• Home
  • Über Liza

Feeds:
Artikel
« Rosen für den Staatsanwalt
„Israel ist eine Art Wundergesellschaft“ »

Jägerlatein

6. Mai 2010 von Lizas Welt

Man kann über Lorenz Jäger vieles sagen, aber ganz gewiss nicht, dass er nicht jederzeit für eine rabulistische Performance gut ist. In seinem Stammblatt, das sich völlig zu Recht Zeitung für Deutschland nennt, hat sich der Diplom-Soziologe just gestern mit einem Kommentar zum neuesten Werk des dänischen Künstlerduos Surrend verewigt. Dieses Werk (Foto oben) – das in verschiedenen Berliner Stadtteilen verklebt wurde – ist ein Plakat, das balkendick mit der Überschrift „Endlösung“ aufmacht und darunter einen Landkartenausschnitt zeigt, auf dem Israel nicht mehr existiert, sondern einem Staat namens „Ramallah“ gewichen ist. Jäger sieht darin eine „Satire gegen Israelkritiker“ und glaubt: „Wer die Aktionen von ‚Surrend’ kennt, müsste wissen, was diesmal die Absicht war. Nämlich: nicht irgendeine Attacke auf das Existenzrecht Israels.“ Ganz im Gegenteil solle „offenbar der Kritik an bestimmten Formen der israelischen Politik durch Konsequenzmacherei der Boden entzogen werden, durch den Gestus: Schaut her, dahin wird es kommen“. Durch das Wort „Endlösung“ werde dabei „infamerweise suggeriert, dass eben hierin die wahre, aber verschwiegene Absicht der Israel-Kritiker liege“.

Es ist immer wieder erhellend zu beobachten, wie eine „israelkritische“ Gesinnung zwangsläufig dazu führt, die Wirklichkeit nur noch selektiv wahrzunehmen, um es freundlich auszudrücken. Denn der FAZ-Mann wusste selbstverständlich, was Jan Egesborg, die eine Hälfte des Surrend-Teams, zu seiner Kreation auszuführen hatte: „Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen. Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet, aber es war ein historischer Fehler, Israel zu gründen. Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde. Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.“

Ohne diese Stellungnahme wäre die Mutmaßung, dass Surrend auf die Konsequenzen der „Israelkritik“ hinweisen wollte, durchaus zulässig gewesen – nicht zuletzt deshalb, weil Egesborg und seine Partnerin Pia Bertelsen sich in der Vergangenheit mehrmals mit islamkritischen Aktionen hervorgetan haben. Doch nach Egesborgs Äußerungen – die keineswegs sarkastisch gemeint waren – gibt es keinen Interpretationsspielraum mehr: Die Künstler „reden wie Ahmadinedjad“, brachte es Shimon Samuels, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Paris, auf den Punkt. Sie haben den jüdischen Staat gewissermaßen „künstlerisch von der Landkarte getilgt“, wie es Benjamin Weinthal im Tagesspiegel formulierte, und dass sie ihren Vorschlag für eine Endlösung der Nahostfrage unbedingt „gerade im deutschen Kontext“ unterbreiten wollten, rundet das Ganze erst richtig ab. Insofern hat Surrend tatsächlich die Konsequenzen der Israelfeindschaft deutlich gemacht und ihren antisemitischen Kern freigelegt – wenn auch gänzlich ungewollt.

Dass Lorenz Jäger seinen Lesern Egeborgs Statement unterschlägt, dürfte deshalb kein Zufall sein. Nur so konnte er seine abwegige These, das Plakat sei in Wahrheit eine pro-israelische Intervention, überhaupt erst aufstellen. Per E-Mail um eine Auflösung des eklatanten Widerspruchs zwischen der Aussage des Surrend-Künstlers und der Deutung des Plakats in der FAZ gebeten, verwies Jäger zunächst lediglich auf einen Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger („Vielleicht überzeugt Sie dieser Beitrag mehr“), um auf die erneute Bitte um eine inhaltliche Antwort schließlich mit einem persönlichen Angriff zu reagieren: „Ich finde es viel passender, wenn Sie bei Ihrer Ansicht bleiben – sie ist Ihrem Horizont und Ihrem Schaffen irgendwie angemessen.“ Selten hat ein Redakteur einer führenden deutschen Tageszeitung einen so freimütigen Einblick in seine journalistischen wie charakterlichen Prädispositionen gegeben.

