit und Deutlichkeit regieren. Josef <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israel" target="_blank">Joffe</a> hat irgendwann einmal Freud gelesen und bringt das jetzt in Stellung. Auch Frank <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-israel-gedicht-von-grass/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html" target="_blank">Schirrmacher</a> seziert mürbes Denken und Dichten mit scharfem Skalpell, aber der hat länger schon ein Problem mit Grass. Und dass der zum Konservatismus konvertierte Jan <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825879,00.html" target="_blank">Fleischhauer</a> sich mit dem renitenten alten Linken anlegt, ist erwartungskonform. Sie haben ja auch Recht: Mit seinem »Machwerk des Ressentiments«, so Schirrmacher, sucht Grass »seinen Frieden mit der eigenen Biografie« zu machen.</p>
<p>Was ihnen entgeht: Günter Grass könnte eigentlich egal sein. Ein alter Mann redet wirr, das tat er öfter schon, na und? Was Antisemitismus ist, definiere ich, sagt der Antisemit. Was Lyrik ist, definiere ich, sagt der Lyriker. Grass definiert beides. Nichts daran ist neu. Dass er dennoch für so wichtig erachtet wird, liegt am Resonanzboden, durch den ihm einst der Aufstieg zur »moralischen Instanz« ermöglicht wurde und der sich nun im medialen Overkill gegen ihn wendet. Und eben dieser Overkill ist verwunderlich. Geschenkt, dass die meisten Grass-Kritiker längst nicht Broders oder Joffes Qualitäten haben. Doch das hat Gründe: Sieht man sich nicht allein an, <em>dass</em> sie Grass widersprechen, sondern <em>wie </em>und mit welcher Verve, erkennt man schnell eine Art nationaler Selbstvergewisserung: nicht über die Sache – die Kritik an Israel, die sei möglich, legitim, notwendig, ja angeraten –, doch über den Ton, und der macht die Musik.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Tonsetzer</strong></p>
<p>Zwei Beispiele zum Beleg: Mit Donnern setzt Sebastian <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html" target="_blank">Hammelehle</a> auf <em>Spiegel Online </em>ein und nennt das Grass-Elaborat einen »lyrischen Erstschlag« ­– »und das von deutschem Boden«. Das sitzt; Hammelehle nimmt offenbar übel. Vor allem dies: Kritik an Israel, da irre Grass, sei gar nicht antisemitisch. »Müsste man sie im Zweifelsfall nicht eher antiisraelisch oder vielleicht antizionistisch nennen?«, fragt er. Das scheint des Kritikers große Sorge. Und auch noch das: Sich dergestalt zu äußern, sei gar nicht verboten. Hammelehle wirft Grass »die Frivolität des Tabubruchs« vor, als wolle er sich und seinen Deutschen das längst Erreichte nicht nehmen lassen, nämlich ungehindert von äußeren wie inneren Zensoren sagen zu können, was einem auf der Leber liegt: »Erst kürzlich konnte der SPD-Chef Sigmar Gabriel doch ganz unbehelligt von ›Apartheid‹ in Hebron schwadronieren. Wurde er bestraft? Nein.«</p>
<p>Empirisch richtig, normativ falsch, doch letzteres ficht Hammelehle nicht an. Dabei müht er sich persönlich durchaus um die Staatsräson, sieht Israel »von Feinden umzingelt« und hat auch nichts gegen deutsche U-Boote für den jüdischen Staat. Doch wie es in ihm <em>trotzdem</em> denkt, kann er nur schlecht verbergen: »Ob es in absehbarer Zeit, wie im Gedicht unterstellt, zu einem Atomangriff kommt, mit dem Israel das ›iranische Volk auslöschen könnte‹, ist keineswegs sicher.« Keineswegs sicher. So räumt er kulant eine Restwahrscheinlichkeit ein, dass Israel <em>keinen</em> atomaren Erstschlag plant, und auch <em>keine</em> 75 Millionen Iraner zu vernichten trachtet. Jetzt einen »Faktencheck« zu bemühen, wäre zwar medientypisch, aber absurd: Wo es <em>so</em> denkt, sind Fakten obsolet.</p>
<p>Deutlicher noch wird Stefan <a href="http://www.taz.de/Kommentar-Grass/%2191098/" target="_blank">Reinicke</a>, aber der schreibt auch für die <em>taz</em>: »Richtiges Motiv, falscher Ton«. Er kritisiert zunächst die Form, denn »Leitartikel in Lyrikform sind immer Mogelei«, und fordert eine »klare Beweisführung«. Einen »atomaren Erstschlag Israels auf Iran« gäben dann selbst die »schlimmsten Untergangsszenarien« nicht her. Ende der Beweisführung, es folgt die Offenbarung: »Nein, Grass ist kein Antisemit, und sein Motiv, vor dem drohenden Militärschlag Israels gegen Iran zu warnen, ist legitim. Man muss dieses Anliegen gegen den egomanen Autor verteidigen – und erst recht gegen Kritiker, die mit dem Verdikt ›Antisemitismus‹ Israel gegen jede scharfe Kritik imprägnieren.« Der Dissens ist lediglich einer in der Form, und Grass schadet nur dem <em>gemeinsamen</em> Anliegen: »Im schlimmsten Fall nutzt er damit ausgerechnet den Falken, die den israelischen Angriff wollen.« Reinicke geht es somit um nicht weniger als die Rettung der »Israelkritik« vor einem unkontrollierbar gewordenen Alten, der die Sache zu desavouieren droht.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Selbstbeschwörung</strong></p>
<p>So also argumentieren nicht wenige vorgebliche <em>Kritiker</em> von Grass, von seinen offenen <em>Apologeten</em> ganz zu schweigen – um die soll es hier allenfalls am Rande gehen. Sie werden <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html" target="_blank">zahlreicher</a> und in den Medien <a href="http://www.tagesschau.de/kommentar/grass106.html" target="_blank">vernehmbarer</a>. Sie sind des Volkes wahre Stimme – das zeigen die Reaktionen in Leserbriefen, Onlineforen und Höreranrufen. Doch in der öffentlichen Debatte geben immer noch die Antigrassisten den Ton an. Und dieser klingt in seiner Monotonie nach Selbstbeschwörung:</p>
<ul>
<li>Außenminister Guido <a href="http://www.bild.de/politik/inland/guido-westerwelle/anti-israel-gedicht-aussen-minister-antwortet-guenter-grass-23537798.bild.html" target="_blank">Westerwelle</a> hält es für absurd, »Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen«. (Wenn Westerwelle zugleich konstatiert, Deutschland setze sich »für eine atomwaffenfreie Zone im gesamten Nahen und Mittleren Osten ein«, dann klingt darin ein Motiv von Grass an, dann kann das durchaus als Drohung in Richtung Israel verstanden werden.)</li>
<li>Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article106155408/Grass-erntet-Entruestung-fuer-anti-israelisches-Gedicht.html" target="_blank">Polenz</a>, stellt fest: »Grass verwechselt Ursache und Wirkung«; »mit seinem politischen Urteil liegt er völlig daneben«. (Polenz’ Engagement für Waldorfpädagogik, »moderaten Islamismus« und freundschaftliche »Israelkritik« ist gleichwohl <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/polenz_in_den_fussstapfen_von_steiner/" target="_blank">Legende</a>.)</li>
<li>Rolf <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article106161764/Rolf-Hochhuth-Ich-schaeme-mich-als-Deutscher.html" target="_blank">Hochhuth</a> schließlich schämt sich »als Deutscher« und unterstellt Grass, er sei schlicht der SS-Mann geblieben, der er einst freiwillig wurde. (Hochhuth ist jener »Antifaschist«, der in der <em>Jungen Freiheit </em>den Holocaustleugner David Irving als einen »fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte« <a href="http://www.jf-archiv.de/archiv05/200508021809.htm" target="_blank">bezeichnete</a>.)</li>
</ul>
<p>Die Liste der Empörten aus Politik und Kulturbetrieb ließe sich beliebig verlängern. Wenn aber die Räson der Merkel, das Eintreten für das Existenzrecht Israels, von solch bundesrepublikanischer Selbstverständlichkeit wäre, wie es gerade in Anbetracht der Unzahl sendungsbewusster Antigrassisten erscheint, dann wäre das Ausmaß der Empörung unnötig. Die Vehemenz der Grass-Kritiker erscheint in diesem Lichte unsouverän. Das hat Gründe.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Exorzismus</strong></p>
<p>Zum einen scheint es bei den Besseren der Kritiker ein autosuggestives Moment zu geben: Die Gewissheit nämlich, Deutschland stünde in der Not zu Israel, ist zu fragil. Den wiedergutgewordenen Deutschen wird allenfalls zweifelnd Glauben geschenkt. Das ist vernünftig. Noch größere Einmütigkeit als <em>gegen Grass</em> gab es nämlich, als es einmal konkret wurde – <em>gegen Israel</em>: Am 1. Juli 2010 kannte der Bundestag keine Parteien mehr und votierte <a href="http://lizaswelt.net/2010/07/05/volksgemeinschaft-gegen-israel/" target="_blank">einstimmig</a> für eine Resolution, in der »die unmittelbare, bedingungslose und dauerhafte Öffnung von Zugängen zu Gaza« gefordert wurde; die Gaza-Blockade sei zu beenden, und zwar sofort. Das war die unzweideutige Parteinahme <em>gegen </em>Israel und sein Interesse, arabische Terrorbanden am freien Güter- und Personenverkehr zu hindern; das war, auf seine Konsequenz hin gedacht, ein Kapitulationsaufruf an den jüdischen Staat. Eine Grass-Kritik, die das nicht mitdenkt und den Konsens der hohlen Phrase beschwört, der in der Praxis nichts bedeutet, ist bestenfalls <em>wishful thinking</em>.</p>
<p>Zum anderen scheinen die Schlechteren der Kritiker, jene, die sich um die Rettung der »Israelkritik« mühen – und das ist die Mehrheit –, erschrocken, weil sie sich in Grass selbst wiedererkennen. Darum betreiben sie einen doppelten Exorzismus: Es wird der alte Nazismus, der in seiner Sprache <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106155994/Grass-letzte-Tinte-transportiert-NS-Stereotypen.html" target="_blank">aufscheint</a>, ebenso ausgetrieben wie das, was sich in seiner Sprache bis zur Kenntlichkeit entstellt: So meint man es selbst ja gar nicht, und schon gar nicht in dieser Diktion. Das ist durchsichtig: Da die von Nazideutschland angestrengte »Endlösung« unvollendet blieb, bildet seitdem der wehrhafte Zionist das peinigende Gegenbild zu jenem schicksalsergebenen Juden, der dem in der Barbarei gescheiterten Westen überhaupt noch erträglich erscheint. Darauf gründet sich ein doppeltes psychologisches Bedürfnis: zu brechen mit dem alten Antisemitismus, und sei es der Form halber, und zugleich seinen Frieden zu machen. Und da dieser nicht <em>mit</em> Israel gelingen kann – der real existierende Judenstaat ist immer auch lebendige Erinnerung an sechs Millionen Ermordete –, dann eben als Frieden<em> gegen </em>Israel.**</p>
<p>Diese beiden Bedürfnisse werden versöhnt im sprachlich Maß haltenden und moralisch einwandfreien Pazifismus der Äquidistanz; man »kritisiert« Israel als »Freund« ja nur zu dessen angeblich eigenem Besten, und man tut dies in einer durch die NS-Vergangenheit unbelasteten Sprache. Günter Grass hat diese Versöhnung aufgekündigt; das ist sein Vergehen. Wenn nämlich der Alte nun in altem Jargon gegen Israel tönt, dann befindet er sich außerhalb des Cordon sanitaire, der im postnazistischen Diskurs errichtet wurde. Im Grunde findet er aber nur zurück zu jener Sprache, die unverstellt den Blick darauf zulässt, was eigentlich gemeint ist.</p>
<p>Einigkeit existiert zwischen den tonangebenden falschen Kritikern und den sich langsam aus der Deckung wagenden wahren Freunden von Grass darüber, dass man zur Tagesordnung zurückkehren müsse. Und auf dieser steht unvermindert Israel – als deutsche Obsession. Schluss also mit einer »Diskussion, die einem wenig sagt über das, was im Nahen Osten passiert«, mit diesem <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,825949,00.html" target="_blank">Selbstgespräch</a> »so voller Wehleidigkeit, Selbsthass und mühsam unterdrückter Aggression«. Zurück dafür zum Judenstaat, der künftig von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Grass die Einreise <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826327,00.html" target="_blank">verweigern</a> will. Das mag ein symbolischer Akt sein, aber er bedeutet für den Antisemiten, dass man auf dessen vorgebliche Verbundenheit – Grass gibt ja in seinem Elaborat vor, ein Freund Israels zu sein und dies auch bleiben zu wollen – keine einzige Agora gibt. (Diese kleine Münze ist ohnehin schon seit langem aus dem Verkehr gezogen.) Dies hält man hierzulande für unangemessen respektive überzogen, und eben jene Medien, die sich gerade noch über Grass echauffierten, lassen nun ihre <em>guten Juden</em> die Entscheidung Israels verdammen – ob durch Avi <a href="http://www.zeit.de/news/2012-04/09/literatur-kritik-an-israels-einreise-verbot-fuer-grass-09123802" target="_blank">Primor</a> (die Entscheidung sei »übertrieben und populistisch«), Moshe <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,826354,00.html" target="_blank">Zimmermann</a> (»Zensur« sei am Werk, die »nicht untypisch für Israel« sei) oder Tom <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,826335,00.html" target="_blank">Segev</a> (»Damit rückt Israel sich in die Nähe Irans«). So geht »Israelkritik« heute – willkommen zurück in der deutschen Realität.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Kunstsimulation</strong></p>
