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	<description>Ansichten zu Politik &#38; Fußball</description>
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		<title>Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Mar 2013 12:21:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Tuvia Tenenbom]]></category>

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				<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2628" title="Tuvia Tenenbom (links) und Stefan Frank, Oldenburg, 27. Februar 2013" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/03/tenenbom-frank1.jpg?w=610"   /></strong></p>
<p><strong>Tuvia Tenenboms Buch »Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise« gehört hierzulande zu den meistgekauften Sachbüchern. Gleichzeitig ist der Verfasser – über den die <i>Süddeutsche Zeitung </i>als »der Jude Tenenbom« und ein Gutachter des Rowohlt-Verlags als »jüdischer Hysteriker« spricht – das Ziel wütender Angriffe, die oft von Leuten kommen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Für <i>Lizas Welt </i>sprach Stefan Frank (Foto, rechts) mit Tenenbom (links) über die Ayatollahs des Rowohlt-Verlags, Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Fassung des Buchs, die Dummheit und Bösartigkeit deutscher Intellektueller, die Angst der jüdischen Gemeinden, das Reisen, Radfahrer und die Vorzüge des Apple-iPad.</strong><br />
<strong> <em><br />
</em></strong><br />
<span style="color:#000066;"><strong>INTERVIEW: STEFAN FRANK</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
<strong> Ihr Buch hätte eigentlich im Rowohlt-Verlag erscheinen sollen, der es auch schon beworben hatte. Dann aber weigerte sich der Verlag, das Buch zu drucken, und warf Ihnen vor, Sie seien »offenkundig ein jüdischer Hysteriker«. Hat das vielleicht auch etwas mit Joachim Fest, dem verstorbenen Vater des Verlagsleiters Alexander Fest, zu tun?</strong></p>
<p><i>Tuvia Tenenbom:</i> Joachim Fest hat bekanntlich die erste deutsche Hitler-Biografie geschrieben und dabei ganze drei von über tausend Seiten den Konzentrationslagern gewidmet. Er hat außerdem Albert Speer* geholfen, aus seinen Memoiren ein Buch zu machen. Das ist der Papa, und der Sohn ist wie der Papa. Als er mein Manuskript sah, hat er sofort Änderungen angeordnet: »›Club 88‹? Kein Deutscher interessiert sich für Neonazis. Raus! Jemand sagt: ›Ich mag keine Juden‹? Das ändern wir zu: ›Ich mag Israel nicht.‹« Und so weiter. Ich sagte ihm: »Sie sollten ein Redakteur im Iran unter den Ayatollahs sein.« Wir hatten also großen Krach.</p>
<p>Schließlich wollte Rowohlt den Vertrag auflösen und zwei Drittel des Vorschusses zurückhaben. Da sagte ich: »Hört zu, laut Vertrag müsst ihr mein Buch bis September 2012 auf den Markt bringen. Ich weiß, dass euch das nicht gefällt. Wenn ihr vertragsbrüchig werdet, dann <i>(maliziös flüsternd)</i> werde ich jüdische Anwälte aus New York holen und werde euch auf jeden Dollar verklagen<i>, (sehr laut)</i> Millionen und Abermillionen! Ich gebe euch fünf Minuten.« Nach vier Minuten rief der Rowohlt-Verlag an und sagte, dass ich das Geld nicht zurückzahlen müsse. So groß war dort die Angst vor den jüdischen Anwälten. Manchmal ist Antisemitismus doch zu etwas nütze.</p>
<p><b>Die amerikanische Ausgabe Ihres Buches trägt den Titel »I Sleep in Hitler’s Room«. Auf Deutsch heißt es: »Allein unter Deutschen«. Warum zwei verschiedene Titel? </b></p>
<p>Der eine Titel war meine Idee, der andere die des Suhrkamp-Verlags. Für gewöhnlich hat der Verleger das Recht, einen Titel auszusuchen, wie auch bei Zeitungen, wo es den Redakteuren vorbehalten ist, die Überschrift und die Unterüberschrift zu bestimmen. In New York hat der eine Titel funktioniert, für Deutschland ist ihnen der andere eingefallen, und ich finde, der ist für die deutsche Version sehr gut. Für »I Sleep in Hitler’s Room« gab es zwei Gründe: Zum einen habe ich tatsächlich in Hitlers Zimmer im Weimarer »Hotel Elephant« geschlafen, zum anderen fühlte sich Deutschland am Ende der Reise an wie Hitlers Zimmer.</p>
<p><strong>In der englischen Version sagt <i>Bild</i>-Chef Kai Diekmann, wenn sich herausstelle, dass einer seiner Journalisten ein »anti-Semitic asshole« sei, werde er gefeuert. In der deutschen Fassung ist nur noch vom »Antisemiten« die Rede. Was ist mit dem »Arschloch« passiert?</strong></p>
<p>Zwei Leute hatten das Recht, den Text vor der Veröffentlichung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen: Der eine war Helmut Schmidt, der andere Kai Diekmann. Als wir Kai Diekmann die englische Version sandten, stimmte er ihr zu. Er hat aber von Anfang an die Bedingung gestellt, auch die Übersetzung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen. Daraus hat er das Wort »Arschloch« dann gestrichen. Es war also nicht das Arschlochproblem des Übersetzers, sondern das Arschlochproblem von Kai Diekmann.</p>
<p><strong>Ich fand es auch schade, dass in der Übersetzung die gesamte Episode mit Gabriele Gysi, der Schwester des bekannten Politikers, fehlt.</strong></p>
<p>Bei Gabriele Gysi hat die ganze Sache mit den Persönlichkeitsrechten angefangen. Nachdem sie das englische Manuskript gelesen hatte, rief sie mich an und sagte: »Wenn du das veröffentlichst, bekommst du es mit meinen Anwälten zu tun.« Und sie schrie dabei. Da sagte ich zu ihr: »Gabi, selbst wenn es dir gelingt, Rowohlt daran zu hindern, das Buch zu drucken, dann habe ich immer noch einen Freund in Berlin, <i>(mit gespielt maliziöser Stimme)</i> und sein Name ist Kai Diekmann, er wird es in der <i>Bild</i>-Zeitung drucken.«</p>
<p>Daraufhin sagte Gabi zu mir: <i>(mit komödiantisch erhobener Stimme)</i> »Aber Tuvia, wir sind doch Freunde, nicht wahr? Ich liebe dich, liebst du mich nicht auch?« Ich sagte zu ihr: »Fuck you, du hast mir gerade mit Anwälten gedroht, hast mich angeschrien, und jetzt sind wir Freunde?! Du hast zugestimmt, das ist das, was du gesagt hast, und das ist alles, was ich weiß.« Wir haben es dann in der amerikanischen Fassung gedruckt, aber sie hat sich beschwert und gewonnen. Mir ist das egal.</p>
<p><strong>Und Gabrieles Bruder, Gregor Gysi, wollte nicht über seinen »jüdischen Hintergrund« sprechen? Nicht, dass ich ein besonderes Interesse für die Verwandtschaft irgendeines Politikers hätte, aber ich frage mich, warum jemand schon vorab sagt, dass er darüber nicht reden will.</strong></p>
<p>Ja, er hat zwei Bedingungen gestellt: dass das Gespräch politisch sein müsse und nicht persönlich und dass ich seinen jüdischen Hintergrund nicht erwähne. Da habe ich gesagt: »Das akzeptiere ich nicht, dann gibt es eben kein Interview.«</p>
<p><b>Was mag er so schlimm daran gefunden haben?</b></p>
<p>Das wusste ich auch nicht – bis wir in den Osten kamen. In einer Kneipe sagte ich zu Leuten, die Gysi wirklich gerne mochten, dass er jüdisch ist. Da sagten sie: »Unmöglich, er ist so ein netter Mensch.« Da wurde mir klar, dass viele Leute nicht wissen, dass er jüdisch ist. Und er ist ein Politiker, er weiß, dass er viele Unterstützer verlieren würde, wenn die Leute wüssten, dass er jüdisch ist. Das wurde mir erst klar, als ich es selbst gesehen und gehört habe und merkte: Ha, das hat also einen Grund! Ich stimme diesem Grund nicht zu, es ist der schlechteste, den man haben kann, aber Politiker sind selbstsüchtig, so ist das eben.</p>
<p><strong>Rowohlt, WDR, <i>Deutschlandradio</i>, <i>Süddeutsche Zeitung</i>, Studenten, Gedenkstättenleiter: Bei vielen erschreckenden Erfahrungen, die Sie in Deutschland gemacht haben, spielen Menschen mit langem Bildungsweg eine Rolle. Sind Intellektuelle, was den Antisemitismus angeht, noch schlimmer als der Durchschnittsbürger?</strong></p>
<p>Es sind die Schlimmsten, die es geben kann. Ich habe so viele Beispiele, eines davon ist ein Vertreter der Stadt Köln, der von seinen Kollegen »Außenminister« genannt wird, weil er für Außenpolitik zuständig ist. Er sagte zu mir: »Als Deutscher fühle ich Verantwortung für das, was mit den Juden passiert ist. Es ist die Mission meines Lebens, die Juden und den Staat Israel zu beschützen.« Da sagte ich zu ihm: »An Sie will ich mich erinnern, können Sie mir bitte Ihre Visitenkarte geben?«</p>
<p>Er hatte sie nicht dabei, also gingen wir zu seinem Büro. Dieser Mensch, der die Juden und den Staat Israel so sehr liebt, hat ein einziges Foto an der Wand hängen. Es zeigt ihn und Mahmud Abbas. Ich sah das Foto an und sagte: »Oh, Rabbi Mahmud Abbas!« Er erwiderte: »Gerade weil ich so viel Verantwortung für die Juden und den Staat Israel empfinde, ist es die Mission meines Lebens, die palästinensische Sache zu schützen.«</p>
<p>Ein anderes Beispiel: Eine deutsche Zeitung befragte mich nach meiner Meinung zum arabisch-israelischen Konflikt. Ich sagte: »Ich halte die derzeitige israelische Regierung für rassistisch, aber die Palästinenser sind noch rassistischer.« Was hat die Zeitung zitiert? Nur den ersten Teil des Satzes. Die Medien gaukeln Fairness bloß vor.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel: Juliane Wetzel <i>(vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin)</i>, eine Intellektuelle. Sie sagte, was ich über Deutschland von mir gäbe, sei »gefährlich«. Ich habe ihr daraufhin geschrieben: »Juliane, im Februar bin ich in Deutschland, lass uns öffentlich diskutieren.« Sie antwortete: »Das würde ich liebend gerne tun, aber im Februar habe ich keine Zeit.« Darauf schrieb ich ihr: »Nenn irgendein Datum im Jahr 2013, ich werde aus New York kommen und mit dir diskutieren.« Natürlich hat sie nicht geantwortet.</p>
<p>Das ist die Art von Intellektuellen, die zu mir kommen und sagen: »Ihr Buch ist sehr subjektiv!« Ich sage: »Sie nicht? Sind Sie nicht menschlich? Sind wir nicht alle subjektiv? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, zu entscheiden, was subjektiv ist, und zu sagen: ›Sie sind subjektiv, ich nicht‹?« Ist Juliane Wetzel nicht subjektiv? Wie kommt es eigentlich, dass ihr Institut seit über 20 Jahren keinen Juden mehr an der Spitze gehabt hat?</p>
<p>Volkhard Knigge <i>(Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, der zum Gespräch mit Tenenbom im T-Shirt der extrem antiisraelischen »Uganda-Bar« in Jerusalem erschien)</i> ist ein Professor, ein anderer Intellektueller. Einer nach dem anderen. Lesen Sie die Intellektuellenmedien: Sie sind unvorstellbar antisemitisch – unter dem Deckmantel der Recherche, aber diese Recherche findet nicht statt.</p>
<p><strong>Es ist ein Weißwaschen &#8230;</strong></p>
<p>Ja, Weißwäsche und Gehirnwäsche, alles. Es gibt nichts Intellektuelles hinter dem, was sich so nennt. Wahrhafte Intellektuelle würden alle Quellen erkunden, aber das tun diese Leute nicht, es sind Pseudointellektuelle.</p>
<p><b>In einer Rezension der <i>Jüdischen Allgemeinen</i> wird Ihr Buch in die Tradition von Mark Twains Reiseberichten »Innocents Abroad« und »A Tramp Abroad« gestellt. Mich hat es auch daran erinnert. Waren diese Bücher Vorbild?</b></p>
<p>Sich selbst mit Mark Twain zu vergleichen, möchte ich anderen überlassen. Lassen Sie mich, da Sie das jüdische Ding erwähnt haben, lieber etwas anderes erzählen. Kürzlich war ich in der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Viele im Publikum haben mich und mein Buch lauthals kritisiert. Dann aber standen sie Schlange für mein Buch, so viele Exemplare pro Kopf haben wir sonst nirgendwo verkauft. Einer sagte: »Danke, dass Sie meine Lebensgeschichte <i>(im Original: »life story«)</i> geschrieben haben, danke, dass Sie zurückschlagen und unseren Kampf führen.«</p>
<p>Das sagten dieselben Leute, die vorher geschrien hatten. Sie haben Angst, Deutschland öffentlich zu kritisieren – und das in der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2013. Sie haben Angst, geächtet zu werden, wenn sie etwas sagen gegen das, was hier passiert. Das sagen sie im Privaten, manche flüstern sogar. Dass solch eine Angst existiert, ist ein Zeugnis von etwas sehr Faulem in dieser Gesellschaft. Verstehen Sie?</p>
<p><b>Nein, ich finde das verwirrend. Derselbe Mensch, der Sie laut kritisiert hatte, hat dann heimlich zu Ihnen gesagt: »Danke, dass Sie meine Love Story geschrieben haben«? </b></p>
<p><i>Life </i>Story! Ja, das wäre ein guter Untertitel: »Allein unter Deutschen. Eine Love Story« <i>(lacht)</i>.</p>
<p><b>Diese Leute erkennen also vieles aus dem Buch wieder und identifizieren sich damit?</b></p>
<p>Natürlich. Das ist das wahre Deutschland, der Antisemitismus.</p>
<p><strong>Aber in der Öffentlichkeit &#8230;</strong></p>
<p>&#8230; dürfen sie das nicht sagen, weil sonst niemand mehr mit ihnen reden würde.</p>
<p><strong>Sie kritisieren Sie laut und haben gleichzeitig eine heimliche Liebe zu Ihnen?</strong></p>
<p>Das ist es, was mit jüdischen Gemeinden passiert. Sie haben nicht den Mumm zu sagen, was ist. »Danke, dass Sie unseren Kampf führen« &#8230; Ich führe niemandes Kampf. Was ich mache, ist Journalismus, ich schreibe auf, was Menschen sagen. Aber die Leute <i>(in der Jüdischen Gemeinde)</i> haben Angst, in der Öffentlichkeit zu sagen: »Es gibt zu viel Antisemitismus hier.« Und das ist erstaunlich, dass es in einer demokratischen Gesellschaft solch eine Angst gibt zu sagen, was man fühlt, und seine Angst auszudrücken. Als die Leute dann zu mir kamen, waren sie sehr nett, einer hat mir sogar eine Schachtel Pralinen geschenkt.</p>
<p><strong>Es gibt unter den so genannten Intellektuellen ein unausgesprochenes Einverständnis, dass es zwar ein – von ihnen nur vage beschreibbares – Phänomen namens Antisemitismus gibt, man aber niemanden einen Antisemiten nennen dürfe. Juliane Wetzel würde das Wort am liebsten ganz streichen. Sie sagt: »Es ist sowieso immer problematisch, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen.«</strong></p>
<p>Was sind das für Leute, die so etwas sagen? Der Mann, der die »Jüdischen Kulturtage« organisiert – das kommt im Buch ja vor –, er ist selbst nicht jüdisch, er glaubt, dass alle Juden der Welt einander kennen und miteinander übereinstimmen. Das ist Antisemitismus von vorn bis hinten. Eine Frau sagte mir, die <em>Aldi</em>-Gründer seien Juden – in Wirklichkeit waren sie bei der Wehrmacht. Ich fragte die Frau, woher sie die Information habe. »Weil sie so reich sind.« So also ist es um die verdammten Intellektuellen bestellt. Es gibt keine Spur von Intellektualität in ihren Knochen.</p>
<p>Bei meiner Veranstaltung in Leipzig waren etwa 350 Leute, die meisten sehr jung. Und ein Journalist war da, der hat mein Buch bekämpft: »Was Sie schreiben, ist alles falsch!« Ich frage ihn: »Haben Sie mein Buch gelesen?« Er weiter: »Sie irren sich, alles falsch &#8230;« Ich musste ihn noch mehrmals fragen: »Haben Sie mein verdammtes Buch gelesen?«, bis er endlich zugab: »Ich habe es nicht gelesen, aber ich weiß alles darüber!« <i>Shit, what the fuck are you?</i> Was ist das für ein Gerede? Einige der Kritiker von den Topmedien sagen mir ins Gesicht: »Ich habe die ersten und die letzten fünf Seiten gelesen.« Und dann schreiben sie eine Rezension?!</p>
<p><b>Wo war Ihr Buch ein größerer Erfolg, in Deutschland oder den USA?</b></p>
<p>Da gibt es einen riesigen Unterschied. In den USA wurde es nicht von einem Verlag herausgebracht, sondern vom Jewish Theater of New York. Es wird nicht in Buchläden verkauft, sondern nur übers Internet. Es gab zehn unglaubliche Besprechungen, alle ausgezeichnet, und wir haben bislang sechs- oder siebentausend Exemplare verkauft. Für ein Buch, das man nicht im Buchhandel bekommt, ist das erstaunlich. Zumal sich die Intellektuellen in Amerika weigern, Antisemitismus zu bekämpfen, egal, ob in Deutschland oder in Polen, dafür fühlen sie sich nicht zuständig. So ist es überall in der westlichen Welt, das ist eine traurige Geschichte für sich.</p>
<p><strong>Viel Zeit ist verstrichen seit Ihrer Reise durch Deutschland, und vieles ist seither passiert. Würden Sie das Buch heute anders schreiben, etwas hinzufügen, oder denken Sie, dass es Ihre Ansichten über Deutschland gut wiedergibt?</strong></p>
<p>Es geht nicht um meine Ansichten, das ist es, was ich immer wieder sage.</p>
<p><b>Ist »Wahrnehmung« ein treffenderes Wort?</b></p>
<p>Nein, um meine Wahrnehmung geht es auch nicht. Das Buch ist ein Bericht über die paar Monate. Es geht darum, was die Leute sagen, ich kann daran nichts ändern. Das Wichtigste an dem Buch ist nicht das, was ich sage, sondern das, was <i>die Leute</i> sagen.</p>
<p><strong>Irgendeine Wahrnehmung dieses Landes müssen Sie aber doch haben. Hat die sich geändert, seit Sie das Buch beendet haben?</strong></p>
<p>Meine Ansicht über Deutschland hat sich während jener Reise geändert. Vorher habe ich über Deutschland nur das Beste gedacht, ich dachte, es sei einer der aufgeklärtesten Orte des Planeten. Die Reise zeigte mir, dass das nicht der Fall ist. Was seither passiert ist, hat traurigerweise alles bestätigt, was das Buch sagt. Es gab Versuche von Rowohlt, das Buch zu zensieren – aber <i>jeder</i> Tag bestätigt aufs Neue, was darin steht. Das ist traurig – ich wünschte, das wäre nicht der Fall, aber leider ist es so.</p>
<p><strong>Gibt es andere Länder, die Sie vielleicht in Zukunft bereisen werden, um über sie zu schreiben?</strong></p>
<p>Wenn Sie mich bezahlen, mache ich das. Ich tue das sehr gern, weil es sehr interessant ist, was die Leute <i>wirklich </i>denken. Nicht was die Zeitungen sagen, ist spannend, sondern es selbst herauszufinden, mit den Leuten tatsächlich zu reden. Antisemitismus hin oder her – es ist einfach eine erstaunliche Erfahrung, jeden Tag umherzulaufen, sieben Tage in der Woche, 14 oder 16 Stunden am Tag, zwischen den Städten herumzureisen und mit Leuten zu reden, die man nie zuvor getroffen hat und niemals wieder sehen wird, und sie zu fragen: Was denken Sie? Was fühlen Sie? Erzählen Sie mir über Ihr Leben! Da eröffnet sich einem das Menschsein. Nicht so wie bei Facebook, sondern wirklich.</p>
<p><b>Warum kommen nicht noch viel mehr Schriftsteller auf die Idee, so etwas zu tun?</b></p>
<p>Man muss entweder einen Verleger hinter sich haben oder sehr reich sein. Die Leute vom Verlag haben mich angerufen und gesagt, dass sie zahlen und ich meine Frau mitnehmen kann, das war großartig. Das alles kostet eine Menge Geld, und man will im Voraus wissen, dass das ganze Material am Ende auch von jemandem veröffentlicht wird. Das ist nicht so einfach.</p>
<p><b>War es schwierig, die Reise zu planen?</b></p>
<p>Nein. Einige Leute, die ich treffen wollte, hat meine Frau Isi vorher angerufen. Ansonsten aber war die Idee, dass ich mich führen lassen und nicht meinen Vorurteilen oder was auch immer folgen wollte. Ich treffe jemanden, interviewe ihn, und er sagt: »Warum gehen Sie nicht zu dem und dem?« Also wende ich mich an den und den. Was weiß ich über Oberammergau? Ich bin ja nicht einmal Christ, warum besuche ich plötzlich die Passionsspiele? Oder die VW-Autostadt? Weil irgendjemand mir davon erzählt hat.</p>
<p><b>Wer?</b></p>
<p>Die Leute. Irgendjemand. Ich frage: »Was meinen Sie, wo ich als Nächstes hingehen sollte?«, und bekomme zur Antwort: »Warum gehen Sie nicht zum Kirchentag?« Da diskutieren Katholiken und Protestanten, ob sie miteinander Brot brechen dürfen. Das sieht aus wie etwas, das sich vor 3.000 Jahren, sogar noch vor Jesus, zugetragen haben könnte. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert. Gott sei Dank, dass es die Deutsche Bahn gibt.</p>
<p><strong>Das erinnert an eine Schnitzeljagd.</strong></p>
<p>Genau. Das ist die Idee. Man muss es erlauben, dass sich die Dinge von selbst ergeben. Das tut man, wenn man wirklich die Wahrheit finden will. Wenn ich Pläne schmieden würde, müsste ich mir immer Sorgen über mich selbst machen, dass ich also diesen oder jenen nur deshalb getroffen habe, weil ich das aufgrund meiner Vorurteile so wollte. Da ich aber kein Pseudointellektueller bin, mache ich das nicht; so etwas tut man, wenn man für die <i>Süddeutsche Zeitung</i> arbeitet.</p>
<p>Wenn dir dann am Ende eines Tages acht von zehn Leuten irgendein dummes antisemitisches Zeug erzählt haben, dann kommst du zu dem Ergebnis, dass die Leute wohl so denken. Es ist auf eine Art wissenschaftlich, weil nicht du das Ziel vorgegeben hast, sondern der Zufall. Das ist die interessante Idee. Ich rufe nicht Menschen an, die der Computer zufällig ausgewählt hat, sondern gehe zu zufällig ausgewählten Leuten hin. Dann kann ich mit dir reden, und du sagst dann vielleicht als Erstes: »Ich liebe die Juden!« Und dann sage ich: »Okay, lass uns ein Bier trinken gehen!« Und nach dem dritten Bier sagst du vielleicht: »Die Scheißjuden haben so viel Geld.«</p>
<p>Wenn ich mit jemandem eine normale Umfrage mache, dann ist er ein Judenliebhaber. Aber wenn ich mich mit jemandem unterhalte, dann stellt sich heraus, dass er das nicht ist, sondern ein bekackter Antisemit. Die erzielten Ergebnisse unterscheiden sich signifikant: Rufst du jemanden an, dann weiß er, dass er korrekt sein muss. Er wird sich also nicht antisemitisch äußern, wenn er nicht gerade ein Neonazi ist. Um auf das dreckigste Zeug zu stoßen, muss man Leute <i>treffen</i>. So bekommt man ein besseres Bild von dem, was sie denken. Acht von zehn Antisemiten wissen gar nicht, dass sie Antisemiten sind. Fragst du sie: »Sind Sie ein Antisemit?«, sagen sie: »Ich? Nein!« Aber sie denken antisemitisch: »Sie sagten, Sie sind Jude. Warum stehlen Sie den Palästinensern das Wasser?« Das ist etwas, das sehr, sehr tief in der Kultur steckt.</p>
<p><strong>Reden wir über eine andere Plage: Sind Radfahrer in Deutschland schlimmer als die in anderen Ländern?</strong></p>
<p>Deutsche Radfahrer, besonders die in Hamburg, sind militant, militärisch. Man sollte sie nach Gaza schicken.</p>
<p><b>Sind es Nazis?</b></p>
<p>Sie benehmen sich ein klein wenig wie Nazis. Es ist lächerlich. Ich gehe auf dem Gehweg, mit zwei Koffern. Sie kommen und klingeln wie verrückt. »Fahr für eine Sekunde auf der Straße, du Schmock«, rufe ich. Nein, das machen sie nicht: »Mein Recht, das ist mein Recht!« Aber einmal habe ich sie gekriegt, auf einem Gehweg, wo man nicht mit dem Fahrrad fahren durfte. Da kamen sie wieder an und klingelten. Da habe ich gesagt: »Moment mal, das ist illegal, was Sie hier tun. Haben Sie das Schild nicht gesehen?« Da waren sie dann total angepisst <i>(lacht)</i>.</p>
<p><b>Haben Sie das auf Deutsch gesagt?</b></p>
<p>Ja: »Fahrradfahren verboten hier! Entschuldigen Sie bitte!« <i>(lacht)</i>. Sie waren sehr angepisst. Ja, sie sind sehr militant, aber ich bin wohl nicht der Einzige, der das sagt.</p>
<p><b>Ein Leitmotiv in »Allein unter Deutschen« ist Ihr Apple-iPad. Glauben Sie, dass es besser ist als vergleichbare Geräte von Samsung und anderen Herstellern? </b></p>
<p>Nun, ich bin ein Apple-Typ, ich habe Apple immer gemocht. Nein, halt, nicht immer. Früher, als ich als Informatiker gearbeitet habe, hatten wir normale IBM-Rechner. Als wir dann angefangen haben, mit Macintosh zu arbeiten, haben wir gemerkt, wie angenehm das ist. Manche Leute mögen Samsung lieber, die kaufen dann eben das Galaxy oder wie das heißt. Für mich sind die Einfachheit der Bedienung und der Service, der dabei ist, entscheidend. Und der Service, den Apple bietet, ist unglaublich.</p>
<p>Einmal war mein Computer am letzten Tag der Gewährleistung kaputt. Der Mann im Apple-Store sagte: »Ich kann ihn reparieren, aber er könnte wieder kaputt gehen. Sie können stattdessen auch einen neuen Computer bekommen und dazu ein Jahr lang gratis Reparaturen.« Ich: »Okay, geben Sie her!« Einen Tag vor dem Flug nach Deutschland gab es ein Problem mit dem iPad. Im Apple-Store sagte man mir, ich müsse es dalassen. Ich sage: »Sorry, das geht nicht, ich fliege morgen.« Da hat der Mann gesagt: »Okay, ich gebe Ihnen ein neues iPad.« Diese Art von Service ist außergewöhnlich.</p>