Überraschend ist das gleichwohl nicht, wenn man auf Jägers Horizont und Schaffen (um in seiner eigenen Terminologie zu bleiben) einen genaueren Blick wirft: Seine Adorno-Biografie ist ein Verriss der Kritischen Theorie, für seinen Artikel zur antisemitischen Pius-Bruderschaft wurde er von der Jungen Freiheit gelobt, er verteidigte Norman Finkelsteins Buch „Die Holocaust-Industrie“, ist ein Anhänger von Ernst Nolte und handelte sich für seine Kulturgeschichte des Hakenkreuzes vom Historiker Bernd Buchner den Vorwurf ein, „eine Hakenkreuz-Apologie“ verfasst zu haben. Darüber hinaus ist Jäger mit kruden Ausführungen zur angeblichen Macht der „Israel-Lobby“ in Erscheinung getreten und hat den französischen Intellektuellen André Glucksmann und Bernard-Henry Levy allen Ernstes vorgeworfen, mit ihrer Kritik an der russischen Politik bloß die Interessen des jüdischen Staates zu vertreten. Kurzum: Lorenz Jäger ist ein antiisraelischer Überzeugungstäter – und auch das ist noch zurückhaltend geurteilt.

Ein Wort noch zum Plakat von Surrend: An Walter Herrmanns „Klagemauer“ in Köln wäre es fraglos gut aufgehoben, zumal Egesborg und Bertelsen nicht befürchten müssten, dafür rechtlich belangt zu werden. Denn die Staatsanwaltschaft in der Domstadt würde es ohne Zweifel als „legitime Israelkritik“ betrachten, schließlich zeigt es keine „bestimmten anatomischen Stereotypen, die den Juden schlechthin charakterisieren sollen“. Und wenn alle Stricke reißen, dann geht die Überschrift „Endlösung“ samt ihrer künstlerisch-kartografischen Umsetzung eben als „judenkritisch“ durch. Mark my words.

-—-—-—-—-—-—-—-—-—-

Update 8. Mai 2010: Es sei doch alles ganz anders gemeint gewesen, rechtfertigt sich Jan Egesborg in der taz – und bestätigt schließlich genau das, was er zu widerlegen glaubt: „Wer in Deutschland Israel kritisiert, wird häufig umgehend und reflexhaft als Antisemit oder Holocaustleugner angegriffen“, glaubt er, weshalb Surrend mit seinem Werk eine Botschaft, „so spitz wie eine Nadel“, habe übermitteln wollen: „Die Plakatüberschrift ‚Endlösung’ haben wir sorgsam ausgewählt, denn der Begriff ist in Deutschland ein Tabuwort. Wird es in ein Bild von einer Landkarte integriert, aus der Israel gelöscht und durch ‚Ramallah’ ersetzt wurde, dann haben wir hier einen Klassiker zwecks Demaskierung der öffentlichen Meinung. Diese wird die Macher unmittelbar als Antisemiten brandmarken, ohne auch nur einmal deren Hintergrund zu überprüfen.“

Sollte sich Egesborg mit der öffentlichen Meinung hierzulande tatsächlich ernsthaft auseinandergesetzt haben, dann müsste er wissen, dass die „Israelkritik“ für die erdrückende Mehrheit der Deutschen eine Herzensangelegenheit ist und Surrend mit seiner spitzen Nadel nur die kleine Minderheit der Israelfreunde getroffen hat, die nach Kräften vor einer Endlösung der Nahostfrage warnt, wie sie auf dem Plakat dargestellt ist. Wenn er trotzdem das Gegenteil behauptet, reiht er sich ein in die Phalanx derjenigen, die in paranoider Verkennung der Wirklichkeit glauben, ein pro-israelisches Meinungskartell dominiere die deutsche Nahostdebatte. Mit ihrem vermeintlichen Tabubruch haben die dänischen Künstler lediglich sich selbst demaskiert – und sich als konformistische Rebellen zu erkennen gegeben, die exakt auf einer Linie mit vierschrötigen Israelfeinden wie Lorenz Jäger liegen.

Teilen Sie dies mit:

  • Facebook
  • Twitter
  • E-Mail

Veröffentlicht in Politik | Getaggt mit Antisemitismus, Lorenz Jäger, Surrend |

  • neuzugänge

    • Der Vatermord der Grassdeutschen
    • Advocatus Grassi
    • »Bewegungskunst« und ihre »Lösungen« (II)
    • Was gesagt werden muss
    • »Bewegungskunst« und ihre »Lösungen« (I)
    • Kein Antisemitismus, nirgends
    • (Fast) in seinen eigenen Worten
    • Loriotesk!
  • trainingsgelände

