• Home
  • Über Liza

Feeds:
Artikel
Kommentare

Am Israel chai!

27. September 2008 von Lizas Welt



Antizionisten in der Offensive: Vor der UN-Vollversammlung erklärt Mahmud Ahmadinedjad, wie die Juden die Welt beherrschen, in einem Buch behauptet der israelische Historiker Shlomo Sand, die Juden seien gar kein Volk, sondern bloß eine Religionsgemeinschaft, und die FAZ lässt Evelyn Hecht-Galinski Klage über die „Antisemitismuskeule“ der „jüdisch-israelischen Lobby“ führen. Drei nicht gerade randständige Ereignisse, deren zeitlicher Zusammenfall zwar zufällig ist, die aber sehr anschaulich zeigen, welche Popularität die angeblich so marginale und unterdrückte „Israelkritik“ genießt.

In den letzten Wochen waren die deutschen Feuilletons voll mit Beiträgen zur Auseinandersetzung zwischen Evelyn Hecht-Galinski und Henryk M. Broder. In den weitaus meisten Texten wurde implizit oder explizit Partei für die Erstgenannte ergriffen, und manche Kommentatoren großer Tageszeitungen verstiegen sich dabei gar zu der Behauptung, es sei „moralischer Totschlag“, wo nicht gleich „tödlich“, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen. „Man hatte den Eindruck, dass sich eine eingeschüchterte deutsche Öffentlichkeit vor ‚Antisemitismus-Jägern’ kaum noch retten kann“, resümierte Matthias Küntzel treffend. Wären diese „Antisemitismus-Jäger“ tatsächlich so allgegenwärtig, wie es von FAZ bis taz suggeriert wurde, dann hätte es hierzulande angesichts der Rede des iranischen Präsidenten vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen folgerichtig einen regelrechten Aufschrei geben müssen. Doch der blieb schlicht und ergreifend aus. Man nahm „die Provokation von New York als solche nicht einmal wahr“ (Küntzel). Und das, obwohl die deutsche Politik doch, folgt man Evelyn Hecht-Galinski, „hinter den israelischen Medien verschwunden“ und „die jüdisch-israelische Lobby mit ihrem Netzwerken“ überall „am Arbeiten ist“.

Möglicherweise ist diese Lobby also gar nicht so mächtig, wie Hecht-Galinski es vermutet. Immerhin hat sie weder Ahmadinedjads Ansprache noch den Artikel der Berufstochter in der FAZ zu verhindern vermocht – und auch nicht das Buch des israelischen Historikers und früheren Matzpen-Aktivisten Shlomo Sand mit dem Titel „Wann und wie das jüdische Volk erfunden wurde“. Sand behauptet darin, die Juden seien – anders, als es „zionistische Mythen“ wollten – nie ein richtiges Volk gewesen, sondern immer bloß eine religiös-kulturelle Gemeinschaft, weshalb Israel auch seine Identität als jüdischer Staat aufgeben müsse, um weiter existieren zu können. Zwar sei „nach Hitler eine Solidarität unter Juden sehr sinnvoll“, diese sei aber „nicht national“ und dürfe „nicht dazu führen, dass Juden sich in Israel wie die Hausherren verhalten“.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Mahmud Ahmadinedjad, Evelyn Hecht-Galinski und Shlomo Sand. Ahmadinedjad ist ein fanatischer Judenhasser und trachtet danach, Israel mittels Atomwaffen auszulöschen. Hecht-Galinski dämonisiert den jüdischen Staat, rückt ihn in die Nähe des NS-Regimes und beklagt die angebliche Allmacht einer pro-israelischen Lobby. Trotzdem wäre sie nicht weiter der Rede wert, hätte sie nicht einen so prominenten Vater gehabt, dessentwegen sich die deutsche Presse auf sie stürzt, um sich per Kronzeugenregelung die eigene „Israelkritik“ salvieren zu lassen. Sand wiederum ist ein areligiöser Geschichtswissenschaftler, der geflissentlich übergeht, dass Mythen unweigerlich zu jedem Volk und zu jedem Nationalismus gehören, dass den knapp zweitausend Jahren Judenverfolgung – mit der Shoa als Kulminationspunkt – in einer staatlich organisierten Welt nur durch die Gründung eines eigenen, explizit jüdischen Staates wirksam zu begegnen war und dass dieser jüdische Staat als solcher bestehen bleiben und sich gegen seine Feinde verteidigen muss, um weiterhin Zufluchtsort für alle vom Antisemitismus bedrohten Juden sein zu können.