<p><span style="font-size:85%;">* Als Rüstungsminister und Chef der Organisation Todt kontrollierte Speer ab 1942 Deutschlands und Europas Wirtschaft und war einer der nach Hitler mächtigsten Männer des »Dritten Reiches«. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er 1946 als Hauptkriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt, nach seiner Entlassung bis zu seinem Tod 1981 pflegte er engen Kontakt zu Joachim Fest.</span></p>
<p><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/allein_unter_deutschen-tuvia_tenenbom_46374.html" target="_blank"><img class="alignleft size-full wp-image-2629" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/03/cover-tenenbom.jpg?w=610"   /></a><strong>Tuvia Tenenbom</strong> ist derzeit auf Lesereise in Deutschland. <a href="http://www.suhrkamp.de/autoren/tuvia_tenenbom_8675.html" target="_blank">Die nächsten Termine:</a> Sonntag, 3. März, 16.00 Uhr, <a href="http://www.suhrkamp.de/veranstaltungen/gespraech/tuvia_tenenbom_15431.html" target="_blank">Hamburg</a>, Jüdische Gemeinde; Montag, 4. März, 17.00 Uhr, <a href="http://www.suhrkamp.de/veranstaltungen/gespraech/tuvia_tenenbom_15191.html" target="_blank">Köln</a>, Domforum; Dienstag, 5. März, 20.00 Uhr, <a href="http://www.suhrkamp.de/veranstaltungen/lesung/tuvia_tenenbom_15302.html" target="_blank">Bonn</a>, Universität; Donnerstag, 7. März, 20.00 Uhr, <a href="http://www.suhrkamp.de/veranstaltungen/gespraech/tuvia_tenenbom_15377.html" target="_blank">Hamburg</a>, Golem; Freitag, 8. März, 20.00 Uhr, <a href="http://www.suhrkamp.de/veranstaltungen/gespraech/tuvia_tenenbom_15430.html" target="_blank">Hamburg</a>, Rote Flora. — <strong>Stefan Frank</strong> ist unabhängiger <a href="http://www.stefan-frank-texte.de/" target="_blank">Publizist</a> und hat unlängst sein neues <a href="http://www.amazon.de/Kreditinferno-Ewige-Schuldenkrise-monet%C3%A4res-Chaos/dp/3941657593/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1356018614&amp;sr=8-1" target="_blank"><img class="alignright size-full wp-image-2530" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/12/frank-inferno_100px.jpg?w=610"   /></a>Buch <i><a href="http://www.amazon.de/Kreditinferno-Ewige-Schuldenkrise-monet%C3%A4res-Chaos/dp/3941657593/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1356018614&amp;sr=8-1" target="_blank">Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos</a></i> veröffentlicht. Seit 2002 schreibt er über politische, ökonomische und historische Themen, unter anderem für <i>Zeit Online</i>, <i>konkret</i>, die <i>Jüdische Allgemeine</i> und das amerikanische Internetmagazin <i>PJ Media</i>.</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2013%2F03%2F03%2Fschnitzeljagd-in-hitlers-zimmer%2F&amp;linkname=Schnitzeljagd%20in%20Hitlers%20Zimmer" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lizaswelt.net/category/gastbeitrage/'>Gastbeiträge</a>, <a href='http://lizaswelt.net/category/politik/'>Politik</a> Tagged: <a href='http://lizaswelt.net/tag/antisemitismus/'>Antisemitismus</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/israel/'>Israel</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/tuvia-tenenbom/'>Tuvia Tenenbom</a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2626&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Tuvia Tenenbom (links) und Stefan Frank, Oldenburg, 27. Februar 2013</media:title>
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		<title>Pallywood und Photoshop</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Feb 2013 23:08:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
		<category><![CDATA[Pallywood]]></category>

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		<description><![CDATA[In Anbetracht so mancher Nachricht könnte man glatt glauben, dass es auf der Welt einfach nichts Wichtigeres gibt, als die vermeintlichen Missetaten des israelischen Staates und seiner Armee anzuprangern, wie, wann und wo immer es geht. Genau 5.666 Fotografen hatten insgesamt nicht weniger als 103.481 Aufnahmen eingereicht, aus denen unlängst das »Pressefoto des Jahres 2012« [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2612&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2613" title="Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006)" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/02/cryingwoman.jpg?w=610"   /></p>
<p>In Anbetracht so mancher Nachricht könnte man glatt glauben, dass es auf der Welt einfach nichts Wichtigeres gibt, als die vermeintlichen Missetaten des israelischen Staates und seiner Armee anzuprangern, wie, wann und wo immer es geht. Genau 5.666 Fotografen hatten insgesamt nicht weniger als 103.481 Aufnahmen eingereicht, aus denen unlängst das »Pressefoto des Jahres 2012« ausgewählt wurde. Aber das Bild des Siegers ist keines aus dem Bürgerkrieg in Syrien, es ist auch keines über den Hunger in Afrika, vom Hurrikan »Sandy« oder von der Schuldenkrise in Südeuropa. Sondern vielmehr ein <a href="http://www.designboom.com/wp-content/uploads/2013/02/gaza.jpg" target="_blank">reichlich martialisches</a> des schwedischen Fotografen Paul Hansen, das einen Trauerzug im Gazastreifen mit den Leichen von zwei, wie es heißt, bei einem israelischen Militärschlag gegen die Hamas getöteten palästinensischen Kindern zeigt. »Die Stärke dieses Bildes liegt in der Art, wie es die Wut und das Leid der Erwachsenen in einen Kontrast mit der Unschuld der Kinder setzt« – das hat nicht etwa ein Hamas-Funktionär gesagt, sondern <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/world-press-photo-pressefoto-des-jahres-bild-toter-kinder-im-gaza-streifen/7792130.html" target="_blank">Mayu Mohanna</a>, ein Jurymitglied aus Peru. Kein Zweifel: Bei der nächsten pro-palästinensischen Demonstration hierzulande wird das Foto die obligatorischen »Kindermörder Israel«-Rufe illustrieren.</p>
<p>Michael Wuliger und Marco Limberg dürften jedenfalls nicht die Einzigen sein, die das Bild an die alljährlichen Karfreitagsprozessionen durch Jerusalem erinnert. »Darin und in seiner Farbgebung knüpft es auch an mittelalterliche christliche Ikonografie an«, schreiben die beiden Autoren in der <i><a href="http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15246" target="_blank">Jüdischen Allgemeinen</a></i>. »Die Assoziation, die es damit bei manchem westlichen Betrachter – gewollt oder ungewollt – auslöst, ist die des klassischen Pietà-Motivs: Maria hält den gekreuzigten Jesus in ihren Armen. Ist es polemisch, zu mutmaßen, dass in manchen Köpfen der Zusammenhang zu den Juden als Schuldigen, damals wie heute, sich da aufdrängt?« Keineswegs, und der Fotograf selbst hat dabei auch noch tatkräftig <a href="http://www.designboom.com/art/world-press-photo-2013-image-alteration-controversy/" target="_blank">nachgeholfen</a>: Hier ein bisschen den Hintergrund verwischt, dort ein wenig die Belichtung verändert – schon sieht das Setting ganz anders und erheblich dramatischer aus als etwa bei Hansens Kollege <a href="http://electronicintifada.net/content/father-and-two-sons-among-162-slain-israel-gaza/11931" target="_blank">Naaman Omar</a>.</p>
<p>Nun zeigen Bilder zwar ohnehin nie die Wirklichkeit, aber trotzdem – oder gerade deshalb – ist ihre Wirkung oft immens. Und gerade wenn es darum geht, Israel als abgrundtief bösartige Macht zu dämonisieren, die mit brutaler Gewalt die Palästinenser knechtet, werden Suggestion, Manipulation und sogar Fälschungen oft ohne nennenswerte Hemmungen eingesetzt. Grotesken wie jene um <a href="http://www.nahost-politik.de/palaestina/al-dura.htm" target="_blank">Mohammed al-Dura</a> oder <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tuvia_Grossman" target="_blank">Tuvia Grossman</a> sind keine Einzelfälle; Giulio Meotti <a href="http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/12886#.USfS2vLRmXD" target="_blank">erinnert</a> für <i>Arutz Sheva</i> an viele weitere, und der italienische Fotograf Ruben Salvadori <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/fotografie-journalismus-ruben-salvadori/komplettansicht" target="_blank">zeigt</a> in seinem Projekt »Photojournalism Behind the Scenes« überaus eindrucksvoll, wie bereitwillig und schamlos viele Fotografen und Journalisten zu <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/fs-ruben-salvadori-2" target="_blank">Inszenierungen</a> bereit sind, wenn es darum geht, die Propaganda gegen den jüdischen Staat zu befeuern. Gestellte Szenarien, gezielte Dekontextualisierungen, absichtliche Dramatisierungen – kaum etwas fehlt. Und sollte später doch einmal ein Dementi folgen, dann vermag es nicht einmal ansatzweise den Schaden zu reparieren, den das Gerücht zuvor angerichtet hat.</p>
<p>Paul Hansens »Pressefoto des Jahres 2012« ist mindestens hinsichtlich seiner nachträglichen Bearbeitung eine »Pallywood«-Produktion; weitere Zweifel an der Aufnahme ergeben sich schon daraus, dass eine unabhängige und ungehinderte Prüfung dessen, was auf ihr zu sehen sein soll, in dem von einer antisemitischen Terrororganisation beherrschten Gazastreifen schlichtweg nicht möglich ist. Tote Kinder kommen der Hamas immer zupass, weil sie mit ihnen die vorgebliche Unmenschlichkeit der Israelis beweisen zu können glaubt; wie sie jeweils zu Tode gekommen sind, lässt sich normalerweise nicht seriös recherchieren. Die (vermeintlich) Getöteten werden stets als »Märtyrer« im Kampf gegen den »zionistischen Feind« behandelt, so auch die beiden Kinder auf Hansens Foto, wie <a href="http://www.demotix.com/news/1617541/funeral-held-gaza-children-seventh-day-air-strikes#media-1617505" target="_blank">die Bilder</a> des Fotografen Sameh Rahmi zeigen: Auf ihnen sind die beiden Leichen in Hamas-Fahnen eingewickelt – bekanntlich nicht gerade ein Symbol der Unschuld, um es zurückhaltend zu formulieren. Da hilft dann auch keine Retusche mit Photoshop mehr.</p>
<p><span style="font-size:85%;">Ich danke Elisabeth Lahusen für wertvolle Hinweise.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;"><em>Zum Foto:</em> Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006).</span></p>
<p><span style="font-size:85%;"><em>Anmerkung: </em>In einer früheren Fassung dieses Beitrags stand zu lesen, schon einmal habe ein mit einem Preis ausgezeichnetes Foto von Paul Hansen Fragen aufgeworfen und Kritik herausgefordert. Dabei ging es um ein Bild, das nach dem Erdbeben in Haiti vor drei Jahren aufgenommen und zum schwedischen »Foto des Jahres« in der Kategorie »Internationale Reportage« gewählt worden war. Hansen war damals in den <a href="http://www.globalreporting.net/blogg/communication-for-development-blog/controversy-over-swedish-picture-year" target="_blank">Verdacht geraten</a>, das Fotomotiv hinsichtlich seines Arrangements verändert zu haben, um ein noch anrührenderes Ergebnis zu erzielen. Recherchen <a href="http://prisonphotography.org/2010/01/27/fabienne-cherisma/" target="_blank">ergeben</a> jedoch, dass die Manipulationen erst nach Hansens Aufnahme vorgenommen wurden, was den erwähnten Verdacht haltlos werden lässt. Für diesen Text ist diese Information zwar nicht grundlegend, aber die journalistische Redlichkeit gebietet es selbstverständlich, nichts zu behaupten, was nicht stimmt oder sich nicht belegen lässt. <em>Lizas Welt</em> bittet um Entschuldigung für den Fehler und dankt <em><a href="http://www.suedwatch.de/blog/" target="_blank">suedwatch.de</a></em> für die Aufklärung.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;">Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog <em>E.J. Bron</em>: <a title="E.J. Bron: Pallywood en Photoshop" href="http://ejbron.wordpress.com/2013/02/23/pallywood-en-photoshop/" target="_blank">Pallywood en Photoshop</a>.</span></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2013%2F02%2F23%2Fpallywood-und-photoshop%2F&amp;linkname=Pallywood%20und%20Photoshop" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Pallywood und Photoshop" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lizaswelt.net/category/politik/'>Politik</a> Tagged: <a href='http://lizaswelt.net/tag/antisemitismus/'>Antisemitismus</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/israel/'>Israel</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/palastinenser/'>Palästinenser</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/pallywood/'>Pallywood</a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2612&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006)</media:title>
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		<title>»Augstein hat eine Grenze überschritten«</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2013/01/10/augstein-hat-eine-grenze-ueberschritten/</link>
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		<pubDate>Wed, 09 Jan 2013 23:18:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Henryk M. Broder]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Jakob Augstein]]></category>
		<category><![CDATA[Rabbi Abraham Cooper]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Wiesenthal Center]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch immer dauert die Debatte über Jakob Augstein und seine Erwähnung in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers (SWC) an – eine Debatte, in der sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« noch einmal derart stark verschoben haben, dass selbst übelste Tiraden gegen den jüdischen Staat äußerstenfalls als [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2595&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2596" title="Rabbi Abraham Cooper (Foto: privat)" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/01/rabbicooper.jpg?w=610"   /></p>
<p><strong>Noch immer dauert die Debatte über Jakob Augstein und seine Erwähnung in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers (SWC) an – eine Debatte, in der sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« noch einmal derart stark <a href="http://lizaswelt.net/2013/01/05/freispruch-fuer-deutschland/" target="_blank">verschoben haben</a>, dass selbst übelste Tiraden gegen den jüdischen Staat äußerstenfalls als »grenzwertig«, keinesfalls aber als antisemitisch qualifiziert werden. Überdies hat der <i>Spiegel</i> den stellvertretenden Direktor des SWC, Rabbi Abraham Cooper, scharf angegriffen. Dieser hatte seine Zustimmung zu einem gemeinsamen Interview des Magazins mit ihm und Augstein davon abhängig gemacht, dass Letzterer sich zuvor entschuldigt. Für <i>Lizas Welt</i> sprach Stefan Frank mit <a href="http://www.wiesenthal.com/site/pp.asp?c=lsKWLbPJLnF&amp;b=4885451" target="_blank">Rabbi Cooper</a> über die »Top Ten«, Augsteins »Israelkritik« und die Diskussion in den deutschen Medien.</strong><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>INTERVIEW: STEFAN FRANK</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Was ist die Idee hinter der Liste der »Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Schmähungen?«</strong></p>
<p><i>Rabbi Cooper:</i> Die Top-Ten-Liste ist unser Versuch, eine Momentaufnahme von Beispielen des Mainstream-Antisemitismus zu liefern. Der wichtige Punkt dabei ist, dass es nicht um die Ränder der Gesellschaft geht. Darum befinden sich in der Liste Regierungen und Massenbewegungen – aus Iran, aus Ägypten – und extremistische Mainstreamparteien etwa aus Griechenland, Ungarn und der Ukraine.</p>
<p><strong>Wer kam darauf, einen unbedeutenden deutschen Journalisten wie Jakob Augstein aufzunehmen?</strong></p>
<p>In der Internetära gibt es keine »unbedeutenden« Beiträger beim <i>Spiegel</i> mehr. Wir haben eine internationale Schar von Mitgliedern und Onlineaktivisten, die uns aus allen Teilen der Welt informiert, auch aus Deutschland. Um es festzuhalten: Wir hatten keinen Kontakt zu Henryk M. Broder – nicht vor, nicht während und nicht nach der Auswahl. Die redaktionellen Entscheidungen wurden alle in Los Angeles von den führenden Mitarbeitern unseres Zentrums getroffen. Die Wahl von Herrn Augstein gründet sich auf das, was er gesagt hat, und darauf, wie er es gesagt hat. Und um auch das klarzustellen: Wir repräsentieren keine Regierung, auch nicht die des Staates Israel. Wir geben ihr keinen Blankoscheck dafür, ohne Kritik das zu tun, was immer sie tut. Die Israelis selbst sind jeden Morgen die ersten, die die Politik der Regierung kritisieren.</p>
<p>Wir kritisieren Herrn Augstein nicht dafür, dass er zum Beispiel Kommentare über die <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Haredi_Judaism" target="_blank">Haredi-Juden</a> in Israel veröffentlicht. Die Haredim sind ein sehr wichtiges soziales und politisches Thema, das auch in Israel diskutiert wird. Worum es geht, ist, dass er in seinen Äußerungen die schlimmsten Stereotype benutzt, um eine ganze Gemeinschaft zu erniedrigen. Diese Äußerungen basieren nicht auf Tatsachen. Und wenn er Sachen sagt wie: die Haredim seien aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Islamisten und folgten dem Gesetz der Rache, dann ist das wirklich völlig inakzeptabel. Was er sagt, ist nicht wahr und kann nicht belegt werden.</p>
<p>Das Gleiche gilt für seine anderen Auslassungen. Wollen Sie über Gaza reden? Ich glaube nicht, dass der Begriff »Lager« angemessen ist. Vielleicht liest Herr Augstein keine Zeitungen. Vielleicht schreibt er nur in ihnen. Jemand sollte ihm sagen, dass es im Gazastreifen schon seit etlichen Jahren keine Juden oder Israelis mehr gibt. Und was Israel als angeblichen Kriegstreiber betrifft oder Israel und die republikanische Partei in den Vereinigten Staaten als die klammheimlichen Sieger des leider gescheiterten arabischen Frühlings – das überschreitet einfach eine Grenze.</p>
<p>Und dann sind da noch seine Kommentare über die nukleare Gefahr im Nahen Osten, die nicht vom Iran, sondern von Israel ausgehe – auch hier wieder: Wo sind die Belege für solche Behauptungen? Rabbi Hier <i>[der Direktor und Gründer des Simon Wiesenthal Centers] </i>und ich haben in den letzten drei Jahren zahlreiche Führer der arabischen Welt und der Golfstaaten getroffen, von denen keiner Israel besonders freundlich gegenübersteht. Und sie alle sind wegen des iranischen Atomprogramms in großer Sorge und äußern offen ihre Angst. Sie drängen Präsident Obama, die Gefahr eines nuklearen Iran zu beseitigen.</p>
<p>Kurzum: Augstein wurde ausgewählt, weil er unmittelbaren und ständigen Zugang zum Mainstream der öffentlichen Meinung in Deutschland hat, einer wichtigen Demokratie. Indem er immer wieder die Linie dessen überschreitet, was Natan Sharansky die drei »D« nennt – doppelte Standards bei der Beurteilung, Dämonisierung und Delegitimierung Israels –, hat er sich seinen Platz in den Top Ten verdient.</p>
<p><strong>Werfen wir einen Blick auf die deutsche Presse&#8230;</strong></p>
<p>Das Wichtigste im Hinblick auf die deutschen Medien ist Folgendes: Meines Wissens hat sich kein deutscher Journalist an Herrn Augstein gewandt und zu ihm gesagt: »Hier sind die Worte, die Sie benutzt haben, können Sie verteidigen, was Sie über die Haredim sagen?« – von denen übrigens viele ihre Großeltern, Eltern, Ehepartner, Brüder oder Schwestern im Holocaust verloren haben. Ein großer Anteil der sechs Millionen, die von den Nazis ermordet wurden, fiele unter die Kategorie der Haredim. Niemand hat Augstein gefragt: »Wie können Sie solche Äußerungen rechtfertigen?«</p>
<p>Unsere wichtigste Antwort an die deutschen Medien ist: Warum lassen Sie nicht einfach – und endlich – Herrn Augstein direkt zu seinen eigenen Worten Stellung nehmen? Er schuldet den deutschen Lesern und dem jüdischen Volk – nicht uns, nicht dem Simon Wiesenthal Center – eine Entschuldigung.</p>
<p><strong>Stattdessen gibt es mehr und mehr persönliche Angriffe gegen Sie. So wie <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/antisemitismus-vorwurf-gegen-jakob-augstein-a-875937.html" target="_blank">im <i>Spiegel</i></a>, in dem der Redakteur Clemens Höges Sie als einen Spinner darstellt, der, als er gefragt wurde, ob er an einer Diskussion teilnehmen wolle, »absurde Forderungen« gestellt und E-Mails »wie aus einer anderen Welt« geschrieben habe. Höges kontrastiert das mit dem angeblich so sachlichen Augstein und fügt hinzu: Man müsse »böswillig oder auf Krawall aus sein«, um hinter dessen Äußerungen »einen Antisemiten zu sehen«. Der Vorspann des Artikels lautet: »Was ein gescheitertes Streitgespräch über die Dialogfähigkeit des Simon Wiesenthal Center sagt.« Der Artikel beginnt mit dem Satz: »Es wirkte wie ein gänzlich unerwarteter Tritt in den Rücken, verpasst von jemandem, der eigentlich als harmlos gilt.« Höges recycelt hier das Nazi-Motiv des Dolchstoßes in den Rücken. Überrascht es Sie, bei deutschen Journalisten soviel Bösartigkeit anzutreffen – wie auch eine solch große Phalanx der Augsteinverteidiger von ganz links bis ganz rechts?</strong></p>
<p>Es stimmt, dass der <i>Spiegel</i> mich kontaktiert und ein gemeinsames Interview mit Herrn Augstein in einer der beiden Redaktionen, in Hamburg oder Berlin, vorgeschlagen hat. Meine Antwort war, dass ich einem solchen Treffen nur zustimmen würde, wenn Augstein sich für seine Äußerungen entschuldigte. Ich habe dem <i>Spiegel </i>gleichzeitig angeboten, dass er separate Interviews führen könne und ich dafür nach Deutschland kommen würde.</p>
<p>Nach der Veröffentlichung des Artikels war ich doch etwas überrascht: Seit 35 Jahren arbeite ich in diesem Bereich; 29 Jahre lang hatte ich die Ehre, an Simon Wiesenthals Seite sein zu dürfen. Zum ersten Mal erlebe ich nun, dass jemand private Gespräche oder Diskussionen zur Grundlage für eine öffentliche Verlautbarung macht. Mein Kommentar gegenüber dem <i>Spiegel</i> war der folgende: Der Mann hat öffentlich Aussagen getätigt. Er sollte – gegenüber dem <i>Spiegel</i> oder jemand anderem – Stellung nehmen zu den Äußerungen, die ihm in diesem Jahr Platz neun bei uns eingebracht haben. Das ist das Wichtigste, was zu geschehen hat.</p>
<p>»E-Mails wie aus einer anderen Welt«? Vielleicht. In der Welt, in der ich lebe, sagt man, dass jemand, der in einer Demokratie ein solch wichtiges Medium wie den <i>Spiegel</i> zu seiner Verfügung hat, die Verantwortung hat, darauf zu achten, dass das, was gesagt wird, innerhalb legitimer Kritik bleibt und die Grenzen nicht überschreitet. Leider haben die Äußerungen diese Linie überschritten. Ich wäre sehr glücklich, darüber mit dem <i>Spiegel</i> oder einem Sender zu sprechen. Die anfängliche, die Schlüsselfrage ist immer noch auf dem Tapet: Augstein zu den konkreten Zitaten Stellung nehmen zu lassen, die die Grenze zu den genannten drei »D« überschreiten.</p>
<p><strong>Und die übrigens unter die Arbeitsdefinition des Antisemitismus-Begriffs der EU fallen. Leider sind viele deutsche Journalisten so voreingenommen gegen Israel, so ahnungslos, was die Definition und das Wesen des Antisemitismus betrifft, und leider ist der Gebrauch von antisemitischen Klischees wie dem des rachsüchtigen Juden oder dem des »Gängelbandes«, an dem Israel die Welt führe, für viele von ihnen so selbstverständlich, dass sie an Augsteins Ausfällen gar nichts Empörendes finden.</strong></p>
<p>Bei allem Respekt: Ich frage mich, ob sie diese Ausfälle überhaupt gelesen haben. Sie sollten sich anschauen, was Augstein über die Haredim schreibt, zehn Prozent der israelischen Bevölkerung. Ich bin kein Haredi, ich habe meine eigenen Schwierigkeiten mit dem, was dort passiert. Viele Haredim schauen mich an und sagen, dass ich nicht jüdisch genug bin, weil ich mich nicht auf eine bestimmte Art kleide. Es geht nicht um Kritik. Es geht um die Dämonisierung einer ganzen religiösen Minderheit. Es gibt Haredim wie den Rabbi in Malmö; er und seine kleinen Kinder werden regelmäßig von Antisemiten überfallen. Sogar in Berlin gibt es leider sporadische Angriffe auf religiöse Juden.</p>