    Lizas Logbuch bei Tumblr

  • RSS gästeblock

    • • Klaus Bittermann: Ein deutscher Maulheld
    • • Nichtidentisches: Deutscher Beef
    • • Interview mit Marcel Reich-Ranicki: »Es ist ein ekelhaftes Gedicht«
    • • Gerd Buurmann: Der neue Grassismus
    • • Jan Fleischhauer: Schuldverschiebung eines Rechthabers
    • • Josef Joffe: Der Antisemitismus will raus
    • • Tobias Kaufmann: Letzte Tinte, reines Gift
    • • Malte Lehming: Günter Grass – ein Kreis schließt sich
  • support

    Aktion Libero

  • die kurve

    Lizas Welt bei Facebook

  • stadionzeitung

    Lizas Welt bei SPOX

  • klatsch und tratsch

    Lizas Welt bei Twitter

  • tagesordnung

    • Fußball
    • Gastbeiträge
    • Politik
    • Verschiedenes
  • saisonziel

    Free Iran Now!

  • die stamm-elf

    • Böss in Berlin
    • Instant Coffee
    • Reflexion
    • Spielverlagerung
    • Spirit of Entebbe
    • Tapfer im Nirgendwo
    • Trainer Baade
    • tw_24:blog
    • Verbrochenes
    • WADI-Blog
    • Zum Blonden Engel

  • bandenwerbung

    Der Kleine Samstag

    Edition Critic

    Jungle World

    Achse des Guten

    Darvins Illustrierte

    Tilman Tarach

  • polit-prominenz

    • Antifa 3D Duisburg
    • Bahamas
    • Beatpunk Webzine
    • Berliton
    • Bonjour Tristesse
    • Botschaft des Staates Israel
    • Bündnis gegen Antisemitismus Leipzig
    • Café Critique
    • Caroline Glick
    • CEE IEH
    • Clemens Heni
    • Clemens Wergin
    • Commentary Magazine
    • Contentions
    • Eye on the UN
    • Gedenkstätte Auschwitz
    • Georg-Weerth-Gesellschaft Köln
    • Gerhard Scheit
    • Hamburger Studienbibliothek
    • haOlam
    • Henryk M. Broder
    • Honestly Concerned
    • Initiative Sozialistisches Forum
    • Jerusalem Zentrum
    • Jewish Virtual Library
    • Die Jüdische
    • Kritiknetz
    • Martin Blumentritt
    • Matthias Küntzel
    • Medienbeobachtungsstelle Naher Osten
    • MEMRI
    • Michael Totten
    • Mideast Freedom Forum Berlin
    • NGO Monitor
    • Ölbaum Verlag
    • Palestinian Media Watch
    • Prodomo
    • Prozionistische Linke
    • Richard Herzinger
    • Rote Ruhr Uni
    • Samuel Salzborn
    • Tobias Jaecker
    • Tobias Kaufmann
    • UN-Watch
    • Yaacov Lozowick
    • WADI
    • War in Israel

  • fussball-prominenz

    • Bixente Lizarazu
    • Angedacht
    • Arsenal Football Club
    • Ballsportartisten
    • Bayern Report
    • Baziblogger
    • Bristol Rovers
    • Direkter Freistoß
    • Fabulous Sankt Pauli
    • FC Bayern München
    • Fehlpass
    • Freitagsspiel
    • Fritten, Fussball & Bier
    • Indirekter Freistoß
    • Laughing Ball
    • Maccabi Tel Aviv
    • Makkabi Berlin
    • Martin Krauß
    • Probek
    • Spielbeobachter
    • SportsWire
    • The Turbulent World of Middle East Soccer
    • Tottenham Hotspur F.C.
    • Ultras RB Leipzig
    • Unrund
    • Wembley 1966
    • Zonal Marking

  • blogger-prominenz

    • [a:ka] Göttingen
    • Aktionsbündnis gegen Wutbürger
    • Antibürokratieteam
    • Association Antiallemande Berlin
    • Aufmacher
    • Band of Brothers
    • Beer Sheva
    • Bluthilde
    • Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg
    • Castollux
    • Clarification of fact
    • Classless
    • Δfoxtrot
    • Die Welt ohne uns
    • Endi
    • EuropeNews
    • Fidelches Cosmos
    • Florisdumal
    • Gay West
    • Gegenkritik
    • Gruppe Georg Elser
    • Gruppe Monaco/Verein freier Menschen (AO)
    • Hector Calvelli
    • Heplev
    • Honest Reporting Deutsch
    • I love Graffiti
    • Iran Baham Blog
    • Jennifer Nathalie Pyka
    • Junesixon
    • Kommentar der Woche
    • Letters from Rungholt
    • Lindwurm
    • Nichtidentisches
    • No Blood For Sauerkraut
    • PatschBella
    • Politplatschquatsch
    • Primaverablog
    • Pro Zion NRW
    • Rebelarmycork’s Blog
    • Rheingold
    • Roncesvalles
    • Schlamassel
    • Sendungsbewusstsein
    • Shutdown Köln
    • Si Vis Pacem, Para Bellum
    • Stadtneurotiker
    • Süddeutsche-Watchblog
    • The Dry Bones
    • The Elder of Ziyon
    • The Strange Case of Andre Bloch
    • Thomas M. Eppinger
    • Torsun
    • UnderTakeThisLaw
    • USA erklärt
    • Zeitung für Schland
    • Zettels Raum

