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Avnerys Armageddon

22. Juli 2008 von Lizas Welt

Vielleicht muss man Nachsicht mit Uri Avnery üben, schließlich ist er mit seinen fast 85 Jahren nicht mehr der Allerjüngste. Andererseits ist Altersstarrsinn wirklich unangenehm, und deshalb verdient es der „Darling der deutschen Israelkritikerszene“ (Claudio Casula) auch nicht, einfach in Ruhe gelassen zu werden. „Verschiedene Planeten“ hat er seinen unlängst auf seiner Website veröffentlichten Beitrag zum „Gefangenenaustausch“ zwischen Israel und der Hizbollah getauft, und nach dessen Lektüre drängt sich die Frage auf, welchen Himmelskörper Avnery (Foto) eigentlich bewohnt. Die Erde kann es jedenfalls nicht sein. Am wahrscheinlichsten ist, dass er mit seinem Raumschiff Unterpreis gerade einen Billigflug hinter den Mond unternommen hat.

Dort verbrachte er am vergangenen Mittwoch „den ganzen Tag“ damit, „ständig zwischen israelischen Fernsehkanälen und Al-Jazeera zu schalten“. Und das sei „eine unheimliche Erfahrung“ gewesen: „Im Bruchteil einer Sekunde konnte ich zwischen zwei Welten wechseln, aber alle Kanäle berichteten genau über dasselbe Ereignis.“ In dessen Zentrum habe ein Mann gestanden, „der die beiden Welten, die israelische und die arabische, trennt: Samir al-Kuntar“. Alle israelischen Medien hätten ihn „Mörder al-Kuntar“ genannt, „als ob dies sein Vorname wäre“. Ist er tatsächlich nicht, da hat Avnery durchaus Recht. Aber als Berufsbezeichnung taugt das Wort ziemlich gut.

Dieser Kuntar habe „vor 29 Jahren, bevor die Hizbollah ein bedeutsamer Faktor wurde“ – als also noch andere für den Judenmord zuständig waren – „mit seinen Kameraden am Strand von Nahariya einen Angriff“ ausgeführt, „der sich wegen seiner Grausamkeit ins israelische Nationalgedächtnis eingeprägt hat“, klärt der Grandseigneur der israelischen Friedensbewegung auf, um sogleich einzuschränken: „Al-Kuntar war damals 16 Jahre alt – er war weder Palästinenser noch Schiite, sondern ein libanesischer Druse und Kommunist.“ Ob er damit in Avnerys Augen qua Jugend, Herkunft und politischer Gesinnung mildernde Umstände oder die Berufung auf Höheres beanspruchen darf, erfährt man leider nicht. Dafür kramt Avnery umso tiefer in seinem Gedächtnis und findet dort einen „ähnlichen Vorfall“, über den er „vor vielen Jahren mit meinem Freund Al-Sartawi“ ein „Streitgespräch“ gehabt habe:

„Al-Sartawi war ein palästinensischer Held, ein Vorkämpfer für Frieden mit Israel; er wurde wegen seiner Kontakte mit Israelis ermordet. 1978 landete eine Gruppe palästinensischer Kämpfer (nach israelischer Sprachweise ‚Terroristen’) an der Küste südlich von Haifa, um Israelis für einen Gefangenenaustausch zu kidnappen. Am Strand begegnete ihnen eine Fotografin, die dort in aller Unschuld spazieren ging. Sie brachten sie um. Danach brachten sie einen Bus voller Passagiere in ihre Hände – und am Ende wurden sie getötet. Ich kannte die Fotografin. Sie war eine zarte junge Frau, eine gute Seele, die gern Blumen in der Natur fotografierte. Ich machte Al-Sartawi gegenüber Vorhaltungen wegen dieses abscheulichen Aktes. Er antwortete mir: ‚Das verstehst du nicht. Es sind Jugendliche, fast noch Kinder ohne Erfahrungen, die hinter den Linien eines für sie schrecklichen Feindes operierten. Sie hatten fürchterliche Angst. Sie waren nicht in der Lage, mit kühler Logik zu handeln.’ Das war einer der wenigen Fälle, in denen wir nicht übereinstimmten – obwohl wir beide, jeder innerhalb seines Volkes, am Rande des Randes des politischen Konsenses lebten.“

Was für ein Glück für die „zarte junge Frau“, dass sie bloß die Rabatten knipsen wollte und deshalb Gnade vor den Augen des alten Peacemakers fand! Und was für ein „palästinensischer Held“, was für ein „Vorkämpfer für Frieden mit Israel“, der da größtes, ja, geradezu väterliches Verständnis für den Nachwuchs hatte, weil dieser nun mal „fürchterliche Angst“ vor einem „schrecklichen Feind“ leide und deshalb – sozusagen als Kompensation – Zivilisten meucheln und Busse kapern müsse! Dass Al-Sartawi mit solchen Ansichten „innerhalb seines Volkes am Rande des Randes des politischen Konsenses“ gelebt haben soll, kann übrigens nur ernsthaft glauben, wem selbst eine solch kaltblütige Rechtfertigung eines Mordes nicht mehr ist als eine kleine Meinungsverschiedenheit. Aber gute Freunde kann halt niemand trennen, das wusste Franz Beckenbauer schon 1966.

