Zombies im Sommerloch

Dass der Besuch des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in Großbritannien, Polen und Israel die Finsterlinge in deutschen Redaktionen fuchsteufelswild machen und all ihren Hass nach oben spülen würde, konnte man erwarten. Etwas überraschend war aber, dass, von einigen Nuancen abgesehen, alle den genau gleichen Text veröffentlichten – so, als wären sie Teil eines publizistischen Botnetzes. Schuld daran ist eine verbreitete Geisteskrankheit.


VON STEFAN FRANK*


Das Phänomen des Sommerlochs erklärte man sich früher mit einer angeblich »nachrichtenarmen Zeit«. Dahinter stand der Glaube, dass das Leben von Mitte Juli bis Ende August stillsteht. Heute weiß man, dass das nicht stimmt. Die Erde dreht sich weiter, es ereignen sich täglich Katastrophen, Araber hören nicht auf, mit der Welt zu hadern, und Politiker schweigen auch im Urlaub nicht. Forschungen haben ferner bewiesen: Es gibt kein Wurmloch, durch das Nachrichten verschwinden könnten, die Masse bleibt also erhalten. Aber woher kommt dann der Eindruck, dass ein Sommerloch existiert?

Sobald eine kritische Anzahl von Journalisten am Strand ist, ziehen sich die Higgs-Teilchen in den Redaktionen zusammen; durch die Trägheit der verbliebenen Redakteure verringert sich schlagartig die Umlaufgeschwindigkeit der Nachrichten. Um eine Implosion des Systems durch refraktäre Informationsverschiebung zu verhindern, schalten die Zeitungen auf Autopilot um. Das redaktionelle Gedöns wird eingestellt, und die zu anderer Zeit manchmal verbrämten Elemente der vorherrschenden Ideologie werden hochdosiert in das Bewusstsein der Leser gebeamt. In der reinsten Form würde das so klingen: »Ihr müsst Israel, die USA und die Republikaner hassen – Islamisten hingegen könnt ihr vertrauen.« So kann man die Ware natürlich noch nicht an den Mann bringen, darum gibt es in den Nachrichtenagenturen und Redaktionen Anlagen, in denen dieser ideologische Grundstoff zu unzähligen Artikeln aufbereitet wird. Sie arbeiten so ähnlich wie die Maschinen zur Herstellung von Zuckerwatte: Aus wenigen Gramm der immer gleichen Substanz wird eine klebrige Masse mit dem tausendfachen Volumen.

Dass der Besuch des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in Großbritannien, Polen und Israel die Finsterlinge in deutschen Redaktionen fuchsteufelswild machen und all ihren Hass nach oben spülen würde, hatten intelligente Beobachter erwartet. Etwas überraschend war aber, dass, von einigen Nuancen abgesehen, alle den genau gleichen Text veröffentlichten, so, als wären sie Teil eines publizistischen Botnetzes (Zombieschreiber). Ob Spiegel online (»Romney empört Palästinenser«), die Zeit (»Romney provoziert Palästinenser«), die Welt (»Palästinenser empört über Äußerungen Romneys«), der Tagesspiegel (»Romney blamiert sich in Europa«), der Kölner Stadtanzeiger (»Romneys peinliche Patzer«), die FAZ (»Palästinenser empört über Äußerungen Romneys«) oder tausend andere – alle brachten in Stoßrichtung und Wortlaut fast identische Artikel über Romneys Reise.

Äußerungen, die entweder dem Common Sense entsprechen (wie beispielsweise die kulturellen Gründe für den ökonomischen und wissenschaftlichen Vorsprung, den Israel gegenüber seinen Nachbarn hat) oder schlichtweg nachprüfbare Tatsachen sind (etwa dass Jerusalem Israels Hauptstadt ist, was der US-Kongress mit dem Jerusalem Embassy Act von 1995 und der amerikanische Präsident Barack Obama in einer Rede im Jahr 2008 auch ausdrücklich anerkannt haben), wurden zu »Fettnäpfen« und »Pannen« stilisiert. Außer der aggressiven Ideologie und der Wortwahl haben alle Artikel aber noch etwas gemein: In 99 Prozent der Beiträge kommt ein Mann namens Saeb Erekat vor, der als »hochrangiger palästinensischer Politiker« vorgestellt wird. Er gehört der Fatah an und war ein Kumpel Yassir Arafats. »Völlig inakzeptabel« habe Erekat Romneys Äußerungen gefunden, stand überall zu lesen.

Warum ist der Mann so wichtig, dass er in keinem der Beiträge fehlen darf? Weil es ohne ihn die ganze Nachricht, die nur eine Pseudo-Nachricht ist, überhaupt nicht gegeben hätte, jedenfalls nicht in dieser Form. Die Zeitungen hätten dann schreiben können: »Romney bekräftigt seine bereits vorher bekannte Meinung im Hinblick auf Jerusalem«, oder: »Romney lobt israelischen Erfinder- und Unternehmergeist«. Aber das waren nicht die Nachrichten, die die Redakteure haben wollten. Die begehrte Meldung, der angebliche Skandal, musste erst produziert werden. Nicht von Romney, sondern von der für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) arbeitenden Reporterin Kasie Hunt.

