Undank ist der Welten Lohn

Wir machten uns die Losungen des palästinensischen Befreiungskampfes zu Eigen und setzten uns darüber hinweg, dass unsere Geschichte eine vorbehaltlose Parteinahme ausschloss. Wir interpretierten den [israelisch-palästinensischen] Konflikt mit den Kategorien eines an Vietnam geschulten Antiimperialismus, mit denen er nicht zu ermessen war. Wir sahen Israel nicht mehr aus der Perspektive des nazistischen Vernichtungsprogramms, sondern nur noch aus dem Blickwinkel seiner Siedlungsgeschichte: Israel galt uns als Agent und Vorposten des westlichen Imperialismus mitten in der arabischen Welt, nicht aber als Ort der Zuflucht für die Überlebenden und Davongekommenen, der eine Notwendigkeit ist, solange eine neuerliche Massenvernichtung als Möglichkeit von niemandem ausgeschlossen werden kann, solange also der Antisemitismus als historisches und soziales Faktum fortlebt.
(Revolutionäre Zellen: Gerd Albartus ist tot, Dezember 1991).

Nachdem Gerd Albartus im Dezember 1987 vor ein palästinensisches Tribunal unter der Führung des Terroristen „Carlos“ gestellt und anschließend wegen „Verrats“ hingerichtet worden war, dauerte es geschlagene vier Jahre, bis sich seine vormalige Gruppe, die „Revolutionären Zellen“ (RZ), in einer langatmigen und umständlichen Erklärung endlich zu diesem Fememord äußerte. In dieser Stellungnahme finden sich allerlei Rechtfertigungen für das eigene Tun; dennoch unterschied sie sich insoweit von den seinerzeit üblichen Verlautbarungen antizionistischer linksradikaler Desperados, als dort auch Sätze wie die eingangs zitierten zu lesen waren. Inmitten erneuter kläglicher Versuche, die Terroraktivitäten der RZ gegen Israel zu verteidigen oder doch zumindest als verständlich darzustellen, schimmerte in dem Statement wenigstens so etwas wie ein schlechtes Gewissen durch, insbesondere wegen der Geschehnisse im Zuge der Entführung einer Air-France-Maschine im Juni und Juli 1976. Deutsche und palästinensische Terroristen hatten damals auf dem Flughafen von Entebbe die jüdischen Passagiere von den nichtjüdischen selektiert, bevor israelische Spezialkräfte die Geiselnahme beendeten.

Flugzeugentführungen zum Zwecke der Erpressung des jüdischen Staates sind mittlerweile aus der Mode gekommen; heute setzt man ganz auf die vermeintlich humanitäre Karte und organisiert „Friedensflotten“, die vor allem mit als „Hilfsgüter“ getarntem, wertlosem Schrott beladen werden, weil sie in erster Linie dazu dienen, möglichst effektiv ein paar als Friedensaktivisten getarnte „Märtyrer“ zu produzieren, um eine Etappe im (Propaganda-) Krieg gegen Israel zu gewinnen. Weiterhin Bestand hat hingegen die Kooperation europäischer Antisemiten mit palästinensischen Judenmörderbanden – sowie die Neigung der Letztgenannten, einzelnen Mitstreitern aus dem Abendland für deren langjährigen Einsatz auf ganz spezielle Art und Weise – um nicht zu sagen: nach Landessitte – zu danken. Zuletzt musste der Italiener Vittorio Arrigoni erfahren, dass die Solidarität mit der „palästinensischen Sache“ tödlich enden kann – und das nicht etwa wegen eines Militärschlags der israelischen Luftwaffe, sondern weil eine Gruppe von palästinensischen Salafisten ihn erst entführte und dann exekutierte.

Da half es dem vorgeblichen „Friedensaktivisten“ des International Solidarity Movement (ISM) auch nicht, dass er vom Hamas-Führer Ismail Haniya vor drei Jahren einen palästinensischen Pass überreicht bekommen hatte (Foto oben) und in Sachen antiisraelische Agitation und Propaganda stets vorneweg marschiert war. Denn seinen Mördern war und ist die Hamas noch zu sanftmütig, was demzufolge keinen Gegensatz, sondern nichts weiter als ein Konkurrenzverhältnis in Bezug auf die Frage markiert, wie „Palästina“ am schnellsten und effektivsten judenrein zu machen ist. Wie Gerd Albartus – der nicht zuletzt durch einen Anschlag auf ein Kino, in dem ein Film über die israelische Befreiungsaktion in Entebbe gezeigt wurde, sein Einverständnis mit der judenfeindlichen Terroraktion der RZ bekundet und seinen späteren Mörder als „Genossen Carlos“ bezeichnet hatte – fiel auch Vittorio Arrigoni palästinensischen Herrenmenschen zum Opfer, die bei aller grundsätzlichen Einigkeit in puncto Judenhass eben noch ein bisschen radikaler zu Werke gingen respektive gehen als ihre europäischen Bündnispartner.