<p>Wenn jemand in einer Position ist, in der er der deutschen und internationalen Öffentlichkeit sagen kann, was er will, und er die Haredim das jüdische Äquivalent der Islamisten nennt, die der Welt Suicide Bombings, Terrorismus und Hass bringen, dann muss er Verantwortung für diese Worte übernehmen. Es ist wahr, dass die Haredim abgeschottet leben. Aber sie sind keine Terroristen. Sie werben nicht für Gewalt. Ich möchte nicht glauben, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten, ganz zu schweigen von der deutschen Bevölkerung, solch einem Unsinn Glauben schenkt.</p>
<p>Und bevor nun jemand sagt: »Da kommt die Polizei der Political Correctness, die die Meinungsfreiheit eines Journalisten einschränken will« – ganz und gar nicht. Israel, die Haredim, alles, was angesprochen wurde, ist ein legitimer Gegenstand der Kritik. Wenn aber diese Kritik in so einen Zusammenhang gestellt wird, dann wird eine Linie überschritten. Genauso, wie Israel keinen Blankoscheck hat, hat ihn auch Herr Augstein nicht.</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2013%2F01%2F10%2Faugstein-hat-eine-grenze-ueberschritten%2F&amp;linkname=%C2%BBAugstein%20hat%20eine%20Grenze%20%C3%BCberschritten%C2%AB" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Augstein hat eine Grenze überschritten" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
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		<title>Freispruch für Deutschland</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Jan 2013 17:39:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Henryk M. Broder]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Wiesenthal Center]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Debatte über die Berufung von Jakob Augstein auf eine Liste des Simon Wiesenthal Centers haben sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« erneut verschoben. Noch die übelsten Tiraden gegen den jüdischen Staat sind – so meint eine ganz große Koalition von FAZ bis taz und von CDU bis Linkspartei – [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2578&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2579" title="Du bist Deutschland: Jakob Augstein in der Fernsehsendung »Augstein und Blome«, 15. Juni 2012 (Screenshot)" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/01/augstein3.jpg?w=610"   /></p>
<p><strong>In der Debatte über die Berufung von Jakob Augstein auf eine Liste des Simon Wiesenthal Centers haben sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« erneut verschoben. Noch die übelsten Tiraden gegen den jüdischen Staat sind – so meint eine ganz große Koalition von FAZ bis <em>taz</em> und von CDU bis Linkspartei – schlimmstenfalls grenzwertig, keinesfalls aber antisemitisch.</strong></p>
<p>Es fängt schon mit simplen Fehlern im Rüstzeug an. Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit sollten sich als Prinzipien für jeden Journalisten eigentlich von selbst verstehen, doch ist es damit hierzulande oftmals nicht allzu weit her, auch diesmal nicht. Denn was soll das <a href="http://www.wiesenthal.com/" target="_blank">Simon Wiesenthal Center</a> (SWC) getan haben, folgt man führenden deutschen Medien, die sich in dieser Frage nahezu wortgleich äußern? Es habe den Publizisten Jakob Augstein »auf eine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt gesetzt«, glaubt der <i><a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/antisemitismus-vorwuerfe-zentralrat-der-juden-springt-augstein-bei/7586774.html" target="_blank">Tagesspiegel</a></i>, »auf Platz 9 seiner jährlichen Liste der schlimmsten Antisemiten gesetzt«, meint die <i><a href="http://www.tagesschau.de/inland/augstein100.html" target="_blank">Tagesschau</a></i>, »auf Platz neun einer Liste der weltweit zehn schlimmsten Antisemiten gesetzt«, behauptet die <i><a href="http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-broder-diffamiert-augstein,1472786,21374630.html" target="_blank">Frankfurter Rundschau</a></i>, »zu einem der schlimmsten Antisemiten der Welt erklärt«, beteuert die <i><a href="http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf" target="_blank">Zeit</a></i>, »auf Platz neun der Liste der zehn schlimmsten Antisemiten« nominiert, ist die <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/antisemitismus-vorwurf-eine-offene-gesellschaft-12011369.html" target="_blank">FAZ</a> überzeugt, »auf einer Rangliste der schlimmsten Antisemiten der Welt auf Platz neun gesetzt«, schreibt <i><a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gysi-und-kloeckner-verteidigen-augstein-gegen-antisemitismus-vorwurf-a-875610.html" target="_blank">Spiegel Online</a></i>, »auf Platz neun der gefährlichsten Antisemiten weltweit verortet«, erklärt die <i><a href="http://taz.de/Kommentar-SWC-Preis-fuer-Augstein/!108383/" target="_blank">taz</a></i>. Knapp daneben ist auch vorbei, kann man da nur konstatieren.</p>
<p>Die besagte <a href="http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TT_2012_3.PDF" target="_blank">Liste</a> umfasst in Wahrheit nämlich die »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« – also die zehn aus Sicht des SWC erwähnenswertesten antisemitischen respektive antiisraelischen Verunglimpfungen des vergangenen Jahres –, ist also wesentlich eher eine Sammlung markanter Zitate als ein Fahndungsaufruf. Und das <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/antisemitismus-augstein-abraham-cooper/komplettansicht" target="_blank">Ziel</a> ist es dabei offenkundig auch weniger, eine Rangliste entlang der machtbedingten Gefährlichkeit der Urheber dieser Zitate zu erstellen, als vielmehr, plakativ zu verdeutlichen, wie beängstigend groß das Spektrum des Judenhasses weltweit ist und wie sich der massenkompatible Antisemitismus in den einzelnen politischen Lagern äußert, selbst bei vermeintlich unverdächtigen, seriösen Akteuren. So erklärt sich auch, warum bei der Erstveröffentlichung der »Top Ten« <a href="http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TTASS.PDF" target="_blank">im Jahr 2010</a> die renommierte amerikanische Journalistin Helen Thomas, immerhin dienstältestes Mitglied des White House Press Corps, auf dem ersten Platz landete und <a href="http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TOP-TEN-SLURS_2011-FINAL_2.PDF" target="_blank">ein Jahr später</a> der griechische Komponist und Politiker Mikis Theodorakis, eine Ikone der Linken, Dritter wurde. Ebenfalls in den letzten Jahren dabei: ein Mitglied der EU-Kommission, ein populärer Filmregisseur, ein prominenter Pastor und sogar die sozialen Netzwerke <i>Facebook </i>und <i>Twitter</i>.</p>
<p>Auch zwei Deutsche schafften es schon vor Augstein mit antisemitischen Äußerungen in die »Top Ten« des SWC: Thilo Sarrazin im Jahr 2010 und <a href="http://www.ruhrbarone.de/linkenpolitiker-dierkes-das-lappische-existenzrecht-israels/" target="_blank">Hermann Dierkes</a> zwölf Monate später. Darüber echauffiert hat sich damals allerdings kaum jemand: Bei dem einen interessierten sich die Medien erheblich mehr für dessen Äußerungen zum Islam, und der andere ist ein derartig bockbeiniger Desperado, dass ihn außerhalb der Linkspartei kaum jemand verteidigen mochte. Augsteins Nominierung dagegen sorgt nun für eine Welle der Empörung in nahezu sämtlichen Medien und in fast allen politischen Lagern (selbst beim <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/salomon-korn-zum-fall-augstein-das-wiesenthal-zentrum-kennt-die-deutschen-verhaeltnisse-nicht-12014865.html" target="_blank">Zentralrat</a> der Juden in Deutschland, der augenscheinlich nach dem Motto »Lieber mit der Rotte heulen als im Abseits stehen« <a href="http://lindwurm.wordpress.com/2013/01/04/augstein-moderner-antisemit/" target="_blank">verfährt</a>). Nicht wenige glauben, dem SWC allerlei Ratschläge erteilen zu müssen, wie es seine »Top Ten« zu gestalten und welche Kriterien es dafür zugrunde zu legen habe. In Abwandlung von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Lueger" target="_blank">Karl Luegers</a> Diktum »Wer Jude ist, bestimme ich« heißt es nun: »Wer Antisemit ist, bestimmen wir« – und nicht etwa eine jüdisch-amerikanische Organisation, deren <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Wiesenthal" target="_blank">Namensgeber</a>, ein Überlebender der Shoa, die »Suche nach Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter« zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Das Gerücht über die Juden</strong></p>
<p>Dabei gibt es beste Gründe, Augstein einen Antisemiten zu nennen, wie insbesondere Henryk M. Broder in der <i><a href="http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html" target="_blank">Welt</a></i>, Rainer Trampert in <i><a href="http://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/333.html" target="_blank">Konkret</a></i> und Stefan Gärtner in der <i><a href="http://www.titanic-magazin.de/essay-augstein.html" target="_blank">Titanic</a></i> (sic!) überzeugend nachgewiesen haben. »Die fantasierte jüdische Weltherrschaft«, so resümiert Trampert, »die Weltkriegsgefahr, die Aufregung über eine Fiktion und die Gleichgültigkeit gegenüber realen Kriegen und Kriegstoten, die Insinuationen, dass Israel hinter dem Mohammed-Film, dem Krieg in Syrien und der iranischen Bombe stecke und die Toten in den innerarabischen Machtkämpfen zu verantworten habe, die Wiederholung der Lüge vom Juden, der aus dem Antisemitismus Profit schlage, diese ganze Sammlung perfider Projektionen zeigt eine Verblendung, die mit einer Kritik an Aspekten israelischer Politik nichts mehr zu tun hat.« Hinzu gesellt sich noch der altbekannte Trick, »sich als Verfolgte[r] darzustellen«, wie Adorno analysierte, »sich zu gebärden, als wäre durch die öffentliche Meinung, die Äußerungen des Antisemitismus heute unmöglich macht, der Antisemit eigentlich der, gegen den der Stachel der Gesellschaft sich richtet, während im Allgemeinen die Antisemiten doch die sind, die den Stachel der Gesellschaft am grausamsten und am erfolgreichsten handhaben«. Oder, um es mit Stefan Gärtner zu formulieren: »Dass die Juden uns den Mund verbieten, ist das Gerücht über die Juden, das nach Adorno der Antisemitismus ist. Wer glaubt, dass es wahr sei, ist ein Antisemit. Augstein ist einer.«</p>
<p>Dass er nun trotzdem nahezu unisono freigesprochen wird, liegt maßgeblich daran, dass diejenigen, die sich zu seinen Anwälten aufschwingen, keinen Begriff vom (modernen) Antisemitismus haben und sich in Bezug auf Israel in der Regel kaum bis gar nicht von Augstein unterscheiden. »Die meisten <i>wollen</i><i> </i>Augsteins antisemitisches Potenzial schlicht nicht erkennen, weil sie es mit ihm teilen«, <a href="http://www.theeuropean.de/jennifer-pyka/5693-die-augstein-debatte-und-ihre-reflexe" target="_blank">schreibt</a> Jennifer Nathalie Pyka zu Recht. Augsteins Auslassungen über den jüdischen Staat und seine Regierung <a href="http://www.zeit.de/2012/02/augstein-antisemitismus-vorwurf" target="_blank">hält</a> beispielsweise der <i>Zeit</i>-Autor Frank Drieschner bloß für »triviale Feststellungen«, Nils Minkmar <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/antisemitismus-vorwurf-eine-offene-gesellschaft-12011369.html" target="_blank">befindet</a> in der FAZ, sie entstammten »keinem vagen Ressentiment«, sondern entsprächen »der Wahrheit«, und Christian Bommarius <a href="http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-broder-diffamiert-augstein,1472786,21374630.html" target="_blank">urteilt</a> in der <i>Frankfurter Rundschau</i>, Augstein nehme sich »lediglich die Freiheit, die Regierung Netanjahu dafür zu kritisieren, wofür sie alle Welt kritisiert« – so, als wäre der fundamentale Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment eine Frage von Mehrheiten. Henryk M. Broder hat die Unfähigkeit und den Unwillen, im Volkssport namens »Israelkritik« eine moderne und gefährliche Form von Judenhass zu erkennen, bereits im November 2011 auf den Punkt <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_furchtbarer_verdacht_ist_ken_ein_antisemit/" target="_blank">gebracht</a>: »Für Antisemitismus gibt es in Deutschland seit 1945 einen klaren Maßstab: den Holocaust. Alles darunter ist eine Ordnungswidrigkeit.« Wenn nicht sogar ein <a href="http://redaktion-bahamas.org/aktuell/Flugbl-8-7-03.html" target="_blank">Menschenrecht</a>.</p>
<p>Und da Broder vom Simon Wiesenthal Center gewissermaßen als Gewährsmann für Augsteins Antisemitismus <a href="http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TT_2012_3.PDF" target="_blank">geführt wird</a>, stürzen sich nun nicht wenige wie die Hyänen auf ihn. Niemand davon unternimmt auch nur den Versuch, Broders präziser und hellsichtiger <a href="http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html" target="_blank">Kritik</a> mit Argumenten zu begegnen; an die Stelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung treten teilweise hasserfüllte Beschimpfungen, die Bände sprechen. Der »Antisemitismusexperte« Klaus Holz etwa bezeichnet Broder im <i><a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1966832/" target="_blank">Deutschlandradio</a></i> als »Pöbler«, Nils Minkmar nennt ihn in der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/antisemitismus-vorwurf-eine-offene-gesellschaft-12011369.html" target="_blank">FAZ</a> den »Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren«, Joachim Petrick hält ihn in Augsteins <i><a href="http://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/h-m-broders-ruchlose-68er-stunkmasche" target="_blank">Freitag</a></i> für einen »hochtrabend dahergaloppierenden ruchlosen Rüstungslobbyisten des militärisch-psychiatrisch-pharmazeutischen Industriekomplexes der USA«. Für <a href="http://abgwb.wordpress.com/wutburger_innen-archiv/christian-bommarius/" target="_blank">Christian Bommarius</a>, Autor der <i><a href="http://www.fr-online.de/kultur/antisemitismus-broder-diffamiert-augstein,1472786,21374630.html" target="_blank">Frankfurter Rundschau</a></i>, ist der jüdische Publizist gar ein moderner Goebbels, der froh sein kann, dass er »bis heute frei herumläuft«. Es blieb Rabbi Abraham Cooper, dem stellvertretenden Direktor des SWC, vorbehalten, nüchtern <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/antisemitismus-augstein-abraham-cooper/komplettansicht" target="_blank">klarzustellen</a>: »Wir haben nicht mit Broder gesprochen, er hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung. Aber ein Großteil unserer Mitglieder kennt Augstein nicht, deswegen wollten wir Broders Perspektive dazunehmen. Er ist ein in der jüdischen Gemeinde weltweit respektierter Wortarbeiter, und anders als wir ist er vor Ort in Deutschland. Augstein hat auf seine Kritik übrigens nie reagiert, das halte ich für sehr vielsagend.«<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Die Grenzen des Unsäglichen</strong></p>
<p>Apropos vielsagend: Kaum jemandem scheint aufgefallen zu sein, dass bereits die faktische Existenz einer ganz großen deutschen Koalition gegen das SWC und für Jakob Augstein, die von der FAZ bis zur <i><a href="http://taz.de/Kommentar-SWC-Preis-fuer-Augstein/!108383/" target="_blank">taz</a></i> und von der <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gysi-und-kloeckner-verteidigen-augstein-gegen-antisemitismus-vorwurf-a-875610.html" target="_blank">CDU bis zur Linkspartei</a> reicht, einen Beweis dafür darstellt, wie falsch, um nicht zu sagen demagogisch die allenthalben – und natürlich auch von Augstein <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-israel-inflationaerer-gebrauch-des-antisemitismus-vorwurfs-a-869280.html" target="_blank">selbst</a> – zu vernehmende Behauptung ist, der Antisemitismusbegriff werde inflationär verwendet und damit schändlich missbraucht. Ganz im Gegenteil ist durch die massive öffentliche Intervention zugunsten eines prominenten israelfeindlichen Publizisten – und genau das war ihr Ziel – die Grenze des Sagbaren (genauer: des Unsäglichen) noch einmal verschoben worden. Wer künftig behauptet, Israel <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html" target="_blank">führe</a> »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs«, <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html" target="_blank">gefährde</a> den Weltfrieden und <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html" target="_blank">pferche</a> Palästinenser in einem Lager namens Gaza zusammen, kann sich im Falle von Kritik bequem auf den Freispruch für Augstein berufen – der ein kollektiver Freispruch <i>für Deutschland </i>ist und zudem einem Persilschein für die gesamte »Israelkritik« gleichkommt. Selbst am Zentrum für Antisemitismusforschung ist man schließlich <a href="http://www.cicero.de/weltbuehne/grenzwertig-aber-nicht-antisemitisch/53060" target="_blank">der Ansicht</a>, dass derartige Äußerungen vielleicht »grenzwertig« sind, aber nicht antisemitisch (was das ganze Elend perfekt macht, doch <a href="http://lizaswelt.net/2009/09/08/eyes-wide-shut-i/" target="_blank">keineswegs überraschend kommt</a>).</p>
<p>Betrachtet man die gegenwärtige Debatte geschichtspolitisch, dann gesellt sich noch ein weiterer, nicht unwichtiger Aspekt hinzu: Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen hat Simon Wiesenthal alles daran gesetzt, nationalsozialistische Täter einem juristischen Verfahren zuzuführen, während sie in Deutschland geschützt und gedeckt wurden, Pensionen erhielten und wieder teilweise höchstrangige Ämter bekleiden durften. Als die meisten Altnazis nicht mehr lebten und es den Deutschen, nachdem sie sich wiedervereinigt hatten, schließlich auch noch gelang, einen finanziellen Schlussstrich unter die NS-Zeit <a href="http://lizaswelt.net/2007/06/17/brosamen-vom-herrentisch/" target="_blank">zu ziehen</a>, begannen sie, Mahnmale zu bauen, staatliche Gedenkveranstaltungen auszurichten, sich selbst für geläutert zu erklären und schließlich den moralischen Profit aus ihrer »Vergangenheitsbewältigung« einzufordern – wozu es auch gehört, die »Israelkritik« als »Lehre aus der Geschichte« zu verkaufen. Dass man diese Masche beim Simon Wiesenthal Center durchschaut, aus guten Gründen misstrauisch bleibt und auch deshalb regelmäßig Deutsche in die »Top Ten« der erwähnenswertesten antisemitischen Verunglimpfungen beruft, nehmen die Nachfahren und Erben der Täter dem Zentrum erkennbar übel.</p>
<p>Umso erfreulicher, dass man beim SWC nun Augsteins Nominierung bekräftigt und verteidigt. »Ich habe großes Verständnis dafür, dass Henryk M. Broder Augstein wegen dessen Agitationen mit Julius Streicher vergleicht«, sagt <a href="http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14867" target="_blank">Efraim Zuroff</a>, der Direktor der Jerusalemer Dependance dieser Einrichtung. »Augstein misst beim Thema Israel mit zweierlei Maß, macht aus Tätern Opfer, klammert den Terror der Hamas vollkommen aus. Seine Äußerungen sind ganz und gar empörend, diffamierend und ekelhaft.« Und Rabbi Abraham Cooper <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/antisemitismus-augstein-abraham-cooper/komplettansicht" target="_blank">fordert</a>: »Augstein sollte sich bei seinen Lesern und dem jüdischen Volk entschuldigen.« Dass er das nicht tun wird, darf als sicher gelten – so sicher, wie das SWC auch am Ende dieses Jahres wieder reichlich Auswahl haben wird, wenn es darum geht, die Ausfälle eines deutschen »Israelkritikers«, der kein Antisemit sein will, in die »Top Ten« zu hieven.</p>
<p><span style="font-size:85%;"><em>Lesetipp:</em> »Die Verhältnisse in Deutschland«, veröffentlicht auf dem Weblog <a href="http://www.verbrochenes.net/2013/01/05/die-verhaltnisse-in-deutschland/" target="_blank"><em>Verbrochenes</em></a>.</span></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2013%2F01%2F05%2Ffreispruch-fuer-deutschland%2F&amp;linkname=Freispruch%20f%C3%BCr%20Deutschland" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Freispruch für Deutschland" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lizaswelt.net/category/politik/'>Politik</a> Tagged: <a href='http://lizaswelt.net/tag/antisemitismus/'>Antisemitismus</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/henryk-m-broder/'>Henryk M. Broder</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/israel/'>Israel</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/jakob-augstein/'>Jakob Augstein</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/nationalsozialismus/'>Nationalsozialismus</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/simon-wiesenthal-center/'>Simon Wiesenthal Center</a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2578&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Du bist Deutschland: Jakob Augstein in der Fernsehsendung »Augstein und Blome«, 15. Juni 2012 (Screenshot)</media:title>
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		<title>Coming-out im russischen Fußball?</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2013/01/04/coming-out-im-russischen-fussball/</link>
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		<pubDate>Fri, 04 Jan 2013 10:19:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Kokorin]]></category>
		<category><![CDATA[Homophobie]]></category>
		<category><![CDATA[Pawel Mamajew]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

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		<description><![CDATA[Wirklich schöne Bilder sind das: Zwei Menschen entfliehen dem kalten Winter zu Hause und genießen stattdessen die Sonne in Miami, Florida. Man sieht sie eng umschlungen unter Palmen, lachend bei einer Lamborghini-Fahrt, entspannt am Pool, sich küssend auf einer Party, herumalbernd in der Badewanne. In einem Facebook ähnlichen sozialen Netzwerk stellen sie diese und weitere [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2561&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2575" title="Fußballfans gegen Homophobie: Choreografie beim Bundesligaspiel 1. FSV Mainz 05 – VfL Wolfsburg am 20. April 2012" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/01/gegenhomophobie1.jpg?w=610"   /></p>
<p>Wirklich schöne Bilder sind das: Zwei Menschen entfliehen dem kalten Winter zu Hause und genießen stattdessen die Sonne in Miami, Florida. Man sieht sie eng umschlungen unter Palmen, lachend bei einer Lamborghini-Fahrt, entspannt am Pool, sich küssend auf einer Party, herumalbernd in der Badewanne. In einem <i>Facebook </i>ähnlichen sozialen Netzwerk stellen sie diese und weitere <a href="http://vk.com/sashakokorin9" target="_blank">Aufnahmen online</a> und kommentieren sie gelegentlich kurz. »Ich liebe ihn«, ist dort beispielsweise zu lesen, und: »Wo wären wir nur ohneeinander?« Wie gesagt, wirklich schön – und trotzdem eigentlich nicht weiter der Rede wert, wären die beiden nicht männliche, russische Fußballprofis, Nationalspieler ihres Landes gar. <a href="http://www.weltfussball.de/spieler_profil/aleksandr-kokorin/" target="_blank">Alexander Alexandrowitsch Kokorin</a> heißt der eine, 21 Jahre alte, der zwölf Länderspiele absolviert hat und in Diensten des russischen Erstligisten Dynamo Moskau steht; <a href="http://www.weltfussball.de/spieler_profil/pavel-mamaev/" target="_blank">Pawel Konstantinowitsch Mamajew</a> der andere, drei Jahre ältere, der auf zwei Länderspiele kommt und beim Liga- und Lokalrivalen ZSKA Moskau spielt.</p>
<p>Das vielgelesene russische Weblog <i>Fußball in sozialen Netzwerken</i> bastelte aus einigen der Bilder eine Art <a href="http://www.sports.ru/tribuna/blogs/socialfootball/403100.html" target="_blank">Foto-Love-Story</a> und veröffentlichte sie am 25. Dezember des vergangenen Jahres unter der Überschrift »Wir sind zusammen« im Rahmen seiner kleinen Reihe mit dem Titel »Wie sich Fußballer der [russischen] Premjer-Liga erholen«. Was folgte, war eine regelrechte Flut von Leserkommentaren, die noch immer nicht abreißen will. Nicht wenige Beiträge sind offen schwulenfeindlich und beleidigend, aber es gibt auch viel Unterstützung für die beiden Fußballer und Kritik an den homophoben Verhältnissen in Russland. Beim »Rating« bekommt der Artikel zudem deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung.</p>