Ein Artikel auf The Daily Beast erklärt, wie es dazu kam. Am Abendessen im Jerusalemer King-David-Hotel, bei dem Romney seine angeblich so skandalöse Rede hielt, nahmen außer Hunt zahlreiche weitere Reporter teil, unter anderem von der New York Times, Reuters und den Bloomberg News. Niemand sonst fand etwas Berichtenswertes. Hunt selbst übermittelte einen als »nicht dringend« gekennzeichneten Bericht an AP. »Mitt Romney sagte jüdischen Spendern am Montag, dass ihre Kultur ein Teil dessen sei, was es ihnen ermöglicht hat, wirtschaftlich erfolgreicher zu sein als die benachbarten Palästinenser«, hieß es darin. Der Beitrag paraphrasierte Romneys Äußerungen lediglich, zitierte die Formulierung vom »dramatischen Unterschied im Pro-Kopf-Einkommen Israels und der Palästinensergebiete« und unterschlug den Satz, in dem Romney sagte: »So etwas findet man auch bei anderen Ländern, die sich nahe beieinander befinden: Chile und Ecuador, Mexiko und die Vereinigten Staaten.«

Das kulturelle Fundament wirtschaftlichen Erfolges ist, wie der Autor des Daily Beast-Beitrags bemerkt, ein Punkt, auf den Romney immer wieder zu sprechen kommt, auch in seinem Buch. Kaum etwas, woraus man einen Skandal machen könnte. Während des folgenden gemeinsamen viereinhalbstündigen Fluges nach Polen unterließ es Hunt, Romney auf das von ihr übermittelte Zitat anzusprechen. AP-Chef Buzbees Erklärung dafür: »Sie wusste nicht, ob es große Aufregung verursachen würde oder nicht.« Bei der Landung sah Hunt auf ihrem BlackBerry, dass ein AP-Kollege eine scharfe Reaktion von Erekat bekommen hatte, der von einer »rassistischen Äußerung« sprach, ohne überhaupt zu wissen, was Romney wirklich gesagt hatte. »Romney empört Palästinenser« war dann die Nachricht.

Erekat ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war es, der 2002 die folgenträchtige Lüge von den »523 Opfern« des »Massakers« in Jenin in die Welt setzte und gerne davon redet, dass es in Israel ein Apartheidregime gebe, das schlimmer sei als das seinerzeit in Südafrika herrschende. AP und den Zeitungen, die den von AP-Reporterin Hunt produzierten Mist wiederkäuten, dient er nun als Stimme der Palästinenser (gibt man bei Google »Palästinenser empört« in Anführungsstrichen ein, so findet man über zweitausend Artikel, die sich der angeblichen Empörung »der Palästinenser« über Mitt Romney widmen, und alle berufen sich auf Saeb Erekat) und als der absolute Maßstab dessen, was im Hinblick auf Israel gesagt werden darf und was nicht. Die Nachricht über die angeblich empörende Äußerung Romneys entstand ja erst dadurch, dass Romneys Worte mit der Meinung Erekats kontrastiert und die Differenz von Romneys moralischem Konto abgezogen wurde: Romney sagt dieses oder jenes, der Fatah-Mann findet das empörend, also müssen die Redakteure und ihre Leser ebenfalls empört sein – und sind es auch. Die Terrororganisation Fatah, die noch im letzten Jahrzehnt Dutzende israelische Zivilisten ermordet hat, bestimmt also, welche Meinung legitim ist.

Gewürzt wurden viele der Beiträge mit Klischees aus dem Repertoire des klassischen Antisemitismus im Stil der »Protokolle der Weisen von Zion«, etwa über die für Romney angeblich so wichtigen »jüdischen Stimmen«, um die er »buhle« und die »jüdischen Geldgeber«, die seinen Wahlkampf finanzierten. Die Leute, die so etwas schreiben, tun gerade so, als wäre Israel in den USA nicht über Partei- und Konfessionsgrenzen hinaus und gerade bei Christen populär und als hätte Mitt Romney nur deshalb eine bestimmte Meinung zu Israel und Jerusalem, weil es geheime Judenbünde gebe, die ihn gekauft hätten – was ja im Umkehrschluss bedeuten würde, dass er ohne die »jüdischen Geldgeber« ganz andere Positionen verträte!

Es würde ein wenig beruhigen, wenn man sagen könnte, dass all dies dem Sommerloch (das man im Englischen übrigens silly season nennt) geschuldet ist. Aber es ist viel schlimmer und hört so schnell nicht wieder auf: Es handelt sich um eine verbreitete Geisteskrankheit, zu deren Symptomen der Hass auf Israel und die immer niedrigeren journalistischen Standards gehören; diese Krankheit beschränkt sich aber nicht auf diese beiden Punkte. Unlängst veröffentlichte Spiegel online einen Artikel über Frauenrechte in Deutschland und Pakistan – »Emanzipation und Feminismus: Was der Westen von Pakistan lernen kann«. Der Vergleich fiel zugunsten der islamischen Steinigungsrepublik aus: »Pakistan ist das Land der Taliban, wo die Rechte der Frauen mit Füßen getreten werden? Mitnichten. Denn dort ist die Frauenbewegung weiter als hier in Deutschland.« Spiegel online-Autorin Hani Yousuf erklärt auch, dass man nicht alle Taliban über einen Kamm scheren dürfe. Und »das Einzige«, was ihr zu den Frauen in Afghanistan einfällt, ist, dass sie alle »sehr gut gekleidet« seien.

* Stefan Frank ist freier Journalist und Autor des Buches »Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise« (2009). Im September erscheint sein neues Buch »Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos«.

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