„Antisemitismus ist immer ein Notfall“

Seit vielen Jahren schon steht mitten auf der Kölner Domplatte die „Klagemauer“, jene 20 Quadratmeter große „antisemitisch-antizionistische Installation, mit der Israel als blutsaugendes und mordendes Monster dämonisiert wird, das nicht nur die Palästinenser misshandelt, sondern auch eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt“, wie Henryk M. Broder einmal treffend befand. Nun hat Gerd Buurmann (33) einen der Verantwortlichen für die „Klagemauer“ wegen Volksverhetzung angezeigt. Lizas Welt sprach mit dem künstlerischen Leiter des Kölner Severins-Burg-Theaters und Betreiber des Weblogs Tapfer im Nirgendwo über seine Gründe für diesen Schritt.


Lizas Welt: Herr Buurmann, Sie haben gegen Walter Herrmann, einen der beiden Macher der Kölner „Klagemauer“, Strafanzeige gestellt. Wie kam es dazu?

Gerd Buurmann: Diese Anti-Wand, wie ich sie nenne, ist mir schon länger ein Dorn im Auge. Durch eine einseitige Darstellung des vermeintlichen oder tatsächlichen Leids der Palästinenser und die Darstellung israelischer Politiker als Kriegsverbrecher verzerrt sie die Realität des Nahostkonflikts und schürt so antisemitische Ressentiments. Bisher habe ich mich aber nur über sie geärgert und nichts Konkretes dagegen unternommen. Ende Januar bin ich dann bei einem Spaziergang durch die Kölner Innenstadt mal wieder über die Wand gestolpert und habe gesehen, dass es auf ihr eine neue Tafel gibt. Darauf ist eine Karikatur zu sehen (Foto oben), die einen Juden zeigt, der mit Messer und Gabel ein kleines palästinensisches Kind zerstückelt, um sich an seinem Fleisch und Blut zu laben. Solche Bilder von kinderfressenden Juden haben damals die Nazis in die Welt gesetzt, um die Vernichtung der Juden zu legitimieren. Da hat es mir endgültig gereicht, und ich habe die Polizei verständigt.

Was hat die Polizei unternommen?

Die Beamten hatten nach meinem Eindruck zunächst überhaupt keine Lust, sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Einer von ihnen meinte zu mir, diese Karikatur könnte doch auch im Spiegel zu finden sein; außerdem sei sie von der Meinungsfreiheit gedeckt. Schließlich wurden die Polizisten aber doch noch kooperativ, machten Fotos von der Tafel und nahmen meine Strafanzeige wegen Volksverhetzung entgegen.

Haben Sie versucht, mit Walter Herrmann ins Gespräch zu kommen?

Das habe ich vor längerer Zeit einmal probiert, aber es war vollkommen sinnlos. Der verfolgt mit seiner Anti-Wand eine regelrechte Mission. Es ist seine tief empfundene Überzeugung, dass Juden genau so sind, wie er sie auf seiner Wand darstellt. Die Strafanzeige ist für mich deshalb der zivilisierte Weg, dieses Problem anzugehen. Denn es kann nicht sein, dass da täglich auf der Kölner Domplatte unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit lupenreiner Antisemitismus verbreitet wird. Die ganze Wand ist eine Zumutung und muss verschwinden. Ein juristischer Weg sollte sich dafür eigentlich finden lassen.

Warum gab es bisher so wenig Protest gegen die „Klagemauer“?

Vertreter der Kölner Synagogengemeinde fordern schon seit Jahren nachdrücklich ein Verbot der Anti-Wand, aber bislang hat sich überhaupt nichts getan. Während sich die Kölner auf der einen Seite „quer stellen“, wenn gegen Muslime Stimmung gemacht wird, zeigen sie auf der anderen Seite eine eiskalte Ignoranz gegenüber Juden, eine Ignoranz, die nur eins bedeuten kann: Juden gehören nicht zu uns! Was Köln seinen muslimischen Bürgern nicht mal einen einzigen Tag lang zumuten würde, mutet es Juden täglich zu. Noch deutlicher kann man gar nicht sagen: Arsch hoch? Zähne auseinander? Nicht für Juden! Was würde wohl geschehen, wenn die Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard jeden Tag am Kölner Dom zu sehen wäre? Es gäbe vermutlich Proteste und Ausschreitungen, die schon in kürzester Zeit dafür sorgen würden, dass die Karikatur wieder von der Domplatte verschwindet. Wahrscheinlich würde sich auch eine nicht geringe Zahl von Kölnern ohne muslimischen Glauben gegen diese vermeintliche Verunglimpfung des Islams vor dem Kölner Dom zusammenfinden und brav den Arsch hoch und die Zähne auseinander nehmen.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen einer Karikatur wie der an der „Klagemauer“ und etwa dem islamkritischen Cartoon von Westergaard?

Die Karikatur, die Mohammed mit einer Bombe auf dem Turban zeigt, sorgte weltweit für gewalttätige Proteste fanatischer Muslime, denen über hundert Menschen zum Opfer fielen. Außerdem gab es eine „Fatwa“ gegen den Zeichner Kurt Westergaard und mehrere Mordversuch an ihm. Die Karikatur hingegen, die einen Juden beim Zerstückeln eines Kindes zeigt, löste weder gewalttätige Proteste aus, noch musste der Zeichner jemals Angst um seine Gesundheit haben. Stattdessen sind es die durch dieses Bild verhöhnten Menschen, die um ihr Leben bangen müssen, da sich diese Zeichnung uralter antisemitischer Klischees bedient, um todbringenden Hass in die Köpfe der Antisemiten zu pflanzen. Die Mohammed-Karikatur ist somit schlimmstenfalls geschmacklos, die Juden-Karikatur aber ohne Zweifel mordsgefährlich.

Dem Kölner Stadt-Anzeiger war Ihre Strafanzeige immerhin eine kurze Meldung wert. Haben Sie weitere Reaktionen auf Ihren Schritt bekommen?

Ja, und zwar durchweg positive. Deshalb möchte ich dazu aufrufen, es mir gleich zu tun. Antisemitismus ist immer ein Notfall, der es rechtfertigt, die 110 zu wählen, auch wenn die Polizei das vielleicht anders sieht.

Foto: © Gerd Buurmann

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