<p>Eines noch zum Versagen der Grass-Kritik, weil sie es nicht wirklich ernst meint: Was der »Dichter« da fabrizierte, als Lyrik weiter gelten zu lassen, und sei es als schlechte, ist ein Anschlag auf die Kunst. Dieser Anschlag ist nicht minder perfide als das öffentlich-rechtlich <a href="http://www.youtube.com/watch?v=9UQsZCSiy0I" target="_blank">erklärte</a> Anliegen des Alten, sich mit seiner Schundproduktion in eine Reihe von Walther von der Vogelweide über Heinrich Heine bis Bertolt Brecht zu stellen. (Dass er sich in einem Atemzug mit Erich Fried nennt, ist allerdings berechtigt.) Wenn es noch eines letzten Beweises bedurft hätte, dass engagierte Kunst <a href="http://lizaswelt.net/2012/04/03/bewegungskunst-i/" target="_blank">nichts anderes</a> ist als Engagement für Weltanschauliches im Tarnmantel einer Kunstsimulation (und damit eine Lüge) und dass die Tarnung notwendig versagt, sodass pure Ideologie erscheint, dann hat Grass diesen erbracht. <em>Form follows function</em>, und darum gilt: Eine Kritik, die beim greisen Dichterdenker nicht Form und Inhalt in ihrer jeweiligen Unerträglichkeit aufeinander bezieht, macht sich mit dem vorgeblich Kritisierten auf halber Strecke schon gemein. Während der Alte denkend als erledigt gilt, soll er allenfalls noch dichten dürfen. Am Ende seines Interviews wünscht sich der dauergrinsende Tom Buhrow von Grass dann auch, was nur ein nächstes Grauen wäre: einen neuen Roman.</p>
<p>Da also die Kritik an Grass so überlaut, übermächtig und im Argument oft so labil ist und da sie in der politischen Praxis wenig zu bedeuten hat, gibt sie unfreiwillig ihr Wesen preis. Sie zieht eine Demarkationslinie zu Grass, zum Unsäglichen, um zu salvieren, was sich im Ton mäßigt, auch wenn es Gleiches meint. Die <em>neue</em> Zeit hat ihren <em>neuen</em> Jargon, da stört das desavouierte Raunen des Alten. Wir erleben: den überfälligen Vatermord der Grassdeutschen.</p>
<p><em>Deutschland empört sich. Doch nichts ist gut.</em><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="font-size:85%;"><em>Anmerkungen</em></span><br />
<span style="font-size:85%;">* <a href="http://lizaswelt.net/2007/08/06/in-memoriam-eike-geisel/" target="_blank">Eike Geisel</a> prägte einst die Wendung von der »Wiedergutwerdung der Deutschen«. Aber Geisel ist tot, und weil er sie nicht freundlich meinte und obendrein noch Recht hatte, will kaum jemand sich noch an ihn erinnern.</span><br />
<span style="font-size:85%;">** Man müsste an dieser Stelle den israelischen Psychoanalytiker Zvi Rex zitieren, dass nämlich die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen. Aber das wird dieser Tage schon oft genug getan, nur meist ohne darauf abzuheben, was das recht eigentlich bedeutet.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;"><em>Zum Foto:</em> Von Günter Grass gestiftetes, mit einem Graffito versehenes Denkmal. Göttingen, 7. April 2012.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;">Dieser Beitrag steht auch als layoutetes <a href="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/vatermord-der-grassdeutschen.pdf" target="_blank">PDF-Dokument</a> zur Verfügung.</span></p>
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		<title>Advocatus Grassi</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Apr 2012 12:53:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Der arme Günter Grass! Nicht genug damit, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien über ihn hergefallen sind – jetzt hat Israel, das der Dichterdenker doch zu seinen besten Freunden zählt, auch noch ein Einreiseverbot gegen ihn ausgesprochen. Dabei hat Grass sich in Wahrheit sogar um die Sicherheit des jüdischen Staates verdient gemacht. VON STEFAN FRANK Wenn [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2242&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2243" title="Soll ich darauf plädieren, dass Grass aufgrund einer Demenz unzurechnungsfähig ist, und zum Beweis das Fernsehinterview mit Tom Buhrow präsentieren? Das ist mir zu einfach. Ich verfolge einen anderen Plan." src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/justitia-grass.jpg?w=500&#038;h=414" alt="" width="500" height="414" /></p>
<p><strong>Der arme Günter Grass! Nicht genug damit, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien über ihn hergefallen sind – jetzt hat Israel, das der Dichterdenker doch zu seinen besten Freunden zählt, auch noch ein <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826327,00.html" target="_blank">Einreiseverbot</a> gegen ihn ausgesprochen. Dabei hat Grass sich in Wahrheit sogar um die Sicherheit des jüdischen Staates verdient gemacht.</strong><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON STEFAN FRANK</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
Wenn man seine Gedanken schweifen lässt, kommen einem manchmal die komischsten Ideen. Wie wäre es, habe ich mich gefragt, wenn ich vor einem imaginären moralischen Gericht das absolut Böse zu verteidigen hätte? Ich wäre zum Rechtsbeistand von Günter Grass (also zum <em>Advocatus Grassi</em>) bestimmt worden, dem Lübecker Scheusal, das selbst so gern Richter spielt. Angeklagt ist er in diesem Prozess glücklicherweise nicht dafür, ein schlechter Schriftsteller zu sein (das würde die Sache der Verteidigung extrem schwierig machen, denn der Tatort ist mit Spuren übersät); die ihm zur Last gelegten Tatbestände lauten vielmehr: Lüge und Scheinheiligkeit in einem besonders schweren Fall, Geschichtsklitterung und Anstachelung zum Antisemitismus. Die Beweislast ist erdrückend. Jeder andere hätte abgelehnt, doch mich reizen die völlig aussichtslosen Fälle. Als Anwalt hat man dabei nichts zu verlieren, denn die Erwartungen sind sehr niedrig; geht es schlecht aus, gibt einem niemand die Schuld. Hat man jedoch einen Erfolg – und der kann schon in einer Strafe bestehen, die geringer ausfällt als befürchtet –, erntet man Bewunderung.</p>
<p>Soll ich darauf plädieren, dass Grass aufgrund einer Demenz unzurechnungsfähig ist, und zum Beweis das <a href="http://tagesschau.vo.llnwd.net/d3/video/2012/0405/TV-20120405-1911-5601.webl.h264.mp4" target="_blank">Fernsehinterview</a> mit Tom Buhrow präsentieren? Das ist mir zu einfach. Ich verfolge einen anderen Plan. Meine Strategie besteht darin, dass ich – nachdem ich meinem Mandanten geraten habe zu schweigen, da er sich andernfalls nur noch mehr verstrickt – die Truppen von den Positionen abziehe, die unter keinen Umständen zu halten sind, um dann an einer Stelle anzugreifen, wo der Gegner es nicht erwartet. Um der Anklage den Wind aus den Segeln zu nehmen, würde ich gleich zu Beginn alles zugeben, was offensichtlich und unbestreitbar ist. Ich gebe zu, würde ich vielleicht sagen, dass der Begriff<strong> </strong><em>grassierender</em> <em>Antisemitismus</em> durch meinen Mandanten erst seine richtige Bedeutung bekommen hat. (Ich warte das Gelächter ab.) Seine Klischees über die Juden, die Weltkriege anzetteln, die Meinung zensieren und die Presse gleichschalten, stammen direkt aus den <em>Protokollen der Weisen von Zion</em>. Ich bestreite nicht, dass Grass, indem er Hass auf den jüdischen Staat schürt, diesem unermesslichen Schaden zugefügt hat. Jetzt, wo die Anklage glaubt, gewonnen zu haben, reite ich den kühnsten Angriff in der Geschichte der Juristerei: »Doch bitte, hohes Gericht, übersehen Sie nicht, dass er entgegen seinen Absichten auch etwas Gutes bewirkt hat, das strafmildernd bewertet werden muss. Grass ist die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft.«</p>
<p>Habe ich das wirklich gesagt? Als Anwalt muss man lügen können. Im Gerichtssaal herrscht jetzt völlige Stille, niemand räuspert sich, keine Stühle werden gerückt. Alle warten darauf, wie ich den Blödsinn, den ich begonnen habe, zu einem guten Ende führen will. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das gelingen wird, doch mein Plan der Überrumpelung ist geglückt, mit so viel Dreistigkeit hatte niemand gerechnet. Wenn man auf aussichtslosem Posten steht und ausgerechnet Günter Grass verteidigen will, muss man dreist sein, mit konventionellen Mitteln geht es nicht. Ich fahre also fort: »Sie hören immer wieder von Gewalt im Nahen Osten, doch ich versichere Ihnen: Für nahöstliche Verhältnisse ist es geradezu ein idyllischer Frieden. Seit 1973 haben Israels Nachbarstaaten es nicht mehr gewagt, Israel anzugreifen. Warum? Weil sie nicht mehr die Hoffnung haben, Israel militärisch besiegen zu können. Das hat dem Frieden sehr genützt. Dazu haben nicht nur Israels militärische Fähigkeiten beigetragen, sondern auch der Glaube an Israels Atombombe. Niemand weiß, ob sie existiert, und es muss auch niemand wissen. Worauf es ankommt, ist, dass die potenziellen Angreifer nicht ausschließen können, dass die Gerüchte wahr sind.«</p>
<p>Und weiter: »Frieden herrscht, wenn Israels Feinde Angst haben. Je zuversichtlicher sie werden, desto bedrohlicher wird die Lage. Es ist darum für die Sicherheit Israels von eminenter Bedeutung, dass der Glaube an die israelische Atombombe erhalten bleibt. Würde eine internationale Kommission nach Israel reisen und feststellen, dass es gar keine Bombe gibt, wäre Israels Überleben aufs höchste gefährdet. Es könnte dann vielleicht sagen, die Bomben seien gerade auf U-Booten unterwegs oder Leihgabe für eine Sonderausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus. Aber was, wenn Israels Feinde das nicht glauben würden? Dann gäbe es bald wieder Krieg. Die Abschreckung wach zu halten, ist für Israel unverzichtbar. Das Charmante am Glauben an die israelische Atombombe ist, dass sie nicht nur eine Waffe ist, die wirksam ist, ohne eingesetzt werden zu müssen, und so den Krieg verhindert, sondern auch, dass sie höchst selektiv wirkt, nur bei den wirklichen Feinden. Denn man muss zwar kein Antisemit sein, um<strong> </strong>zu glauben, dass Israel Atombomben besitzt, doch nur Hardcore-Antisemiten sind verrückt genug zu denken, dass die israelische Regierung einen ›atomaren Erstschlag‹ in Erwägung zieht. Davor fürchten sich die, die sich fürchten sollen, die Antisemiten, und das ist gut so. Günter Grass hat der für Israel so wichtigen Sache der Abschreckung gedient. Wenn in Zukunft wieder ein syrischer oder ägyptischer Diktator zur Vernichtung Israels rüstet, dann muss die israelische Armee vielleicht gar nicht mobil machen. Vielleicht reicht es aus, wenn sie den Grass-Text nach Kairo und Damaskus schickt, mit den Worten: ›Da seht ihr, was passiert.‹ Günter Grass ist also Israels Geheimwaffe.«</p>
<p>Ich bin fertig, das ist alles, was ich in meinem Plädoyer zu sagen habe. Ob es etwas nützt, weiß ich nicht. Aber die Zuschauer habe ich beeindruckt. An ihren Mienen kann ich ablesen: So hatten sie das noch nicht betrachtet.</p>
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		<title>»Bewegungskunst« und ihre »Lösungen« (II)</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2012/04/06/bewegungskunst-ii/</link>
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		<pubDate>Fri, 06 Apr 2012 14:59:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Artur Zmijewski]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin Biennale]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Yael Bartana]]></category>

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		<description><![CDATA[Zweiter und letzter Teil einer Kritik der kommenden Berlin Biennale. (Zum ersten Teil geht es hier.) VON WERNER FLEISCHER Der Antisemitismus in Polen, durch den nach 1945 bis in die 1970er Jahre die nach der Shoah in Polen verbliebenen Juden gezwungen wurden, das Land zu verlassen; die Pogrome und Verfolgungen von 1918 bis 1939; die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2234&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2235" title="Screenshot der Startseite der »Berlin Biennale«" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/biennale.jpg?w=500&#038;h=391" alt="" width="500" height="391" /></strong></p>