Was diese drei jedoch eint, ist ein Antizionismus, der allerspätestens seit 1933 – dem Zeitpunkt, ab dem das nie eingelöste Assimilationsversprechen allmählich in die Vernichtung überging, weshalb anschließend erst recht keine andere Wahl mehr blieb als die Ausrufung eines jüdischen Staates – gar nichts anderes mehr sein kann als eine Abart des Antisemitismus. Wo Mahmud Ahmadinedjad von der „kleinen, aber hinterlistigen Zahl von Leuten namens Zionisten“ spricht, die „in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA“ beherrschten, weshalb „die großen Völker Amerikas und verschiedene Nationen in Europa einer kleinen Zahl habgieriger und aggressiver Leute gehorchen“ müssten, lässt sich Evelyn Hecht-Galinski – unter dem vernehmlichen Beifall ungezählter nichtjüdischer Mitstreiter – über die „jüdisch-israelische Lobby“ aus, die Kritiker der israelischen Politik „mundtot machen“ wolle, im Zentralrat der Juden in Deutschland ein „Sprachrohr“ habe und in deutschen Politikern willfährige Erfüllungsgehilfen finde. Wo Neonazis, Antiimps und Islamisten bestreiten, dass die Juden überhaupt ein „echtes“ Volk sind, bedient Sand sie mit seinen Ausführungen darüber, dass die Zionisten dieses Volk erst erfunden hätten.

Der Antizionismus hat den Antisemitismus nach 1948 sozusagen modernisiert, indem er Elemente des alten, ursprünglichen Judenhasses auf Israel übertragen hat, das dadurch gewissermaßen zum „Juden unter den Staaten“ wurde, wie es der Historiker Léon Poliakov einmal treffend formulierte. Wenn beispielsweise Israel unterstellt wird, einen Ausrottungskrieg gegen die Palästinenser zu führen, im Gazastreifen sowie der Westbank das Warschauer Ghetto zu wiederholen und überhaupt die größte Gefahr für den Weltfrieden darzustellen, dann scheint die alte Mär vom Juden auf, der mit seinem kriegerischen Wesen und Tun die ganze Welt ins Verderben stürze. Wenn es heißt, der Zentralrat der Juden in Deutschland sei nichts weiter als ein „Sprachrohr der israelischen Regierung“, dann findet der antisemitische Topos von der jüdischen Illoyalität und Zersetzungstätigkeit seine aktualisierte Neuauflage. Wenn europäischen und amerikanischen Politikern vorgehalten wird, sie kuschten vor einer „jüdisch-israelischen Lobby“ und verschwänden hinter den israelischen Medien, dann ist das die Neuformulierung der antisemitischen Behauptung, die Juden beherrschten fremde Staaten und die dortige Presse. Und wenn – in welcher Absicht auch immer – behauptet wird, die Juden seien kein (Staats-) Volk und auch nie eines gewesen, dann wiederholt sich die antisemitische Erzählung von der jüdischen Wurzellosigkeit und Künstlichkeit oder bekommt zumindest neue Nahrung.