Und deshalb lässt sich Uri Avnery auch weder durch Kuntars Gemetzel noch durch den Staatsempfang für den Terroristen 29 Jahre später in seinem Glauben an die unermessliche Friedfertigkeit der Araber erschüttern. Im Gegenteil habe sich Israel die Party für den Heimgekehrten selbst zuzuschreiben, weil es „aus einem einfachen Gefangenen einen pan-arabischen Helden gemacht“ habe – durch sein „endloses Reden über den ‚blutbefleckten Mörder’“ nämlich. Dass Kuntar im Knast Englisch und Hebräisch lernen, ein Soziologiestudium abschließen und heiraten durfte und bei seiner Freilassung außerdem nicht gerade unterernährt aussah, ist da natürlich nicht der Rede wert. Viel lieber gibt Avnery zum Besten, die israelische Öffentlichkeit habe in ihrem „Wirbel von Selbstmitleid [!] und Trauerzeremonien keine Kraft und Interesse, den Versuch zu machen, um zu verstehen, was auf der anderen Seite geschah“.

Umso größer ist das Verständnis, das Avnery höchstselbst aufbringt: „Es war natürlich der große Tag Hassan Nasrallahs“, schreibt er in seinem Beitrag. „In den Augen von Dutzenden von Millionen Arabern hat er einen riesigen Sieg errungen. Eine kleine Organisation in einem kleinen Land hat Israel, die Regionalmacht, auf die Knie gezwungen, während die Herrscher aller arabischen Länder die Knie vor Israel beugen.“ Diese „Demonstration persönlichen Mutes und Selbstvertrauens“ sei „charakteristisch für das dramatische Talent“ Nasrallahs, glaubt Avnery, um sodann die antiisraelischen Siegesfeiern im Libanon zu schildern, als wären sie ein Naturereignis gewesen:

„Es war für den arabischen Zuschauer unmöglich, nicht von den Wellen der Begeisterung mitgerissen zu werden. Für einen jungen Menschen in Riad, Kairo, Amman und Bagdad gab es nur eine mögliche Reaktion: hier ist der Mann! Hier ist der Mann, der die arabische Ehre nach Jahrzehnten von Niederlagen und Demütigung wieder herstellt. Gemessen an diesem Mann sehen die Führer der arabischen Welt wie Zwerge aus. Und als Nasrallah verkündigte: ‚Von diesem Augenblick an ist die Ära der arabischen Niederlagen zu Ende!’, hatte er die Stimmung des Tages eingefangen.“

Nur einige wenige Wörter ausgetauscht – „arabisch“ gegen „deutsch“ etwa oder „Riad, Kairo, Amman und Bagdad“ gegen „München, Berlin, Nürnberg und Köln“ –, und das Ganze hätte auch im Völkischen Beobachter stehen können. Das heißt nicht, dass Avnery ein Nazi ist, aber es gewährt trotzdem tiefe Einblicke in den Geisteszustand dieses Mannes, der den frenetischen Jubel in der arabischen Welt für eine der abscheulichsten Figuren auf der politischen Bühne augenscheinlich als zwangsläufig, alternativlos und nachvollziehbar betrachtet. Verglichen mit dem politischen Personal Israels sehe Nasrallah „verantwortlich, glaubwürdig, logisch und entschieden aus“, fährt Avnery fort, bevor er resümiert, der Chef der Gotteskrieger habe den krisengeschüttelten Libanon zu einem „geeinten Land“ gemacht.

In diesen Worten schwingt Anerkennung, wo nicht gar Bewunderung mit. Dass Avnery anschließend davon spricht, die „national-religiöse Welle in der arabischen Welt“ sei eine Gefahr für Israel, ist nur vordergründig ein Widerspruch. Denn für ihn sind selbstverständlich „alle israelischen Regierungen“ seit der Staatsgründung ganz allein verantwortlich für die gegenwärtige Situation, und sein Lösungsvorschlag sieht deshalb nicht weniger als die faktische Unterwerfung, also die Kapitulation Israels vor: Mit Nasrallah wie mit Assad, mit dem Iran wie mit der Hamas, mit all seinen Todfeinden also – von Avnery „Partner für den Frieden“ genannt – möge der jüdische Staat, bitteschön, in Verhandlungen treten. Es muss eine Art Sehnsucht nach dem Armageddon sein, die ihn dabei beflügelt. Denn unter „Frieden“ mit Israel verstehen die arabischen Führer und ihre Gefolgschaft nichts anderes als dessen Vernichtung, wie sie mehr als einmal deutlich gemacht haben. Und zwar aus prinzipiellen Erwägungen, denn Kompromisse gelten in diesen Kreisen als Zeichen von Schwäche. Das weiß Avnery natürlich – es wäre respektlos, ihm in seinem Alter Naivität zu unterstellen.

Zum Glück wird er in Israel schlicht ignoriert; außer ein paar unverbesserlichen Aktivisten hört dort niemand auf ihn. In Deutschland hingegen wurde sein Beitrag von den üblichen Verdächtigen wie immer dankbar aufgegriffen – von A wie Arendt bis Z wie ZNet. Und bei denen ist Nachsicht zweifellos völlig unangebracht.

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