<p><strong>Zweiter und letzter Teil einer Kritik der kommenden <em>Berlin Biennale</em>. (Zum ersten Teil geht es <a href="http://lizaswelt.net/2012/04/03/bewegungskunst-i/" target="_blank">hier</a>.)</strong><em></em><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON WERNER FLEISCHER</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
Der Antisemitismus in Polen, durch den nach 1945 bis in die 1970er Jahre die nach der Shoah in Polen verbliebenen Juden gezwungen wurden, das Land zu verlassen; die Pogrome und Verfolgungen von 1918 bis 1939; die antisemitische und antizionistische Hetze im staatssozialistischen Polen 1968 – all dies ist entgegen anders lautenden öffentlichen Mutmaßungen nicht ausdrücklich Gegenstand des Kunstwerks von Yael Bartana. Die historischen Verweise sind selten und bleiben im Ungefähren: Als »Zeitzeugin« berichtet die Autorin Alona Frankel anlässlich der Totengedenkfeier des <em>Jewish Renaissance Movement in Poland</em> von ihrer Vertreibung aus Polen nach der Befreiung und fordert ihren polnischen Pass zurück; im ersten Film – »Mary Koszmary« (»Dreams and Nightmares«) – werden Grabsteine und das Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des Warschauer Ghettos gezeigt, was jedoch gerade nicht als Verweis auf den originären polnischen Antisemitismus bestimmbar ist. Ansonsten gibt es eher sentimentale Anspielungen, die von offenen Wunden sprechen; Juden könnten das Leben von 40 Millionen Polen verändern, wird als Versprechen auf dem Rasen des Stadions niedergeschrieben. Bartana und ihr Team machen den Betrachter nicht explizit auf die antisemitische Kontinuität und deren Aktualität in Polen aufmerksam. Dass deutsche und österreichische Rezensenten dennoch fast ausschließlich diese Deutung wiedergeben, liegt wohl an einem Bedürfnis, das hier anscheinend befriedigt wird – an jenem nämlich, einmal nicht auf die eigene Geschichte blicken zu müssen.</p>
<p>Dabei spricht schon die Zahl der erwünschten Rückkehrer von den jüdisch-polnischen Opfern der Shoah in Polen. Unbeirrt von der Tatsache, dass Millionen von Juden keineswegs Polen <em>verließen</em>, sondern vielmehr dort <em>ermordet </em>wurden, erfährt man trotz des dokumentarisch-politischen Gestus auch nichts von der Kollaboration in Polen. Bartanas »Bewegung« ruft die Juden im Gegenteil zur Rückkehr in ihre »Heimat« auf. Was als Provokation daherkommt, soll eine Art ahistorischen Naturzustand »ironisch« wiederherstellen, der ganz unironisch nahelegt, wie unnatürlich demnach die Existenz des jüdischen Staates Israel ist. Die ganze Vorführung des Künstlichen in der Ästhetisierung des Zionismus (Bartana meint auch zynisch-witzelnd, sich dafür auf Leni Riefenstahl berufen zu müssen) appelliert objektiv daran, Israel aufzugeben. Dass zudem im Manifest des JRMiP die Rückkehr aller Flüchtlinge weltweit in ihre Heimat <a href="http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20114379.pdf" target="_blank">gefordert</a> wird, verweist auf zweierlei Aktualitäten: die »Rückkehr«-Forderung der Palästinenser in »ihr« Land und – da wir uns in Berlin befinden – auf die deutschen »Vertriebenen«, deren Wohlwollen Bartana sicher sein dürfte. Artur Zmijewski hat folglich auch das <em>Deutschland-Haus</em> und die <em>Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung</em> zu Bündnispartnern erkoren und wirbt auf der Website der <em>Berlin Biennale </em>mit einer Abbildung der Skulptur »Die Ausgewiesenen« von Hermann Joachim Pagels, der laut <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Joachim_Pagels" target="_blank">Wikipedia</a> </em>»zur Zeit des Nationalsozialismus [...] durch seine Adolf-Hitler-Büsten bekannt« wurde. Die Stiftung <a href="http://www.dhm.de/sfvv/" target="_blank">sucht</a> nach »Objekten«, die an den »erzwungenen Heimatverlust erinnern«. Diese Unverfrorenheit – hierzulande findet sich kaum ein Erbe, das nicht zumindest teilweise aus dem Raubgut der Vernichtung herrührt – deckt sich mit dem offenen Geheimnis, dass das Begehren der deutschen »Vertriebenen« ihrem »Objekt«, nämlich »sudetendeutschem« und schlesischem »Boden«, gilt, was sie vor allen anderen zu idealen Deutschen macht.</p>
<p>Bei anderen Rackets hat Zmijewski das symbolträchtige Objekt bereits finden lassen: Der »größte Schlüssel der Welt« – ein <a href="http://www.berlinbiennale.de/blog/projekte/key-of-return-angeblich-der-groesste-schluessel-der-welt-19703?utm_source=rss&amp;utm_medium=rss&amp;utm_campaign=key-of-return-angeblich-der-groesste-schluessel-der-welt" target="_blank">Gebilde</a>, dessen Schlüssel ein Schlüsselloch öffnen soll und Assoziationen an einen Phallus samt gewaltsamer Penetration hervorruft – wird aus dem »Flüchtlingslager Aida« in der Westbank »Tausende Kilometer über Land und Wasser nach Deutschland reisen«. Die Darstellung dieser »Kunst-Aktion« durch die <em>Berlin Biennale </em><a href="http://www.kunstaspekte.de/index.php?action=termin&amp;tid=64479" target="_blank">liest sich</a> wie von der Propagandaabteilung der PLO verfasst: »Generationen von Palästinensern« warteten »auf die Erfüllung eines ›Rückkehrrechts‹«; der Schlüssel sei »am Lagereingang installiert worden, wo er verkündet: ›Unser Recht auf Rückkehr ist unanfechtbar.‹« Bei diesem mit revisionistischer Verve vorgetragenen Wunsch nach einer Auslöschung Israels will das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland als Träger deutscher Kultur nicht abseits stehen: Als Unterstützer in Form seines Goethe-Instituts in Ramallah trägt es zur stetigen Erinnerung daran bei, dass dieser »kulturelle Dialog« einst – nämlich zu Zeiten der Deutschen Akademie, also der Vorgängerin der Goethe-Institute – bis zu palästinensisch-arabischen SS-Verbänden hinreichte. Passenderweise wird in einem der Filme von Bartana dann auch die Nationalhymne Israels, die Tikvah, rückwärts abgespielt.</p>
<p>Das Verhältnis von erfahrbarer Realität, Vermittlung und Abstraktion in der Kunst, der notwendig widerspruchsvolle Abstand zum Engagement im jeweiligen Werk, wird aufgelöst zugunsten der Evidenz, die jedem einleuchten soll: Antirassismus. Alles ist funktional an seinem Platz. Widerstand gegen das eigene Vorhaben imaginiert sich das Werk von Bartana von außerhalb, der Anführer der »Bewegung« wird ermordet, so, als nähme die Szene die Realität vorweg; die Verschwörung gegen die »Bewegung« wird nahegelegt. So werden Verhältnisse, ideologische wie warenproduzierende gleichermaßen, zum Verschwinden gebracht. Die Aktivisten sind gezwungen, Politik zu machen. Als Prototyp der Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben kann Beuys gelten, der sich ebenso wünschte, seine Bewegung von der Kunst ins Leben zu führen, bis ihm letztlich alles in eins fiel – ob es »soziale Plastiken« waren oder er die Parole verkündete, dass jeder Mensch ein Künstler sei, ob er Parteien beitrat oder sie selbst gründete. Nicht zuletzt dieser Drang zum Populären machte ihn zu <em>dem </em>deutschen Künstler nach 1945, der sich als das Gegenteil von Warhol inszenierte. Der Hang zum Ursprünglichen, das Sein-an-sich (Energie, Fett, Tiere, Alchemie, Schamane usw.), fand bei Beuys auch in der Gegnerschaft zu Geld und Zins seinen Ausdruck.</p>
<p>Die ikonografische Bestimmung bei Bartana bleibt diesbezüglich vage, wobei das instrumentelle Verhältnis zum Tod des Bewegungsanführers und die bei dessen Totengedenkfeier auf einer Bühne sitzenden Darsteller von Honoratioren, historische Bürgen und prominente Unterstützer (9) der »Bewegung« eben dieses Ungefähre betonen. Nach Joachim Bruhn geraten auch das Gedenken und die Erinnerung in den Sog der Krise, also in das Feld der Ideologie des Schlussmachens (10). Als wollten sie sich in einem Nichts der Erinnerung, in der Null des Geschichtlichen, »erlösen«, könnte das Ressentiment gegen den Zins übersetzt werden in das, was unter dem Schlagwort »Holocaust-Industrie« hetzt, dass die Juden die Shoah »instrumentalisierten«. Auch Zmijewski <a href="http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/mediathek/magazin/magazin18/zmijewski/" target="_blank">hofft</a> auf Künstler, die »in der Lage sind, Utopien zu verwirklichen, und eine Situation heraufbeschwören, in der die Unterdrückungsmechanismen der kapitalistischen Wirtschaft aufgehoben sind. Statt einer Ökonomie des Profits herrscht plötzlich die Ökonomie der Gabe.« Für die Aufhebung der Verhältnisse hofft er auf »Wunder«, nämlich »die Abschaffung des die Kunst beschränkenden Systems und ihre Befreiung von ideologischer Impotenz«. Aufgepumpt mit Fruchtbarkeitsvorstellungen und dem »Willen zur Tat« winken in Wahrheit Destruktion und die Herrschaft der Banden. Als Co-Kuratoren der <em>Biennale </em>wurde von Zmijewski auch Kunstaktivisten der Gruppe <em>Woina </em>eingeladen, die »ohne festen Wohnsitz auskommen, ohne Dokumente, und prinzipiell kein Geld in die Hand nehmen«.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Selbstnormalisierung und Ignoranz</strong></p>
<p>»Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten«, schrieb Adorno, bevor er feststellte, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei (11). Das lässt auch die Dreistigkeit fürchten, mit der die Täter der Shoah und ihre Nachfahren sich in der Zurschaustellung der Vernichtung – die sich als »Aufarbeitung«, »Bewältigung« und »Versöhnung« rhetorisch und ideologisch demonstriert – selbst normalisieren, wie es beispielhaft und monströs am Holocaust-Mahnmal in Berlin gezeigt wird. Komplementär wäre in dem <em>Biennale</em>-Projekt, neben der Indifferenz gegenüber den Opfern der Shoah, die latente bis offene Ignoranz gegenüber dem Widerstand, der Befreiung, der Rettung, des Überlebens feststellbar – also gegenüber dem, was den Überlebenden Israel zum Heimatstaat machte und macht, und gegenüber anderen Staaten des Westens wie den USA.</p>
<p>Der Imperativ Adornos ist ebenso konkret und geschichtlich bezogen, wie er kein Beitrag fürs Poesiealbum der Völkerverständiger ist. Das bestimmt gerade seine universelle Gültigkeit. Konsequent muss von daher den Aktivisten des JRMiP der Antisemitismus als rassistisches Vorurteil erscheinen, muss die Shoah polnisch, der Revisionismus gespielt und die Geschichte der Vernichtung zum Gegenstand eines Spektakels werden. Die »Bewegung« will während der <em>Biennale </em>eine Konferenz im Theater <em>Hebbel am Ufer </em>veranstalten, um ihre Forderungen und Erwartungen öffentlich zu diskutieren. Diese Konferenz ist der künstlerische Beitrag von Yael Bartana zur Biennale; Vorbereitungskonferenzen haben bereits stattgefunden. »Meinen die das ernst?«, war die häufig gestellte Frage von Besuchern in Venedig. Es ließe sich, Gerhard Scheit variierend, antworten: »Sind die metaphorischen Rätsel, die Bartanas/Zmijewskis Fantasie(n) aufgeben, nicht die politische Strategie? Gehört nicht die Verunsicherung essenziell zum Antisemitismus – Verunsicherung darüber, was Israel sei, was es zum Staat der Juden und zum Juden unter den Staaten mache und was infolgedessen mit ihm, Israel, zu geschehen habe?« (12)</p>
<p>Weil sie, die Aktivisten, wissen, es wissen müssen, dass der Antisemitismus die Vernichtung der Juden will, dass er gegenwärtig als »Israelkritik«, »Antizionismus« oder »Friedensbewegung« daherkommt und dass er in Deutschland wie in Europa – mit der Option zur Massenbewegung – in Parteien, NGOs, Migrantenverbänden, Nazivereinigungen, Moscheen und Kirchengemeinden seine politische Kraft gewinnt und reproduziert, sollten sie bedenken, dass ihr Vorschlag objektiv nur als Einladung zu verstehen (wie mit »interesselosem Wohlgefallen« misszuverstehen) ist, der Androhung einer zweiten Shoah in und gegen Israel, wie gegenwärtig durch das islamistische Regime in Teheran samt seiner Verbündeten, Unterstützung zu geben.</p>
<p>So es denn in Berlin dazu kommen sollte, empfiehlt sich die Forderung: Keine Tickets gegen Israel, der Kurator tritt zurück – aus Gründen der Autonomie der Kunst und der Aufklärung. Solidarität mit Israel!</p>
<p><em>Eine längere Fassung dieses Beitrags mit weiteren Anmerkungen und Quellenangaben erschien Anfang März 2012 zur Ausstellung von <a href="http://www.boazkaizman.de/" target="_blank">Boaz Kaizman</a>. </em><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="font-size:85%;"><em>Anmerkungen</em></span><br />
<span style="font-size:85%;">(9) So Alona Frankel, der Journalist Yaron London – der eine »eine zionistische Rede« hält, in der er darauf »beharrt (!), dass Israel und seine Armee die einzige Garantie sind gegen einen weiteren Holocaust« (Kolja Reichert, <em>Die Welt </em>vom 6. Januar 2012) – sowie die Kuratorin Anda Rottenberg, die ein um den Hals geschlungenes Palästinensertuch präsentiert und »für die versöhnende Kraft der Kultur und der Kunst steht« (Goethe-Institut Polen, November 2011).</span><br />