Angesichts dessen ist es mitnichten so, dass allenthalben die „Antisemitismuskeule“ geschwungen wird, es ist mitnichten so, dass sich die Antizionisten und „Israelkritiker“ in der Defensive befinden oder gar unterdrückt werden, und es ist mitnichten so, dass sich der Antisemitismus auf dem Rückzug befindet, wie Avi Primor glaubt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Und wer das nicht wahrhaben will, verharmlost den Judenhass oder betreibt ihn gleich selbst. Tertium non datur.

Foto (von der heutigen Demonstration gegen den „Al-Quds-Tag“ in Berlin): Just/Just.Ekosystem.org

  • Teilen Sie dies mit:

Veröffentlicht in Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

  • neuzugänge

    • No risk, much fun
    • Die Zahnpasta der Weisen von Zion
    • No pas(s)aran
    • Putztausend!
    • Mein Freund, der Baum
    • Ein fieser jüdischer Siedler
    • A man with a plan
    • Eine Projektionsfläche namens „Palistinänser“
  • trainingsgelände

    Lizas Logbuch bei Tumblr

  • gästeblock

  • die kurve

    Lizas Welt bei Facebook

  • klatsch und tratsch

    Lizas Welt bei Twitter

  • tagesordnung

    • Fußball
    • Gastbeiträge
    • Politik
    • Verschiedenes
  • saisonziel

    Free Iran Now!

  • die stamm-elf

    • Der Fuchsbau
    • Instant Coffee
    • Iran Baham Blog
    • No Blood For Sauerkraut
    • Reflexion
    • Spirit of Entebbe
    • Tapfer im Nirgendwo
    • Trainer Baade
    • Verbrochenes
    • WADI-Blog
    • Yaacov Lozowick

  • bandenwerbung

    Jungle World

    Achse des Guten

    Darvins Illustrierte

    Tilman Tarach

  • polit-prominenz

    • Antifa 3D Duisburg
    • Bahamas
    • Berliton
    • Bonjour Tristesse
    • Café Critique
    • Caroline Glick
    • CEE IEH
    • Clemens Heni
    • Commentary Magazine
    • Contentions
    • Extrablatt
    • Eye on the UN
    • Gedenkstätte Auschwitz
    • Georg-Weerth-Gesellschaft Köln
    • Gerhard Scheit
    • haOlam
    • Henryk M. Broder
    • Honestly Concerned
    • Initiative Sozialistisches Forum
    • Jerusalem Zentrum
    • Jewish Virtual Library
    • Die Jüdische
    • Kritiknetz
    • Martin Blumentritt
    • Matthias Küntzel
    • MEMRI
    • Michael Totten
    • Mideast Freedom Forum Berlin
    • NGO Monitor
    • Ölbaum Verlag
    • Palestinian Media Watch
    • Prodomo
    • Prozionistische Linke
    • Rote Ruhr Uni
    • Samuel Salzborn
    • The Big Picture
    • Tobias Jaecker
    • UN-Watch
    • WADI
    • War in Israel

  • fussball-prominenz

    • Bixente Lizarazu
    • 101 Great Goals
    • Arsenal Football Club
    • Bristol Rovers
    • Direkter Freistoß
    • FC Bayern München
    • fussball-landschaft.de
    • Indirekter Freistoß
    • Laughing Ball
    • Maccabi Tel Aviv
    • Makkabi Berlin
    • Martin Krauß
    • Mingarot
    • Pflastersteine
    • Probek
    • Spielbeobachter
    • SportsWire
    • The Offside: Bayern Munich
    • Tottenham Hotspur F.C.
    • Ultras RB Leipzig
    • Wembley 1966

