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Von Pius- und Muslimbrüdern

4. Februar 2009 von Lizas Welt

Wahrscheinlich hat Peter Seewald, der Biograf des Joseph Alois Ratzinger, durchaus Recht mit seiner Vermutung, dass der Papst in der Causa Richard Williamson vor allem „falsch beraten“ worden ist. Allerdings nicht, wie Seewald glaubt, weil niemand dem Benedikt gesteckt hat, dass Piusbruder Williamson den Holocaust leugnet. (Das nämlich dürfte selbst bis zum Heiligen Vater durchgesickert sein.) Sondern weil ihm offenbar keiner den ultimativen Kniff verraten mochte, wie die Kritik an der Reintegration des Bischofs in die katholische Kirche am effektivsten zu kontern gewesen wäre: Einfach diesen Schritt als Widerspruch gegen den Gaza-Krieg (und also als Plädoyer für den Frieden) verkauft, schon hätte die Papstmütze wieder gepasst.

Eine absurde Idee? Nicht doch: Immerhin durfte ein Udo Steinbach – dem darin allein Michel Friedman widersprach – in der ARD-Talkrunde Hart aber fair Israel dafür verantwortlich machen, dass ostdeutsche Hooligans im Stadion „Juden raus!“ grölen und damit sozusagen gegen die israelische Politik protestieren. Immerhin konnten Abertausende von Hamas-Getreuen unter „Kindermörder Israel“- und „Tod Israel“-Rufen durch deutsche Innenstädte marschieren und dem jüdischen Staat auf zahllosen Plakaten einen „Holocaust am palästinensischen Volk“ unterstellen – um sich anschließend von den deutschen Medien ihren Friedenswillen bescheinigen zu lassen (wohingegen das Zeigen von Israelfahnen als „Provokation“ galt). Und immerhin wurde einem dieser „Israelkritiker“ sogar polizeilich bescheinigt, dass selbst das per Eisenstange exekutierte, also durchaus unfriedliche Niederschlagen eines Wachmanns vor einer Synagoge immer noch als irgendwo nachvollziehbare Widerstandshandlung „gegen das Vorgehen Israels im Gaza-Krieg“ durchgeht.

Was also ist es, das dazu führt, dass einerseits der Papst in die Kritik gerät, wenn er einen Holocaustleugner zurück in seinen Verein holt – während andererseits antisemitischen Muslimen (und ihren deutschen Advokaten) mit großem Verständnis begegnet wird? Was ist es, das dazu führt, dass einerseits Richard Williamson aufgrund seiner Behauptung, die Juden hätten den Holocaust erfunden, „damit wir demütig auf Knien ihren Staat Israel genehmigen“, zur persona non grata wird – während man andererseits Israel zu Verhandlungen mit der Hamas auffordert, jener Hamas, deren Zweck und Ziel die Vernichtung Israels ist und die sich in ihrer Charta auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ beruft? Was ist es, das dazu führt, dass einerseits die Piusbrüder für ihren Hass auf Juden und Homosexuelle gegeißelt werden – die Muslimbrüder andererseits aber nicht?

Malte Lehming hat in einem lesenswerten Kommentar für den Tagesspiegel Antworten auf diese Fragen gegeben: „Muslime werden im Westen nicht ganz ernst genommen. Ihr Antisemitismus gilt als eine Art Folklore, der wegen der besonderen kulturellen Rückständigkeit mildernde Umstände verdient hat – ein ideologischer Import aus Europa, der den Lehren Mohammeds nur übergestülpt wurde, ein Kunstprodukt, nichts Organisches. Darum dürfen bei Anti-Israel-Demos wegen des Gazakrieges selbst in Deutschland die übelsten Slogans skandiert werden. Würden Ethnodeutsche dieselben Hassparolen brüllen, wäre längst der Staatsanwalt tätig. Wer aber derart mit zweierlei Maß misst, ist entweder Ignorant oder Rassist.“ Und das, so Lehming, dürfe nicht sein: „Man sollte ihn [Richard Williamson] unter Quarantäne stellen – wie die Hamas, die in ihrer Charta die Juden zu Drahtziehern des Zweiten Weltkriegs erklärt. Wenn mit Williamson ein Dialog nicht möglich ist, dann gilt das erst recht für die Hamas.“

Dieser Rassismus, mit dem Muslime nicht selten zu mental Minderbemittelten erklärt werden, die einfach nicht Herr ihrer Sinne sind und deshalb nicht für ihr Tun verantwortlich gemacht werden können, spiegelt dabei die Sehnsüchte nicht weniger Deutscher wider. Diese Deutschen projizieren sich die Muslime grosso modo als „edle Wilde“ zurecht, die sie in ihrer eigenen Zivilisationsfeindlichkeit insgeheim beneiden: Weil sie gerne in einer klassenübergreifenden Volksgemeinschaft aufgehen würden, die als solche nach Auschwitz jedoch offiziell verpönt ist und nur noch beim Fußball so richtig ausgelebt werden kann, beneiden sie die Muslime um ihre Umma, die qua Selbstverständnis weder Klassen noch Parteien kennt und trotzdem nur selten verdächtigt wird, ein antisemitisches Kollektiv zu sein. Weil sie den Unterschied zwischen Recht und gesundem Volksempfinden – den ihnen nur der Tatort kurz vor dem Wochenbeginn für anderthalb Stunden aufhebt – einfach nicht verknusen können, beneiden sie den Islam um seine Sharia, die beides in eins setzt und für „Abweichler“ die Strafen vorsieht, die man hierzulande nur hinter vorgehaltener Hand fordert. Weil sie eine wort- und gestenreiche Trauer über die toten Juden als Vorleistung erbringen müssen, um sich ungestört per „Israelkritik“ über die lebenden hermachen zu können, beneiden sie die Anhänger Allahs, die derlei nicht nötig finden, weil sie sich als „Opfer der Opfer“ sehen und ihre „Israelkritik“ entsprechend hemmungslos ausleben.

Vor diesem Hintergrund wird es erklärlich, warum der Papst für die Rehabilitierung eines Antisemiten unisono gescholten wird, während man Antisemiten aus einem anderen „Kulturkreis“ samt ihrer deutschen Adepten weitgehend unwidersprochen gewähren lässt, wo man ihnen nicht gar lautere Motive zubilligt. Und selbst wenn man sich offiziell einmal verbal distanziert – wie etwa gegenüber Mahmud Ahmadinedjad –, bedeutet das noch lange nicht, dass die gemeinsame Geschäftsgrundlage infrage gestellt wird. Im Gegenteil: Das deutsche „Nie wieder!“, das zuletzt am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz einmal mehr feierlich ge- und beschworen wurde, ist geradezu die Voraussetzung für das „Weiter so!“.

Zu den Fotos: Das linke Bild wurde auf einer antisemitischen Demonstration in Köln am 12. Januar aufgenommen, das rechte zeigt den Piusbruder und Bischof Richard Williamson.

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