<span style="font-size:85%;">(10) Joachim Bruhn: Echtzeit des Kapitals, Gewalt des Souveräns. Über die Zukunft der Krise. In: <em>Bahamas</em>,<em> </em>Nr. 63, Winter 2011/12, S. 71.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(11) Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft (1949). In: ders: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, Frankfurt/Main 1977, S. 30.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(12) »Sind die metaphorischen Rätsel, die Wagners Phantasie aufgibt, nicht die politische Strategie? Gehört nicht die Verunsicherung essentiell zum Antisemitismus – Verunsicherung darüber, wer ein Jude sei, was ihn zum Juden mache und was infolgedessen mit ihm zu geschehen habe?« Gerhard Scheit: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus. 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Freiburg 2006, S. 320.</span></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F04%2F06%2Fbewegungskunst-ii%2F&amp;linkname=%C2%BBBewegungskunst%C2%AB%20und%20ihre%20%C2%BBL%C3%B6sungen%C2%AB%20(II)" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" alt="" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: »Bewegungskunst« und ihre »Lösungen« (II)" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=500" alt=""   /></a></p>
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		<title>Was gesagt werden muss</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Apr 2012 14:20:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<description><![CDATA[Gedicht für Günter (unterstufenlyrisch) Mit letzter Tinte ächzt der Alte in ungereimter Poesie: Dass die sich nicht mehr schlachten lassen, verzeihe ich den Juden nie. Der Jude will Atomraketen. Der Jude will den Weltenkrieg. Der Jude will uns alle meucheln. Am Ende droht des Juden Sieg! Da muss man doch was machen können, und wenn [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2219&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2231" title="Der Günter fühlt sich ganz verwegen, der Greis ist wieder jung, vital. Die Lösung einst ging zwar daneben, versuchen wir’s halt noch einmal!" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/grass-4.jpg?w=500&#038;h=371" alt="" width="500" height="371" /></p>
<p style="text-align:center;"><strong>Gedicht für <a href="http://www.sueddeutsche.de/n5J388/557180/Was-gesagt-werden-muss.html" target="_blank">Günter</a> (unterstufenlyrisch)</strong></p>
<p style="text-align:center;">Mit letzter Tinte ächzt der Alte<br />
in ungereimter Poesie:<br />
Dass die sich nicht mehr schlachten lassen,<br />
verzeihe ich den Juden nie.</p>
<p style="text-align:center;">Der Jude will Atomraketen.<br />
Der Jude will den Weltenkrieg.<br />
Der Jude will uns alle meucheln.<br />
Am Ende droht des Juden Sieg!</p>
<p style="text-align:center;">Da muss man doch was machen können,<br />
und wenn nicht wir, dann der Iran.<br />
Mahmud, mein alter Mullahkumpel!<br />
I shout it out loud: Yes, you kann!</p>
<p style="text-align:center;">Der Günter fühlt sich ganz verwegen,<br />
der Greis ist wieder jung, vital.<br />
Die Lösung einst ging zwar daneben,<br />
versuchen wir’s halt noch einmal!</p>
<p style="text-align:center;">So denkt’s im deutschen Dichterdenker.<br />
Er rülpst und rotzt es aufs Papier.<br />
Sein Wahn kennt keine Einsamkeit.<br />
In Deutschland gilt: Vom Ich zum Wir.</p>
<p style="text-align:center;"><strong><a href="http://twitter.com/#!/BorYell" target="_blank">Boris Yellnikoff</a></strong><br />
(der für dieses Gedicht den Nobelpreis verlangt)</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F04%2F04%2Fwas-gesagt-werden-muss%2F&amp;linkname=Was%20gesagt%20werden%20muss" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" alt="" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Was gesagt werden muss" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=500" alt=""   /></a></p>
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		<item>
		<title>»Bewegungskunst« und ihre »Lösungen« (I)</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2012/04/03/bewegungskunst-i/</link>
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		<pubDate>Tue, 03 Apr 2012 14:16:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Artur Zmijewski]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin Biennale]]></category>
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		<category><![CDATA[Yael Bartana]]></category>

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		<description><![CDATA[Hierzulande besteht ein Konsens darüber, dass Kunst als Mittel der Ästhetisierung des Politischen zu einer Politik des Gedenkens Deutschlands an sich selbst beitragen soll, an den »Unstaat« (Franz Neumann) der Volksgemeinschaft, dessen Hauptanliegen die Vernichtung der Juden war. Das schafft mitunter Probleme, einen Legitimationsbedarf, und braucht ein bestimmtes Kunstverständnis. Teil 1 einer Kritik der anstehenden [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2207&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2208" title="Screenshot der Startseite der »Berlin Biennale«" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/04/biennale2.jpg?w=500&#038;h=397" alt="" width="500" height="397" /></strong></p>
<p><strong>Hierzulande besteht ein Konsens darüber, dass Kunst als Mittel der Ästhetisierung des Politischen zu einer Politik des Gedenkens Deutschlands an sich selbst beitragen soll, an den »Unstaat« (Franz Neumann) der Volksgemeinschaft, dessen Hauptanliegen die Vernichtung der Juden war. Das schafft mitunter Probleme, einen Legitimationsbedarf, und braucht ein bestimmtes Kunstverständnis. Teil 1 einer Kritik der anstehenden <em>Berlin Biennale</em> 2012.</strong><br />
<strong> <em><br />
</em></strong><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON WERNER FLEISCHER</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
Berufungen werden meist einfach zur Kenntnis genommen, und so gab es kaum öffentliche Nachfragen nach den Gründen, die die Gremien der Bundeskulturstiftung, die <em>Berliner Kunstwerke </em>und sonstige Persönlichkeiten des Institutionengefüges Bildende Kunst dafür hatten, sich bei der Entscheidung in Bezug auf den Kurator der <em><a href="http://www.berlinbiennale.de/" target="_blank">Berlin Biennale</a> </em>2012 für den polnischen Künstler Artur Zmijewski, einen Aktivisten der Marke »All in one«, auszusprechen respektive ihn zu unterstützen. Für »das wichtigste Schaufenster für zeitgenössische Kunst in Deutschland« gingen alle zwei Jahre »namhafte Kuratoren an der Start«, schreibt die Kulturstiftung des Bundes, die der Veranstaltung 2,5 Millionen Euro zur Verfügung stellt, auf ihrer <a href="http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/sparten/bild_und_raum/7_berlin_biennale.html" target="_blank">Website</a>. Zmijewski habe »eine deutliche Haltung zum sozialen Aktivismus entwickelt«, heißt es in einem Werbefaltblatt, das vom Berliner <em><a href="http://www.kw-berlin.de/" target="_blank">KW Institute for Contemporary Art</a></em>, das die Biennale organisiert, verbreitet wird. »Lasst die Kunst Lösungen für den sozialen und politischen Bereich anbieten! Statt Fragen zu stellen, möchte ich, dass die nächste Biennale Antworten liefert, dass sie künstlerische Sprachen und Strategien benutzt, um für gemeinsame Ziele zu kämpfen«, wird Zmijewski im Faltblatt zitiert. Diese Kampfansage legt nahe, dass die in Deutschland tradierte Sehnsucht nach Aufhebung jeglicher Vermittlung und der damit verbundene chronische Verdacht gegen Abstraktionen (des Westens und seiner Kunst) eine Rolle gespielt haben mag, da hier einer als Protagonist gefunden wurde, der »Lösungen anbieten« und »Antworten liefern« will.</p>
<p>»Die deutsche Hauptstadt gilt als ideale Bühne«, <a href="http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/sparten/bild_und_raum/7_berlin_biennale.html" target="_blank">schreibt</a> die Bundeskulturstiftung über Berlin, das sich bald täglich als Welthauptstadt der Kunst imaginiert, wobei antisemitische Projektionen gegen den Sammler Berggruen oder gegen Anwälte der Restitutionsansprüche jüdischer Opfer als pars pro toto ihre Entsprechung finden in der allseits hofierten Sammlung des Nazi-Erben Flick. Dabei sind die »Topographien des Terrors«, wie es euphemistisch heißt, Aktivposten des Stadt-Marketings, die, nicht immer freiwillig, vom Libeskind-Bau über die Kollwitz-Krypta bis zum »Untergang« von Eichinger sakral wirkend den gerade in seiner Negativität wie geweiht gefassten Ort ausbilden, in dem so etwas wie Scham zum – dem Begriff nach nicht möglichen – Allgemeinplatz wird und Fragen zu Schuld und Verantwortung als Andacht gegeben werden. Das Andächtige jedoch bedarf, so scheint es und hat etwas Zynisches, gerade wegen des ihm eigenen Dezenten und Vermittelten der fortlaufenden »Modernisierung«. »Die öffentliche Erinnerungspolitik hat sich inzwischen darauf geeinigt, dass die weltpolitischen Ambitionen Deutschlands es erfordern, das ›Holocaust-Problem‹ offensiv anzugehen« (1), wobei beim »Aufarbeitungs- und Gedenkweltmeister« (2) Deutschland, der sich einbildet, dass ihn dafür »in anderen Ländern manche beneiden« (Eberhard Jäckel), »Erinnerung und Spurenauslöschung immer wieder Hand in Hand gehen.« (3)</p>
<p>Dabei besteht ein Konsens darüber, dass Kunst als Mittel der Ästhetisierung des Politischen zu einer Politik des Gedenkens Deutschlands an sich selbst beitragen soll, an den »Unstaat« (Franz Neumann) der Volksgemeinschaft, dessen Hauptanliegen die Vernichtung der Juden war. Das schafft mitunter Probleme, einen Legitimationsbedarf, und braucht ein bestimmtes Kunstverständnis. Da wirkt es im Nachhinein nur folgerichtig, dass der Künstlerkurator Zmijewski sich auch als Autor beweisen konnte und 2007 ein »Manifest Angewandte Gesellschaftskunst« veröffentlichte. Darin heißt es laut <a href="http://www.goethe.de/ins/pl/lp/kul/dup/bku/ber/bie/de8517866.htm" target="_blank">Goethe-Institut</a>, die Kunst habe »ihren Einfluss auf die Wirklichkeit verloren« und müsse »wieder als ein Instrument der Wissenschaft, Bildung und Politik gebraucht und jenen gegenüber geöffnet werden, die nicht vor ihr auf die Knie fallen, sondern in einen wirklichen Dialog mit ihr eintreten können«. Und laut <em>Tagesspiegel </em>vom 18. Februar 2011 <a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/mehr-leben/3812776.html" target="_blank">bescheinigt</a> Zmijewski »dem heutigen Schaffen dramatische Wirkungslosigkeit«. Die Autonomie der Kunst bedeute »auch ein Fehlen von verbindlichen Maßstäben und Einfluss«, und es gebe »keine Trennung zwischen Kunst und Leben« – so laute der Leitsatz der <em>Berlin Biennale</em>.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Akte der Sublimierung</strong></p>
<p>Die Bezeichnung »Manifest« assoziiert Bewegungen der Avantgarde in der Kunst, die sich beispielsweise als Surrealismus, Futurismus, Dadaismus, Bauhaus oder Situationismus formierten und deren schlechtestes Zeugnis ihrer Kunst häufig gerade das Manifestartige war. Affirmation, Reproduktion und Überbietung der Gewaltverhältnisse als Elemente ihrer Credos, bis hin zur Sympathie einiger Futuristen und Surrealisten mit dem Faschismus, kulminiert in diesen Tagen einmal mehr, wenn »kommende Aufstände« herbeifantasiert und -gewünscht werden, deren Wunsch der Eliminierung halbwegs zivilisatorischer Verhältnisse sich im Hass auf »Finanzkapitalisten« und »Spekulanten« manifestiert, deren Personifikation Juden und deren Staaten die USA und vor allem Israel sind. Das offensichtliche Kokettieren mit den »Bewegungen« unserer Zeit offenbart sich in den mittlerweile täglich mit destruktiver Vehemenz verkündeten Aktivitäten der <em>Biennale </em>unter Zmijewski, die dazu <a href="http://ww.berlinbiennale.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=372&amp;Itemid=1" target="_blank">auffordert</a>, jeder Künstler »weltweit« möge Kunst einreichen und dazu angeben, welche »politische Neigung« er habe. Das zeigt sich in Texten wie »Die Empörten sind unter uns« und »Der Marsch der Empörten wird weitergehen« oder in der <a href="http://www.welt.de/kultur/article13815401/Kunstaktion-mit-Sarrazin-Buechern-loest-Debatte-aus.html" target="_blank">Aktion</a>, das Buch von Thilo Sarrazin an Sammelstellen zurückzugeben; nach dem Muster der Mülltrennung wird aufgerufen: »Deutschland schafft es ab.« Als Akt gegen Sublimierung sucht man sich ein »Wir«, das die wesentliche Kritik gegen Sarrazin, seinen völkischen Geist, eben nicht vorträgt, sondern vielmehr diesen Geist reformiert und »Deutschland« ökologisch einwandfrei bestätigt. Einwandfrei sah man sich auch, als am Tag des palästinensischen Antrags auf Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen die <em>Biennale </em>eine Aktion <a href="http://ww.berlinbiennale.de/" target="_blank">unterstützte</a>, bei der Passanten am »Checkpoint Charlie« ihre Pässe mit einem Einreisestempel für Palästina stempeln lassen konnten – Wiedervereinigung als Reenactment an der ehemaligen Grenze der deutschen Teilung, an der zudem das Ende des kurzen Jahrhunderts als Einstieg in die Machtfantasien eines Weltsouveräns symbolisch markiert wurde.</p>