Doch anders als die „Revolutionären Zellen“ denken die heutigen „Israelkritiker“ auf Seiten der Linken gar nicht daran, wenigstens kurz innezuhalten oder gar so etwas wie Selbstkritik zu formulieren. Niema Movassat etwa, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, wusste sofort, wer der eigentliche Schuldige an Arrigonis Tod ist: „Es ist tragisch, dass die gewaltsame israelische Besatzung und die Blockade Gazas sowie die politische Spaltung der PalästinenserInnen dazu führen, dass Gruppen gestärkt werden, die mit brutaler Gewalt gegen die palästinische Gesellschaft und die Solidaritätsbewegung vorgehen“, ließ er gemeinsam mit seiner Parteikollegin Inge Höger unverzüglich in einer Pressemitteilung verlautbaren. „Diese Gruppen“, heißt es dort wider alle Evidenz weiter, „haben keinerlei Rückhalt in der palästinensischen Gesellschaft und verschlimmern die ohnehin schon unerträgliche Situation in Gaza weiter. Sie missbrauchen die palästinensische Sache, um ihre eigenen reaktionären Ziele voranzutreiben, und am Ende profitiert einzig die Besatzungsmacht von solchen Verbrechen.“ Merke: Wenn Palästinenser morden, sind sie niemals selbst dafür verantwortlich zu machen (und erst recht keine Antisemiten); alles, was sie tun, ist entweder ein berechtigter Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik oder resultiert zumindest irgendwie aus dieser. Und so wird aus Vittorio Arrigoni doch noch der gewünschte „Märtyrer“.

Inge Höger – ebenfalls für die Linkspartei im Parlament und zudem vor knapp einem Jahr an Bord der Mavi Marmara – kann sich sogar vorstellen, dass Israel für die Ermordung Arragonis (und darüber hinaus auch für den Tod des israelischen Palästina-Aktivisten Juliano Mer-Khamis, der kürzlich von einem Palästinenser erschossen wurde) direkt verantwortlich ist. „Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Wer profitiert von diesen furchtbaren Verbrechen?“, ließ sie in einer Erklärung* wissen, um sogleich die Antwort zu geben: „Zum einen sind nun zwei der für Israel ‚gefährlichsten’, weil engagiertesten, bekanntesten und renommiertesten Aktivisten ausgeschaltet. Die Morde an Vittorio und Juliano könnten außerdem ein Mittel sein, um der internationalen Solidaritätsbewegung einen empfindlichen Schlag zu versetzen – gerade angesichts der bevorstehenden zweiten Flotilla.“ Bisher wisse jedenfalls niemand, was genau geschehen sei, „und so lange dies der Fall ist, sollte man zumindest nichts ausschließen“, fuhr Höger fort. In der Vergangenheit seien „viele Angriffe unter falscher Flagge“ zu verzeichnen gewesen, „und gerade in den palästinensischen Gebieten gibt es immer wieder Fälle von Kollaboration von Palästinensern mit Israel bei der Ermordung von Palästinensern – für Geld, für einen neuen Ausweis, für eine Ausreisegenehmigung“. Was also „auf den ersten Blick nur wie eine Verschwörungstheorie klingen mag, hat auf den zweiten Blick durchaus eine gewisse Berechtigung“, fand sie.

Und das fand – Überraschung! – auch die Hamas, jene Terrortruppe also, zu deren Unterstützung Höger angetreten ist. Womöglich fungiert sie sogar offiziell als deutsche Pressesprecherin der Gotteskriegerpartei (ohne Bezahlung, versteht sich – denn deutsch zu sein heißt immer noch, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun); schließlich kommt es gerade in den palästinensischen Gebieten immer wieder zur Kollaboration von Palästinensern mit europäischen „Friedensaktivisten“ zum Zwecke der Endlösung der Nahostfrage. Was also auf den ersten Blick wie eine Verschwörungstheorie klingen mag, hat auf den zweiten Blick durchaus eine gewisse Berechtigung. Und solange niemand weiß, unter wessen Flagge Frau Höger so alles angreift, sollte man zumindest nichts ausschließen, sondern ihr nur eine freundliche Warnung zukommen lassen: Undank ist bekanntlich der Welten Lohn.

* Update 27. April 2011: Inge Höger hat ihre Stellungnahme inzwischen von ihrer Website entfernt. Im Google-Cache findet sich der Text jedoch noch; außerdem ist hier ein Screenshot.

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