Einen Schweden einen Schweden nennen


Ein Gedankenspiel des niederländischen Schriftstellers Leon de Winter, zuerst veröffentlicht auf Pajamas Media und – mit freundlicher Genehmigung des Autors – für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt von Stefan Frank.


VON LEON DE WINTER


Stellen Sie sich einmal ein alternatives Universum vor, in dem die Wahrnehmung etwas verändert ist, um eine andere Wirklichkeit widerzuspiegeln. In diesem Universum sind Terroristen Skandinavier – Schweden, um genau zu sein. Wir sollten nicht verallgemeinern, denn es ist klar, dass nicht alle Schweden Terroristen sind. Aber alle Terroristen sind Schweden. Diese Radikalen haben die schöne nordische Religion des Friedens zu einer Ideologie des Hasses pervertiert. Die Tatsachen zeigen deutlich, dass Männer, die versuchen, Bomben in Flugzeuge zu schmuggeln, blondes Haar und blaue Augen haben, zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, an den höchsten Gott Odin glauben und Namen wie Ingmar Johansson tragen. Sie sprechen komisch, lieben Smörgåsbord, eine traditionelle nordische Speise mit viel rohem Fisch, und alle Schweden können Alkohol in einer Menge trinken, die sechs Rentiere in drei Minuten umbringen würde.

Wie stellen wir sicher, dass diese mit Bomben beladenen Schweden nicht an Bord unserer Flugzeuge gelangen? Wie können wir diese radikalen nordischen Terroristen erkennen? Sollten wir dunkelhaarige Asiaten überprüfen, die Honda heißen? Italiener namens Ferrari? Wäre es akzeptabel, Schweden herauszugreifen, die mit dem Flugzeug reisen möchten? Oder sollten wir, um die Empfindlichkeit der Schweden nicht zu verletzen, grundsätzlich jede Person mit einem Flugticket überprüfen und dabei insbesondere ihren Intimbereich durchsuchen? Schließlich lieben es die Schweden, ihre Bomben in der Unterwäsche zu tragen, also tragen Nichtschweden ebenfalls Bomben in ihrer Unterwäsche, richtig?

Es mag lächerlich klingen, aber es gibt keinen Grund, den Intimbereich eines dreijährigen Mädchens mit Teddybär zu untersuchen, wenn wir wissen, dass ihr Nachname Martinez ist. Ist nicht also die Überprüfung jedes einzelnen Fluggastes eine furchtbare Verschwendung von Geld und Zeit? Ja, das ist es. Aber es gibt dafür eine vernünftige Erklärung: Wir machen aus jedem Fluggast einen Verdächtigen, weil wir uns nicht auf unsere Kerngruppe der Verdächtigen, die Schweden, konzentrieren können, obwohl sie sich als willens gezeigt haben, sich in unseren Flugzeugen in die Luft zu sprengen. Ja, ja, ich weiß – nicht alle Schweden sind Terroristen. Wir sprechen von einer winzigen Gruppe von potenziellen Killern. Das Problem ist, dass sie alle Schweden und Anhänger des Gottes Odin sind. Ich kann nichts daran ändern, dass sie ihre wundervolle Religion pervertiert haben und uns abgrundtief hassen.

Wenn wir also wissen, dass einige Schweden wirklich versuchen, uns umzubringen, ergibt es dann tatsächlich einen Sinn, deutsche Reisende zu untersuchen? Weltweit überprüfen wir jeden Tag Millionen von Passagieren jeder Abstammung und Hautfarbe, jedes Alters und beiderlei Geschlechts, während wir im Wesentlichen nach jungen männlichen Schweden suchen, die Johannson heißen und Odinisten sind. Wir trauen uns aber nicht, die Gefahr offen zu definieren. Es könnte die Schweden verärgern, und sie sind ein ziemlich gewalttätiger Haufen von Leuten, die es nicht mögen, als Terroristen herausgestellt zu werden. Wenn wir sie Terroristen nennen, könnten sie versuchen, uns wehzutun. Sie wollen nicht, dass wir ihre nordische Religion beleidigen, die schließlich eine Religion des Friedens ist – bis jemand sie beleidigt.