<p>Kunst, deren Wahrheit ihre Unmöglichkeit angesichts des »Zivilisationsbruchs« der Shoah und deren Realität die mehr oder weniger bereitwillige Hingabe an die Sachzwänge einer allumfassenden kulturindustriellen Totalität ist, entstünde und bestünde, wenn sie als solche noch irgendwie wahr sein soll (und Beispiele sind überwiegend historisch zu finden) (4), unter den vermittelten Formbedingungen des je Besonderen des einzelnen Künstlers, des je Außerordentlichen des einzelnen Kunstwerks, der Inkommensurabilität, des Nicht-Verfügbaren und Nicht-Nützlichen, der in einem Kunstwerk eingesetzten Möglichkeit von Erfahrung der Freiheit des einzelnen Menschen von der falschen Einrichtung der Verhältnisse. All dies wird durch den Bewegungsfetischismus aufgehoben und denunziert. Man sollte also ehrlicherweise von einem »Manifest für angewandte Gesellschaft« reden. Die Tendenz zu Künstlergruppen (also Gruppenkünstlern) und Kuratorengruppen, der Trend zum Identitären, der zu beobachten ist, der redundante Herrschaftsanspruch wie die Negation der »Sphärentrennung«, das Dementi der Autorschaft, der Reiz des Anonymus’ – all das kennt kein Objekt mehr, keinen Gegenstand außerhalb. Alles fällt in eins, in »Echtzeit«, und verfällt wahnhaft, vielleicht weil unreflektiert gekränkt wegen des Bedeutungsverlustes des Selbst – angesichts der dem Kapitalverhältnis gleichgültigen je besonderen Individuen und eingedenk des Verlustes des Subjektiven im allein wertsetzenden Warentausch –, in das Muster der Gemeinschaft und betreibt nahezu das Gegenteil dessen, was Kunst noch bestimmen könnte. Deren Doppelcharakter als Ware wie als Objekt jenseits des Verwertungszusammenhangs, welches sich in der »Wahrheit des Ichs« und im Vorrang des Objekts gegen die Ansprüche der Totalität der Gesellschaft versucht, wird preisgegeben in einer Weise, die mit Zerstörungswut die letzten Residuen des Aufscheinens von Freiheit vom falschen Ganzen eliminieren möchte.</p>
<p>Der nun als Künstler sich positionierende Zmijewski, der im postmodernen Jargon »Ereignissequenzen in Gang setzen« und einen »Spielzug auf dem erregten Spielfeld«gestalten will, sagte in einem <a href="http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/158663/index.html" target="_blank">Fernsehbeitrag</a> der Sendung <em>Kulturzeit</em> auf 3Sat, er sei nicht zuständig für die Erklärung der Wirkung seiner Werke. Dessen ungeachtet schien es den TV-Journalisten mit den Worten der FAZ (5) ohnehin wichtiger gewesen zu sein zu betonen, dass »Werk und Künstler eine öffentliche, inhaltliche Diskussion vor der Entscheidung verdient gehabt« hätten – eine Diskussion über die Entscheidung der Hausleitung im Martin-Gropius-Bau, ein Werk von Zmijewski kommentarlos und ohne um Erlaubnis zu bitten (bei der Kuratorin oder beim Künstler) aus der Ausstellung »Tür an Tür: Polen – Deutschland« herauszunehmen. Der TV-Beitrag, die Kuratorin Anda Rottenberg und andere sprachen von Zensur. Zmijewski zeigte in dieser Ausstellung im Film »Berek« (»Fangen«) von 1999 nackte Menschen in der Gaskammer eines Vernichtungslagers, die dort lachend und herumalbernd Fangen spielen. Der Film soll besonders durch den Originalschauplatz schockieren, seine »Echtheit« ist ein provozierendes Element seiner Dramaturgie. Der Ort wird jedoch nur durch die historische Tat der Vernichtung zu dem, was er symbolisiert. Weder der Name des Vernichtungslagers noch dessen Opfer werden in dem Film genannt. Die Opfer sind in ihrer Namenlosigkeit nur »Manövriermasse«. Auch wird nicht angegeben, wer die Akteure im Film sind und wie ihre Anstellung zustande kam.</p>
<p>In einem Gespräch mit seiner Co-Kuratorin Joanna Warsza erklärte sich Zmijewski schließlich doch. »Berek« beruhe »auf einer Wahrnehmungsdissonanz zwischen einem korrekten, also stillen und zurückhaltenden Verhalten an einem solchen Ort und dem abrupten Eingriff der nackten, von der Bewegung erhitzten Körper. Das Ergebnis ist das Gefühl einer nahezu obszönen, pornografischen Erleichterung. Niemand stirbt, und gleichzeitig vermittelt das Bild vitale, sexuelle Energie.« (6) Eine Dramaturgie, die durch Zmijewskis »Spiel« mit Verweigerung und Erklärung zu Haltung und Anspruch seines Films sowohl Rätsel aufgeben soll, wie sie brutal und »lustbetont« die Vernichtung kathartisch nachzuvollziehen sucht, ohne von ihr zu sprechen. Ein Vorgang, der hier aber als »Hanswurstiade« an die Worte von Gerhard Scheit zu Wagner, zur Methodik von dessen Antisemitismus und zur Shoah denken lässt: »Es etablierte sich in diesem ›seelischen Versteckspiel‹ eine eigene Metaphorik der Anspielung, die dem Ahnungsvollen andeutete, was geschah, und es zugleich verbarg, falls die falsche Scham noch nicht ganz überwunden sein sollte. Sie ließ um die Vernichtungslager eine Art von Aura entstehen – verlieh ihnen einen quasi-religiösen Status.« Und: »Die Vernichtungslager waren <em>geheime</em> Kultstätten des Nationalsozialismus. Die Aura des Geheimnisvollen erwies sich zugleich als die denkbar beste Taktik, um zum heilsgeschichtlichen Ziel des Nationalsozialismus zu gelangen. Sie bewirkte vor allem, dass die Betroffenen bis zuletzt keine Klarheit darüber gewinnen konnten, was man mit ihnen vorhatte. Die Mythisierung der planmäßigen Vernichtung endete in jenen falschen Duschen der Vernichtungslager, durch die man das Gas einströmen ließ.« (7)</p>
<p>Dass die Mythisierung durch Zmijewski im Grunde wiederholt wird, ohne sie als solche mit irgendeiner Position der Distanz begreiflich zu machen, lässt mit den Spekulationen und Erörterungen darüber, was Zmijewski motiviert haben mag, jenen Raum, der es Betrachtern ermöglicht, sich in affirmativen Ahnungen zu ergehen, während zugleich Zmijewski sich als Opfer der Verfolgung, der »Zensur«, schon bereithält. Der Zwang, die Shoah derart entsetzlich verdinglichen zu wollen, also die Frage, was ihn zu diesem »Witz« getrieben hat, wird dann durch Praxis beantwortet, wenn er in einem anderem Kunstwerk (nämlich im Video »80064« aus dem Jahr 2004) einen Auschwitz-Überlebenden drängt, die Tätowierung seiner Häftlingsnummer »aufzufrischen«, sich also ein zweites Mal das Symbol der Entmenschlichung eintragen zu lassen. »Ich habe den Mann genötigt und missbraucht. Ich wollte ihn noch mal zum Opfer machen, um diesen Moment zu beobachten, in dem er zustimmte, Opfer zu sein.« (Zmijewski laut <em>art-Kunstmagazin</em>, 26. Juli 2007) Es scheint Genuss ähnlich dem Sadomasochismus zu versprechen, mit dem Ticket des »umstrittenen« Künstlers das Täter-Opfer-Verhältnis »nachzufühlen«, sowohl als Akt der erzeugten Selbstqual wie mit kalkulierter Brutalität, die an Ernst Jünger erinnert. Es blieb im Übrigen dem Leiter des Centrum Judaicum, Hermann Simon, überlassen, die Absetzung der Stücks von Zmijewski zu fordern, nachdem die Ausstellung bereits wochenlang lief und Bundespräsident Wulff sowie der polnische Staatspräsident Komorowski samt dem zahlenmäßig nicht gerade kleinen Vernissagepublikum an dem Gaskammerfilm vorbeiflaniert waren.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Antizionistische Provokationen</strong></p>
<p>Die israelisch-niederländische Künstlerin Yael Bartana ist ein Gast der nächsten, siebten <em>Berlin Biennale</em> und wird bereits seit Monaten auf deren Website beworben. Bartana hat mit Unterstützung von Zmijewski und dem »leftist acitivist« (<em>Artreview</em>) Slawomir Sierakowski (beide sind Herausgeber bzw. künstlerische Leiter der linken Gruppierung und des gleichnamigen Magazins <em>Krytyka Polityczna</em>) eine Bewegung zur Rückkehr der Juden nach Polen gegründet, nämlich das <em>Jewish Renaissance Movement in Poland </em><a href="http://pl-pl.facebook.com/jrmip" target="_blank">(JRMiP)</a>, also die »Bewegung jüdischer Wiedergeburt in Polen«, wie es übersetzt wird. Auf <em>Berlin.de</em> (dem »offiziellen Hauptstadtportal«) <a href="http://www.berlin.de/tickets/suche/detail.php?id=639097" target="_blank">liest man</a>: »Seit ihrer Gründung 2007 hat die Bewegung internationalen Zuspruch erhalten und zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden.« Zudem wird aus der Selbstbeschreibung, dem Manifest des JRMiP zitiert: »Dies ist unsere Antwort auf die herrschenden Krisenzeiten, in denen sich der Glaube erschöpft hat und die alten Utopien gescheitert sind. Der Optimismus stirbt aus. Das verheißene Paradies ist privatisiert worden. Die Äpfel und Wassermelonen aus dem Kibbuz haben ihre Saftigkeit verloren. [...] Unser Aufruf richtet sich nicht nur an Juden. In unsere Reihen nehmen wir alle auf, für die in ihren Heimatländern kein Platz ist – die Vertriebenen und Verfolgten. In unserer Bewegung wird es keine Diskriminierung geben. Wir werden nicht in Euren Lebensläufen graben, Aufenthaltsgenehmigungen kontrollieren, Euren Flüchtlingsstatus überprüfen. Wir werden stark sein in unserer Schwäche.«</p>
<p>Das JRMiP erklärt darüber hinaus auf der <a href="http://ww.berlinbiennale.de/index.php?option=com_content&amp;task=blogcategory&amp;id=190&amp;Itemid=255" target="_blank">Website</a> der <em>Berlin Biennale </em>unter dem Stichwort »JRMiP Congress«: »Auch wenn diese Rückkehr, zumindest am Anfang, symbolisch sein wird, müssen erste Schritte gemacht werden. Die Jüdinnen und Juden von heute sind nicht identisch mit jenen, die aus Europa vertrieben wurden – die Europäerinnen und Europäer von heute sind nicht diejenigen, die für die ›ethnische Säuberung‹ verantwortlich waren. Dies ist ein guter Zeitpunkt, um sich wieder zu vereinen – um Europa, Israel und möglicherweise auch den gesamten Nahen Osten zu verändern.« Dieses »Projekt« wurde zuletzt unter anderem auf der Biennale in Venedig im polnischen Pavillon gezeigt, unter dem Titel »&#8230;and Europe will be stunned«, in etwa zu übersetzen mit »Europa wird sprachlos, überwältigt sein«. Eine Art Gesamtkunstwerk, das Bartana seit 2007 mit unterschiedlichsten Medien und Materialien als <em>work in progress </em>herstellt. Sie produziert und inszeniert Filme, Objekte, Fotografien und Plakate, Uniformen, Fahnen, Abzeichen, Tableux vivants, ein Manifest usw., in denen die »Bewegung« dargestellt wird, sich ausdrückt, konstituiert. Im Zentrum des Werkes steht eine Filmtrilogie mit den Filmen »Mary Koszmary« (»Dreams and Nightmares«, 2007), »Mur i wieza« (»Wall and Tower«, 2009) und »Zamach« (»Assassination«, 2011) sowie die Performance »We will be strong in our weakness« (aufgeführt beispielsweise 2011 beim Festival »Polski Express« im HAU Berlin).</p>
<p>Ist im Manifest der Gesellschaftskünstler die Utopie in Wahrheit nur als Dystopie bestimmbar, könnte hier das Fiktionale und Utopische zum Szenario des Schreckens werden. Bartana und ihre Mitstreiter fordern die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen, ob tot oder lebendig, ist nicht ganz klar. (8) Die (Spiel-)Filme stehen im Zentrum des Werks und nehmen im Stil der Dokumentation und der Propaganda dieses Ereignis vorweg. Es geht um einen Realismus der Intervention, und an diesem Anspruch eigener Glaubwürdigkeit der »Bewegung« muss das Werk beurteilt werden. Man sieht die Entstehung der »Bewegung«, die in Uniformen inklusive Halstuch, Armbinde (assoziativ ein helles Feld – Davidstern/Adler – auf dunklem Grund) und Fahnen ihre Losung veröffentlicht. Im alten, verfallenen Olympiastadion von Warschau sieht man eine Versammlung der Bewegungsaktivisten (zum Teil Schauspieler, zum Teil wirkliche Aktivisten – Juden, die Juden spielen), die einer in Polnisch gehaltenen Rede des namenlosen Anführers zuhört, in der Juden zur Rückkehr aufgerufen werden. Auf dem Gelände, wo einst das Warschauer Ghetto stand, bauen die Bewegungsmitglieder eine Art Wehrdorf oder Lager aus Holz mit Wachturm und Stacheldraht und besiedeln derart als Juden das heutige Polen. Der Anführer der »Bewegung« (gespielt von Sierakowski) fällt einem Attentat zum Opfer, sein Begräbnis als »Märtyrer« schafft erst recht die Voraussetzung für die »Bewegung«. Die Filme werden (so etwa in Venedig) im Kinoambiente einer »Black Box« abgespielt und führen in suggestiver Weise (Ton, Schnitt, Zeitlupe, Überblendungen, Wiederholung, Gesang) das Erstarken der »Bewegung« vor. Davidstern und polnischer Adler werden ineinander gelegt und bilden deren Symbol.</p>
