Der Professor und sein Prophet

Wenn einem Buch zum Thema Israel hierzulande aus so ziemlich allen politischen Lagern vernehmlich applaudiert wird – von der Frankfurter Rundschau bis zur Jungen Freiheit –, dann kann man mit einigem Recht davon ausgehen, dass der Autor des entsprechenden Werkes den postnazistischen, von Judenhassern zu „Israelkritikern“ mutierten Deutschen mehrheitlich aus der Seele gesprochen respektive geschrieben hat. Dies umso mehr, wenn es sich beim Verfasser um einen Juden handelt, der darob mit Begeisterung zum Kronzeugen der Anklage gegen den jüdischen Staat befördert wird und hinter dem es sich notfalls bequem in Deckung gehen lässt. Avraham Burg heißt der neueste Liebling der Antizionisten und „Hitler besiegen – warum Israel sich vom Holocaust lösen muss“ die deutsche Ausgabe seiner Schrift, die im Campus-Verlag erschienen ist, dort also, wo bereits Mearsheimers und Walts Tirade gegen die „Israel-Lobby“ ein Zuhause fand.

Burg erzählt seinen Lesern das, was man in Deutschland schon immer wusste: Israel sei geradezu krankhaft auf die Shoa fixiert, gewalttätig und friedensunfähig; wenn es überleben wolle, müsse es dem Zionismus abschwören, auf die staatliche Selbstverteidigung weitgehend verzichten und sich Europa zum Vorbild nehmen. Diesen bizarren Unfug fand sogar das Fritz­-Bauer-Institut in Frankfurt – das es eigentlich besser wissen sollte – so anziehend, dass es Ende Oktober zu einer öffentlichen Veranstaltung mit dem Autor lud und dessen Thesen von Micha Brumlik salvieren ließ. Nun hat Brumlik in der Jüdischen Allgemeinen auch noch eine Rezension von Burgs Buch folgen lassen. Henryk M. Broder über einen Professor und seinen Propheten.

VON HENRYK M. BRODER

Dass Micha Brumlik das neue Buch von Avraham Burg bespricht, hat weniger mit dem Werk als mit Brumlik zu tun. Es ist das Buch, das der Pädagogik-Professor aus Heidelberg gerne selbst geschrieben hätte, wenn ihm eine innere Stimme nicht geraten hätte: „Warte ab, bis es ein anderer macht!“ Denn die Abrechnung mit den „Lebenslügen“ des Zionismus ist das biografische Projekt, das Brumlik seit langem mit Hingabe betreibt, ein finaler Höhepunkt seiner ansonsten mediokren akademischen Karriere, deren demnächst bevorstehendes Ende er mit einem Big Bang zelebrieren möchte. Brumliks persönliche Agenda ist kein Geheimnis, seit er vor ein paar Monaten auf einer Anti-Israel-Demo auf dem Frankfurter Römer gesehen wurde – mit einem schwarzen Luftballon in der Hand und in der Gesellschaft eines Kampfschriften-Verlegers, der sich darauf spezialisiert hat, für seine Kunden den Adolf zu machen. Und wie andere Professoren, deren Geschäftsgrundlage eine Konversion ist, die Wissen und Kompetenz durch formale Zugehörigkeit ersetzen soll, ist auch Brumlik dabei, überzutreten. Musste man zu Heines Zeit dazu den christlichen Glauben annehmen, genügt es heute, sich zum Antizionismus zu bekennen. Der Götzendienst, den der zum Antizionismus konvertierte Jude täglich leisten muss, ist eine Dienstleitung am Publikum, das sich seine eigenen Ressentiments von einem leibhaftigen Juden gerne als koschere Überzeugung bestätigen lassen möchte. Deswegen strömt es „zu Hunderten in seine Vorlesungen“ und hört dem „demagogisch nicht unbegabten Redner“ gebannt zu.

Brumliks Begeisterung für Burg entspricht der Bewunderung, die ein Frankfurter Würstchen für eine richtig dicke Salami empfindet, die es vor ihm in die Auslage eines Metzgerladens geschafft hat. Mehr noch: Burg ist schon da, wo Brumlik noch ankommen möchte: Im Verdauungstrakt des Publikums. Und da reicht der Platz gerade aus, um mit angehaltenem Atem zu schreiben. „Demagogisch nicht unbegabt“ nennt Brumlik Burg, dessen einzige Qualität darin besteht, sein Publikum um den Verstand zu reden, die Haupttugend eines jeden Hochstaplers, der eine fixe Idee geschickt vermarktet, wie Erich von Däniken und Gunther von Hagens. Burgs Konvolut ist ebenso wirr wie inkonsistent, ein Handkäs’ mit Musik, der, um den Gestank zu neutralisieren, mit 4711 verfeinert wurde. Brumlik ist von dieser Mischung so angetan, dass er von einem „nicht immer systematisch gehaltenen, aus autobiografischen Erinnerungen, moralischen Reflexionen, historischen Traktaten und religiösen Bekenntnissen zusammengesetzten“ Text spricht, den er als „epochales Ereignis“ wertet. Epochal! Wie das „Kapital“ von Marx, die „Traumdeutung“ von Freud und Herzls „Judenstaat“. Nur ein wenig durcheinander.