  • blogger-prominenz

    • [a:ka] Göttingen
    • Antibürokratieteam
    • Association Antiallemande Berlin
    • Aufmacher
    • Band of Brothers
    • Beer Sheva
    • Bluthilde
    • CampusWatch Uni Duisburg/Essen
    • Castollux
    • Clarification of fact
    • Classless
    • Δfoxtrot
    • Die Welt ohne uns
    • Endi
    • Florisdumal
    • Friends of Israel
    • Gay West
    • Gegenkritik
    • Gruppe Monaco/Verein freier Menschen (AO)
    • Hector Calvelli
    • Heplev
    • Honest Reporting Deutsch
    • I love Graffiti
    • Junesixon
    • Kotzboy
    • Letters from Rungholt
    • Lindwurm
    • MARXblog
    • Nexusrerum
    • Nichtidentisches
    • Politplatschquatsch
    • Pro Zion NRW
    • Roncesvalles
    • Schlamassel
    • Sendungsbewusstsein
    • Shutdown Köln
    • Si Vis Pacem, Para Bellum
    • Streetart – Politics – Music
    • Süddeutsche-Watchblog
    • The Dry Bones
    • The Elder of Ziyon
    • Thomas M. Eppinger
    • Torsun
    • Truth
    • tw_24
    • UnderTakeThisLaw
    • Victory Castle Conspirer
    • Wind in the Wires
    • USA erklärt
    • Zeitung für Schland

  • rahmenprogramm

    • Axel Knappmeyer
    • Crocs
    • Deppenleerzeichen
    • Egotronic
    • Endearment Revolutionary Boygroup
    • Gary Brolsma
    • Jewlarious
    • Katz & Goldt
    • Six Drummers
    • Stoooopid People
    • Sumpfpost
    • The Best Cigarette
    • Urban Soccer
    • Wir lieben Lebensmittel
    • Zuhause während der digitalen Revolution
    • Zwarwald

  • tradition

    Textsammlung zu 60 Jahren Israel

  • trends und themen

    Ahmed Tibi Antisemitismus Bözemann Bülent Yildirim Champions League Deutschland DFB-Pokal Dirk Niebel Djihadismus Eike Geisel Faruk Hosni FC Bayern FDP Fifa Free-Gaza-Flotte Gaza Gerd Buurmann Hamas Henryk M. Broder Hugo Chávez IHH Islam Israel Israel-Lobby John J. Mearsheimer Karikaturenstreit Klagemauer Köln Linkspartei Mahmud Ahmadinedjad Mavi Marmara Michael Lüders Münchener Freiheit Norman Paech Palästinenser Pax Christi Schiedsrichter Siedlungen Stephen M. Walt Synagoge Süddeutsche Zeitung Uefa Ulrike Putz Unesco Weltmeisterschaft
  • auswärtsspiele

    • Lizas Welt: No risk, much fun (Het Vrije Volk)

  • • Lizas Welt: De tandpasta van de wijzen van Sion (Artikel 7)

    • Lizas Welt: No pasaran! (Amsterdam Post)

    • Lizas Welt: Mijn vriend, de boom (Loor Schrijft)

    • Lizas Welt: A man with a plan (Artikel 7)

    • Lizas Welt: Дилемата на критиката срещу исляма (Либерален Преглед)

    • Lizas Welt: Durban reloaded (EuropeNews)

    • Lizas Welt: Linkse Israëlische sociologe ontmaskert het Israëlische leger (Het Vrije Volk)

    • Lizas Welt: German Rappers Steeped in Anti-Semitism, Jihad (Pajamas Media)

    • Lizas Welt: Tragicomedy in the Bavarian Alps (American Thinker)

  • heute in hochform

    • Über Liza
    • No risk, much fun
    • Kabarette sich, wer kann!
    • No pas(s)aran
    • Die Zahnpasta der Weisen von Zion
    • Volksgemeinschaft gegen Israel
    • Alpendonaunazis für Ahmadinedjad
    • Ein fieser jüdischer Siedler
  • saisonrückblick

  • beifall und pfiffe

    E-Mail an Lizas Welt

  • Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, bitte hier die E-Mail-Adresse eingeben:

  • zuschauerzahlen

    Besucherstatistik

    Besucher seit dem 5.8.2010

  • lizenzvergabe

    Creative Commons 3.0

  • Bloggen Sie auf WordPress.com.

    Theme: Mistylook by Sadish.