Pallywood revisited

International hat der Vorfall vielfach Beachtung gefunden, in Deutschland war er eher eine Randnotiz, wenngleich eine bezeichnende. „Jüdischer Siedler fährt palästinensische Jungen in Ost-Jerusalem an“, lautete die Überschrift einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP, und der Stern brachte auf seiner Internetseite eine Fotostrecke des Vorfalls, die wie folgt kommentiert wurde:

Es sind Bilder, die die ganze Verrohung des Lebens im Nahen Osten zeigen. In Jerusalem bewerfen junge, maskierte Palästinenser einen israelischen Autofahrer mit Steinen. Und was ist dessen Reaktion? Er fährt die Jungen, die augenscheinlich kaum älter als 14 Jahre sein dürften, über den Haufen. Der Mann im Auto bremst zwar ab, das Entsetzen bei den Einwohnern von Silwan, einem vor allem von Arabern bewohnten Stadtteil Jerusalems, ist dennoch groß. Anlass für die Attacke der jugendlichen Steinewerfer war anscheinend, dass die israelische Armee am Morgen zwei Hamas-Führer im Westjordanland getötet hatte. Und so dreht sich die Gewaltspirale im Nahen Osten immer weiter. In diesem Fall gab es glücklicherweise keine Toten. Beide angefahrenen Jungen mussten jedoch laut der israelischen Zeitung Haaretz ins Krankenhaus gebracht werden. Einer sei nur leicht verletzt worden, der andere habe Verletzungen an Brustkorb und Unterleib erlitten. Der Fahrer des Wagens erklärte dem Blatt zufolge, er sei mit seinem Sohn in dem Auto gewesen und habe aus Angst um ihrer beider Leben versucht, irgendwie zu entkommen und dabei ohne Absicht die Kinder angefahren.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich hinter der vermeintlichen Äquidistanz gegenüber den Konflikt- respektive Kriegsparteien die Parteinahme für die palästinensische Seite und gegen Israel verbirgt. Phrasen wie „die Verrohung des Lebens im Nahen Osten“ und Begriffe wie die unvermeidliche „Gewaltspirale“ sollen vordergründig anzeigen, dass da unten irgendwie alle gleichermaßen Dreck am Stecken und außerdem eine gepflegte Vollmeise haben. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung – das heißt: zwischen palästinensischem Terror und israelischer Selbstverteidigung – wird dabei rundweg geleugnet; die Ereignisse im jüdischen Staat und in den palästinensischen Gebieten verschwimmen zu einem zähen, übelriechenden Brei, dessen Zutaten man nicht kennen will. Und doch ist die Schuldzuweisung an Israel unschwer herauszulesen: Ein paar Kinder werfen Steine – das findet man zwar nicht schön, aber irgendwo auch halb so wild –, und ein Israeli nimmt die Gören einfach mal brutal auf die Hörner. (Man kennt das ja bereits von der israelischen Armee, die wegen ein paar im Grunde völlig harmloser Raketchen gleich den ganzen Gazastreifen tiefer legt.) Das Gerücht, die Steine seien wegen der Tötung zweier Hamas-Führer geworfen worden, darf selbstverständlich auch nicht fehlen, denn auf diese Weise wird die Attacke der Kinder rationalisiert und faktisch entschuldigt. Zum Schluss wird deutlich gemacht: Die Opfer sind zwei (verletzte) palästinensische Buben, der Täter ist ein (unverletzter) Israeli, dessen Erklärung durch das zuvor im Text Formulierte wie eine schlechte Ausrede wirkt.

Es bedarf keiner sonderlichen Recherchefähigkeiten, um die Version des Stern als wenig wirklichkeitsnah zu qualifizieren. Wer sich die Videoaufnahmen von den Geschehnissen in Silwan sorgfältig ansieht, wird feststellen, dass der Fahrer des Autos gebremst, gehupt und auszuweichen versucht hat, während zwei der Steine werfenden Jungen ohne jedes Zögern frontal auf seinen Wagen zuliefen (Screenshot oben). Mit anderen Worten: Der Mann am Steuer hatte keine andere Chance, als so zu handeln, wie er gehandelt hat – denn die Alternative wäre gewesen, anzuhalten und sich steinigen zu lassen. Doch noch etwas anderes an dem Video fällt auf, nämlich die erkleckliche Zahl an Menschen – sechs oder sieben – mit einer Kamera in der Hand. Laut der Publizistin Caroline Glick handelte es sich dabei um Fotografen europäischer Medien und des linken israelischen Webportals Walla; außerdem sei mindestens ein Angehöriger des arabischen Wadi Hilweh Information Center zugegen gewesen. Sie alle müsse man, so Glick, als „Mitglieder der Angreifertruppe“ betrachten: Den Kindern sei die Rolle zugekommen, den Fahrer durch die Steinwürfe dazu zu provozieren, sie zu verletzen oder gar zu töten; die Fotografen sollten diese Vorgänge dann aufnehmen und verbreiten. Glick spricht von einem inszenierten „Selbstmordprotest“ und weist auf die Ähnlichkeiten zum Vorgehen der „Free Gaza“-Flotte hin. Auch deren Ziel war es, möglichst schaurige Bilder zu erwirken, um Israel zu diskreditieren, zu dämonisieren und zu delegitimieren.

Es dürfte darüber hinaus kaum ein Zufall sein, dass gerade dieses Auto attackiert wurde. Denn am Lenkrad saß David Be’eri, der Mitbegründer und Leiter der Ir David Foundation. Diese Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, die jüdische Verbindung zu Jerusalem zu intensivieren, insbesondere in der City of David, dem ältesten Viertel der Stadt, das heute zum überwiegend von Arabern bewohnten Silwan gehört und durch seine überaus ansprechend präsentierten archäologischen Schätze eine der beliebtesten Touristenattraktionen Israels ist. Für etliche Medien ist Be’eri jedoch bloß ein „jüdischer Siedler“ mit entsprechend sinistren Absichten, weshalb eine Schlagzeile wie die eingangs erwähnte von AFP letztlich bereits die gesamte Botschaft transportiert: „Jüdischer Siedler fährt palästinensische Jungen in Ost-Jerusalem an“ – damit ist schon alles gesagt, und die Bilder sollen nur noch untermauern, was ohnehin längst jeder weiß. Dass sich die Wirklichkeit doch erheblich anders darstellt und das Ereignis inklusive seiner medialen Vor- und Aufbereitung von vorne bis hinten nichts anderes als das neueste Pallywood-Produkt ist, erfährt nur, wer bereit ist, das vermeintlich Eindeutige in Zweifel zu ziehen und entsprechende Nachforschungen anzustellen.

Bemerkenswert ist übrigens auch, was geschah, nachdem die beiden Kinder infolge ihres Angriffs angefahren wurden: Um sie kümmerte sich zunächst niemand; stattdessen wurden, wie das Video zeigt, weitere Steine auf das Fahrzeug geworfen und Fotos geschossen. Als einer der beiden Jungen schließlich in ein Auto verfrachtet wurde, ging das derart rabiat vonstatten, dass man weitere Verletzungen befürchten musste. Wie hatte es Golda Meir einst formuliert? „Frieden wird es geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.“ Wohl wahr.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog Loor Schrijft: Pallywood revisited.

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