Wenn man von falschen Voraussetzungen ausgeht, kommt man automatisch bei verkehrten Ergebnissen an. Burgs Prämisse, die von Brumlik nicht in Frage gestellt wird, ist die, dass Israels „Fixierung auf den Holocaust“ zu einer „heillosen Verkennung der Realität“ führt und das Land „letztlich unfähig zum Frieden macht“. Nun weiß inzwischen selbst jeder Dortmunder Rentner, der den Genitiv vom Dativ nicht unterscheiden kann, dass Israel irgendwie irgendwas mit dem Holocaust zu tun hat. Zum Beispiel, dass es einen Shoah-Gedenktag gibt, an dem eine Minute lang der öffentliche Verkehr zum Stillstand kommt – zur Erinnerung an die Opfer der Endlösung. Schwer zu erklären, was daran auszusetzen wäre. Im Übrigen ist Israel weit weniger auf den Holocaust „fixiert“ als beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland, wo beinahe alles, vom Einsatz der Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien bis zu der Käfighaltung von Hühnern, vor dem Hintergrund des Holocaust debattiert wird. Die Israelis dagegen haben genügend aktuelle und substanzielle Probleme, um sich nicht täglich mit dem Völkermord von gestern beschäftigen zu müssen; es reicht ihnen, die Drohungen des iranischen Präsidenten ernst zu nehmen, die im holocaustbegeisterten Deutschland als „Übersetzungsfehler“ verharmlost werden. Was man wiederum auf zweierlei Weise erklären kann. Entweder wollen die Deutschen, berauscht vom eigenen „Sündenstolz“ (Hermann Lübbe), ihr Copyright mit niemand teilen, oder sie hoffen, dass irgendein Irrer den Job zu Ende bringen wird, den die Nazis unvollendet abbrechen mussten.

So ’rum oder so ’rum: Burg liegt mit seiner Analyse jedenfalls so daneben wie ein Abstinenzler, der überall Alkohol riecht. Er ist auf den Holocaust fixiert, ebenso wie Brumlik, der keine Gelegenheit verpasst, über die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft des Holocaust zu dozieren. Darüber hinaus suggeriert Burg – und sein Nachkoster Brumlik schließt sich ihm an –, dass Israels Unfähigkeit zum Frieden für die Situation im Nahen Osten verantwortlich ist, während die Hamas, die Hizbollah und der iranische Präsident ein Friedensangebot nach dem anderen unterbreiten, die Israel in „heilloser Verkennung der Realität“ nicht annehmen mag.

Was Brumlik in diesem Zusammenhang vollkommen unter den Tisch fallen lässt, ist die Tatsache, dass Avraham Burg nicht nur der Sohn von Josef Burg, sondern der Lafontaine der Israelis ist: ein von Rachegelüsten angetriebener, rhetorisch begabter und streckenweise unterhaltsamer Querulant, der es dem Land so heimzahlen möchte wie Oskar der SPD. Auch Burg hatte es relativ weit gebracht; er war Sprecher der Knesset und Chef der Jewish Agency. Dass er plötzlich zum „Zionismuskritiker“ mutierte, hatte mehr private als politische Gründe. Es sei ihm nicht gelungen, so wird in Israel erzählt, seine politischen Positionen in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen. Man habe ihm nicht einmal einen Dienstwagen auf Lebenszeit geben wollen. Und so zog er nach Frankreich und gab jedem Israeli den Rat, seinem Beispiel zu folgen. Es ist also nicht Burgs Absicht, wie von Brumlik kolportiert, sein „Volk, das in den letzten Jahren vom Weg abgekommen ist, wieder auf den Weg zu bringen, den seine Vorfahren und Gründer ihm geebnet haben“ – schon allein ein dermaßen präpotenter Satz müsste alle Alarmsysteme aktivieren –, es ist Avram Burg, der vom Weg abgekommen ist und wieder zurück möchte – auf dem Ticket des „kritischen Israeli“, um einen Platz am Katzentisch der „Israelkritiker“ zu bekommen, ein Prophet, der im eigenen Land nicht gehört wird.

Das ist er in der Tat, aber es gibt Propheten, die haben es nicht besser verdient.

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