  • rahmenprogramm

    • Axel Knappmeyer
    • Crocs
    • Deppenleerzeichen
    • Egotronic
    • Endearment Revolutionary Boygroup
    • Gary Brolsma
    • Jewlarious
    • Katz & Goldt
    • Klaus Kauker
    • Moderne21
    • Six Drummers
    • Stoooopid People
    • Sumpfpost
    • The Best Cigarette
    • Urban Soccer
    • Wir lieben Lebensmittel
    • Zuhause während der digitalen Revolution
    • Zwarwald

  • tradition

    Textsammlung zu 60 Jahren Israel

  • trends und themen

    Alfred Grosser Antisemitismus Champions League Deutschland DFB-Pokal Djihadismus Eike Geisel Fatah FC Bayern Free-Gaza-Flotte Gerd Buurmann Günter Grass Hagen Rether Hamas Henryk M. Broder Homophobie Hugo Chávez IHH Islam Islamophobie Israel Klagemauer Köln Leon de Winter Linksjugend Linkspartei Mahmud Ahmadinedjad Manchester United Mavi Marmara Nationalsozialismus Neonazis Nine-Eleven Norman Paech Norwegen Palästinenser Schalke 04 Schiedsrichter Ulrike Putz Uno USA Weltmeisterschaft Wolfgang Benz Zentrum für Antisemitismusforschung Ägypten Österreich
  • auswärtsspiele

    • Lizas Welt: Waarom Newt Gingrich gelijk heeft (E.J. Bron)

  • • Lizas Welt: De Egyptische patiënt (Artikel 7)

    • Lizas Welt: „De meeste Noorse Joden reageren met angst“ (Amsterdam Post)

    • Lizas Welt: Trouw tot in de dood (Artikel 7)

    • Lizas Welt: Deze verdomde Joden! (Artikel 7)

    • Lizas Welt: Europa’s wapenbroederschap (Artikel 7)

    • Lizas Welt: Een Zweed een Zweed noemen (Het Vrije Volk)

    • Lizas Welt: Pallywood revisited (Loor Schrijft)

    • Lizas Welt: No risk, much fun (Het Vrije Volk)

    • Lizas Welt: De tandpasta van de wijzen van Sion (Artikel 7)

    • Lizas Welt: No pasaran! (Amsterdam Post)

    • Lizas Welt: Mijn vriend, de boom (Loor Schrijft)

    • Lizas Welt: A man with a plan (Artikel 7)

    • Lizas Welt: Дилемата на критиката срещу исляма (Либерален Преглед)

    • Lizas Welt: Durban reloaded (EuropeNews)

    • Lizas Welt: Linkse Israëlische sociologe ontmaskert het Israëlische leger (Het Vrije Volk)

    • Lizas Welt: German Rappers Steeped in Anti-Semitism, Jihad (Pajamas Media)

    • Lizas Welt: Tragicomedy in the Bavarian Alps (American Thinker)

  • heute in hochform

    • Advocatus Grassi
    • Über Liza
    • Der Hass auf die Freiheit
    • Der Vatermord der Grassdeutschen
    • Kein Antisemitismus, nirgends
    • Kabarette sich, wer kann!
    • Recht und Gerechtigkeit
    • Der Jürgen Klopp der deutschen Ideologie
  • saisonrückblick

  • beifall und pfiffe

    E-Mail an Lizas Welt

  • Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, bitte hier die E-Mail-Adresse eingeben:

  • zuschauerzahlen

    Besucherstatistik

    Besucher seit dem 5.8.2010

  • lizenzvergabe

    Creative Commons 3.0

  • Bloggen Sie auf WordPress.com.

    Theme: MistyLook von Sadish.


    Follow

    Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

    Join 104 other followers

    Powered by WordPress.com
    loading Abbrechen
    Beitrag nicht abgeschickt - E-Mail Adresse kontrollieren!
    Email check failed, please try again
    Ihr Blog kann leider keine Artikel per E-Mail sharen.