Um also diesen einen radikalen, groß gewachsenen, blonden, blauäugigen Vorboten des Bösen zu finden, überprüfen wir jedes menschliche Wesen des Planeten, das es wagt, an Bord eines Flugzeuges zu gehen. Das ist der Grund, weshalb das Besteigen eines Flugzeuges zu einem Spektakel der Erniedrigung, Verwirrung und Schamlosigkeit geworden ist. Wir erlauben es uns nicht, die Schweden genauer unter die Lupe zu nehmen, um die Bösen unter ihnen zu finden. Warum können wir das nicht tun? Weil wir der Idee verhaftet sind, dass es ein bloßer Zufall ist, dass alle Terroristen Schweden sind. Das ist zwar Unsinn, aber die Idee kommt uns korrekt vor. Wir geben vor: Sie könnten aus Chile kommen. Oder aus Delaware. In dem Augenblick, wo wir sagen, dass alle Terroristen Odinisten sind, schieben wir Odin, dem höchsten nordischen Gott, die Schuld zu. Wir sagen: Wenn alle Terroristen Odinisten sind, dann könnte mit Odin selbst etwas falsch sein. Das sollten wir nicht tun.

Indem wir nicht blonde, blauäugige, junge, männliche Schweden namens Johansson herausstellen, können wir die Vorstellung aufrecht erhalten, dass es nicht Odin ist, der schwedische Terroristen in einen genozidalen Furor versetzt, sondern eher der amerikanische Imperialismus oder der jüdische Zionismus oder der Mangel an einer schwedischen Ausgabe des „Hustler“-Magazins. Eine evangelisch-lutherische Oma aus Wyoming könnte ebenfalls eine Terroristin sein, sagen wir, wenn ihr Intimbereich untersucht oder sie in eine Strahlenkabine gesteckt wird. Noch nie wurde im Intimbereich einer lutherischen Oma aus Wyoming eine Bombe gefunden, aber darum geht es dabei nicht.

Es ist ein Ritual. Es bedeutet: Wir reden nicht von Odin. Wir reden nicht von gewalttätigen, jungen, männlichen, schwedischen Odinisten. Wir reden nicht über die Tatsache, dass alle Terroristen Schweden sind. Wir geben lieber vor, dass alle Menschen Terroristen sind. Wenn also ein Angestellter der Flughafenkontrolle Ihren Intimbereich berührt oder Sie in einer Strahlenkabine stehen, denken Sie an Odin und an all die nicht-terroristischen Schweden, die nicht an die brutale Tatsache erinnert werden möchten, dass „Odin ist groß“ die letzten Worte sind, die schwedische Terroristen brummeln, bevor sie explodieren.

All dies passiert, weil die Schweden wollen, dass wir über die hässliche Wahrheit des schwedischen Terrorismus schweigen – darum wird unser Intimbereich abgetastet, wenn wir an Bord eines Flugzeuges gehen.

Ein gutes Gefühl, nicht wahr?

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog Het Vrije Volk: Een Zweed een Zweed noemen.



Update 26. November 2010: Leon de Winters Beitrag hat einige harsche Reaktionen ausgelöst, sowohl auf Facebook als auch in verschiedenen E-Mails und nicht zuletzt in der Kommentarspalte von Udo Vetters law blog. Manche fanden, der Autor unterschlage die Tatsache, dass auch Nichtschweden zum „Odinismus“ konvertieren können (und dass es in der Geschichte genügend Terroranschläge gegeben habe, die nicht „odinistisch“ motiviert gewesen seien); andere hielten de Winters Ausführungen schlicht für rassistisch und populistisch. Womöglich war es falsch, nicht auf den unmittelbaren Kontext des Gedankenspiels hinzuweisen – etwa im Vorspann –, sondern ihn einfach vorauszusetzen. Die Kontextualisierung sei daher nachgeholt, und zwar in diesem Follow-up: Alles Odinisten, oder was?

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