<p>Die Filme zitieren, zum Teil in karikierender Weise, Elemente der Ästhetik des Zionismus vor allem der 1930er Jahre, der seinerzeit in Film und Fotografie die Errungenschaften der jüdischen Besiedlung im damaligen britischen Mandatsgebiet zeigte und als Ausdruck der Hoffnung und Zukunft gerade für verfolgte Juden in aller Welt, insbesondere auch der Jugend, Anleihen bei der russischen Avantgarde, beim Konstruktivismus und beim Formenrepertoire der Moderne nahm. Die Ambivalenz der Filme von Bartana ist signifikant. Es wird der Anschein der Ernsthaftigkeit vorgetragen, die Rückkehr wirklich zu wollen (man kann auch Mitglied werden); zugleich wird der Zionismus ironisch instrumentalisiert und latent denunziert, durchaus spöttisch, um das Unmögliche des mit Ernst vertretenen Anliegens zu zeigen. Die »Dummheiten« der Massenbewegungen des 20. Jahrhundert werden gerade ihm zugeschrieben, Andeutungen eines Führerkults, der Frohsinn der Menge, die Neigung zu Fanatismus und Pathos. Die Unmöglichkeit der »Rückkehr«, in Kenntnis der Geschichte der Shoah, die Dämonie des Projekts – das gegenüber realen Wünschen von Juden nur konzeptionell Interesse zeigen kann – implizieren zugleich durch die zionistische Gestalt der »Bewegung« die Unmöglichkeit des Lebens in Israel. Was als Provokation der Europäer daherkommt, zielt letztlich, in jeder der explizit oder implizit angedeuteten Lesarten des Spektakels, gegen den jüdischen Staat.</p>
<p><em>Zum  zweiten und letzten Teil des Beitrags geht es <a href="http://lizaswelt.net/2012/04/06/bewegungskunst-ii/" target="_blank">hier</a>.</em><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="font-size:85%;"><em>Anmerkungen</em></span><br />
<span style="font-size:85%;">(1) Günther Jacob: Die Metaphern des Holocaust während des Kosovokriegs. In: <em>1999</em>, Heft 1/2000, S. 179.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(2) Alex Feuerherdt: Alles bewältigt, nichts begriffen. In: <em>Konkret</em>, Heft 3/2012, S. 21.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(3) Jacob (siehe Anmerkung 1), S. 183. »Das Projekt Berlin-Birkenau bringt einige Hundert junge Birken aus der Umgebung von Auschwitz-Birkenau nach Berlin«, schreibt die <em>Berlin Biennale </em>über das Kunstwerk »Berlin-Birkenau« von Lukasz Surowiec. Die »Birkensetzlinge schaffen ein persönliches, auf Eigeninitiative beruhendes Mahnmal, dessen Erhalt von seinem Besitzer abhängt«. Diese »postmortale Adoption« (Eike Geisel), eine Art Recycling von »Kitsch und Tod«, zeigt in den Worten von Eike Geisel, dass »aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden« ist, mit dem sich das neue Deutschland »das gute Gewissen macht«. Eike Geisel: Opfersehnsucht und Judenneid, Berlin 1994; ders.: Triumph des guten Willens, Berlin 1998, S. 60.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(4) Siehe Jan-Georg Gerber: Kunst, Recycling, Entsorgung. Mit Benjamin gegen Adorno. In: <em>Bahamas</em>, Nr. 63, Winter 2011/12, S. 52/54.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(5) Aus Respekt Kurzfilm aus Ausstellung entfernt, in: FAZ vom 1. November 2011 (nur Printausgabe).</span><br />
<span style="font-size:85%;">(6) Artur Zmijewski im Gespräch mit Joanna Warsza. In: <em>das magazin der kulturstiftung des bundes</em>, Nr. 18, Herbst/Winter 2011, S. 37.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(7) Gerhard Scheit: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus. 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Freiburg 2006, S. 325.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(8) Raul Hilberg nennt für das Jahr 1939 3.350.000 jüdische Einwohner Polens, für das Jahr 1945 50.000. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 3, Frankfurt/Main 1990, S. 1116.</span></p>
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		<title>Kein Antisemitismus, nirgends</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Mar 2012 21:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Benz]]></category>

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		<description><![CDATA[Was tut man als Redakteur einer Zeitung, wenn irgendwo auf der Welt etwas geschieht, wofür man eine Erklärung benötigt, die abzugeben man selbst nicht willens oder imstande ist? Richtig, man zieht einen Experten zu Rate. Auch das Hamburger Abendblatt verfuhr so, nachdem in einer jüdischen Schule in der französischen Stadt Toulouse drei jüdische Kinder und [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2200&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2201" title="»Wir wissen ja noch nicht einmal, ob die Morde wirklich ein antisemitisches Motiv hatten oder die Opfer von einem Terroristen zufällig ausgewählt worden sind«: Wolfgang Benz" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/03/benz4.jpg?w=500&#038;h=421" alt="" width="500" height="421" /></p>
<p>Was tut man als Redakteur einer Zeitung, wenn irgendwo auf der Welt etwas geschieht, wofür man eine Erklärung benötigt, die abzugeben man selbst nicht willens oder imstande ist? Richtig, man zieht einen Experten zu Rate. Auch das <em>Hamburger Abendblatt</em> <a href="http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article2223590/Ich-erkenne-keine-neue-Dimension-des-Antisemitismus.html" target="_blank">verfuhr so</a>, nachdem in einer jüdischen Schule in der französischen Stadt Toulouse drei jüdische Kinder und ein Rabbiner ermordet worden waren. Zwar ist Wolfgang Benz (Foto), auf den die Wahl des Blattes fiel, schon seit einer Weile nicht mehr der Leiter des Berliner »Zentrums für Antisemitismusforschung«, aber in Deutschland immer noch der bekannteste und gefragteste Ansprechpartner, wenn es um das Thema Judenfeindlichkeit geht. Und wie bewertet die Koryphäe im Ruhestand das tödliche Treiben in Frankreich? Nun, erst einmal gar nicht, denn:</p>
<blockquote><p>Wir brauchen zunächst mehr Informationen über den Hintergrund des Täters. Ich erkenne bisher trotz der Brutalität der Tat keine neue Dimension eines Antisemitismus in Europa. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob die Morde wirklich ein antisemitisches Motiv hatten oder die Opfer von einem Terroristen zufällig ausgewählt worden sind. Beim Amoklauf in Oslo gab es schnell ein Bekennerschreiben. Der Attentäter Anders Breivik hatte eine Ideologie, für die er mordete. Die fehlt uns in Toulouse noch.</p></blockquote>
<p>Da hat der Herr Professor zweifellos Recht, schließlich ist über Mohammed Merah fast nichts bekannt. Man <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/mutmasslicher-attentaeter-von-toulouse-staatsfeind-selbsternannter-raecher-1.1314374" target="_blank">weiß</a> lediglich, dass er sich selbst als Al-Qaida-Kämpfer und Mudschahed bezeichnete, in pakistanischen und afghanischen Terrorcamps gesichtet wurde, in Toulouse einer salafistischen Organisation angehörte und mit seinen Morden palästinensische Kinder rächen wollte. Ein antisemitisches Motiv ergibt sich daraus natürlich noch lange nicht und erst recht keine Ideologie. Wer etwas anderes behauptet, muss ein islamophober Rassist sein (Benz kennt sich da <a href="http://lizaswelt.net/2008/12/11/zentrum-fur-ahnungslose/" target="_blank">bestens aus</a>). Außerdem fehlt ja das Bekennerschreiben, und Merah wird es dummerweise auch nicht mehr nachreichen können, weil er jetzt tot ist. Aber das ist letztlich halb so wild, denn es gibt ja ohnehin keine neue Dimension des Antisemitismus, und überhaupt:</p>
<blockquote><p>Ich fürchte, dass kaltblütige Taten wie die von Oslo und Toulouse normale Gewalt in einer Massengesellschaft ist. Dies hat es immer gegeben, auch in Europa. Im 19. Jahrhundert versetzten russische Anarchisten mit Bombenanschlägen die Gesellschaft in Angst. Die Sicherheitsbehörden müssen nun vor allem mögliche Nachahmer der Tat von Toulouse verhindern.</p></blockquote>
<p>In Köln würde man <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Das_K%C3%B6lsche_Grundgesetz" target="_blank">sagen</a>: Et kütt, wie et kütt, wat fott es, es fott, un et hätt noch immer joot jejange. Voll normal, das alles, und sowieso sollte man um den Judenhass nicht so ein Gewese machen, schon gar nicht hierzulande:</p>
<blockquote><p>Ich sehe keine Zunahme des Antisemitismus. Es ist traurig genug, dass es Menschen gibt, die Juden feindlich gegenüberstehen. Doch ich warne auch vor dramatisierenden Schlagzeilen bei Veröffentlichungen dieser Studien. Ich sehe nur bei fünf Prozent der Deutschen klare judenfeindliche Einstellungen, das sind die Ewiggestrigen mit ihren Stammtischparolen. Bei vielen Befragten aber sind Ressentiments da, die nicht speziell antisemitisch sind. Würde man sie zu ihren Einstellungen beispielsweise gegenüber Österreichern oder Polen fragen, wären die Antworten vielleicht ähnlich. Wir müssen aufpassen, dass wir durch eine Dramatisierung der Studien nicht den wahren Antisemitismus verharmlosen.</p></blockquote>
<p>Um es mit Henryk M. Broder <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/was_haben_kannibalen_kinderficker_und_antisemiten_gemeinsam/" target="_blank">zu formulieren</a>: »Antisemitismus fängt bei sechs Millionen toten Juden an, alles darunter ist Friedenspolitik.« Und mit den fünf Prozent Ewiggestrigen und ihren Stammtischparolen werden wir auch noch fertig. Von den anderen, die da des Antisemitismus <a href="http://rundeablage.files.wordpress.com/2010/06/antisemitismus-in-deutschland.pdf" target="_blank">geziehen werden</a>, weiß man ohnehin, dass sie eigentlich ganz friedfertige Zeitgenossen sind, die außerdem ihre österreichischen Nachbarn im Zweifelsfall genauso dafür beschimpfen, dass sie ihnen den Hitler geschickt haben, wie sie die Juden dafür <a href="http://lizaswelt.tumblr.com/post/16409485270/as-studie" target="_blank">hassen</a>, dass die immer noch mit dem von den Deutschen längst vorbildlich bewältigten Holocaust ankommen. Von einem Antiaustrizismus hat man aber noch nie etwas gehört, und deshalb ist auch das ganze Getöse um den Antisemitismus völlig überzogen. Vollends absurd wird es sogar, wenn man ehrenwerte Menschen wie den SPD-Parteivorsitzenden ins Gebet nimmt, nur weil der den jüdischen Staat als Apartheidregime <a href="http://lizaswelt.net/2012/03/15/sigmar-gabriel/" target="_blank">bezeichnet</a> hat:</p>
<blockquote><p>Ich kann bei Gabriels Äußerungen keinen Antisemitismus feststellen. Es ist doch nicht frei erfunden, dass Israel sich als ein Staat definiert mit einem bestimmten Staatsvolk. Und es ist auch nicht frei erfunden, dass Nichtjuden einige zusätzliche Kontrollen durch israelische Behörden über sich ergehen lassen müssen. Wenn das Gabriel an einen Staat erinnert, in dem Bürger mit zweierlei Recht behandelt werden, dann kann ich das nachvollziehen.</p></blockquote>
<p>Eine vortreffliche Analyse, zumal der Historiker Benz sich hier mit feiner Subtilität auch als linker Staatskritiker zu erkennen gibt – schließlich ist es ja das Wesen eines jeden Staates, sich sein Staatsvolk zurechtzudefinieren, nicht zu diesem Staatsvolk Gehörende gelegentlich diversen Unannehmlichkeiten auszusetzen und es mit dem bürgerlichen Gleichheitsversprechen bisweilen nicht ganz so genau zu nehmen. Insofern besteht die Welt praktisch nur aus Apartheidregimes – ein sehr unerfreulicher Missstand natürlich, der behoben gehört. Und warum damit nicht gerade in Israel beginnen, wo man aus dem Holocaust ja viel weniger gelernt hat als in jenem Land, das ihn einst veranstaltete?</p>