<p>Erschienen ist er nur wenige Tage, nachdem eine einflussreiche Fangruppe des russischen Premjer-Liga-Klubs Zenit St. Petersburg ein »Manifest« <a href="http://de.eurosport.yahoo.com/news/int-fu%C3%9Fball-zenit-rassismus-tradition-124408223.html" target="_blank">veröffentlicht hat</a>, in dem der Verein aufgefordert wird, keine schwulen, schwarzen oder nichteuropäischen Spieler mehr zu verpflichten. Nicht nur dieses üble Pamphlet macht deutlich, wie verbreitet die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Russland" target="_blank">Homophobie in Russland</a> ist: In mehreren Regionen des Landes gibt es Gesetze gegen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Russland#Gesetze_gegen_.E2.80.9Ehomosexuelle_Prop" target="_blank">»homosexuelle Propaganda«</a>, und russische Politiker wie beispielsweise die Gesundheitsministerin <a href="http://www.ggg.at/index.php?id=62&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=4568&amp;cHash=2ae2513812e292bd955d050866c32766" target="_blank">Veronika Skworzowa</a> bezeichnen Homosexualität als »Krankheit«. Zudem werden immer wieder Demonstrationen von Schwulen und Lesben verboten oder von gewalttätigen, oft rechtsextremen Gegendemonstranten angegriffen. Ist vor diesem Hintergrund ein Coming-out von Fußballprofis in Russland tatsächlich denkbar?</p>
<p>Fast will es trotz der eindeutig scheinenden Bilder zu kühn anmuten, zumal Kokorin und Mamajew auch noch die ersten bezahlten Kicker wären, die sich während ihrer aktiven Laufbahn öffentlich dazu bekennen, schwul zu sein, seit es der englische Fußballer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justin_Fashanu" target="_blank">Justin Fashanu</a> im Oktober 1990 tat* – und sich nach diversen homophoben Hetzkampagnen, Anschuldigungen und Vorverurteilungen schließlich am 2. Mai 1998 in seiner Garage erhängte. Entsprechend zurückhaltend ist denn auch das bekannte schwul-lesbische Portal <i>queer.de</i>, das »auf eine offizielle Stellungnahme der beiden Jungs« <a href="http://www.queer.de/bild-des-tages.php?einzel=238" target="_blank">hofft</a>, die seit der Veröffentlichung der Urlaubsfotos schweigen. Die populäre Plattform <i>dbna</i> <a href="http://www.dbna.de/leben/meldungen/2013/01/130102-russische-fussball-profis-schwul.php" target="_blank">vermutet</a>: »Ein Grund, warum plötzlich diese Bilder auftauchten, könnte die Tatsache sein, dass sich der Dauerrivale aus Sankt Petersburg kürzlich gegen Dunkelhäutige und Homosexuelle im Fußball ausgesprochen hatte und die beiden Fußballer dagegen Position beziehen wollten.« Und bei <i>Eurosport Russland</i> <a href="https://twitter.com/Michael_Wollny/statuses/286843553706045441" target="_blank">glaubt man</a> lediglich »an einen simplen Spaß im Urlaub«.</p>
<p>Es bleibt also wohl abzuwarten, ob sich die beiden Spieler noch einmal zu Wort melden (und wenn ja, was sie sagen), bevor sich eine endgültige Bewertung formulieren lässt. Einstweilen ist jedoch Michael Wollny, Fußballredakteur bei <i>Eurosport Deutschland</i>, zuzustimmen, der via <i>Twitter</i> <a href="https://twitter.com/Michael_Wollny/status/286886993265324032" target="_blank">kommentierte</a>: »Gelungene Aktion, falls sie [Kokorin und Mamajew] menschenverachtenden Hass wie bei Zenit veräppeln wollten. Megamutig, wenn echt.«</p>
<p><em>(Zuerst veröffentlicht auf dem Webportal <a href="http://fussball-gegen-nazis.de/beitrag/homophobie-coming-out-im-russischen-fussball-8386" target="_blank">Fussball-gegen-Nazis.de</a>.)</em></p>
<p><span style="font-size:85%;">Herzlichen Dank an <a href="https://twitter.com/senSATZionell" target="_blank">@senSATZionell</a>, <a href="https://twitter.com/Michael_Wollny" target="_blank">@Michael_Wollny</a>, <a href="https://twitter.com/hourglass1979" target="_blank">@hourglass1979</a>, <a href="https://twitter.com/crazylilly" target="_blank">@crazylilly</a>, <a href="https://twitter.com/hirngabel" target="_blank">@hirngabel</a> und <a href="https://twitter.com/el_loko74" target="_blank">@el_loko74</a> für wertvolle Hinweise und Gedanken.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;">* Mit <a href="http://www.11freunde.de/artikel/das-outing-des-anton-hysen" target="_blank">Anton Hysén</a> hatte im März 2011 ein weiterer Fußballer ein viel beachtetes öffentliches Coming-out, allerdings spielte er seinerzeit »nur« für einen Viertligisten.</span></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2013%2F01%2F04%2Fcoming-out-im-russischen-fussball%2F&amp;linkname=Coming-out%20im%20russischen%20Fu%C3%9Fball%3F" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Coming-out im russischen Fußball?" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lizaswelt.net/category/fusball/'>Fußball</a>, <a href='http://lizaswelt.net/category/politik/'>Politik</a> Tagged: <a href='http://lizaswelt.net/tag/alexander-kokorin/'>Alexander Kokorin</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/homophobie/'>Homophobie</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/pawel-mamajew/'>Pawel Mamajew</a>, <a href='http://lizaswelt.net/tag/russland/'>Russland</a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2561&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Friedlich in die Katastrophe?</title>
		<link>http://lizaswelt.net/2013/01/02/friedlich-in-die-katastrophe/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Jan 2013 12:33:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Barack Obama]]></category>
		<category><![CDATA[Benjamin Netanjahu]]></category>
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		<category><![CDATA[Mahmud Ahmadinedjad]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Während der amerikanische Präsident Barack Obama nicht bereit zu sein scheint, die nuklearen Aktivitäten des iranischen Regimes notfalls militärisch zu unterbinden, hat die israelische Regierung eine rote Linie gezogen und die Möglichkeit eines Militäreinsatzes auf den Frühsommer 2013 datiert. Dann dürfte das iranische Regime über genügend 20-prozentiges Uran verfügen, um daraus eine Bombe herzustellen. Was [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2553&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2555" title="Mahmud Ahmadinedjad inspiziert die Atomanreicherungsanlage in Natanz, 8. April 2008." alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2013/01/natanz1.jpg?w=610"   /></strong></p>
<p><strong>Während der amerikanische Präsident Barack Obama nicht bereit zu sein scheint, die nuklearen Aktivitäten des iranischen Regimes notfalls militärisch zu unterbinden, hat die israelische Regierung eine rote Linie gezogen und die Möglichkeit eines Militäreinsatzes auf den Frühsommer 2013 datiert. Dann dürfte das iranische Regime über genügend 20-prozentiges Uran verfügen, um daraus eine Bombe herzustellen. Was nun? Matthias Küntzel nimmt die Kontroverse, die es zwischen den USA und Israel in Bezug auf den Umgang mit den atomaren Ambitionen Teherans gibt, unter die Lupe.</strong><br />
<strong> <em><br />
</em></strong><br />
<a title="Zur Website des Autors" href="http://www.matthiaskuentzel.de/" target="_blank"><span style="color:#000066;"><strong>VON MATTHIAS KÜNTZEL</strong></span></a><br />
<em><br />
</em><br />
Im Dezember 1998 klopfte erstmals eine israelische Delegation unter der Leitung des damaligen Premierministers Benjamin Netanjahu beim Weißen Haus an, um zu fragen, »ob die amerikanische Regierung bereit wäre, eine israelische Militäroperation gegen iranische Anlagen zu unterstützen«, wie Jack Caravelli, ein Zeitzeuge dieser Begegnung, berichtet (1). Präsident Bill Clinton lehnte ab. Gleichzeitig zog er eine klare rote Linie: Ein Staat wie der Iran, der Terroranschläge verübt, darf keine Atomtechnik erhalten.</p>
<p>Im März 2012 besuchte erneut eine israelische Delegation unter der Leitung von Netanjahu das Weiße Haus, um zu fragen, ob die Regierung bereit wäre, einen Militärschlag gegen den Iran zu unterstützen. Präsident Barack Obama lehnte ab. Gleichzeitig zog er eine klare rote Linie: Ein Staat wie der Iran könne notfalls die Fähigkeit erlangen, Atombomben zu bauen, herstellen dürfe er sie aber nicht.</p>
<p>1998 war Israels Regierungschef mit dem Ergebnis seiner Reise zufrieden gewesen, 14 Jahre später war er es nicht. Teheran dürfe weder über die Bombe noch über die Fähigkeit zum Bombenbau verfügen, hatte er Obama gegenüber erklärt und ihn gemeinsam mit Abgeordneten des amerikanischen Kongresses dazu gedrängt, die rote Linie <i>vor</i> dem Erwerb der Atomwaffenfähigkeit zu ziehen. Doch Obama blieb hart. Eine solche Festlegung sei »zu mehrdeutig«. Sie könnte der Forderung nach »einem sofortigen Angriff auf den Iran« Nahrung geben, erklärten Regierungsbeamte (2).</p>
<p>Nur wenig gelangte über diese Kontroverse an die Öffentlichkeit. Die Medien zogen es vor, über die persönlichen Beziehungen zwischen Netanjahu und Obama zu spekulieren. Während des Gaza-Krieges hatte diese Meinungsverschiedenheit ebenfalls keine Rolle gespielt. Mit der neuen Amtsperiode des amerikanischen Präsidenten aber kehrt die Iran-Krise zurück – und auch der strategische Dissens.</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>»Über Nacht zur Atommacht«</b></p>
<p>Im Dezember 2011 zeigten sich israelische Regierungsvertreter noch erleichtert, als der amerikanische Verteidigungsminister Leon E. Panetta der <i>New York Times</i> zufolge auf einer Konferenz in Washington betonte, dass die USA entschlossen seien, »nicht nur eine [iranische Atom-]Waffe zu stoppen, sondern auch die Fähigkeit, diese zu produzieren«. Doch am 6. Januar 2012 revidierte Panetta seine Position: »Versuchen die Iraner, eine Atomwaffe zu entwickeln? Nein. [...] Unsere rote Linie für den Iran lautet: Entwickelt keine Atomwaffen!« (3)</p>
<p>Was unter der Forderung »Entwickelt keine Atomwaffen« zu verstehen ist, erläuterte wenige Tage später die <i>New York Times</i>. Demnach könne der Iran »ein Land wie Japan« werden, das zwar »über die Fähigkeit verfügt, notfalls praktisch über Nacht zur Atommacht zu werden, es aber ablehnt, die letzten Schritte zum Besitz von Atomwaffen zu unternehmen«. Eine solche Regelung sei »das für den Westen [in seinen Verhandlungen mit dem Iran] am ehesten zu erreichende Ergebnis«, fügte die Zeitung unter Berufung auf amerikanische und europäische Regierungsbeamte hinzu. Das Blatt zitierte außerdem einen europäischen Diplomaten mit den Worten: »Wenn Sie uns fragen, ob wir damit einverstanden wären, dass der Iran wie Japan wird, dann ist unsere Antwort ein qualifiziertes ›Ja‹. Es müsste jedoch überprüfbar sein.« (4)</p>
<p>Dieses »Ja« ist eine Entscheidung, deren Tragweite schwerlich überschätzt werden kann. Zwar kann sich Japan dank seines hochentwickelten Uran- und Plutoniumprogramms in der Tat binnen kürzester Frist zur Atommacht erklären. Die Analogie lässt jedoch alle Faktoren, die das iranische Atomwaffenprogramm so besonders gefährlich machen, außer Acht. Während niemand in Seoul, Manila oder Taipeh auf die Idee käme, sich wegen des japanischen Nuklearpotenzials große Sorgen zu machen, raubt das iranische Atomprogramm nicht nur den Sunniten am Persischen Golf heute schon den Schlaf.</p>
<p>Wie ernst es der Obama-Administration mit ihrer neuen Linie ist, zeigt eine Episode vom Februar 2012. Damals war Außenministerin Hillary Clinton mit der neuen Sprachregelung noch nicht ausreichend vertraut. Am 27. Februar 2012 habe sie die Debatte »verkompliziert [...], als sie bei einer Aussage vor dem Kongress erklärte, dass das Ziel der USA darin bestehe, den Iran von der ›Atomwaffenfähigkeit‹ abzuhalten«, spottete die <i>New York Times</i> und fuhr fort: »Regierungsbeamte erklärten, sie habe sich versprochen.« (5)</p>
<p>Yigal Carmon, der Präsident des <i>Middle East Media Research Instituts</i> (MEMRI), und Ayelet Savyon gehörten zu den wenigen, die die »neue Politik der USA« noch während Obamas Wahlkampagne kritisierten. Sie gestatte »dem Iran den Status eines [nuklearen] Schwellenlandes« und verschaffe »den iranischen Anstrengungen Legitimität und neuen Schwung«. Gleichzeitig vereitele sie schon im Voraus »jedes Abkommen, das das Verbot einer Anreicherung von über fünf Prozent [Urananreicherung] vorsieht« (6).</p>
<p>Natürlich wollen auch die USA keine Schwellenmacht Iran. Auch deshalb forciert Washington mehr als jedes andere Land der Welt das System globaler Sanktionen. Noch wichtiger aber scheint für Obama die Vermeidung eines Militäreinsatzes zu sein. Die USA haben signalisiert, dass der Waffengang für sie nur dann in Frage kommt, wenn der Iran tatsächlich die Bombe baut, während man auf die Bereitstellung der für die Bombe erforderlichen Technologie mit den üblichen Mitteln – Sanktionen und Proteste – zu reagieren gedenkt.</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>Rote Linien</b></p>
<p>In den letzten Jahren passte sich Washington immer wieder an die von Teheran geschaffenen Tatsachen an. Eine Ausnahme bildete Bill Clinton, der dem Regime überhaupt keine Atomtechnik zugestehen wollte. 2006 kam dann aber ausgerechnet George W. Bush den Iranern entgegen und warf die Clinton-Doktrin über Bord. Das Ergebnis war die von den USA unterstützte Resolution 1696 des UN-Sicherheitsrats. Sie gewährt auf der einen Seite dem Iran das Recht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie und verlangt auf der anderen Seite, »dass die Islamische Republik Iran alle mit der Anreicherung zusammenhängenden Tätigkeiten und alle Wiederaufarbeitungstätigkeiten, einschließlich Forschung und Entwicklung, aussetzt« (7). Bushs rote Linie nahm zivile Atomanlagen somit hin, schloss atomwaffenrelevante Technologien aber aus.</p>
<p>Im September 2009 verwarf die Obama-Administration auch diese Linie und unterstützte ein Vorschlagspaket, mit dem die Anreicherung von Uran auf fünf Prozent akzeptiert wird, sofern der Iran einen Teil seiner angereicherten Vorräte ins Ausland schafft, um daraus Brennelemente für einen Forschungsreaktor herstellen zu lassen (8). Die Reichweite dieses Zugeständnisses war enorm: Wer in der Lage ist, Uran auf fünf Prozent anzureichern, hat bereits fast 70 Prozent der technischen Anstrengung bewältigt, die für die Herstellung von Waffenuran erforderlich ist. Obama nahm die Urananreicherung auf fünf Prozent somit hin, schloss eine höhere Uranverarbeitung aber aus.</p>
<p>Prompt begann Teheran, Uran auf 20 Prozent anzureichern. Mit der Beherrschung dieser Technik hatte das Regime nunmehr 87 Prozent der für die Herstellung von Waffenuran erforderlichen Anstrengungen auf den Weg gebracht. Doch anstatt das iranische Vorgehen an den Pranger zu stellen, passten sich die USA erneut an es an. Obamas neueste rote Linie verläuft nun so, dass eine Anreicherung auf 20 oder mehr Prozent hingenommen, der Bau der Bombe aber ausgeschlossen wird.</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>»No containment!«</b></p>
<p>Als Netanjahu den amerikanischen Präsidenten im März 2012 im Weißen Haus besuchte, versuchte dieser, die bittere Pille der neuesten amerikanischen Politik zu versüßen: Obama versprach, zumindest die Bombe tatsächlich verhindern zu wollen. Beide Beteuerungen gehörten zusammen: Hier die Bereitschaft, den Iranern einen »Japan-Status« zuzugestehen, dort die umso größere Entschlossenheit, die Fertigstellung der Bombe nicht zu akzeptieren. »Ich bluffe nicht!«, versicherte Barack Obama auf die Frage, ob seine Androhung eines Militäreinsatzes gegen den Iran ernst zu nehmen sei. Es gebe unabhängig von Israel »ein profundes amerikanisches Interesse, die iranische Bombe zu verhindern« (9). Die zuletzt gezogene rote Linie soll also strikt und verbindlich und selbst um den Preis des Waffeneinsatzes gültig sein.</p>
<p>Wie aber könnte Washington das <i>Fait accompli </i>einer heimlich montierten iranischen Bombe verhindern? Obama beantwortet diese Frage mit dem Verweis »auf die hinreichend lange Vorlaufzeit«, die zwischen dem Beschluss zum Bombenbau und dessen Verwirklichung liege und die angeblich ausreiche, den Bau des Sprengkörpers noch rechtzeitig zu unterbinden (10). »Wir haben einen Einblick in das [Atom-]Programm, sodass wir wissen würden, ob und wann Iran einen so genannten <i>breakout move</i> für den Erwerb der Bombe unternimmt«, versichert auch Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses (11).</p>
<p>Diese Zuversicht ist gewagt: Erstens geben die Verantwortlichen in Teheran offen zu, dass sie die Kontrolleure der Atomenergiebehörde IAEA mit falschen Angaben täuschen (12). Zweitens bleibt diesen Kontrolleuren der Zugang zu militärischen Anlagen versperrt. Drittens wurden die amerikanischen Stellen nicht nur vom Zeitpunkt der indischen und pakistanischen Atombombe überrascht, ihnen blieb auch die Einrichtung der iranischen Uranreicherungsanlage in Natanz verborgen. Und viertens findet die Anlage zur Herstellung von Waffenuran sowie zur Fertigstellung eines Atomsprengkopfes in jeder größeren Garage Platz. Netanjahu attackierte die amerikanische Hypothese in seiner jüngsten Rede vor der UN-Vollversammlung denn auch scharf: »Wollen wir die Sicherheit der Welt von der Vermutung abhängig machen, dass wir noch rechtzeitig eine kleine Werkstatt in einem Land, so groß wie halb Europa, finden?« (13)</p>
<p>Die gleichen Zweifel äußert Henry Kissinger: »Wenn die erforderliche Menge an Spaltmaterial erst einmal produziert ist, ist die Konstruktion und Beladung eines Sprengkopfes ein relativ kurzer und technologisch einfacher Prozess, den noch rechtzeitig zu entdecken so gut wie unmöglich ist.« (14) Robert M. Gates, der frühere Verteidigungsminister in Obamas Kabinett, stimmt ihm zu: Wie solle man, wenn die Iraner bis an die Grenze zur Atomwaffe gehen, wissen, dass sie diese nicht produzieren, fragt er. »Ich weiß tatsächlich nicht, wie man das verifiziert.« (15)</p>
<p>Doch selbst wenn man unterstellte, dass Washington rechtzeitig von der iranischen <i>Break-out</i>-Absicht erführe, blieben Zweifel, ob Barack Obama gewillt wäre, die schwere Entscheidung für den Angriffsbefehl tatsächlich zu treffen. »Amerika ist darauf erpicht, so gut wie jeden Krieg um beinahe jeden Preis zu vermeiden«, konstatiert der israelische Journalist David Horowitz und hat damit Recht (16). Unter diesen Voraussetzungen ist die Verlockung groß, einen <i>Break-out</i>-Versuch des Regimes zu »übersehen« und sich von vollendeten Tatsachen »überraschen« zu lassen. Dann aber wäre es zu spät. Denn dann, so berichtet die <i>New York Times</i> über diesbezügliche Debatten im Weißen Haus, »hätte der Westen keine andere Wahl mehr, als sich zurückzuziehen, um keine nukleare Konfrontation zu provozieren« (17).</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>Schwellenmacht Iran?</b></p>
<p>Während die iranische Bevölkerung unter den Folgen von Terror, Zensur, Misswirtschaft und Sanktionen leidet, können die iranischen Machthaber mit dem Verlauf des Atomstreits zufrieden sein, haben sie doch seit Jahren auf die Anerkennung eines »Japan-Status« für den Iran gedrängt. »Der Iran sucht die Zustimmung der EU für eine Ausrichtung seines Atomprogramm nach dem ›japanisch-deutschen Modell‹, also die Beherrschung des nuklearen Brennstoffkreislaufes bis drei Monate vor der Bombe«, betonte ein MEMRI-Bericht bereits im Februar 2005 (18). »Die Haltung, die gegenüber den nuklearen Aktivitäten Japans eingenommen wird, sollte auch gegenüber anderen Ländern wie dem Iran zur Anwendung kommen«, forderte Irans Außenminister Manouchehr Mottaki erneut im Jahr 2009 (19). Auch heute gibt es Gründe für die Annahme, dass das Regime auf die politische Absicherung eines vorläufigen »Japan-Status« drängt.</p>
<p>Dabei geht es nicht nur darum, dass schon der Rang einer potenziellen Atommacht ausreicht, um als regionale Führungsmacht Anerkennung zu erringen und Angst und Schrecken zu verbreiten – zumal dann, wenn dieser Status gegen den erklärten Willen der Weltgemeinschaft und besonders des Westens errungen worden ist. Noch wichtiger ist der Aspekt, dass sich das iranische Atomwaffenprogramm – gemessen an seinen Ambitionen – noch im Anfangsstadium befindet.</p>
<p>Zwar könnte der Iran vermutlich heute schon eine primitive Uranbombe zünden. Uranbomben weisen im Vergleich zu Plutoniumbomben aber Nachteile auf: Sie sind fünfmal so schwer, also erheblich schwieriger auf Raketen zu montieren, und scheiden als Zünder für moderne Wasserstoffbomben aus (20). Teheran aber kommt es auf moderne Atomwaffen an. So arbeiten iranische Techniker fieberhaft an der Fertigstellung des Schwerwasserreaktors Arak, der nach IAEA-Angaben 2014 in Betrieb gehen soll. Es handelt sich um eine Anlage, die ausschließlich der Produktion von Waffenplutonium dient und durch den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage ergänzt werden soll.</p>
<p>Falls die »5 plus 1«-Mächte in den derzeit anvisierten Verhandlungen bereit sein sollten, dem Regime einen von der IAEA kontrollierten Status als nukleare Schwellenmacht einzuräumen, wäre dies für Teheran keine schlechte Voraussetzung, um nach dem Uranpfad auch den Plutoniumpfad zügig fertigzustellen. Dies wäre dann in der Tat »das für den Westen [in seinen Verhandlungen mit Iran] am ehesten zu erreichende Ergebnis«, wie die oben zitierten Regierungsbeamten betonen, weil es den Interessen Teherans entspräche.</p>
<p>»Der Iran ist wissenschaftlich und technologisch in der Lage, eine Atombombe zu bauen«, prahlte im April 2012 ein Mitglied des iranischen Pseudo-Parlaments (21). »Wenn der Iran eine Atombombe bauen möchte, wird ihn niemand daran hindern können«, drohte auch Präsident Mahmud Ahmadinedjad (22). Etwas vorsichtiger äußerte sich Israels Vize-Premier Moshe Ya’alon: »Vor drei Jahren hatte Iran die nukleare Schwelle noch nicht beschritten. Heute schon. Vor unseren Augen entwickelt sich Iran zur nuklearen Schwellenmacht.« (23) Olli Heinonen, der frühere Chefinspektor der IAEA, präzisiert: »Schon ein Vorrat an 20-prozentigem Uran, der dem Gegenwert von fünf oder sechs Bomben entspricht, würde aus Iran de facto einen Atomwaffenstaat machen.« (24)</p>
<p>Sicher ist: Während der amerikanische Präsident das Regime heute wie vor vier Jahren zum Gespräch bittet, haben Irans Ingenieure in diesem Zeitraum einen Riesensprung gemacht. Wird Obama daraus tatsächlich die Konsequenz ziehen, sich mit einer nuklearen Schwellenmacht Iran zu arrangieren? Er würde damit die Fehler seiner ersten Amtszeit noch übertrumpfen und Gefahr laufen, als der Chamberlain des 21. Jahrhunderts in die Geschichte einzugehen.</p>
<p>Die israelische Regierung dagegen hat die rote Linie und die Möglichkeit eines Militäreinsatzes auf den Frühsommer 2013 terminiert, da dann genügend 20-prozentiges Uran vorhanden sein dürfte, um daraus 25 Kilogramm Waffenuran – genug für eine Bombe – zu gewinnen. Diese Linie ist einprägsam, in der Sache aber wenig plausibel, da sie die Beschleunigung der Verfahren im Uranbunker Fordow sowie die beträchtliche Menge an fünfprozentigen Uranbeständen, die das Regime ebenfalls hoch anreichern könnte, ignoriert.</p>
<p>Die eigentliche rote Linie hatte, wie ich finde, der UN-Sicherheitsrat im Juli 2006 formuliert, nämlich in seiner Forderung an Teheran, »alle mit der Anreicherung zusammenhängenden Tätigkeiten und alle Wiederaufarbeitungstätigkeiten« auszusetzen, »einschließlich Forschung und Entwicklung« (25). Die Charta der Vereinten Nationen regelt in Kapitel VII, Artikel 42, dass die zur Wahrung der internationalen Sicherheit getroffenen Beschlüsse des Sicherheitsrats notfalls auch militärisch durchzusetzen sind.</p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs werde sich dramatisch erhöhen, warnte kürzlich Henry Kissinger, falls der Iran so weitermachen könne wie bisher. Jetzt müsse man »den Verhandlungsprozess auf den Moment der Entscheidung« zuspitzen: Entweder ein vertretbares Abkommen mit Iran in kurzer Frist oder eine »Mobilisierung des amerikanischen Volkes und der Welt«. Entweder eine »Eskalation der Krise bis zur Anwendung von militärischem Druck« oder »die Einwilligung in Irans Atomwaffenprogramm« (26).</p>
<p>In der Tat. Ohne die von Kissinger anvisierte »Mobilisierung des amerikanischen Volkes und der Welt« wäre weder der UN-Beschluss noch eine vergleichbare Lösung durchsetzbar. Nur dann, wenn man das iranische Regime vor die Alternative stellte, das Atomprogramm abzubrechen oder einen furchtbaren Krieg mitsamt seiner Absetzung zu riskieren, könnte eine Verhinderung der Bombe unter Absehung von Gewalt noch möglich sein.</p>
<p>Dieser Versuch der Friedenswahrung verlangt freilich ein klares Nein zur Atomwaffenfähigkeit des Iran. Und er setzt voraus, dass der alte und neue Präsident der USA die Frage, die ihm auch der neu zu wählenden israelische Premierminister stellen wird, diesmal anders beantwortet als 1998 und 2012.<br />
<em><br />
</em><br />
<span style="font-size:85%;"><i>Anmerkungen</i></span><br />
<span style="font-size:85%;">(1) Jack Caravelli: Nuclear Insecurity, Westport/London 2008, S. 105.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(2) Jay Solomon/Carlo E. Lee: U.S., Israel Pull Closer on Iran, in: Wall Street Journal (WSJ), 05.03.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(3) David E. Sanger: Iran Trumpets Nuclear Ability at a Second Location, in: New York Times (NYT), 08.01.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(4) Helene Cooper: Sanctions Against Iran Grow Tighter, but What’s the Next Step? in: NYT, 24.01.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(5) Mark Landler: Obama Says Iran Strike Is an Option, but Warns Israel, in: NYT, 02.03.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(6) Ayelet Savyon/Yigal Carmon: Iran Becomes a Nuclear Threshold State, in: MEMRI Inquiry &amp; Analysis Series Report No. 888, 05.10.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(7) Vereinte Nationen: Resolutionen und Beschlüsse des Sicherheitsrats 1. August 2005 – 31. Juli 2006, New York 2006, S. 250-253, <a href="http://www.un.org/depts/german/sr/sr_05-06/s-inf-61.pdf" target="_blank">online</a> (eingesehen am 16.11.2012).</span><br />
<span style="font-size:85%;">(8) So der Vorschlag der fünf Vetomächte des Sicherheitrats sowie Deutschlands, den sie Iran bei Verhandlungen in Genf und Wien unterbreiteten. Siehe: Matthias Küntzel: Obama’s Search for Peace in Our Time. The West goes wobbly on Iran, in: The Weekly Standard, 07.12.2009, S. 26-28 sowie <a href="http://www.matthiaskuentzel.de/contents/obamas-search-for-peace-in-our-time" target="_blank">online</a> in Englisch und Deutsch.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(9) Obama to Iran and Israel: »As President of the United States, I Don’t Bluff«, Interview mit Jeffrey Goldberg, in: The Atlantic, 02.03.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(10) Ebd.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(11) Michal Shmulovich: US didn’t foresee 9/11, officials in Jerusalem say, after White House claims it would know if Iran was about to get the bomb, in: The Times of Israel (ToI), 11.08.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(12) Rick Gladstone/Christine Hauser: Iran’s Top Atomic Official Says Nation Issued False Nuclear Data to Fool Spies, in: NYT, 20.09.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(13) PM Netanyahu addresses UN General Assembly, <a href="http://www.mfa.gov.il/MFA/Government/Speeches+by+Israeli+leaders/2012/PM-Netanyahu-addresses-UN-27-Sep-2012.htm" target="_blank">online</a> (eingesehen am 08.11.2012).</span><br />
<span style="font-size:85%;">(14) Ebd.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(15) David E. Sanger: On Iran, Questions of Detection and Response Divide U.S. and Israel, in: NYT, 06.03.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(16) David Horowitz: The limits of friendship, in: ToI, 23.10.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(17) Helene Cooper: Sanctions Against Iran Grow Tighter, but What’s the Next Step?, in: NYT, 24.01.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(18) »Iran is trying to seek EU consent for modeling its nuclear program on the ›Japanese/German model‹, i.e. attaining nuclear fuel cycle capabilities up to three month short of a bomb«, siehe MEMRI Inquiry &amp; Analysis Series Report No. 209, 23.02.2005.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(19) Ayelet Savyon/Yigal Carmon: Iran Becomes a Nuclear Threshold State, in: MEMRI Inquiry &amp; Analysis Series Report No. 888, 05.10.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(20) Mitch Ginsburg: Israeli expert: Iran already a nuclear power, but can’t deliver a bomb, in: ToI, 10.09.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(21) Iran Ahead of Upcoming Nuclear Talks: Majlis Member: We Can Manufacture Bomb, But We Won’t, MEMRI, Special Dispatch No. 4638, 09.04.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(22) George Jahn: 6 powers, Iran, remain split on nuclear issues, Associated Press, 08.06.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(23) Ari Shavit: Moshe Ya’alon tells Ari Shavit he is preparing for war, in: Haaretz, 14.06.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(24) Olli Heinonen/Simon Henderson: What We Know About Iran’s Nukes, in: WSJ, 06.09.2012.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(25) Ich greife hier einen Gedanken von Robert Satloff auf: Robert Satloff on next steps in the Iran crisis, in: Atlantic Monthly, 10.09.2012. Zur Quelle des UN- Dokuments siehe Fußnote 7.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(26) Henry A. Kissinger: Iran must be President Obama’s immediate priority, in: Washington Post, 17.11.2012.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;"><i>Zum Foto:</i> Mahmud Ahmadinedjad inspiziert die Atomanreicherungsanlage in Natanz, 8. April 2008.</span></p>
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		<title>Hingehen, wo es weh tut</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Dec 2012 21:08:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich-Böll-Stiftung]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Yfaat Weiss]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit der Auszeichnung der israelischen Historikerin Yfaat Weiss hat die Stadt Bremen vor allem sich selbst auf die Schulter geklopft. Gleichwohl – oder gerade deshalb – hat sich Torsten Schulz die Ehrung dieser neuesten Kronzeugin der Anklage gegen Israel und die Hintergründe für die Preisverleihung einmal genauer angesehen. VON TORSTEN SCHULZ Alle Jahre wieder lobt [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2545&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2546" title="Yfaat Weiss während ihrer Dankesrede im Bremer Rathaus. Bremen, 7. Dezember 2012. © Torsten Schulz." alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/12/yfaatweiss.jpg?w=610"   /></p>
<p><strong>Mit der Auszeichnung der israelischen Historikerin Yfaat Weiss hat die Stadt Bremen vor allem sich selbst auf die Schulter geklopft. Gleichwohl – oder gerade deshalb – hat sich Torsten Schulz die Ehrung dieser neuesten Kronzeugin der Anklage gegen Israel und die Hintergründe für die Preisverleihung einmal genauer angesehen.</strong><br />
<strong> <em><br />
</em></strong><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON TORSTEN SCHULZ</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
Alle Jahre wieder lobt die Stadt Bremen einen Preis für »politisches Denken« aus, und die grüne Heinrich-Böll-Stiftung steuert dazu das intellektuelle Rahmenprogramm bei. Der Preis trägt den Namen Hannah Arendts und soll nach Darstellung der Stifter Personen auszeichnen, »die mit ihren Interventionen das ›Wagnis Öffentlichkeit‹ angenommen haben«. Nun könnte man argwöhnen: Wo <i>Interventionen</i> von ohnehin mehr oder weniger öffentlichen Personen zum <i>Wagnis</i> verklärt werden, damit eine Jury ihnen eine finanzielle Zuwendung zuerkennen kann, lauert die fixe Idee, bestimmte Dinge könne man ja nicht offen sagen, schon hinter der nächsten Ecke. Und tatsächlich scheint die jährliche Hannah-Arendt-Preisverleihung mitunter kein ganz unzuverlässiger Gradmesser zu sein, wo in dieser Hinsicht gerade die Kampflinie verläuft. So ging der Preis im Jahr 2007 auf dem vorläufigen Höhepunkt des Hypes um »die Israel-Lobby« <a href="http://grigorip.blogspot.de/2007/11/tony-judt-wollte-schon-immer-hannah.html" target="_blank">an Tony Judt</a>, der parallel gleich noch den Remarque-Preis der Stadt Osnabrück abräumen konnte. In diesem Jahr geht er an Yfaat Weiss, was die Böll-Stiftung bereits im Juli vermeldete und damit <a href="http://www.boell.de/stiftung/ehrungen/ehrungen-hannah-ahrendt-preis-yfaat-weiss-15128.html" target="_blank">begründete</a>, es sei besonders hervorzuheben, »wie sehr durch die Art und Weise, in der Frau Weiss die Geschichte ihres Landes erzählt, die historische Forschung und die öffentliche Meinungsbildung ermutigt werden, sich auf die Besonderheiten in der israelischen Geschichte und Gesellschaft einzulassen«.</p>
<p>Die einzige Publikation der Jerusalemer Professorin, die in diesem Zusammenhang konkret erwähnt wird, ist das 2011 erschienene Buch <i>A Confiscated Memory</i>, dessen Titel in der deutschen Ausgabe als <i>Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung</i> in den Untertitel rutschte, um einem hierzulande anscheinend viel eingängigeren <i>Verdrängte Nachbarn</i> Platz zu machen. Die Unverfrorenheit, mit der die deutsche Meinungsbildung sich ihrerseits ans Enteignen der israelischen Geschichte gemacht hat, nachdem sie sich durch die Erzählung der neuesten »neuen Historikerin« augenscheinlich dazu ermutigt fühlte, trägt schon groteske Züge. So <a href="http://www.senatspressestelle.bremen.de/detail.php?gsid=bremen146.c.58598.de" target="_blank">behauptete</a> die Pressestelle des Bremer Senats im Vorfeld der Preisverleihung, die Autorin schildere in ihrem Werk »die Vertreibung arabischer Einwohner während des Krieges 1948«. Der <a href="http://www.weser-kurier.de/bremen/kultur2_artikel,-Yfaat-Weiss-bekommt-Hannah-Arendt-Preis-_arid,451503.html" target="_blank"><i>Weser-Kurier</i></a> übernahm diese Formulierung gleichlautend, die Online-Ausgaben von <a href="http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/boulevard_nt/article111890687/Yfaat-Weiss-mit-Hannah-Arendt-Preis-ausgezeichnet.html" target="_blank"><i>Welt</i></a>, <a href="http://www.zeit.de/news/2012-12/07/literatur-yfaat-weiss-mit-hannah-arendt-preis-ausgezeichnet-07185404" target="_blank"><i>Zeit</i></a>, <i><a href="http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1393324" target="_blank">Süddeutscher Zeitung</a></i> und noch mindestens drei Dutzend regionaler und überregionaler Zeitungen ebenso. Und der <i><a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturfragen/1943886/" target="_blank">Deutschlandfunk</a> </i>wusste sie in seiner Berichterstattung sinngemäß zur »Geschichte der Vertreibung arabischer Einwohner aus Haifa« zu konkretisieren beziehungsweise gleich ganz bildhaft zur »Vertreibung arabischer Einwohner aus ihren Häusern«.</p>
<p>Wie aus einem Mund werden da die gleichen Unwahrheiten verkündet, angefangen schon mit der durchsichtigen Behauptung, Yfaat Weiss habe mit »Studien zu Vertreibung und Erinnerung« – man glaubt es kaum – »Aufmerksamkeit erregt«. In Wirklichkeit kann nicht einmal der Klappentext rezipiert worden sein, den die <i>Hamburger Edition </i>der erst in diesem Jahr erschienen deutschen Übersetzung von <i>A Confiscated Memory</i> verpasst hat: Dort steht immerhin zu lesen, dass die arabischen Bewohner Wadi Salibs »flüchteten oder vertrieben wurden«, wobei auch das nur die halbe Wahrheit darstellt. Beim Festakt im Bremer Rathaus verstand es Willfried Maier als Vertreter der Jury, diesen auch hierzulande nicht unbekannten Topos von »Vertreibung und Flucht« in Kombination mit einer arabischen Bevölkerung – pardon: ihres »größten Teils« – gleich doppelt zu variieren: mal zu »Flucht und Vertreibung«, dann wiederum auch in der Form von »Vertreibung bzw. Flucht«. Aber auch Maier scheint nicht einmal bis zur ersten Seite der Einleitung vorgedrungen zu sein, wo Weiss zunächst korrekt wiedergibt, was sich im April 1948 tatsächlich abgespielt hat:</p>
<blockquote><p>»Während der Kämpfe und im Gefolge der Niederlage flüchteten die muslimischen Bewohner Wadi Salibs sowie die überwiegende Mehrheit der arabischen Bevölkerung Haifas. Von den circa 65.000 arabischen Bewohnern, die etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachten, waren im Sommer 1948 nur noch an die 3.500 zurückgeblieben.«</p></blockquote>
<p>Was die Historikerin im Folgenden eher herunterzuspielen sucht, ist der Hintergrund dieses unnötigen Exodus. Dieser besteht im bewussten Kalkül der lokalen arabischen Führer, ungeachtet der mehr als kulanten Kapitulationsbedingungen eine Einigung mit den Juden kategorisch auszuschlagen. Die Bemühungen der Hagana, die arabische Bevölkerung mit Flugblättern und der Zusicherung einer Gleichbehandlung individuell zum Bleiben zu bewegen, waren danach weitestgehend erfolglos.</p>
<p>Eine »Vertreibung arabischer Einwohner während des Krieges 1948« aus Haifa gibt es jedenfalls nur in den Köpfen einer Einheitsfront staatlicher und privater Meinungsbildner, die durch die Bank annehmen werden, Yfaat Weiss’ Buch liefere ihnen dafür den Beleg. Tatsächlich ließe sich auf der Grundlage der versammelten Fakten mit wesentlich größerer Berechtigung behaupten, <i>Verdrängte Nachbarn</i> handele von den mörderischen Pogromen (bei Weiss: »gewalttätige Zwischenfälle«), die die jüdische Bevölkerung Marokkos aus der <i>Mellah</i> trieben – der nordafrikanischen Spielart des Ghettos –, die hier freundlich als die »jüdischen Viertel in den großen Städten« vorgestellt wird, in der Bremer Dankesrede der Autorin dagegen penetrant als beliebige »Armenviertel« und damit noch in eins gesetzt wird mit den Teilen Haifas, in denen marokkanische Juden schließlich Zuflucht fanden. Aber so ist das Buch nicht gedacht, so funktioniert es nicht, das versteht offensichtlich auch, wer es nicht gelesen hat, von selbst, und in dieser Form hätten die Freunde der Besonderheiten in der israelischen Geschichte und Gesellschaft auch gar keine Verwendung dafür.</p>
<p>Was sich die Stifter noch immer erhoffen, wo der Ehrung einer Israelin eine »hochpolitische Dimension« zugeschrieben wird, hat für die Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks in seiner <a href="http://www.boell.de/stiftung/ehrungen/ehrungen-grusswort-hannah-arendt-preis-yfaat-weiss-16224.html" target="_blank">Laudatio</a> unfreiwillig auf den Punkt gebracht. Neben salbungsvollen Worten für eine Zweistaatenlösung und Angela Merkels Phrase von der Sicherheit Israels als »Teil der deutschen Staatsräson« legte er offen dar, was die Bremer Fans so für die Professorin begeistert: Da ist dieser »Mut, sich auf vermintes Terrain zu begeben«, dorthin zu gehen, »wo es weh tut«, wie man im Fußball sagen würde, »ans Eingemachte« eben, und damit an »wunden Punkten« zu rühren, »die bis heute nicht verheilt sind«. Nicht bei ihnen, versteht sich, sondern bei den anderen. Und auch nicht einfach bei irgendwelchen anderen, sondern bei den anderen schlechthin, denen, die man sich schon immer als <i>die Anderen </i>vorstellt. Deren Ausschluss findet seinen sinnfälligen Ausdruck darin, dass die Preisverleihung ungeachtet wiederholter Beschwerden seitens der Jüdischen Gemeinde auch in diesem Jahr wieder auf einen Freitagabend, das zugehörige Symposium auf einen Samstagmorgen gelegt wurde.</p>
<p>»In ihrem Beharren darauf, dass die historische Wahrheit nicht der politischen Opportunität geopfert werden darf«, geht Weiss laut Fücks »auch das Risiko des Beifalls von der falschen Seite ein«. In Bremen drohte nichts dergleichen. Hier bekam sie den Beifall eindeutig von der richtigen Seite. Wenn dann neben der »Integrität als Historikerin« ausgerechnet die »Genauigkeit ihrer Sprache« über den grünen Klee gelobt wird, möchte man das am liebsten für einen bösen Witz halten. Tatsächlich steht wohl zu befürchten, dass die Heinrich-Böll-Stiftung sprachliche Formulierungen genau dann als besonders treffend goutiert, wenn sie ihren Gegenstand bestmöglich verwischen.</p>
<p>Ein paar Anmerkungen zu <i>Verdrängte Nachbarn</i> seien noch gestattet. In einer Fußnote erklärt die Autorin im Zusammenhang mit den von der Hagana gestellten Kapitulationsbedingungen für Haifa (die sie mit einem »Wehe den Besiegten« kommentiert) unter anderem, es sei die »Festnahme aller Nationalsozialisten aus Europa« gefordert worden, »die sich in die Reihen der arabischen Kampftruppen eingeschlichen hatten«. Wie die Historikerin es sich vorstellt, dass sich europäische Nazis im Frühjahr 1948 in arabische Kampfverbände <i>eingeschlichen</i> hätten, würde man schon gern erfahren – vor allem, warum auch nur ein einziger Nationalsozialist diesen Unsinn hätte versuchen sollen, wo er sich doch ganz offen anwerben und in Sold nehmen lassen konnte. (Etwas besser erklärlich würde dieser erstaunliche Vorgang möglicherweise vor dem Hintergrund, dass sich zuvor schon bosnische und albanische Muslime in Divisionsstärke in die Waffen-SS <i>eingeschlichen </i>hatten, unter tatkräftiger Anleitung des Großmuftis von Jerusalem, der sich in Berlin eine Apanage der Nazi-Regierung <i>erschlichen </i>hatte.)</p>
<p>Den gewaltsamen Bevölkerungstransfer im Zuge der Teilung Indiens, die zeitlich mit dem Teilungsbeschluss für Palästina nahezu zusammenfiel, bezeichnet Yfaat Weiss ganz wertfrei als eine »Migration«. Dabei forderte dieser Beschluss etwa so viele Todesopfer, wie der israelische Unabhängigkeitskrieg arabische Flüchtlinge produzierte. Die Shoa schließlich erscheint in Gestalt von »verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die jüdische Demografie«, und ob Weiss diese Formulierung nun so gelungen findet, dass sie davon nicht lassen kann, oder ob sie meint, sie ihrem deutschen Publikum einfach schuldig zu sein, sei einmal dahingestellt – auch in ihrer Bremer Dankesrede durfte sie jedenfalls nicht fehlen.</p>
<p>Indem die Stadt Bremen ausgerechnet einem von solchen, freundlich formuliert: Auslassungen durchzogenen Machwerk das Gütesiegel nüchterner und genauer Historiografie verleiht und sich damit ihr ohnehin vorgefasstes Bild vom jüdischen Staat bestätigt, zeigt sie, wie wenig sie von den unappetitlichsten Antizionisten ihrer Bürgerschaft trennt. Während die Bremer Linkspartei und das <i>Friedensforum </i>den gegen Israel gerichteten Geschichtsrevisionismus in ihrer plumpen Art bis heute in Form einer Broschüre mit dem Titel <a href="http://www.bremerfriedensforum.de/pdf/strohmeyer_nahost.pdf" target="_blank"><i>Brennpunkt Nahost</i></a> unters Volk zu bringen suchen, die von der israelischen »Holocaustreligion« und ihrem »hohen Priester Elie Wiesel« raunt, ist der rot-grüne Senat im Verein mit der Heinrich-Böll-Stiftung ihnen in Formfragen den Schritt voraus, mit Yfaat Weiss nur in aller Unschuld zu <i>hinterfragen</i>, »inwieweit die offizielle Geschichtspolitik, den Holocaust zur einzigen Gründungserzählung in Israel zu erheben, zu einem Problem im Zusammenleben der dortigen Gruppen geworden ist«.</p>
<p>Wollte man dem angeblichen Problem ernsthaft auf den Grund gehen, dann ließe sich mit Leichtigkeit feststellen, dass sich aus den offiziellsten Darstellungen, die zu diesem Thema zu erhalten sind – den Verlautbarungen des israelischen Staates und seiner Organe –, nichts dergleichen ableiten lässt. Die Gründungsgeschichte des Landes wird darin ganz anders erzählt, als man es in Bremen zu wissen glaubt. Ein Israeli wüsste diese Zuschreibungen dementsprechend auch schwerlich zu wechseln, für den deutschen Adressaten dagegen scheint sich bezeichnenderweise jede weitere Erläuterung zu erübrigen. Die Senatspressestelle ist sich offenkundig sicher, da schon richtig verstanden zu werden.</p>
<p>Wie die offizielle Geschichtspolitik Bremens und der Antizionismus der Straße in schönster Eintracht zueinander finden, war im März dieses Jahres zu beobachten, als das Landesinstitut für Schule Bremen im Rahmen der <a href="http://www.lis.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen56.c.34311.de" target="_blank">Lehrerfortbildungsveranstaltung</a> mit dem Titel »Palästina – (k)ein Thema für den Unterricht?!« mit Arn Strohmeyer ausgerechnet einen der <a href="http://abgwb.wordpress.com//?s=strohmeyer" target="_blank">umtriebigsten Israelfeinde</a> im Lande verpflichtete, dem pädagogischen Personal seine Ressentiments als Unterrichtsstoff zu vermitteln. Was den Herausgeber der erwähnten Broschüre dazu qualifiziert, Lehrern etwas über die israelische Geschichte beizubringen, ist auf der Seite des Landesinstituts <a href="http://www.lis.bremen.de/detail.php?id=33861" target="_blank">erschöpfend</a> beschrieben. Dessen ungeachtet gab die Landesschulverwaltung ihm einen halben Tag lang Gelegenheit, langatmig jüdische Ansprüche auf das Land Israel zu dekonstruieren, den Unabhängigkeitskrieg als »Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung« zu dämonisieren, bei dem für die jüdischen Kämpfer »Rücksicht auf menschliches Leben keine Rolle« gespielt habe, und jegliche Aggression arabischer Staaten gegen Israel wie auch die Vertreibung hunderttausender ihrer jüdischen Bewohner zu leugnen, wobei er sich und seine Obsessionen hinter den jeweils passenden »neuen israelischen Historikern« zu verstecken suchte. Vorausgegangen war ein von der israelischen Botschaft organisierter Seminartag im Landesinstitut, der den Titel »Israel anders kennen lernen« trug. Da die dort vermittelten Inhalte als viel zu pro-israelisch empfunden wurden, setzte das Land die erwähnte »Folgeveranstaltung« an.</p>
<p>Mit der Verleihung eines nach Hannah Arendt benannten Preises hat sich Bremen jetzt für ein Handgeld von 7.500 Euro zusätzlich die Expertise eingekauft, der israelischen Partnerstadt Haifa den Status einer <i>failed city</i> zu attestieren, die bis heute an der unterstellten Vertreibung ihrer angestammten arabischen Bewohner kranke. Dabei lassen es sich die großzügigen Stifter aus Deutschland nicht nehmen, generös auch auf das »zivilgesellschaftliche Potenzial« in Israel hinzuweisen. Wer sich da zugute hält, dieses zu mobilisieren, und gegen wen, dürfte kein Geheimnis darstellen.</p>
<p>Dass die ganze Veranstaltung mit dem real existierenden jüdischen Staat und seiner Gesellschaft, seiner Entstehungsgeschichte, seinen Existenzbedingungen herzlich wenig zu tun hat, belegt das schlecht verhohlene Desinteresse am Verhältnis der Weiss’schen Erzählungen zur Wirklichkeit hinreichend. Was man sich in Deutschland und Bremen tatsächlich erhofft, wenn <i>der </i>»jungen Generation israelischer Historikerinnen« das Wort geredet wird, »die genau und vorurteilslos die Geschichte Israels und Palästinas« erforschten, könnte kaum jemand besser in Worte fassen als besagter Arn Strohmeyer, der Organisator der <a href="http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/zurueck/bremennews/artikel/boykottaktion-in-der-wachmannstrasse/" target="_blank">Bremer Boykottaktionen</a> gegen israelische Waren. Sein folgendes »persönliches Wort« in dem ihm eigenen Jargon publizierte das Land Bremen im Jahr 2012 – in einem offiziellen Fortbildungsreader des Landesinstituts für Schule:</p>