<p>Wolfgang Benz ist also ein eminent kluger Mann, der schon früher <a href="http://lizaswelt.net/2008/12/11/zentrum-fur-ahnungslose/" target="_blank">erkannt</a> hat, dass der Antisemitismus letztlich bloß ein Vorurteil unter vielen ist und der Antisemitismusvorwurf überdies eine derart inflationäre Verwendung findet, dass selbst einem »Mann von Reputation und einigem Nachruhm« wie Heinrich von Treitschke bitteres Unrecht <a href="http://lizaswelt.net/2009/09/08/eyes-wide-shut-i/" target="_blank">angetan wird</a>, wenn man ihm ankreidet, dass die Nazis seine harmlose Parole »Die Juden sind unser Unglück« in Anspruch genommen haben. Deshalb liegt Benz auch völlig richtig, wenn er den Attentäter von Toulouse partout nicht als Antisemiten bezeichnen will – zumal das ja schon der pietätvolle lateinische Grundsatz »De mortuis nil nisi bene« gebietet. Hierzulande kann, nein: muss man daher überaus stolz auf seinen führenden Antisemitismusforscher sein.</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F03%2F22%2Fkein-antisemitismus-nirgends%2F&amp;linkname=Kein%20Antisemitismus%2C%20nirgends" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" alt="" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Kein Antisemitismus, nirgends" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=500" alt=""   /></a></p>
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			<media:title type="html">»Wir wissen ja noch nicht einmal, ob die Morde wirklich ein antisemitisches Motiv hatten oder die Opfer von einem Terroristen zufällig ausgewählt worden sind«: Wolfgang Benz</media:title>
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		<title>(Fast) in seinen eigenen Worten</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Mar 2012 16:23:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Sigmar Gabriel]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich habe gerade Sigmar Gabriels Facebook-Seite besucht. Die ist für Israelis eine No-go-Area. Sigmar Gabriel ist ein Nazi, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt. *   *   *   *   * Ich habe eben nach einem für mich wirklich bedrückenden Besuch von Sigmar Gabriels Facebook-Seite davon gesprochen, dass diese für Israelis eine »No-go-Area« und Gabriel ein Nazi [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2188&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2190" title="Sigmar Gabriel" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/03/gabriel.jpg?w=500&#038;h=432" alt="" width="500" height="432" /></p>
<p>Ich habe gerade Sigmar Gabriels <a href="https://www.facebook.com/sigmar.gabriel/posts/369095839789811" target="_blank">Facebook-Seite</a> besucht. Die ist für Israelis eine No-go-Area. Sigmar Gabriel ist ein Nazi, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt.</p>
<p style="text-align:center;">*   *   *   *   *</p>
<p>Ich habe eben nach einem für mich wirklich bedrückenden Besuch von Sigmar Gabriels <a href="https://www.facebook.com/sigmar.gabriel/posts/369224476443614" target="_blank">Facebook-Seite</a> davon gesprochen, dass diese für Israelis eine »No-go-Area« und Gabriel ein Nazi sei. Mir ist klar, dass dies eine sehr drastische Formulierung ist. Aber genau so erleben die Israelis seinen Auftritt. Der drastische Begriff ist das, was mir und nicht nur mir angesichts seiner Äußerungen eingefallen ist. Wenn meine Formulierung zu dem Missverständnis geführt hat, ich wolle Sigmar Gabriel und seine Partei mit dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland gleichsetzen, tut mir das leid. Das wollte und will ich ausdrücklich nicht, weil dieser Vergleich der SPD gegenüber mehr als ungerecht und dem Nationalsozialismus gegenüber verharmlosend wäre. Aber die demütigende Form des Umgangs mit den Israelis auf Gabriels Facebook-Seite übertrifft einfach vieles, was man sonst in der SPD erlebt. Und es verursacht selbst bei jemandem wie mir, der die SPD unterstützt, wirklich großen Zorn. Und den habe ich versucht auszudrücken.</p>
<p style="text-align:center;">*   *   *   *   *</p>
<p><em>Disclaimer:</em> Eine Unterstützung der SPD liegt mir selbstverständlich fern. Ich habe nur ein wenig mit Sigmar Gabriels <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article13923353/Gabriel-nennt-Israel-Apartheid-Regime.html" target="_blank">Logik</a> gespielt.</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F03%2F15%2Fsigmar-gabriel%2F&amp;linkname=(Fast)%20in%20seinen%20eigenen%20Worten" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Link mit anderen teilen" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" alt="" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: (Fast) in seinen eigenen Worten" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=500" alt=""   /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lizaswelt.net/category/politik/'>Politik</a> Tagged: <a href='http://lizaswelt.net/tag/antisemitismus/'>Antisemitismus</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/israel/'>Israel</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/sigmar-gabriel/'>Sigmar Gabriel</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/spd/'>SPD</a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lizaswelt2010.wordpress.com/2188/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2188&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Loriotesk!</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2012/02/24/tatortreiniger/</link>
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		<pubDate>Fri, 24 Feb 2012 15:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Verschiedenes]]></category>
		<category><![CDATA[Tatortreiniger]]></category>

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		<description><![CDATA[Die großartige TV-Serie Tatortreiniger geht endlich weiter. Anke Gröner und Lizas Welt hatten bereits die Gelegenheit, die nächsten beiden Folgen zu sehen.* Die gute Nachricht vorneweg: Im Frühling kann der wunderbare Tatortreiniger, wie es aussieht, aus seinem so unverschuldeten wie unverdienten Schattendasein heraustreten. Zu Beginn dieses Jahres hatte der Norddeutsche Rundfunk in seinem dritten Programm [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2174&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2175" title="»Nicht über mein Sofa«: Viviane Hellenkamp (Christine Schorn) und Heiko »Schotty« Schotte (Bjarne Mädel) in der dritten Folge der Serie »Der Tatortreiniger«" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/02/tatortreiniger.jpg?w=500&#038;h=343" alt="" width="500" height="343" /></strong></p>
<p><strong>Die großartige TV-Serie <em>Tatortreiniger</em> geht endlich weiter. <a href="http://www.ankegroener.de/?p=15700" target="_blank">Anke Gröner</a> und <em>Lizas Welt</em> hatten bereits die Gelegenheit, die nächsten beiden Folgen zu sehen.*</strong></p>
<p>Die gute Nachricht vorneweg: Im Frühling kann der wunderbare <em><a href="http://de-de.facebook.com/tatortreiniger" target="_blank">Tatortreiniger</a></em>, wie es aussieht, aus seinem so unverschuldeten wie unverdienten Schattendasein heraustreten. Zu Beginn dieses Jahres hatte der Norddeutsche Rundfunk in seinem dritten Programm zunächst <a href="http://www.ndr.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/pressemeldungndr9567.html" target="_blank">zwei Folgen</a> der gleichnamigen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tatortreiniger" target="_blank">Serie</a> gezeigt, am späten Abend und praktisch <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-mann-fuer-den-letzten-dreck/" target="_blank">ohne jede Werbung</a> – so, als schämte sich der Sender regelrecht für diese Produktion. Damit, dass die Einschaltquoten durchaus ansprechend ausfallen würden, hatte man beim NDR jedenfalls offenbar genauso wenig gerechnet wie mit dem euphorischen <a href="http://www.sueddeutsche.de/medien/ndr-serie-tatortreiniger-mehr-als-nur-putzen-1.1249151" target="_blank">Medienecho</a> und der <a href="http://www.ndr.de/unterhaltung/grimmepreis121.html" target="_blank">Nominierung</a> für den Grimme-Preis. Doch selbst nach diesen überaus positiven Reaktionen dauerte es immer noch eine gefühlte Ewigkeit, bis man auch die längst produzierten Folgen drei und <a href="http://www.ankegroener.de/?p=15700" target="_blank">vier</a> ins Programm nahm; sie werden nun am 28. Februar und am 6. März <a href="http://www.ndr.de/unterhaltung/comedy_satire/dertatortreiniger101.html" target="_blank">ausgestrahlt</a>, also fast zwei Monate nach den ersten beiden und wiederum zu vorgerückter Stunde. Am 17. Mai wird die Pilotsendung des <em>Tatortreinigers </em>dann endlich auch <a href="http://www.dwdl.de/nachrichten/34910/bjarne_mdel_darf_als_tatortreiniger_ins_erste/" target="_blank">im Ersten</a> zu sehen sein, und wenn man dem NDR glauben darf, wird die Produktion noch in diesem Jahr <a href="http://www.ndr.de/unterhaltung/grimmepreis121.html" target="_blank">fortgesetzt</a>.</p>
<p>Woher diese seltsame Zurückhaltung kommt, ist unbegreiflich, denn die Serie ist allerfeinste Unterhaltung und eine echte Perle inmitten des ganzen Tands, mit dem die ARD sonst den lieben langen Tag ihre Kanäle flutet. Der Tatortreiniger, das ist »Schotty« alias Heiko Schotte, gespielt vom großartigen, aus Formaten wie <em>Stromberg</em> und <em>Mord mit Aussicht</em> wohlbekannten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bjarne_M%C3%A4del" target="_blank">Bjarne Mädel</a>. Seine Arbeit – die Beseitigung von Blut und anderen sichtbaren Spuren des Ablebens von Menschen infolge von Unfällen oder Morden – »fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben«, wie er selbst es nicht ohne Stolz formuliert. »Schotty« – ein gutherziger, bauernschlauer Gernegroß Anfang vierzig – begreift seine morbide Maloche in mancherlei Hinsicht als Kunst und weist prosaischere Auffassungen von dieser Tätigkeit entschieden zurück; sein ganzes komisches, teilweise lorioteskes Potenzial entfaltet der <em>Tatortreiniger</em> aber vor allem durch das – meist zufällige – Zusammentreffen mit anderen Protagonisten am jeweiligen Tatort. Mal handelt es sich dabei um eine Prostituierte, die eigentlich einen Kunden aufsuchen will, mal um einen Schriftsteller, der mehr unter seiner Schreibblockade leidet als unter dem Tod seiner Tante, mal um eine Patientin, die um ihren von einer anderen Patientin ermordeten Psychotherapeuten trauert.</p>
<p>In der dritten Folge mit dem Titel »Nicht über mein Sofa« soll »Schotty« in der Villa der reichen Hamburger Witwe Viviane Hellenkamp (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Schorn" target="_blank">Christine Schorn</a>) die Blutspuren beseitigen, die ein, wie es heißt, von der Treppe gestürzter und dadurch ums Leben gekommener Einbrecher hinterlassen hat. Bereits die Eingangsszene ist so grotesk wie brillant, denn weil die 87jährige Hauseigentümerin nicht gewillt ist, dem Reinigungsmann ohne vorherige Gesichts- und Ausweiskontrolle die Tür zu öffnen, gleichzeitig aber mit den Tücken der Überwachungstechnik kämpft (»Ach, jetzt hab’ ich auf den Hund gedrückt«), bleibt dem so langmütigen wie beflissenen »Schotty« nichts anderes übrig, als sich auf den Koffer mit seinen Utensilien zu stellen und seinen Dienstausweis in die Kamera zu halten, um schließlich auch noch auf offener Straße laut »Mein Name ist Heiko Schotte, und ich hab’ kein Abitur« zu rufen. Drinnen macht er dann erst recht Bekanntschaft mit dem ins Absurde überzeichneten Standesdünkel der alten Frau Hellenkamp, die nicht etwa der Tod des Eindringlings belastet, sondern die Tatsache, dass dieser ihr wertvolles Sofa – auf dem unter anderem schon Herbert Karajan, Johannes Brahms, Prinz Heinrich von Preußen und Gustaf Gründgens gesessen haben sollen – erst mit Straßenschuhen betreten und dann mit einem Messer aufgeschlitzt hat.</p>
<p>Bald kommen »Schotty« Zweifel an der Version der Witwe, der zufolge der Einbrecher auf der Treppe das Gleichgewicht verloren hat und beim Sturz umgekommen ist. Und die rüstige Dame macht auch gar keine großen Anstalten zu leugnen, dass sie den Ganoven für seine »mutwillige, barbarische Zerstörungswut« eigenhändig ins Jenseits befördert hat (standesgemäß mit einem Golfschläger nämlich sowie, na klar, mit Gottes Hilfe). Stattdessen versucht sie, »Schotty« mit einem Haufen Geld zum Schweigen zu bringen. Der gerät kurz in Versuchung, weist das Angebot dann jedoch vehement zurück und kündigt eine Aussage bei der Staatsanwaltschaft an, woraufhin er sich unversehens mit der Drohung konfrontiert sieht, selbst als Täter angezeigt zu werden – schließlich verfügt die wohlhabende, alleinstehende Frau natürlich über beste Kontakte zur Justiz. Als sie ihn auch damit nicht beeindrucken kann, unternimmt sie den Versuch, seine unverhohlene Begeisterung für ihren schwarzen Maserati zu nutzen, um ihn doch noch zu einem Deal zu bewegen. Wiederum erwägt »Schotty«, schwach zu werden – bevor sich die Angelegenheit gewissermaßen von selbst löst.</p>