<blockquote><p>»Was Sie hier zu hören bekommen, ist für deutsche Ohren harter Tobak. Ich brauche hier – nach unserer Geschichte mit dem Nationalsozialismus – nicht darauf hinzuweisen, wie sensibel unser Verhältnis zu Juden und zu Israel ist. Israelische Historiker, und nur um die geht es hier, brauchen diese Rücksichten nicht zu nehmen, vielleicht andere, aber das ist dann nicht unser Problem.«</p></blockquote>
<p>Das ist insgesamt zwar wenig logisch, aber sehr einleuchtend. Und auch das offizielle Bremen hat in diesem Jahr einmal mehr demonstriert, was »politisches Denken« vom Denken an und für sich unterscheidet.</p>
<p><span style="font-size:85%;"><i>Zum Foto:</i> Yfaat Weiss während ihrer Dankesrede im Bremer Rathaus. Bremen, 7. Dezember 2012. © Torsten Schulz.</span></p>
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		<title>Lost in Translation</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Dec 2012 21:50:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie macht man hierzulande aus einem Terroristen einen Friedensbringer und aus einem Hetzer einen Pragmatiker? Ganz einfach: mit einer gehörigen Portion Doublethink und einer Prise Newspeak. Dabei gilt: Je weißer die Hamas und die Fatah gewaschen werden, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen. VON STEFAN FRANK »Simultan zwei gegensätzliche Vorstellungen im Bewusstsein zu haben [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2528&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2529" title="Wie macht man hierzulande aus Terroristen Friedensbringer und aus Hetzern Pragmatiker? Ganz einfach: mit einer gehörigen Portion Doublethink und einer Prise Newspeak. Lost in Translation: die Herren Haniyya, Maschal und Abbas (von links)." alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/12/oldpalmen.jpg?w=610"   /></p>
<p><strong>Wie macht man hierzulande aus einem Terroristen einen Friedensbringer und aus einem Hetzer einen Pragmatiker? Ganz einfach: mit einer gehörigen Portion <i>Doublethink</i> und einer Prise <i>Newspeak</i>. Dabei gilt: Je weißer die Hamas und die Fatah gewaschen werden, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen.</strong><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON STEFAN FRANK</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
»Simultan zwei gegensätzliche Vorstellungen im Bewusstsein zu haben und beide zu akzeptieren [...]. Bewusst Lügen zu erzählen und wirklich an sie zu glauben, jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, sie dann aber, wenn es wieder notwendig ist, aus dem Vergessen heraufzuholen, für genau so lange, wie es nötig ist, um die Existenz der objektiven Wirklichkeit zu leugnen; gleichwohl aber die ganze Zeit eben jene Realität mit einzukalkulieren, die man leugnet“ – das ist das <i>Doublethink</i> in Oceania, dem totalitären Staat in George Orwells Roman <i>Nineteen Eighty-Four</i>. Um »Gedankenverbrechen« vorzubeugen, gibt es in Oceania ferner das <i>Newspeak</i> – eine auf das für die Propaganda notwendige Vokabular reduzierte Sprache. Irgendein Leser des Romans hat einmal die beiden Wörter zum Begriff <i>Doublespeak</i> synthetisiert. Die Vokabel bürgerte sich ein, und seit 1974 verleiht der amerikanische <i>National Council of Teachers of English </i>jedes Jahr den <a href="http://voices.washingtonpost.com/answer-sheet/accountability/ncte-award-glenn-beck-the-doub.html" target="_blank">»Doublespeak Award«</a> an »öffentliche Redner, die sich eine Sprache angewöhnt haben, die irreführend, ausweichend, euphemistisch, verwirrend und egozentrisch ist«.</p>
<p>Gleich der zweite Träger des Preises war 1975 der PLO-Führer Jassir Arafat. Er erhielt ihn für die Aussage: »Wir wollen kein Volk zerstören. Eben weil wir Koexistenz befürworten, haben wir so viel Blut vergossen.« Als er 1991 nach dem Ende der Sowjetunion westliche Staaten anpumpen musste, um weiterhin an Geld und Waffen zu gelangen, gab Arafat dem <i>Doublespeak</i> eine neue Bedeutung. Von nun an hatte er zwei ganz verschiedene Meinungen, die er so säuberlich trennte wie der Deutsche seinen Müll. In englischsprachigen Interviews sprach er von »Koexistenz«, seine wahre Überzeugung – nämlich das Bestreben, Israel zu zerstören, »ganz Palästina« zu erobern und die Juden zu vertreiben – teilte er nur auf Arabisch mit. Das Risiko, dass einmal eine große westliche Rundfunkstation seine Hassreden übersetzen würde, hielt er realistischerweise für gering. Die westlichen Journalisten waren ja zum größten Teil seine Komplizen und Freunde; sie bewunderten den Terroristen, der Passagierflugzeuge entführen oder sprengen, Cafés, Busse und Pizzerien bombardieren und Leichtathleten ermorden ließ, den großen Führer, der den uneingeschränkten Krieg gegen Zivilisten zu seiner Politik gemacht hatte. Wenn es möglich war, sogar Arafat, der wie kein Zweiter für die Allgegenwart des politischen Terrorismus in der Welt verantwortlich gewesen ist, zu einem Friedensbringer umzudeuten, warum sollte es dann nicht immer gelingen?</p>
<p>Man braucht nur eine gehörige Portion <i>Doublethink</i> und eine Prise <i>Newspeak. </i>Ein gutes Beispiel für das Funktionieren dieser Taktik ist Arafats Nachfolger als Chef der Fatah und PLO und einer ihrer Mitgründer, Mahmud Abbas, Kampfname: Abu Mazen <i>(Foto oben, rechts)</i>. Als Fatah-Chef trägt er die Verantwortung für die Taten der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Al-Aqsa_Martyrs%27_Brigades" target="_blank">Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden</a>, des bewaffneten Arms der Fatah also, der immer wieder Terroranschläge verübt, wie zuletzt am 21. November <a href="http://derstandard.at/1353206822275/Explosion-in-Bus-in-Tel-Aviv" target="_blank">in Tel Aviv</a>. Ob Abu Mazen den Anschlag selbst verübt hat, den Befehl gab oder den versuchten Massenmord bloß stillschweigend billigte, ist unwichtig. In jedem Fall klebt a) Blut an seinen Händen und ist b) klar, dass er sich weiterhin terroristisch betätigt. Dank <i>Doublethink</i> gelten er und die Fatah deutschen Journalisten und Politikern trotzdem als »moderat« oder gar als »gewaltfrei«.</p>
<p>Dadurch, dass nicht alle seine Gefährten die Kunst des <i>Doublethink und Doublespeak</i> verstehen, kommt es manchmal zu Missverständnissen, etwa, als Abu Mazen einem israelischen Fernsehsender kürzlich sagte, dass er nicht auf einem »Rückkehrrecht« für alle fünf Millionen Nachfahren der Kriegsflüchtlinge von 1948 bestehe. Diese Äußerung entfachte helle Aufregung unter seinen Kameraden, sodass sein Sprecher Abu Rudaineh <a href="http://www.jpost.com/MiddleEast/Article.aspx?id=290327" target="_blank">erklären musste</a>, sie sei lediglich dazu gedacht gewesen, die Stimmung in der israelischen Bevölkerung zu beeinflussen – das normale <i>Doublespeak</i> der PLO also, wie man es kennt. Die Hamas aber richtet sich vor allem an das eigene Volk. Wann immer einer der Ihren den Mund aufmacht, kommt heraus, dass er Sprengstoff mischen und Palästina <i>judenrein </i>machen will, niemals aber verhandeln wird. Darum betätigen sich deutsche Journalisten als kleine Arafats. Statt wie früher den Terrorkönig zu bitten, ihnen seine Friedensmärchen vorzutragen, müssen Journalisten sie jetzt selbst erzählen. Das klang dann beispielsweise in der <i>heute</i>-Sendung vom 8. Dezember, am 25. Jahrestag der Hamas-Gründung, so:<b><br />
</b></p>
<blockquote><p>»Zum Geburtstag hat die Hamas sich ein Traumschloss gebaut, ein Stück Jerusalemer Altstadt mit einer Raketenattrappe davor, Kulisse für eine Jubelfeier mit Überraschung, dem Politstar, der aus der Rakete kommt, Khaled Maschal, nach 37 Jahren Exil zum ersten Mal im Gazastreifen, seine Rhetorik eine Gratwanderung, kämpferisch und pragmatisch zugleich. Palästina befreien, Israel bekämpfen, dabei verhandlungsbereit sein. ›Der bewaffnete Widerstand ist der richtige Weg, Palästina zu befreien, ebenso wie der Versuch, dies politisch, diplomatisch und auf rechtlichem Wege zu erkämpfen.‹ Sie feiern Maschal wie einen Helden, er hat die Waffenruhe mit Israel verhandelt, das sehen sie hier als einen politischen und diplomatischen Sieg, ungeachtet aller Toten. Maschals Ankunft in Gaza ein Triumphzug von Anfang an, sein erster Kuss gilt palästinensischem Boden, dann Bruderküsse, auch Vertreter der eigentlich verfeindeten Fatah sind da, ihn zu empfangen. Kassam-Brigaden, der bewaffnete Arm der Hamas, stehen Spalier bei seiner Einfahrt in die Stadt [...] Maschal als starker Mann der Hamas, der die Bruderkämpfe zur [sic!] Fatah von Präsident Abbas beendet und ihn politisch vielleicht beerben kann. Einer, der vom Hetzer zum Pragmatiker wurde, Gewalt nicht mehr für die Lösung hält. Seine dritte Wiedergeburt sei dieser Besuch in Gaza, sagt Maschal und spielt an auf einen Mordversuch des israelischen Mossad 1997, den er knapp überlebte. Nun hoffen sie hier, dass auch andere zurückkehren können. [...] Maschal, ein Hoffnungsträger, viel hängt nun davon ab, ob der Chef der radikalen Hamas sich gegen die noch Radikaleren durchsetzen kann.« <i>(Die Kamera zeigt zum Schluss den fahnenschwingenden Maschal.)</i></p></blockquote>
<p>Das ZDF, die Werbeagentur der Hamas. Disney in Gaza, die Terroristen als Geburtstagsbastelgruppe, der Chefterrorist, vom Saulus zum Paulus gewandelt, ein »Politstar«, eine Art bärtige Marilyn Monroe aus der Raketentorte. Und überall Jubel, Hoffnung und »Verhandlungsbereitschaft«. Dabei hat Maschal <i>(Foto oben, Mitte)</i> <a href="http://www.memri.org/clip/en/0/0/0/0/0/0/3671.htm" target="_blank">in Wirklichkeit</a> nur ein einziges Mal von Verhandlungen gesprochen – als er sagte, dass diese abzulehnen seien. Maschal wörtlich: »Ein echter Staat ist die Frucht der Befreiung, nicht von Verhandlungen.« Ohne Terrorismus sei auch der propagandistische und diplomatische Krieg gegen Israel, wie er etwa vor der Uno geführt wird, nutzlos:</p>
<blockquote><p>»Der Djihad und der bewaffnete Widerstand sind der angemessene und wahre Weg zur Befreiung und der Wiederherstellung unserer Rechte, zusammen mit den anderen Formen des Kampfes – durch Politik, Diplomatie, die Massen und rechtliche Kanäle. Alle diese Formen des Kampfes sind jedoch wertlos ohne Widerstand. [...] Politik wird im Schoß des Widerstandes geboren. Der wahre Staatsmann ist aus dem Schoß des Gewehres und der Rakete geboren. Unsere Reise muss an ihr Ziel gelangen. Allah ist mit euch. Möge Allah euch segnen! O palästinensische Staatsmänner, o arabische und muslimische Staatsmänner, lernt eure Lektion von Gaza! Jeder, der den Pfad der Diplomatie nehmen will, muss eine Rakete mitführen. [...] Wie wundervoll war euer Beschuss Tel Avivs. Mögen eure Hände gesegnet sein! Wir sind stolz auf das, was ihr getan habt. Djihad und Widerstand sind der Weg. Das ist keine bloße Rhetorik. Die Ereignisse haben gezeigt, dass Djihad und Widerstand die überlegenste und verlässlichste Option sind.«</p></blockquote>
<p>»Jeder, der den Pfad der Diplomatie nehmen will, muss eine Rakete mitführen« – ist das der Satz, den der ZDF-Korrespondent als »Verhandlungsbereitschaft« gedeutet hat? Maschal sagt klipp und klar: Er will das ganze »Palästina«, inklusive Tel Aviv, der Weg dahin ist der Djihad. Die Juden haben kein Lebensrecht, er will das Land unter keinen Umständen mit ihnen teilen. Wo das ZDF Nebel verbreitet, ist die Hamas <a href="http://www.memri.org/clip/en/0/0/0/0/0/0/3671.htm" target="_blank">offen und ehrlich</a>:</p>
<blockquote><p>Maschal: »Die Einheit des palästinensischen Landes bezieht sich auf Gaza, die Westbank und das Land innerhalb der Grenzen von 1948. Das ist das Land Palästina, es ist alles Palästina, jeder Teil davon ist Palästina. Kein Teil davon wird von den anderen getrennt werden. Jeder, der glaubt, Gaza könne von der Westbank entfernt werden, täuscht sich. Gaza, die Westbank und das Land innerhalb der Grenzen von 1948 sind alle geliebte Teile des großen palästinensischen Heimatlandes. Ist das nicht so, Abu Al-Abd (Haniyya)?« Vorbeter im Lautsprecher: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Vorbeter: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Maschal: »Die Westbank ist untrennbar von Gaza, Gaza ist untrennbar von der Westbank, und sie sind beide untrennbar von Haifa, Jaffa, Beersheba &#8230; und Safed.« [...] Vorbeter über Lautsprecher: »O Maschal, unser geliebter!« Menge: »O Maschal, unser geliebter!« Vorbeter: »Deine Armee hat Tel Aviv bombardiert!« Menge: »Deine Armee hat Tel Aviv bombardiert!« Vorbeter: »Deine Armee hat Tel Aviv angegriffen!« Menge: »Deine Armee hat Tel Aviv angegriffen!« Vorbeter: »O Kassam, tu es wieder!« Menge: »O Kassam, tu es wieder!« Vorbeter: »Aber diesmal greif Haifa an!« Menge: »Aber diesmal greif Haifa an!« Vorbeter: »Aber diesmal greif Jaffa an!« Menge: »Aber diesmal greif Jaffa an!« Maschal: »So Allah will.« Vorbeter: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Maschal: »Hört mir gut zu, meine Brüder in den verschiedenen Fraktionen! Die Befreiung geht der Staatsgründung voraus. Ein echter Staat ist die Frucht der Befreiung, nicht von Verhandlungen. Es gibt keine Alternative zu einem freien palästinensischen Staat mit echter Souveränität auf dem ganzen Land Palästina.«</p></blockquote>
<p>Eine Chance auf den <i>Doublespeak</i>-Award hätte auch der Autor der FAZ, der aus dieser Rede <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/arabische-welt/hamas-fuehrer-in-gaza-stadt-die-dritte-geburt-des-khaled-meschal-11985884-l1.html" target="_blank">Folgendes heraushörte</a>: »Maschal ist zumindest bereit, sich mit einem palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu begnügen, wenn Jerusalem die Hauptstadt ist und die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren können.« Ja, natürlich. Und al-Qaida will nicht das Kalifat, sondern nur Maoam.</p>
<p>Warum lügen Journalisten auf eine so tumbe, so leicht zu entdeckende Art? Werden sie von der Hamas bezahlt? Nein, zumindest nicht alle. Der Sinn ergibt sich erst indirekt. Anders als noch vor zehn Jahren lässt sich seit den Parlamentswahlen von 2005 nicht mehr leugnen, dass die Hamas einen großen Teil der Palästinenser repräsentiert, dass es also mindestens 440.000 Palästinenser gibt – denn so viele haben die Hamas gewählt –, die sich von den Anhängern Adolf Hitlers nur in Sprache und Kleidung, nicht aber in der Gesinnung unterscheiden. Das ist schlecht für ein Weltbild, in dem Israel die Rolle des Bösen zufällt. Nur wenn die Hamas nicht mehr als so böse erscheint – oder vielleicht sogar als ganz okay –, kann der Staat, dem die Hamas den heiligen Krieg erklärt und die Vernichtung angesagt hat, effektiv dämonisiert werden. »Schwarz-weiß-Malerei« nennt man das umgangssprachlich: Je weißer die Hamas gewaschen wird, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen.</p>
<p>Auf der einen Seite die »Moderaten«, »Verhandlungsbereiten«, »der pragmatische Teil der Hamas« <a href="http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2012/12/05/der-pragmatische-teil-der-hamas/" target="_blank">(Claudia Roth)</a>, auf der anderen nur »Hardliner«, »Ultranationalisten«, »Ultrarechte« – Wörter, die nur dazu gemacht zu sein scheinen, um auf demokratische israelische Politiker angewandt zu werden. Oder hat man jemals von »deutschen (bzw. französischen, dänischen etc.) Ultranationalisten« oder von »ultrarechten Palästinensern« gehört? »Ultras« gibt es scheinbar nur im Fußballstadion und in Israel. Hardliner und Extremisten kommen in der Berichterstattung über die Hamas bloß als anonyme Gruppe vor – eine Minderheit, wie man annehmen muss –, und dienen dazu, die Hamas-Führer Maschal und Ismail Haniyya <i>(Foto oben, links)</i> in ein besseres Licht zu setzen: »Der Besuch Maschals im Gazastreifen gefällt nicht jedem. Einigen extremistischen Hamasführern vor Ort gilt der Exilchef inzwischen als zu pragmatisch«, so BR-Korrespondent Markus Rosch in der <i>Tagesschau</i> vom 8. Dezember. Oder es sind Hardliner in Gänsefüßchen, wie <a href="http://www.taz.de/!107034/" target="_blank">in der taz</a>: »Ausgerechnet der ›Hardliner‹ der Hamas signalisierte in den vergangenen Jahren einen Kurswechsel und die Bereitschaft, den militanten Widerstand zumindest temporär aufzugeben.« Die absichtliche Falschberichterstattung über die Maschal-Rede zeigt: Das Verschweigen von Fakten und manipulative Wortwahl reichen bei weitem nicht immer aus, um das gewünschte antiisraelische Bild zu transportieren; es muss offen gelogen werden.</p>
<p>Journalisten verbreiten diese Lügen, aber sie denken sie sich nicht immer selbst aus. Sie haben Stichwortgeber, die djihadophilen Akademiker. Etwa Helga Baumgarten, die seit 2004 an der Bir-Zeit-Universität in der Nähe von Ramallah Politikwissenschaft lehrt und den vom deutschen Staat finanzierten <i>Deutschen Akademischen Austauschdienst </i>in Jerusalem leitet. Bir Zeit ist bekannt als Rekrutierungsbüro für Terroristen und die <a href="http://elderofziyon.blogspot.de/2012/12/hamas-march-at-birzeit-u-video.html" target="_blank">Hochburg der Hamas</a> im Westjordanland. Gerade ist dort eine <a href="http://elderofziyon.blogspot.de/2012/12/west-bank-university-celebrates.html" target="_blank">»Kunstausstellung«</a> mit Raketennachbildungen, Märtyrerfotos und anderer Hamas-Propaganda zu sehen. Genau der richtige Ort für Helga Baumgarten, deren Wissenschaft darin besteht, PR für die Hamas zu machen. Eine typische Stelle aus einem ihrer Bücher lautet:</p>
<blockquote><p>»In den westlichen Medien wird oft suggeriert, dass die Hamas für Gewalt und Menschenverachtung stehe, zum Frieden nicht bereit sei und Israel durch einen islamischen Staat ersetzen wolle. Die Hamas ist aber mehr: Sie vertritt auch ein Programm der sozialen, politischen und ökonomischen Reform und der demokratischen Veränderungen. Sie ist nicht der Friedensfeind schlechthin, sondern bereit zu Verhandlungen. Ihr Ziel ist die Beendigung der israelischen Besatzung, nicht die Zerstörung des Staates Israel. Sie ist ein ernst zu nehmender politischer Akteur, der nicht nur, wie schon geschehen, in die palästinensische Politik, sondern auch in die internationale Politik integriert werden kann und sollte.« <i>(Helga Baumgarten: Hamas. Der politische Islam in Palästina, S. 188.)</i></p></blockquote>
<p>Ziel der Hamas sei es, ein Gemeinwesen zu schaffen, »das auf Demokratie und Freiheit beruht«, <a href="http://spiritofentebbe.blogspot.de/2007/06/und-wieder-frau-helga.html" target="_blank">sagte sie einmal</a> in einem <i>Stern</i>-Interview. Als Hamas-Expertin wird sie regelmäßig von öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem <i>Deutschlandradio</i>, der <i>Deutschen Welle </i>und dem WDR interviewt. Wenn einem also Journalisten oder Politiker erzählen wollen, es gebe in der Hamas »moderate Kräfte«, dann weiß man, woher sie das haben: direkt aus der Raketen-Uni. »Pragmatiker« gibt es in der Hamas übrigens tatsächlich: Das sind jene, die die Raketen abfeuern, nach dem pragmatischen Motto: Ein toter Jude ist besser als ein ausgefeilter antisemitischer Essay.</p>
<p><span style="font-size:85%;">Übersetzung der Rede Maschals und Abschrift des Beitrags in der <i>heute</i>-Sendung vom 8. Dezember 2012: Stefan Frank.</span></p>
<p><span style="font-size:85%;">Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog <em>E.J. Bron</em>: <a title="E.J. Bron: Lost in Translation" href="http://ejbron.wordpress.com/2012/12/22/lost-in-translation/" target="_blank">Lost in Translation</a>.</span></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/Kreditinferno-Ewige-Schuldenkrise-monet%C3%A4res-Chaos/dp/3941657593/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1356018614&amp;sr=8-1" target="_blank"><img class="size-full wp-image-2530 alignleft" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/12/frank-inferno_100px.jpg?w=610"   /></a><a href="http://www.stefan-frank-texte.de/" target="_blank">Stefan Frank</a> ist unabhängiger Publizist und hat Anfang Dezember sein neues Buch <i><a href="http://www.amazon.de/Kreditinferno-Ewige-Schuldenkrise-monet%C3%A4res-Chaos/dp/3941657593/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1356018614&amp;sr=8-1" target="_blank">Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos</a></i> veröffentlicht. Seit 2002 schreibt er über politische, ökonomische und historische Themen, unter anderem für <i>Zeit Online</i>, <i>konkret</i>, die <i>Jüdische Allgemeine</i> und das amerikanische Internetmagazin <i>PJ Media</i>.</p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F12%2F20%2Flost-in-translation%2F&amp;linkname=Lost%20in%20Translation" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Lost in Translation" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
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		<title>Einstaatenendlösung</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Dec 2012 14:50:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Israelis wollen in wüster Ödnis ein paar Häuser bauen. Statt dies als zivilisatorische Leistung und nach all den Bomben und Raketen des arabischen Terrors konstruktiv als »Aufbau Nahost« zu würdigen, hyperventiliert die Weltgemeinschaft in vervollkommneter Ein- und Niedertracht. VON ARTHUR BUCKOW Unstaat und Gegenstaat Auch die bitterste Wahrheit hat ihren Zeitkern und wird von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2516&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignnone size-full wp-image-2519" title="Der feuchte Traum der »Israelkritiker«: die Einstaaten(end)lösung" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/12/palscarf.jpg?w=610"   /></strong></p>
<p><strong>Die Israelis wollen in wüster Ödnis ein paar Häuser bauen. Statt dies als zivilisatorische Leistung und nach all den Bomben und Raketen des arabischen Terrors konstruktiv als »Aufbau Nahost« zu würdigen, hyperventiliert die Weltgemeinschaft in vervollkommneter Ein- und Niedertracht.</strong><br />
<strong> <em><br />
</em></strong><br />
<a title="Dem Autor auf Twitter folgen" href="https://twitter.com/ArthurBuckow" target="_blank"><span style="color:#000066;"><strong>VON ARTHUR BUCKOW</strong></span></a><br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Unstaat und Gegenstaat</strong></p>
<p>Auch die bitterste Wahrheit hat ihren Zeitkern und wird von der Totalisierung weltgeschichtlichen Irrsinns angefressen. Léon Poliakovs Verdikt, Israel sei der Jude unter den Staaten, muss darum aktualisiert werden. Die Juden waren unter den Menschen die angefeindeten Anderen, bis sie nicht einmal mehr als Menschen galten und zu Millionen vernichtet wurden. Analog dazu war Israel lange Zeit unter den Staaten der angefeindete Andere, doch nun wird es in großer Einhelligkeit als souveräner jüdischer Staat <i>überhaupt </i>in Frage gestellt. Poliakovs Erkenntnis bleibt wahr und wird doch zunehmend falsch: wahr, weil sich mit Israel individuelle jüdische Geschichte und Tragödie auf Nationalstaatsebene zu wiederholen droht, falsch, weil Israel eben nicht mehr <i>unter</i> den Staaten als solcher wenigstens noch akzeptiert wird, sondern weil er ausgesondert wird – <i>singled out</i>. Die Uno als ideeller Gesamtstaat und in Anlehnung an Franz Neumann als globaler Unstaat (1) verstanden macht Israel zum jüdischen Gegenstaat und kündigt ihm im Falle des ungeminderten Fortgangs der Geschichte sein Ende an.</p>
<p>Mit dem Votum der UN-Vollversammlung, nach der antisemitischen <i><a href="http://www.timesofisrael.com/full-text-of-mahmoud-abbass-speech-to-the-un-general-assembly-november-29-2012/" target="_blank">hate speech</a></i> von Mahmud Abbas dessen Clique und das von ihr elendsverwaltete Bandengebiet als Staat anzuerkennen, wurde Israels nächster Feind in der Uno unter Seinesgleichen willkommen geheißen. Stets hatte Israel die Bereitschaft signalisiert, einen neuen arabischen Staat, der sich dann auch »Palästina« betiteln mag, zu akzeptieren: im Ergebnis von Verhandlungen zuvörderst über definierte und sichere Grenzen. Doch Verhandlungen gab es lange nicht mehr, stattdessen Drohung, Gewalt und Terror gegen den jüdischen Staat. Darauf reagierte Israel mit ostentativer Zurückhaltung, obwohl genau das, so viel dürfte aus der Geschichte erkennbar sein, für Juden höchst verhängnisvoll sein kann. Israel also hat sich im Gazastreifen jüngst auf eine sehr kleine Operation beschränkt; es gibt keine IDF-Truppen im Südlibanon oder auf syrischem Gebiet, selbst Teheran kann weiter ungehindert die Bombe bauen.</p>
<p>Wenn die Uno in eben dieser Situation – Eskalation seitens der Palästinenser und ihrer Komplizen hier, äußerste Zurückhaltung der durch sie Bedrohten dort – Erstere für ihre Aggression mit einem eigenen »Staat« belohnt und Letztere für ihre Zurückhaltung bestraft, wenn also der Verhandlungsprozess unter Ausschaltung des in erster Linie Betroffenen, Israel, schlicht abgekürzt, nein: beendet wird, dann bedeutet das nicht weniger als die Infragestellung des souveränen jüdischen Staates.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Mahnung, Drohung, Ankündigung</strong></p>
<p>Wird im Nachgang zur UN-Farce nun wieder über sämtliche medialen und politischen Kanäle an die Adresse Israels die Mahnung ausgesprochen, es solle eine Zweistaatenlösung doch nicht länger verhindern, so ist dies schon im Ansatz perfide: Israel will genau diese Zweistaatenlösung und hat sowohl objektiv als auch in der Position der konkreten Regierung höchstes Interesse an definierten, sicheren, verteidigungsfähigen Grenzen zu welchem Staatsgebilde auch immer, das dann keine Bedrohung mehr darstellen sollte. Aber es gibt für Israel keinen Verhandlungspartner: Ob palästinensischer Nationalismus oder Islamismus, ob Fatah oder Hamas – das Projekt »Palästina« war und ist auf das Ende Israels ausgelegt. Mit Blick auf die objektiven Interessen dieser Banden stellt sich die Frage, welchen zweckrationalen Grund es auch für sie in all ihrem Wahn geben sollte, sich mit weniger zufrieden zu geben. <i>On the long run </i>läuft es doch sehr gut für sie, denn ihre Doppelstrategie geht auf: Während die Hamas unmittelbaren Terror nach innen und außen praktiziert, reüssiert die Fatah auf diplomatischer Ebene. Beide Rackets eint das Ziel eines <i>judenfreien </i>»Palästina« vom Jordan bis zum Mittelmeer; so steht es in der Charta der Hamas geschrieben, so zeigt es das jüngst erneuerte <a href="http://www.timesofisrael.com/new-fatah-logo-eliminates-israel/" target="_blank">Logo der Fatah</a>. Um dieses gemeinsame Ziel zu erreichen, ist jedes Mittel recht – auch das der internationalen Diplomatie. Um sich als »moderat« behaupten zu können – trotz der auch in der Fatah üblichen Militanz und der Vernichtungsdrohungen gegen Israel –, braucht Abbas seinen Haniyya wie der Good Cop den Bad Cop; diese palästinensischen Brüder sind Brothers in Crime.</p>
<p>Die obligatorischen »Israelkritiker« behaupten zwar stets, die drohende Einstaatenlösung wäre die eines jüdischen Staates, der dauerhaft den Palästinensern als Besatzer gegenüberträte. Die Mahnung aber an Israel, die Zweistaatenlösung nicht zu verunmöglichen, ergibt nur dann einen Sinn, wenn sie unausgesprochen ein gänzlich anderes Szenario als Drohung impliziert: Im Gegensatz zur Zweistaatenlösung kündigen die Anerkennung »Palästinas« vor der Uno, die vehemente internationale Unterstützung für Abbas’ und Haniyyas Banden sowie die ost-westlich verbrüderte Rage gegen Israel an, welche Art von Einstaatenlösung diese Staatengemeinschaft anstreben würde – ein Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer, mithin der Konsens und das einigende grüne Band der antisemitischen Internationale.</p>
<p>Und die Mahnung ist sogar mehr als nur eine Drohung, sie ist die konkrete Ankündigung von Israels Ende: Mit der Anerkennung »Palästinas« durch die Uno wurde deutlich gemacht, dass es im Grunde keiner Verhandlungen mehr bedarf, nicht einmal mehr zum Schein, dass Israel kein Verhandlungspartner mehr ist, für (nahezu) niemanden, dass man Israels »legitime Interessen« – um einmal die übliche Phrase in Anschlag zu bringen – schlicht negiert. Die UN-Anerkennung »Palästinas« und der Verzicht auf einen diplomatischen Prozess unter Einbindung des jüdischen Staates bedeutet de facto, dass Israel die Eigenschaft, ein souveräner Staat zu sein, aberkannt wird. Menschenrechtsrat und Internationaler Strafgerichtshof, diese notorischen Institutionen der Vereinten Nationen, die Abbas nun unmittelbarer noch als zuvor zur Verfügung stehen, werden die sich so ankündigende Geschichte einer Einstaaten<i>end</i>lösung (2) – also eines Nahen Ostens, der so »judenrein« ist wie heute schon der Gazastreifen der Hamas und das Herrschaftsgebiet der Fatah – wohlwollend orchestrieren.</p>
<p>Die Mahnung an Israel ist insbesondere dann nicht nur als Drohung, sondern als konkrete Ankündigung zu verstehen, wenn man ihre autosuggestive Funktion begreift: Mit der unbeirrbaren Dämonisierung des jüdischen Staates wird jede Schuld am tatsächlich drohenden vernichtungsantisemitischen Morden den prospektiven Opfern zugeschoben, die eben nicht von ihrer »Siedlungspolitik« lassen wollen. Israel nun zu noch gefälligerem Verhalten zu mahnen, setzt also keineswegs darauf, ernsthaft noch mehr Zugeständnisse, eine noch größere Abgabe von Land ohne Frieden, eine noch devotere Hinnahme von Propaganda und Terror zu erreichen. Denn man weiß, dass Israel dies um den Preis der Selbstaufgabe nicht leisten wird, ja, gar nicht leisten kann. Benjamin Netanjahu erklärt diese »harte« Haltung Israels in einem <a href="http://www.welt.de/politik/ausland/article111836886/Die-Palaestinenser-wollen-einen-Staat-ohne-Frieden.html" target="_blank">Interview der <i>Welt</i></a>: »Nun wird von uns verlangt, mehr Gebiete aufzugeben, direkt neben Jerusalem und Tel Aviv, ohne irgendwelche Garantien von der anderen Seite, den jüdischen Staat anzuerkennen, den Konflikt zu beenden, notwendige Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, um zu verhindern, dass zum dritten Mal passiert, was im Libanon und Gaza passiert ist, nachdem wir uns von dort zurückgezogen haben.«</p>
<p>Aber eben das wird von Israel als Vorbedingung einer Zweistaatenlösung verlangt: die tatenlose Hinnahme eines Prozesses, an dessen Ende eben nicht ein einigermaßen zivilisiertes Palästina <em>neben</em> Israel existiert, sondern ein militantes und militarisiertes <em>gegen</em> Israel agiert. Eine solche Zweistaatenlösung wäre die Vorbereitung für eine barbarische Einstaatenlösung – im Sinne eines rein arabischen Nahen Ostens. Von Israel nun die Hinnahme eben dieses Prozesses – eine offenkundige Unmöglichkeit – zu verlangen, dient primär der moralischen Beruhigung für jene zumeist westlichen Feingeister, die nicht wie ihre nahöstlichen Partner offen die Vernichtung Israels fordern können. In der Konsequenz bedeutet es zwar das Gleiche, aber die Vorbereitung zum Judenmord bestand in der westlichen Welt immer schon darin, den Juden die Schuld an ihrer Ermordung vorab selbst zuzuschreiben. Das entlastet das eigene Gewissen: beim Wegsehen, Hinsehen oder Mitmachen – je nach Gusto.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Die nichtmilitärische Option</strong></p>
<p>Nach der Entscheidung der Uno, den Unstaat »Palästina« anzuerkennen und Israel als notwendigem Verhandlungspartner und also als souveränem Staat die Anerkennung implizit zu entziehen, greift die Regierung Netanjahus nun zum einzigen ihr verbliebenen Mittel: ebenso einseitig den Preis für ein Handeln ohne und damit gegen Israel hochzutreiben, um sich überhaupt noch als relevanter politischer Akteur sichtbar zu machen. Diesen Zusammenhang deutet Benjamin Netanjahu auch in der <i>Welt </i>an: »Wenn sie weiter unilateral handeln, dann werden wir entsprechend agieren. Wenn sie zurückhaltender agieren, werden wir ebenso antworten.«</p>
<p>Dabei ist die Ankündigung zum fortgesetzten Wohnungsbau zunächst ein eher symbolischer Akt: »Ohnehin haben wir bis jetzt nur die Planungsphase gestartet, und dann werden wir sehen«, so Netanjahu. In diesem Zusammenhang soll das homophone Gerede selbsternannter Freunde und anderer Feinde Israels von den »Siedlungen« die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens a priori feststellen, und doch handelt es sich bei den Planungen schlicht um den Ausbau längst bestehender Vororte von Jerusalem und Tel Aviv, die zwar in territorial ungeklärten Gebieten liegen, in allen relevanten »Friedensplänen« (man muss diesen Begriff ja doch in Anführungszeichen setzen) aber ohnehin dem israelischen Staatsgebiet zugerechnet wurden. So würden also im Falle eines tatsächlichen Neubaus mitnichten neuen Fakten geschaffen, die eine Zweistaatenlösung verhinderten. Das Bauvorhaben zertrennt auch nicht den Norden und den Süden der Westbank – es besteht weiter ein Gebiet bis Jordanien, auf dem eine Fahrbahn mit knapp 3.000 Spuren Platz hätte, und das in jeder Fahrtrichtung. Kevin Zdiara hat darauf hingewiesen, dass Israel an seiner engsten Stelle noch weit weniger Platz hat. (3)</p>
<p>Ob nun aber diese Ankündigung Netanjahus wirklich eine solche bleibt, liegt allein bei den Palästinensern. Ein ausdrücklich gegen Israels Willen und Interessen installiertes Palästina, nicht entmilitarisiert, nicht in verhandelten und sicheren Grenzen, wäre eine existenzielle Bedrohung und könnte vom jüdischen Staat nicht hingenommen werden. Die nichtmilitärische Option, diesen Unstaat zu verhindern, wäre tatsächlich – auch wenn dies nicht explizit gemacht wird –, ihn durch zunehmende Fragmentierung zu verunmöglichen. Wer als Israeli nicht mehr an einen Verhandlungspartner auf Seiten der Palästinenser glaubt, wird diese Option einem neuen arabischen Bandenstaat und einem folgenden existenziellen Krieg vorziehen, und in Israel gibt es aus guten schlechten Gründen immer weniger Optimisten. Es wäre Israels letztes Mittel zum eigenen Schutz – und es wäre grässlich, aber legitim.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Empirischer Antisemitismus</strong></p>
<p>Aus dem Misstrauen dagegen, dass diese Fakten irgendwelche »Israelkritiker« aufzuklären vermögen, kann eine Erkenntnis dann doch entspringen: dass nämlich hinter der Ignoranz eben dieser Fakten ein wahnhaftes Moment aufscheint, das man begrifflich nur als Antisemitismus fassen kann. Jene, die jede Lüge glauben, solange sie sich gegen die Juden oder wenigstens gegen den jüdischen Staat richtet, sehen sich zwar selbst zumeist nicht als Antisemiten. Sie sind es aber, und weil sie es in der Resistenz gegen jede Empirie doch ganz empirisch beweisen, sollte man sie auch, im Kontrast zu den selbstbewussten Antisemiten, so nennen: empirische Antisemiten.</p>
<p>Die israelische Ankündigung der Planung von neuen Wohnungsbauten im Rahmen bestehender und prosperierender israelischer Kleinstädte bringt beispielsweise den UN-Generalsekretär Ban Ki-moon dazu, von einem »fast tödlichen Schlag« für die Friedensbemühungen <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/Uno-chef-ban-ki-moon-verurteilt-israels-bauplaene-im-westjordanland-a-870566.html" target="_blank">zu sprechen</a>. Wessen Friedensbemühungen eigentlich, mag man fragen, aber gemeint ist allemal ein Frieden gegen und am Ende ohne Israel, weshalb Ban auch folgerichtig »im Interesse« des von ihm gemeinten »Friedens« fordert, die Baupläne einzustellen. Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder, formulierte einst Paul Spiegel. Eben: Israel kündigt keinen Krieg an, keine Bomben und keinen Tod, sondern Baukräne, Zement und jüdisches Leben. Bans Forderung kann also nur dahingehend verstanden werden, dass Israel sich im Falle mangelnden Wohlverhaltens den kommenden Terror selbst zuzuschreiben habe. Der Südkoreaner erweist sich damit als würdiger Generalsekretär der Vereinten Nationen.</p>
<p>Wäre das Gerede der Bundesregierung von der »Staatsräson«, für Israels Sicherheit einzustehen, mehr als nur Phraseologie, dann hätte sie dem Uno-Generalsekretär widersprechen müssen. Denn nicht das israelische Bauvorhaben verhindert Verhandlungen für einen sicheren Frieden und sichere Grenzen zwischen einem jüdischen Staat und dem feindseligen Rest, sondern die Unterstützung der Uno für die palästinensische Aufgabenteilung: Während die Hamas den Krieg gegen Israel immer wieder praktisch werden lässt, schlägt die Fatah den politischen und diplomatischen Profit daraus. Die Bundesregierung dagegen stellt sich »neutral« zur Anerkennung »Palästinas« durch die Uno, ist aber Partei gegen Israel, wenn ein Bauvorhaben angekündigt wird. Natürlich wäre der Bundesregierung die eigene Lüge von der »Staatsräson« zu offen erschienen, hätte sie in der UN-Vollversammlung für die Anerkennung »Palästinas« gestimmt, weshalb sie sich dort auch der Stimme enthielt. Diese Äquidistanz und auch die gelegentlich moderaten Töne von Merkel und Westerwelle sind zuvörderst der strategischen Positionierung der Bundesrepublik als »Mittler« und »ehrlicher Makler« im Nahen Osten geschuldet. Die deutsche »Neutralität« vor der Uno bedeutet aber de facto die Akzeptanz des Vorgehens gegen Israel.</p>
<p>Die Opposition im Bundestag wünscht sich gleichwohl eine unverhohlenere Positionierung gegen den jüdischen Staat und kritisierte das deutsche Abstimmungsverhalten prompt und scharf. Claudia Roth <a href="http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2012/12/05/der-pragmatische-teil-der-hamas/" target="_blank">entdeckte</a> im ARD-<i>Morgenmagazin</i> sogar einen »pragmatischen Teil der Hamas«, mit dem Israel nun gefälligst verhandeln solle. Derweil unterhält die Sozialdemokratie, also quasi der »gemäßigte« Teil der Opposition, einen <a href="http://www.spd.de/aktuelles/Kurz_notiert/80598/20121108_dialog_spd_fatah.html" target="_blank">»strategischen Dialog«</a> mit der ebenso »gemäßigten« Fatah und anerkennt »gemeinsame Werte«. Wie um das Gleichgewicht des Schreckens wieder herzustellen, kündigte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, eben noch im Gespräch mit Abbas’ Mannen, wenige Tage später <a href="http://www.spd.de/82724/20121130_spd_wald.html;jsessionid=0439453FBDF58732257019FDE57E549E" target="_blank">Baumspenden für Israel</a> an und möchte ausgerechnet im israelischen Kernland allen Ernstes einen »Wald der SPD« pflanzen. Die symbolischen Gesten gegenüber dem jüdischen Staat sind inzwischen von derartig grotesker Peinlichkeit, dass sie schon an mutwillige Niedertracht grenzen.</p>
<p>Doch bei aller taktischen Differenz sind sich Bundesregierung und Opposition einig darin, dass Netanjahus Ankündigung zum Wohnungsbau einen willkommenen Anlass zu »legitimer Israelkritik« bietet. Während einige EU-Staaten die israelischen Botschafter einbestellten, um Protestnoten zu übergeben, übernahm das hierzulande die Kanzlerin gegenüber dem israelischen Ministerpräsidenten persönlich und <a href="https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2012/12/2012-12-06-merkel-netanjahu.html" target="_blank">bekundete</a> auch noch in der gemeinsamen Pressekonferenz die »Nichtübereinstimmung«.</p>
<p>Viele Medien sekundierten erwartungskonform, manche übererfüllten ihre deutsche Pflicht sogar deutlich. So <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/israels-regierung-und-die-siedlungsplaene-netanjahu-gegen-die-ganze-welt-1.1540718" target="_blank">titelte</a> die <i>Süddeutsche Zeitung</i>: »Netanjahu gegen die ganze Welt«. Das gleicht in Stil und Tenor den Qualitätsmedien deutscher Provenienz, wie sie einst ein Julius Streicher verantwortete, und auch die publizierte Demagogie ist so konsensstiftend wie seinerzeit im <i>Stürmer</i>, weshalb die Empörung der geneigten Leserschaft ausbleibt. Der Jude an sich – verkörpert heute in Benjamin Netanjahu – stellt sich als Widersacher und Bedrohung schlicht gegen die ganze Welt, so argumentiert die <i>Süddeutsche</i>: rachsüchtig, wie er nun einmal ist, den Bogen überspannend, den Rechtsbruch als jüdisches respektive zionistisches Ritual pflegend, trotzig und größenwahnsinnig. Es werde der »Beistand der letzten Verbündeten riskiert«, denn »diesmal hat Israel nicht nur die Palästinenser bestraft, sondern die ganze Welt herausgefordert«, es seien nun endlich »der Regierung Netanjahu die Grenzen zu zeigen«.</p>
<p>Hinter dieser Argumentation <i>nicht</i> originären Antisemitismus zu erkennen, kann nur bedeuten, ihn absichtsvoll verkennen zu wollen und so zu salvieren. Hinter dieser Argumentation <i>nicht</i> die Drohung zur Vernichtung zu sehen, heißt, eben diese Barbarei zu akzeptieren und tendenziell zu affirmieren. Was das eigentlich Beste für die Juden wäre, was also heute »Israels ureigene Interessen« sind, das weiß niemand so gut wie der Antisemit – und darum ist auch dieses Argument in der <i>Süddeutschen Zeitung </i>obligatorisch. Um das im Grunde nur variierte Immergleiche im alten und neuen, im selbstbewussten und im empirischen Antisemitismus zu durchschauen, braucht es kein Studium an einem deutschen Zentrum für Antisemitismusforschung, dieses ist der Erkenntnis vielmehr abträglich. Alles, was es braucht, ist einen Funken kritisch und begrifflich operierende Restvernunft.</p>
<p>Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist an dieser Restvernunft übrigens gänzlich unbeteiligt, <a href="http://lizaswelt.net/2012/11/22/propaganda-mit-gebuehr/" target="_blank">im Gegenteil</a>: Es ist in der Phalanx der Demagogen arbeitsteilig für die Bilder zuständig. Nein, es werden keine jüdischen Nasen mehr gemalt, sondern vielmehr jüdisches Land, das wie ein gewaltsamer Keil <a href="http://sphotos-c.ak.fbcdn.net/hphotos-ak-ash3/s480x480/558883_343828702381145_846668404_n.jpg" target="_blank">das Westjordanland spaltet</a>. Die neue Botschaft ist im Grunde die alte, nur spiegeln sich heute die Erfolge der Waldorf-Pädagogik wider: Der Pinsel wird politisch korrekt, sehr emphatisch und höchst fantasievoll gegen die Juden respektive ihren Staat geschwungen. Die Ironie der Illustration ist, dass Israel ausgerechnet in der grünen Farbe des Islams ausgemalt erscheint, während orangenes ZDF-Logo und orangene Palästinensergebiete gestalterische wie geistige Nähe bekunden.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>Ratlos</strong></p>
<p>Alles Antisemiten? Was sonst! Nur weil der Begriff des empirischen Antisemiten so viele trifft, heißt es nicht, dass er unscharf ist. Er klärt vor allem darüber auf, dass der Wahnsinn längst epidemisch wurde und global wirkt. Das ist der alte neue Weltgeist, auch wenn Hegel ihn noch anders bestimmte.</p>
<p>Nimmt man diese Einsicht nun ernst, verbietet sich jeder politische Rat an die Israelis. Egal, was sie tun – in den Augen des Antisemiten ist es falsch. Jede Härte, jedes selbstbewusste Auftreten, jedes autonome Handeln gilt als rücksichtslos, gefährlich und bedrohlich. Jedes Zugeständnis aber wird als Schwäche interpretiert, jedes Entgegenkommen als ungenügend, jede Diplomatie als bloß taktisch. Man kann und soll also den Israelis nichts raten. Man darf sie aber bestärken: das zu tun, was sie für sich für das konkret Beste im allgemeinen Schlechten erachten. Was genau das ist, wissen sie noch immer besser als alle anderen.<br />
<em><br />
</em><br />
<span style="font-size:85%;"><i>Anmerkungen</i></span><br />
<span style="font-size:85%;">(1) Franz Neumann verstand einst den Nationalsozialismus als Unstaat, das heißt als »ein Chaos, eine Herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen ›verschlungen‹ hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln« (Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 16). Der Vergleich mit den real existierenden Vereinten Nationen liegt nahe.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(2) Der Terminus »Einstaatenendlösung« ist Claudio Casula entwendet, der <a href="http://spiritofentebbe.wordpress.com/2008/11/14/einstaatenendlosung/" target="_blank">schon vor vier Jahren</a>, wie immer so blitzgescheit wie bitterböse, ein solches Szenario ausbreitete.</span><br />
<span style="font-size:85%;">(3) Für den Fall, dass der Autor dieses Textes irrt und Aufklärung mittels Fakten doch gelegentlich funktionieren kann, hat Kevin Zdiara in seinem <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_schlechter_witz/" target="_blank">Beitrag für <i>Die Achse des Guten</i></a> alles Notwendige in vorzüglicher Weise zusammengetragen.</span></p>
<p><a href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2012%2F12%2F14%2Feinstaatenendlosung%2F&amp;linkname=Einstaatenendl%C3%B6sung" target="_blank"><img class="alignleft" title="Diesen Beitrag mit anderen teilen" alt="" src="http://static.addtoany.com/buttons/share_save_256_24.png" width="256" height="24" /></a> <a href="mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback zu: Einstaatenendlösung" target="_blank"><img class="size-full wp-image-1197 alignright" title="Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden" alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2010/07/feedback1.jpg?w=610"   /></a></p>
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		<title>Propaganda mit Gebühr</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Nov 2012 12:09:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lizas Welt</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland begleitet den Krieg der Hamas gegen Israel mit einer regelrechten Desinformationskampagne. Was Propaganda ist, wird von Redakteuren und Korrespondenten mit schlichtem Weltbild als sauberer Journalismus präsentiert – stets zum Nachteil des jüdischen Staates. Stefan Frank hat in seinem Gastbeitrag für Lizas Welt deshalb einen konstruktiven Vorschlag zu machen. VON STEFAN [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lizaswelt.net&#038;blog=14674973&#038;post=2505&#038;subd=lizaswelt2010&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2506" title="Propaganda lässt sich immer noch am besten mit Kindern machen, das weiß auch und nicht zuletzt die Hamas. Zu sehen in der »Tagesschau« vom 18. November 2012." alt="" src="http://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2012/11/tagesschau-gaza.jpg?w=610"   /></p>
<p><strong>Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland begleitet den Krieg der Hamas gegen Israel mit einer regelrechten Desinformationskampagne. Was Propaganda ist, wird von Redakteuren und Korrespondenten mit schlichtem Weltbild als sauberer Journalismus präsentiert – stets zum Nachteil des jüdischen Staates. <a href="http://www.stefan-frank-texte.de/" target="_blank">Stefan Frank</a> hat in seinem Gastbeitrag für <i>Lizas Welt</i> deshalb einen konstruktiven Vorschlag zu machen.</strong><br />
<em><br />
</em><br />
<span style="color:#000066;"><strong>VON STEFAN FRANK</strong></span><br />
<em><br />
</em><br />
<strong>I.</strong></p>
<p>Das ganze oberste Stockwerk wurde zerstört, als Terroristen aus dem Gazastreifen am 15. November ein mehrgeschossiges Wohnhaus in der südisraelischen Stadt Kiryat Malachi mit einem vom Iran gelieferten Raketenwerfer des sowjetischen Typs »Grad« bombardierten. Sie ermordeten Ahron Smadga, 50, Yitzchak Amsalam, 27, und Mira Scharf (geborene Cohen), 25. Ihr Ehemann und drei ihrer Kinder wurden schwer verletzt, dazu drei weitere Menschen. Die im achten Monat schwangere Mira Scharf hielt sich in Israel auf, um ihr Kind dort zur Welt zu bringen. Sie gehörte der Chabad-Lubawitsch-Bewegung an und lebte eigentlich in Neu-Delhi. Dorthin war sie gezogen, um mitzuhelfen, die Arbeit von Rabbi Gavriel Holtzberg und seiner Frau Rivka fortzusetzen, die im November 2008 im Chabad-Haus in Mumbai von Terroristen der Lashkar-e-Toiba zusammen mit vier anderen gefangen genommen, gefoltert und ermordet wurden. Nach dem jüdischen Kalender geschah dies am 1. Kislev, der dieses Jahr auf den 15. November fiel. An dem Tag, als Mira Scharf einen Gedenkgottesdienst für die Opfer von Mumbai besuchen wollte, wurde sie selbst von Djihadisten ermordet.</p>