<p>Wie in den anderen Folgen werden auch in »Nicht über mein Sofa« die Sympathien der Macher von <em>Tatortreiniger</em> für die Subalternen, zu Unrecht übel Beleumundeten und gesellschaftlich Ausgegrenzten so deutlich wie die Antipathien gegenüber den Großkopfeten, Schwätzern und Eingebildeten – und dies, ohne dass die Zuschauer dabei mit politischer Überkorrektheit genervt oder die Charaktere zu Charaktermasken gemacht werden. Die Serie spielt mit Klischees, um sie ironisch zu brechen, sie skizziert allzu menschliche Schwächen, ohne sie bloßzustellen, und sie brilliert mit überraschenden Dialogen, Wendungen und Pointen. So etwas bekommt man im deutschen Fernsehen – zumal dem öffentlich-rechtlichen – nur ganz selten geboten. Dass der NDR den <em>Tatortreiniger </em>nun offenbar doch, wenn auch sehr zögerlich, vom Katzentisch an die Tafel zu holen plant, ist deshalb ohne Zweifel eine erfreuliche und richtige Entscheidung.</p>
<p>* <em>Zu Anke Gröners Besprechung der vierten Folge mit dem Titel »Geschmackssache« geht es <a href="http://www.ankegroener.de/?p=15700" target="_blank">hier</a>.</em></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F02%2F24%2Ftatortreiniger%2F&amp;linkname=" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" alt="" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Loriotesk!" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=500" alt=""   /></a></p>
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		<item>
		<title>Pfaff und der PAOKenschlag</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2012/02/15/pfaff-und-der-paokenschlag/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 18:38:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[FC Bayern]]></category>

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		<description><![CDATA[Unlängst sollte ich für ein Buchprojekt einmal meine ganz eigene Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2159&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p>Unlängst sollte ich für ein Buchprojekt einmal meine ganz eigene Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich für Jean-Marie Pfaff entschieden, den ich als Jugendlicher nachgerade bewundert habe, so sehr, dass ich mir sogar die Schallplatte mit seinem reichlich grenzwertigen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=TQ7RM93Gz8Y" rel="nofollow" target="_blank">Gesangsversuch</a> namens »&#8230;jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden, und über einen von ihm gehaltenen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Kh1Y4hHCszc#t=7s" rel="nofollow" target="_blank">Elfmeter</a> habe ich mich bisweilen mehr gefreut als über ein Münchner Tor.</p>
<p>Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich auch im Stadion war. Saison 1983/84, Uefa-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.</p>
<p>Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch nullzunull, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.</p>
<p>Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war (wie auch das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=R5hVyn7ZosY" rel="nofollow" target="_blank">Video</a> zeigt) und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – augenscheinlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.</p>
<p>Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel sörenlerbymäßig links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich <a href="http://www.sueddeutsche.de/sport/abschied-vom-olympiastadion-rot-blaue-geschichten-1.863893" rel="nofollow" target="_blank">herausstellen</a> sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.</p>
<p>Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute. Ich brauche das Video des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel, heulend vor Glück und Erleichterung. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.</p>
<p>Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«</p>
<p><span style="font-size:85%;">Dieser Beitrag erschien zuerst <a href="http://www.spox.com/myspox/group-blogdetail/Pfaff-und-der-PAOKenschlag,155732.html" target="_blank">auf dem Webportal SPOX</a>.</span></p>
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		<title>Achte Liga, siebenhundert Kilometer</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 01:56:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Amateurfußball]]></category>
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		<description><![CDATA[Ich geb’s zu, ich bin ein Trittbrettfahrer. Allenfalls könnte ich (wenngleich mit gutem Grund) behaupten, inspiriert worden zu sein von den schönen Erzählungen, die es nebenan auf dem Blog Catenaccio rund um das Thema »Fußball und Liebe« zu lesen gibt – und, natürlich, von Heinz Kamkes wunderbaren Erinnerungen an jenen »Bus- und Betttag«, dessen Verlauf [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&amp;blog=14674973&amp;post=2131&amp;subd=lizaswelt2010&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><img class="alignnone size-full wp-image-2136" title="Auszug aus dem Sportteil der »Bonner Rundschau« vom 20. Mai 1997" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/02/flerzheim-endenich3.jpg?w=500&#038;h=414" alt="" width="500" height="414" /></em></p>
<p><em>Ich geb’s zu, ich bin ein Trittbrettfahrer. Allenfalls könnte ich (wenngleich mit gutem Grund) behaupten, inspiriert worden zu sein von den schönen Erzählungen, die es nebenan auf dem Blog </em><a href="http://catenaccio.de/?p=8141" target="_blank">Catenaccio</a> <em>rund um das Thema »Fußball und Liebe« zu lesen gibt – und, natürlich, von </em><a href="http://angedacht.wordpress.com/2012/01/31/bus-und-betttag/" target="_blank">Heinz Kamkes</a> <em>wunderbaren Erinnerungen an jenen »Bus- und Betttag«, dessen Verlauf und Ergebnis er so treffend mit den Worten »Drama, Baby!« zusammengefasst hat. Aber aus eigenem Antrieb hätte ich die folgende Geschichte wohl nicht niedergeschrieben – eine Geschichte, die mit einem aus der Zuneigung zum Fußball resultierenden Beziehungskonflikt zwar nichts zu tun, wohl aber eine enge Freundschaft auf die Probe gestellt hat. Und die weder aus der Perspektive eines Fans noch aus der eines Spielers erzählt wird, sondern aus jener eines Schiedsrichters, der ich seit 1985 bin, allen verwunderten bis missbilligenden Kommentaren zum Trotz.</em></p>
<p>Die Saison 1996/97 neigte sich allmählich ihrem Ende entgegen. In allen Spielklassen standen, wie jedes Jahr um diese Zeit, die Entscheidungen um den Auf- und den Abstieg unmittelbar bevor, eine Situation, die auch für Schiedsrichter immer einen speziellen Reiz hat. Schließlich stellen Alles-oder-nichts-Partien eine ganz besondere Herausforderung dar, man steht selbst in den Amateurligen deutlich mehr im Mittelpunkt als sonst, und jeder Fehler kann unmittelbare, überaus schwerwiegende Folgen haben. Doch an jenem 19. Mai 1997, dem vorletzten Spieltag in den Klassen meines Fußballverbands, hatte ich, wie es aussah, ausnahmsweise keinen Einsatz »an der Pfeife«. Das war einerseits aus den genannten Gründen betrüblich und bot andererseits die Möglichkeit, an diesem warmen Frühlingswochenende wahlweise einem potenziell dramatischen Amateurkick zuzusehen – oder das Weite zu suchen. Ich entschied mich für Letzteres, nachdem mich eine gute Freundin nach Bremen eingeladen hatte, wohin sie nach vielen gemeinsamen Jahren in Bonn gezogen war. Wir hatten uns schon eine Weile nicht mehr gesehen, und so sagte ich gemeinsam mit einer weiteren Freundin zu, ihr von Samstag bis Montag – ich war damals Student – die Aufwartung zu machen.</p>
<p>Doch am Freitag vor diesem Wochenende erreichte mich ein Anruf des Bonner Schiedsrichter-Ausschusses: Ob ich wohl am Sonntag in einem Vorort von Bonn ein Spiel in der Kreisliga A leiten könne, ich sei ja »auf Verbandsebene nicht angesetzt worden«. Dazu muss man wissen, dass ich damals Partien bis zur Landesliga pfeifen durfte und es dadurch eher selten vorkam, dass ich in Begegnungen unterhalb der Bezirksliga für einen geregelten Ablauf zu sorgen hatte. Bei meinem – sozusagen untergeordneten – Bonner Schiriausschuss hatte ich mich daher gar nicht erst abgemeldet. Der wiederum ging vollkommen zu Recht davon aus, dass ich genau aus diesem Grund eigentlich zur Verfügung stehen müsste, und wollte mich nun in die höchste Bonner Kreisklasse schicken. Allerdings handelte es sich nicht um irgendein Spiel, sondern immerhin um das des Tabellenführers gegen den Zweiten, wobei der Spitzenreiter, der FC Flerzheim, mit einem Sieg vorzeitig in die Bezirksliga aufsteigen und sein Verfolger, der FV Endenich, die Meisterschaft mit einem dreifachen Punktgewinn noch einmal spannend machen konnte.</p>
<p>Und dennoch: Gibt man einem Match auf einem Aschenplatz in der achten Liga ernsthaft den Vorzug vor dem Besuch einer engen Freundin? Ich bat den Anrufer aus dem Schiriausschuss um eine Stunde Bedenkzeit und meldete mich zehn Minuten später bei ihm: »Ich übernehme das Spiel.« Länger hatte ich nicht gebraucht, um mit der Freundin in Bremen einen Kompromiss zu vereinbaren: Am Samstagmorgen von Bonn nach Bremen, am Sonntagmorgen von Bremen aufs Dorf nach Flerzheim, am Sonntagnachmittag nach dem Spiel wieder zurück in die Hansestadt, am Montagnachmittag Heimfahrt ins Rheinland. Das hieß: rund 700 Kilometer extra, für eine Partie in der viertuntersten Klasse. Doch das war es mir wert, und ich war froh, beides unter einen Hut zu bekommen – auch wenn die Bremer Freundin begreiflicherweise wenig begeistert war. Aber sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass gegen meine seltsame Leidenschaft für die Schiedsrichterei schlicht und ergreifend kein Kraut gewachsen war.</p>
<p>Tatsächlich verzichtete ich am Samstagabend fast vollständig auf den Genuss von Alkohol und schälte mich am Sonntag in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, um rechtzeitig in Flerzheim zu sein, wo schon die Vielzahl von Imbiss- und Bierbuden davon kündete, dass ein nicht alltägliches Match anstand. Und als ich schließlich mit den Spielern den Platz betrat, säumten fast eintausend Zuschauer den Sportplatz – eine für ein Kreisligaspiel, wo sich sonst die immergleichen 50 Unentwegten verlieren, geradezu unvorstellbar große Menge. In der extrem temperamentvollen, engen und spannenden Partie fielen nicht weniger als neun Tore, die Gastgeber gewannen mit 5:4 und hatten damit bereits vor dem letzten Spieltag den Sprung in die Bezirksliga geschafft. Ich genoss jede Minute auf dem Platz und bekam von der lokalen <em>Bonner Rundschau</em> tags darauf bescheinigt, das Spiel »souverän« bewältigt zu haben. Das Adrenalin feierte noch mehrere Stunden lang in meinem Körper eine Party und ließ auch die neuerliche Autofahrt nach Bremen als einen Klacks erscheinen. Ich wusste genau, dass das Ganze vollkommen verrückt war. Aber es war trotzdem genau richtig.</p>
<p>Übrigens hatte die Geschichte noch einen durchaus ungewöhnlichen Nebenstrang. Denn das Spiel wurde auch von einer Kommilitonin verfolgt, mit der ich kurz zuvor ein studentisches Wochenendseminar zum Thema »Gott ist rund – Fußball aus sozialwissenschaftlicher Perspektive« besucht hatte. Meine Mitstudentin hatte dabei den Wunsch geäußert, einmal ein Amateurspiel zu sehen – weniger aus Interesse am Fußball als solchem als vielmehr, »um die Leute zu beobachten, die sich so was freiwillig anschauen«. Und nachdem sie erfahren hatte, dass ich einen mutmaßlich gut besuchten Kreisligakick in Flerzheim leiten sollte, entschied sie sich, ebenfalls dorthin zu kommen. Nach dem Spiel lud mich ein Verantwortlicher der Flerzheimer auf die obligatorische Bratwurst ein, und dabei versicherte er mir: »Ihre Frau ist natürlich ebenfalls willkommen.« Ich antwortete ihm, mit meiner Begleitung keinerlei Liebesbeziehung zu pflegen, worauf er bass erstaunt fragte: »Aber wer ist sie dann?« Wahrheitsgemäß beschied ich ihm: »Eine Kommilitonin, die sozialwissenschaftliche Studien zum Zuschauerverhalten bei Amateurspielen anstellt. Seit heute.« Der unbezahlbare Blick, den ich dafür erntete, wird mir unvergessen bleiben, genau wie die Entgegnung des Flerzheimer Funktionärs: »Egal. Sie kriegt trotzdem ein Würstchen.«</p>
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