<p>Diese Koinzidenz erinnert daran, dass der Drang zum Genozid, der Wunsch nach der Auslöschung aller Juden, wie sie in der Hamas-Charta <a href="http://palwatch.org/main.aspx?fi=427" target="_blank">prophezeit wird</a>, keine geografischen Grenzen kennt. Es ist den Antisemiten egal, ob sie Juden in Frankreich töten, in Israel, in Argentinien, auf Djerba oder in Indien, solange das Ziel einer judenfreien Welt nur ein kleines Stück näher rückt. Manchmal sind die Täter Sadisten, so wie in Mumbai. Auch der Jude <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ilan_Halimi" target="_blank">Ilan Halimi</a> wurde 2006 in einem Vorort von Paris drei Wochen lang gefoltert und dann ermordet. Mitglieder derselben Gang muslimischer Einwanderer <a href="http://www.haaretz.com/news/jewish-teen-tortured-in-french-town-where-ilan-halimi-was-killed-1.240684" target="_blank">folterten</a> zwei Jahre später am selben Ort erneut einen Juden. Der jüdische Amerikaner <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_Pearl" target="_blank">Daniel Pearl</a> wurde in Pakistan von Djihadisten erst gequält und dann geköpft.</p>
<p>Daneben gibt es aber sicherlich viele, die gar keine besonderen Gefühle haben, wenn sie ihrem Mordwerk nachgehen. Wenn sie weltweit Waffen einkaufen; wenn sie mit den Verkäufern über bessere Konditionen feilschen; wenn sie die Raketen über ein komplexes logistisches Netzwerk in den Gazastreifen bringen; wenn sie die unterirdischen Raketenwerfer installieren (wie in einem vom Islamischen Djihad veröffentlichten Video <a href="http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/162190#.UKj0jYbFTiw" target="_blank">zu sehen ist</a>); wenn sie planen, welche Städte sie morgen angreifen werden; wenn sie den Lkw mit dem Raketenwerfer auf den Parkplatz des Krankenhauses fahren; wenn sie die Zielkoordinaten in den Computer eingeben und schließlich die Raketen auslösen, die Kiryat Malachi, Tel Aviv und Jerusalem treffen – dann handeln sie nicht fanatisch, sondern als Kaufleute, Architekten, Ingenieure, Fahrer und Informatiker. Sie gehen ebenso kühl ihrer Arbeit nach wie Eichmanns Transportreferent Franz Novak beim Berechnen der Fahrpläne, wie die Lokomotivführer auf der Fahrt zum »Bahnhof Auschwitz«, wie die SS-Männer beim Bewachen der Gaskammern.</p>
<p>Wie jeder Kommandant eines Vernichtungslagers sind sie überzeugt, nur ihre Pflicht zu tun, wenn sie Juden umbringen, das »verächtlichste und verabscheuungswürdigste Volk, das auf der Erde kriecht« (Hamas-Kulturminister Atallah Abu Al-Subh in einer <a href="http://www.adl.org/main_israel/hamas_own_words.htm" target="_blank">Fernsehansprache</a> vom 8. April 2011). Sicherlich schmerzt es sie, wenn eine ihrer lasergesteuerten Raketen zwar einen der gelben israelischen Schulbusse trifft, auf die sie zielen, sie dann jedoch feststellen müssen, dass fast alle Schüler bereits ausgestiegen sind und sie nur ein einziges jüdisches Kind ermordet haben, so wie <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shaar_HaNegev_school_bus_attack" target="_blank">im April 2011</a>. Aber sie sind sich sicher, dass langfristig kein Jude entwischen wird, und wenn sie das Werk nicht persönlich vollenden, dann ihre Kinder und Enkel, denen sie <a href="https://www.youtube.com/watch?gl=DE&amp;hl=de&amp;v=YIBNRVgq59Y" target="_blank">beibringen</a>, dass »Bomben wertvoller sind als Kinder«.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>II.</strong></p>
<p>Die Hamas hat die jetzige Eskalation im Laufe des Jahres sorgfältig vorbereitet. Ihr hochrangiger Funktionär Mahmoud Zahar reiste zweimal nach Teheran, zuletzt <a href="http://www.haaretz.com/news/middle-east/iran-to-hamas-changing-arab-world-presents-opportunity-for-palestinians-1.463550" target="_blank">im September</a>. Dort traf er nicht nur Präsident Ahmadinedjad, <a href="http://www.islamicinvitationturkey.com/2012/09/07/jalili-meets-with-senior-hamas-official/" target="_blank">sondern auch</a> den Anführer der Revolutionsgarden und den Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates. Von dort ging es weiter nach Beirut, wo er mit Hizbollah-Chef Nasrallah <a href="http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4280327,00.html" target="_blank">sprach</a>. Das wahrscheinliche Ziel war es, die militärische Zusammenarbeit der Achsenmächte zu stärken, auch in einer Zeit, wo das Mittelglied Assad unpässlich ist. Der Terrororganisation Islamischer Djihad, die in den letzten Jahren die meisten Anschläge auf Israel verübt hat, unterbreitete Zahar ein Angebot. Er beglückwünschte die Organisation zu ihrem Jubiläum und prophezeite ihr eine wichtige Rolle in der Zukunft. »Kooperation zwischen dem Islamischen Djihad und der Hamas ist eine islamische Notwendigkeit, um den Widerstand zu stärken«, <a href="http://english.farsnews.com/newstext.php?nn=9107110476" target="_blank">sagte er</a> und schloss auch eine Fusion nicht aus – so viel zu der Lüge von der »Rivalität« der beiden Terrorgruppen.</p>
<p>Nachdem sich die Hamas der Unterstützung der alten Bündnispartner versichert zu haben meinte (von denen sie nun aber schmählich im Stich gelassen wird) und auch die islamistischen Regimes in Katar und Ägypten auf ihrer Seite weiß (wenn auch nur mit Geld und Worten), hielt sie sich wieder für mächtig. Als die sudanesische Regierung Israel am 24. Oktober beschuldigte, eine Munitionsfabrik – die offenbar der Versorgung der Terroristen gedient hatte – <a href="http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-20085540" target="_blank">bombardiert</a> zu haben, schoss die Hamas an einem Tag über 80 Raketen auf Israel; dabei wurden fünf Menschen <a href="http://www.nytimes.com/2012/10/25/world/middleeast/gaza-militants-fire-rockets-and-mortars-into-southern-israel.html" target="_blank">verletzt</a>, zwei von ihnen schwer. Anders als bei früheren Gelegenheiten übernahm diesmal die regierende Hamas selbst die Verantwortung für die Anschläge – eine Art neuerliche Kriegserklärung an Israel. Weitere Taten folgten: Am 8. November zündeten Terroristen ferngesteuert eine <a href="http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?id=291120" target="_blank">Sprengladung</a> in einem Tunnel unter der an der Grenze entlangführenden Straße, den sie zuvor gegraben hatten. Ein israelischer Jeep wurde zerstört, glücklicherweise war er leer. Ein Angriff zwei Tage später endete <a href="http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?id=291231" target="_blank">nicht so glimpflich</a>: Eine Panzerfaustrakete der Hamas traf einen Jeep mit vier Insassen und verletzte sie, zwei von ihnen schwer. Dazu gab es weitere Schusswechsel an der Grenze. Seit nunmehr elf Jahren beschießt die Hamas Israel mit Raketen.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>III.</strong></p>
<p>Warum, fragt ARD-Korrespondent Richard Schneider – nicht etwa vor laufender Kamera, sondern nur <a href="http://blog.br.de/studio-tel-aviv/2012/11/19/collateral-damage.html" target="_blank">in seinem Blog</a> – , interessiert sich eigentlich kaum jemand dafür, dass »Tag für Tag für Tag Raketen auf Zivilisten in Israel abgefeuert werden, und das nicht erst seit gestern« und »dafür, dass Organisationen wie Hamas, Islamischer Djihad, Hizbollah im Libanon usw. zivile Wohngegenden wählen, um von dort aus ihre Raketen auf den Feind abzufeuern und damit ›Kollateralschaden‹ zu provozieren, denn sie wollen ja, dass es zivile Opfer gibt, damit diese Bilder um die Welt gehen und die Welt dann aufschreit«? Schneider ist nicht dumm: »Mag das auch daran liegen, dass wir TV-Journalisten diese Bilder des täglichen ›Terrors‹« – setzt er das Wort in Anführungsstriche, um nicht gegen die Politik von ARD und ZDF zu verstoßen, wonach die einzigen palästinensischen Terroristen, die man so nennen darf, diejenigen waren, die 1972 und 1977 deutsches Eigentum beschädigt haben? – »gegen Zivilisten auf der israelischen Seite nicht in den Abendnachrichten bringen?«</p>
<p>Das ist eine interessante Hypothese, nicht wahr? Warum hat die <i>Tagesschau</i> wochenlang die Eskalation des Hamas-Terrors verschwiegen, Herr Schneider? Warum haben Sie geschwiegen? »Die Tagesschau – so wie alle anderen Nachrichtensendungen aller anderen Sender ja auch – ist nur 15 Minuten lang, und da sind wir verpflichtet zu gewichten. Und zugegeben: Raketen aus Gaza, die nicht gleich 10, 20 oder 50 Tote verursachen, sind nicht ›nachrichtenswert‹, wenn der Rest der Welt brennt, wenn z.B. der syrische Präsident sein eigenes Volk abschlachtet.« Etliche Schwerverletzte sind also noch nicht nachrichtenswert. Gleichwohl hielt die <i>Tagesschau</i> es am 25. Oktober, als die Hamas an einem Tag 80 Raketen auf Israel abgefeuert hatte, für nachrichtenswert, die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bei der Olivenernte im Westjordanland zu zeigen (obwohl es dabei offensichtlich auch keine Toten gab).<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>IV.</strong></p>
<p>Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland begleitet den Krieg mit einer regelrechten Desinformationskampagne. Es fängt schon damit an, dass seit Mitte November über den Bürgerkrieg in Syrien eine Art Nachrichtensperre verhängt wurde. Er wird einfach fast überhaupt nicht mehr erwähnt, obwohl dort täglich mehr Menschen ums Leben kommen als im Gazastreifen und in Israel in einer Woche, und obwohl es von dort Wichtiges <a href="http://english.ahram.org.eg/NewsContent/2/8/58675/World/Region/Dozens-die-as-Kurds,-rebels-clash-in-northern-Syri.aspx" target="_blank">zu berichten gäbe</a>, etwa über die Kämpfe zwischen arabischen Rebellen und kurdischen Milizen im Norden des Landes. Die Illusion, dass es im Nahen Osten keinen wichtigeren Konflikt gebe als den zwischen Israel und den Palästinensern, soll nicht gestört werden.</p>
<p>Gegen alle Beweise wurde von Anfang an behauptet, Israel habe diesen Krieg begonnen (weil der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu »Wahlen gewinnen« wolle). Um diese Hypothese überhaupt ins Spiel zu bringen, wurde so getan, als hätte die Auseinandersetzung erst mit der Tötung des Terroristenchefs Djabari am 14. November begonnen; man vertraute also darauf, dass die Zuschauer und Zuhörer die Vorgeschichte gar nicht kennen – was ja auch bei denen, die nur öffentlich-rechtlich desinformiert sind, tatsächlich der Fall ist. Beispielhaft dafür ist der <a href="http://www.tagesschau.de/kommentar/eskalationnahost100.html" target="_blank">Kommentar</a> von Torsten Teichmann vom ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv: »Die gezielte Tötung des Hamas-Funktionärs Ahmed Djabari führt kurzfristig zu einer Eskalation mit Todesopfern und Verletzten auf beiden Seiten und langfristig nicht zu mehr Sicherheit. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu traf diese Entscheidung trotzdem. Er will seine Macht sichern, ohne die bisherige Politik grundsätzlich in Frage zu stellen. Er hätte in dieser Situation seine Wiederwahl aufs Spiel gesetzt, wenn er weiter gezögert oder gar begonnen hätte, Fragen nach dem Erfolg des eingeschlagenen Weges zu stellen, was ohnehin unvorstellbar ist bei Netanjahu.«</p>
<p>Die Darstellung bei ARD und ZDF folgt häufig dem antisemitischen Stereotyp vom sturen und rachsüchtigen Juden, der aus Kriegen Profit zieht und dem das Leid von Nichtjuden gleichgültig ist. Und natürlich kontrollieren die Juden die Nachrichten: »Es wächst die Angst, was passiert, wenn Israel Ernst macht und Gaza vom Netz nimmt. In dem Fall, befürchten viele Palästinenser, würde es nur noch eine Schilderung der Wahrheit geben – die israelische«, <a href="http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/25305616/51fd6a/Propaganda-Twitter-statt-Flugblatt.html" target="_blank">so das ZDF</a>. Dass man im ganzen Gazastreifen ägyptischen Rundfunk und Kurzwellensender aus aller Welt empfangen kann – geschenkt. Für ZDF-Korrespondent Christian Sievers ist der israelische Außenminister gar »ein Verfechter der Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Technik«. Ein Zahntechniker also. Und Sievers ist jemand, der mit Anspielungen auf das Alte Testament jahrhundertealte judenfeindliche Klischees verbreitet.</p>
<p>Dort, wo ARD und ZDF vorgeben, bloß Bericht zu erstatten, sind sie meist manipulativ. So wird beispielsweise oft gesagt, Gaza werde »bombardiert«, während in Israel bloß »wieder die Sirenen heulen«. Mit israelischen Angriffen auf den Gazastreifen beginnen die Nachrichten, die Angriffe der Hamas kommen erst später – und sind somit in der Logik von Nachrichtensendungen weniger wichtig. Die Menschen in Gaza, das wird immer wieder vorgebracht, leben in Angst, während auf der anderen Seite vorzugsweise solche Israelis gezeigt werden, die sagen, sie hätten keine besonders große Angst. Insgesamt ist die Zahl der von ARD und ZDF interviewten israelischen Bürger überhaupt sehr gering im Vergleich zu den befragten Bewohnern des Gazastreifens, die in keiner Nachrichtensendung fehlen. Niemals kommt ein Sprecher der israelischen Armee zu Wort, obwohl es doch in einem Konflikt, in dem diese laut ARD und ZDF so etwas wie die Hauptrolle spielt, nahe läge, sie nach ihren Zielen und den bislang erreichten Resultaten zu befragen. Alles, was deutsche Reporter Israel vorwerfen, könnten sie persönlich einem Presseoffizier der israelischen Armee sagen. Aber das trauen sie sich nicht, weil sie wissen, dass sie keine Argumente haben – oder weil ein israelischer Soldat oder eine Soldatin, der oder die ein Gesicht und einen Namen hat und mit deutschen Reportern spricht, nicht in das Bild passt, das sie vermitteln möchten.</p>
<p>Dafür erhält jeden Tag ein Vertreter der Hamas Gelegenheit, im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen seine Propaganda zu verbreiten. Hier zeigt sich am deutlichsten, wie verkommen ARD und ZDF sind. Einen Terroristen, der schon allein durch seine Mitgliedschaft in einer einen Völkermord anstrebenden Terrororganisation wie der Hamas eine Mitverantwortung für unzählige gezielte Morde an Zivilisten trägt, lassen sie reden, worüber er will. Sie fragen ihn nicht: »Warum morden Sie?« oder »Warum schießen Sie Raketen und Mörsergranaten auf israelische Dörfer und Städte, in denen es keinerlei militärische Ziele gibt?«. Sie schenken ihm Sendezeit, für die jeder Waschmittelkonzern zigtausend Euro würde bezahlen müssen, um Werbung für seine Terrororganisation und deren menschenfeindliche Ziele zu machen. Das ähnelt dem Verhalten einiger Journalisten während der Geiselnahme von Gladbeck im August 1988, die in der Kölner Innenstadt die Entführer und Mörder Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner interviewten, während diese ihren beiden Geiseln Pistolen an den Kopf hielten. Die Terroristen der Hamas zu interviewen, während diese versuchen, möglichst viele Menschenleben auszulöschen, ist pervers und unentschuldbar.</p>
<p>Regelmäßig gezeigt werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch israelische Soldaten und Panzer. Bewaffnete Palästinenser scheint es nicht zu geben. Warum, erklärte Ulrike Putz, die Anti-Israel-Korrespondentin von <i>Spiegel Online</i>, als sie vor einigen Jahren mal einen halbwegs <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-krieg-wie-die-hamas-die-bilder-des-krieges-kontrolliert-a-600567.html" target="_blank">lichten Moment</a> hatte: »In der Bilderflut, die sich seit zwei Wochen per Satellit aus dem Gaza-Streifen heraus über die Welt ergießt, fehlen gewisse Motive. Bilder von Hamas-Kämpfern in Aktion, Aufnahmen von verletzten Militanten: Es gibt sie kaum. Dabei sind laut den Krankenhäusern im Gaza-Streifen nur etwa die Hälfte der über 800 in den vergangenen zwei Wochen getöteten Menschen Zivilisten. [...] Lokale Journalisten berichteten in den vergangenen Tagen hinter vorgehaltener Hand, Hamas-Aufseher würden sie anhalten, keine Kämpfer zu zeigen. Die Aufpasser seien teilweise sogar vor den Journalisten vor Ort und gäben Anweisungen, was zu filmen sei. Teilweise seien die Hamas-Männer sogar handgreiflich geworden, um die Fernsehteams am Drehen zu hindern, sagte der ZDF-Kameramann seinem Sender. [...] Die Hamas-Zensur scheint weit zu reichen, das ergeben Anrufe bei einigen Journalisten in Gaza. Die Angst, die sie haben, über das Thema zu sprechen, lässt auf großen Druck seitens der Islamisten schließen.«</p>
<p>Es ist klar: Fernsehteams im Gazastreifen können dort nur das filmen, was die Hamas zeigen will. Und kein Einwohner wird vor der Kamera irgendetwas sagen, das seine Familie in Schwierigkeiten bringen würde (am Tag der Verkündung der Waffenruhe wurden sechs Palästinenser von der Hamas <a href="http://www.blick.ch/news/ausland/palaestinenser-schleifen-verraeter-leiche-durch-die-strassen-id2113002.html" target="_blank">zu Verrätern erklärt</a>, öffentlich hingerichtet, ihre Leichen an Motorrädern durch die Straßen von Gaza-Stadt geschleift). Dürfen ARD und ZDF solche Aufnahmen deshalb nicht senden? Doch, aber sie müssten darauf hinweisen, dass sie nur das filmen konnten, was die Hamas autorisiert hat – so, wie sie das bei einem Bericht aus Nordkorea auch machen würden. Das tun sie aber nicht, weil das, was sauberer Journalismus wäre, aussähe wie Propaganda. Stattdessen präsentieren sie lieber das, was Propaganda ist, als sauberen Journalismus. Denn um nichts anderes als Propaganda der Hamas handelt es sich, wenn Bild- und Tondokumente aus Gaza präsentiert werden, ohne Hinweis darauf, dass die Hamas vorgibt, was zu zeigen ist.<br />
<em><br />
</em><br />
<strong>V.</strong></p>
<p>Natürlich darf man nicht alle Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Anstalten über einen Kamm scheren. Als Dietmar Ossenberg, der Kairo-Korrespondent des ZDF, in einer <i>heute</i>-Sendung sagte, »der Islamist« Mursi und die Hamas seien »Brüder im Geiste« und hätten beide »kein Interesse an Frieden«, fiel der Moderatorin Petra Gerster fast die Kinnlade herunter. Und Richard Schneider <a href="http://tagesschau.de/ausland/anschlag-tel-aviv106.html" target="_blank">traute sich</a> in der Tagesschau vom 21. November, von »Terroristen« zu sprechen und indirekt die Komplizenschaft von Terroristen und Journalisten anzusprechen: Die Hamas, sagte er, wolle »möglichst viele Tote provozieren, auf der israelischen Seite, aber – so zynisch ist das Spiel – auch auf der eigenen Seite, denn wir sehen es ja jetzt schon, dass durch die zunehmende Anzahl von Zivilisten, die auf der palästinensischen Seite Opfer werden, die Stimmung gegen Israel immer größer wird, und je mehr Tote, je mehr tote Kinder, je mehr tote Frauen man dann sehen wird, auch bei uns im Fernsehen, desto eher wird die Stimmung kippen gegen Israel, und das ist genau, was diese Terroristen wollen«.</p>
<p>Doch nicht die Kommentare der Korrespondenten prägen in erster Linie die Meinungen der Zuschauer, sondern die Präsentation der Nachrichten, also das, was vorgeblich »objektiv« sein soll. Hier ist die Tendenz ganz klar antiisraelisch. Niemals würden ARD und ZDF sich erlauben, die Indoktrination der palästinensischen Kinder zu erwähnen, Bilder zu zeigen von Kindern in Uniform und Sprengstoffgürtel. Niemals würden sie in einem Bildbeitrag die Terroristen als solche bezeichnen und ihre Handlungen (Kriegs-)Verbrechen nennen. Sie verschweigen, dass die Hamas erklärtermaßen alle Juden töten will; sie behaupten stattdessen, dass sie »Israels Existenzrecht« nicht anerkenne, was eine bewusste Verharmlosung ist. Patienten aus Gaza, die in israelischen Krankenhäusern <a href="http://www.jpost.com/Health/Article.aspx?id=292503" target="_blank">behandelt werden</a>, sind für ARD und ZDF ein Tabuthema. Anders als bei anderen Konflikten sind auch die Grenzübergänge kein beliebter Drehort. Zu zeigen, wie die Leute am Grenzübergang Rafah nach Ägypten <a href="http://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/64/58513/Egypt/Politics-/Egyptian-Gazabound-convoy-reaches-Rafah-border-cro.aspx" target="_blank">ein und aus gehen</a> oder wie am israelischen Grenzübergang Kerem Shalom 80 israelische Lkw mit Lebensmitteln und medizinischen Gütern in den <a href="http://www.jpost.com/MiddleEast/Article.aspx?id=292631" target="_blank">Gazastreifen fahren</a>, würde den Erfolg jahrelanger Manipulation gefährden.</p>
<p>Das schlichte Weltbild der meisten Redakteure respektive Korrespondenten sieht ungefähr so aus: 1. Es gibt Radikale auf beiden Seiten. 2. Dadurch entsteht eine Spirale der Gewalt. 3. Am meisten leiden immer die Palästinenser, Israelis sind stur und rachsüchtig. Nachrichten werden so ausgewählt und präsentiert, dass sie zu diesen Meinungen passen und zusammen mit ihnen ein kohärentes Bild ergeben. Widerspruchsfreiheit ist oberstes Gebot; Fakten, die sich nicht in das vorgefasste Weltbild einordnen lassen, werden weggelassen. Statt Nachrichten zu übertragen, wird Stimmung gemacht, wird den Israelhassern das angenehme Gefühl gegeben, dass sie das »ja alles schon immer gewusst« hätten: Ganz zufällig bestätigt der vorgeblich objektive Bericht all ihre Ressentiments.</p>
<p>Wenn man dann noch ans <i>Deutschlandradio </i>mit seinem permanenten Interviewpartner Michael Lüders denkt, an die <i>Deutsche Welle</i>-Korrespondentin Bettina Marx, an die <i>Kulturzeit</i> von <i>3sat </i>und an <i>Arte</i>, wo antisemitische <a href="http://videos.arte.tv/de/videos/der_kleine_steinewerfer_von_silwan--6868468.html" target="_blank">Propagandafilmchen</a> wie »Der kleine Steinewerfer von Silwan« produziert werden (darin wird sympathisierend über arabische Kinder in Jerusalem berichtet, die ihre Nachbarschaft judenrein machen wollen) – dann kann es für Freunde Israels nur eine Folgerung geben: Der gebührenfinanzierte, öffentlich-rechtliche Rundfunk muss weg. Es handelt sich ohnehin um unbestellte Leistungen, die zu zahlen niemand gezwungen werden dürfte. Zu einem schwerwiegenden moralischen Problem wird die Angelegenheit dadurch, dass jeder Bürger für etwas zahlen muss, was nur goutieren kann, wer entweder unwissend oder ein eingeschworener Feind Israels ist.</p>
<p>Die Nachrichtensendung <i>RTL Aktuell</i> ist demgegenüber wesentlich seriöser. Nachrichten über Tote und Verletzte im Gazastreifen werden gemeldet, ohne Hamas-Terroristen Gelegenheit zu geben, ihre Propaganda zu verbreiten. Es gibt zudem das Bemühen, viele Aspekte des Konflikts zu zeigen. So berichtete RTL-Korrespondentin Raschel Blufarb etwa aus einer Frühgeborenenstation in Be’er Sheva, die wegen der palästinensischen Bombardements unter die Erde verlegt werden musste. An einem anderen Tag zeigte sie ein Kind aus dem Gazastreifen, das bei einem israelischen Luftangriff mehrere Finger verloren hat und nun in einem israelischen Krankenhaus behandelt wird. In den Beiträgen von ARD und ZDF dagegen werden palästinensische Kriegsopfer ausschließlich im Gazastreifen und in Ägypten versorgt, israelische Krankenhäuser kommen dort gar nicht vor.</p>
<p>Die Berichterstattung privater Sender ist nicht a priori besser, in der Praxis aber oft schon. Sie haben unter anderem den Vorteil, dass sie nicht so irrwitzig hohe Budgets und aufgeblähte Personalapparate haben. Diese erlauben es nämlich Fanatikern, sich bei den Öffentlich-Rechtlichen einzunisten und ihr ganzes Berufsleben lang nichts anderes zu tun, als gegen Israel zu hetzen. Auch haben private Sender nicht die falsche Autorität, die der Staatsfunk im obrigkeitshörigen Deutschland genießt. Der von ihm verbreitete Mist ist ja auch deshalb so gefährlich, weil er sozusagen mit TÜV-Siegel daherkommt: »Das wurde in der <i>Tagesschau</i> gesagt!« Es ist Zeit, diese Autorität zu erschüttern und die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu fordern, der wie keine andere Einrichtung in Deutschland den Hass auf Israel nährt.</p>
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