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Utopist aus Leidenschaft

14. April 2008 von Lizas Welt

Es ist an der Zeit, eine Lanze für Oliver Kahn zu brechen. Es ist an der Zeit, ihm den roten Teppich auszurollen. Es ist an der Zeit, ihm ein Denkmal zu bauen. Nichts weniger. Und das nicht einmal in erster Linie wegen seiner (ohnehin unbestrittenen) fußballerischen Leistungen und Erfolge, nicht wegen seiner zahllosen Glanzparaden und Rettungstaten als Torwart. Sondern einfach, weil er auf dem Platz genau das verkörpert, was sich jeder aufrichtige Fußballfan wünscht: bedingungslose Leidenschaft. Auch in dieser Hinsicht kann ihm kaum jemand das Wasser reichen – und das ist mitnichten eine Frage von Sympathiewerten. Oliver Kahn darf man wohl – neben Bayern-Manager Uli Hoeneß – als größten Anhänger seines Klubs bezeichnen. Er ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Langeweile, Eintönigkeit und Dienst nach Vorschrift. Seine Mimik und Gestik während des Spiels und danach – von der Freude über den Frust bis zur Fassungslosigkeit – sind ein getreues Spiegelbild der vielfältigen Gemütsverfassungen, die man als Fan ebenfalls durchlebt. Und sie sind es wie bei kaum einem anderen. Nebenbei widerlegt Kahn außerdem das landläufig gepflegte Vorurteil, nach dem es beim deutschen Rekordmeister FC Bayern München aufgrund der Gewöhnung an den Erfolg mehr oder weniger emotionslos zugehe. Das Gegenteil ist der Fall.

Nichts verdeutlicht das besser als das UEFA-Cup-Spiel der Bayern am vergangenen Donnerstag in Getafe. Dass sich Kahn beim mutmaßlich letzten Angriff der Münchner zum gegnerischen Tor aufmachte, war zunächst nur ein Akt der Verzweiflung: das allerletzte Mittel, der allerletzte Versuch, um das fraglos blamable Ausscheiden in einem Madrider Vorort – und damit das vorzeitige Ende der eigenen Laufbahn auf internationaler Ebene – doch noch zu verhindern. Dass der fußballerisch stark limitierte Keeper in der Offensive ernsthaft noch etwas ausrichten können würde, glaubte er dabei zweifellos selbst nicht. Aber die Symbolwirkung, die von seinem entschlossenen Ausflug ausging, war umso mächtiger: Mochten sich seine Mannschaftskollegen bis dato auch durch eine spielerisch unterirdische Leistung ausgezeichnet haben und das Weiterkommen selbst nicht mehr für realistisch halten – solange der Schiedsrichter nicht abpfeift, geht für Oliver Kahn immer noch etwas, wie unwahrscheinlich das auch sein mag. Jeder Fußballfan hofft und bangt, dass sein Team selbst ein vollkommen aussichtslos scheinendes Spiel doch noch dreht, notfalls durch ein unverdientes Glückstor in buchstäblich letzter Sekunde. Und Kahn ist geradezu der Prototyp des Fleisch gewordenen Glaubens an das Unmögliche.

Das Finale des Spiels in Getafe erinnerte dabei nicht zufällig stark an jenes, das sich am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2000/01 zugetragen hatte. Damals kassierten die Bayern beim Hamburger SV in der 90. Minute das 0:1, und wäre es dabei geblieben, hätte bekanntlich Schalke 04 die Meisterschale in die Vitrine stellen dürfen – die Feiern in Gelsenkirchen waren bereits im Gange. Die Bayern-Spieler ließen nach dem späten Gegentor die Köpfe hängen, und auf der Bayern-Bank herrschte lähmendes Entsetzen: Erneut drohte der Klub – wie schon zwei Jahre zuvor im Champions League-Endspiel gegen Manchester United – im allerletzten Moment einen bereits sicher geglaubten Titel noch zu verspielen. Doch Oliver Kahn gebar just in dieser Situation sein inzwischen berühmt gewordenes „Weiter, immer weiter“ und zwang seine Mitspieler förmlich dazu, das eigentlich Utopische mit aller schwindenden Kraft zu versuchen. Als Referee Markus Merk dann in der Nachspielzeit auf indirekten Freistoß für die Bayern im Strafraum des HSV entschied, sprintete der Torhüter zum Ort des Geschehens und verunsicherte die Hamburger Spieler bereits durch seine bloße physische Präsenz dermaßen, dass Patrik Andersson den Freistoß schließlich versenkte und die Münchner doch noch den Meistertitel gewannen.

Auch in Getafe tauchte Kahn kurz vor dem drohenden Schlusspfiff am gegnerischen Strafraum auf, und erneut irritierte alleine dies die Spieler der Gastgeber entscheidend: Die folgende Flanke köpfte der neben Kahn stehende Spanier fahrig zu Bayerns Sosa, der den Ball schließlich maßgerecht auf den Kopf von Luca Toni beförderte. Kahns völlig enthemmter emotionaler Ausbruch nach diesem geradezu erzwungenen Treffer zum 3:3 und dem Einzug ins Halbfinale – mit entrücktem Gesichtsausdruck, weit ausgebreiteten Armen und einem zunächst ziellosen Lauf über das Feld – wies übrigens weitere Ähnlichkeiten zu dem Spiel in Hamburg vor sieben Jahren auf, obwohl diesmal nicht eine Eckfahne die geballten Emotionen des Keepers zu spüren bekam, sondern Mitspieler Mark van Bommel. Mag die Bedeutung eines Viertelfinalspiels im UEFA-Pokal auch nicht das Gewicht einer Deutschen Meisterschaft erreichen – die Partie in Getafe und vor allem jene letzte Minute der Verlängerung taugen bereits jetzt zur Legende, deren Sinnbild weniger der Torschütze Luca Toni ist als vor allem Oliver Kahn, der so außer Rand und Band geriet wie sonst nur noch die Bayern-Fans. Wen das kalt lässt, der hat einfach kein Fußballerherz.

Man muss den 38-jährigen Torwart gewiss nicht sympathisch finden; schließlich haben vor allem dessen Interviews bisweilen die Grenzen des Erträglichen überschritten. Aber entscheidender als das ist allemal, dass Kahn nie beliebig oder austauschbar ist, sondern eine kantige und polarisierende Individualität ausstrahlt, die mit einem im Profifußball nur noch selten gesehenen und manchmal eben ungezügelten Temperament einher geht. Genau das ist oft als übersteigerter Ehrgeiz eines egozentrischen und rücksichtlosen Einzelgängers betrachtet worden, und daran ist Kahn ganz sicher nicht unschuldig. Er mag immer wieder mal ein Kotzbrocken sein, einerseits. Aber welcher Fußballfan hätte, andererseits, nicht gerne Spieler in den Reihen seiner Lieblingsmannschaft, die auch in scheinbar hoffnungslosen Situationen nicht aufgeben – und sei es um des persönlichen Erfolgs willen, der dann jedoch zu einem des ganzen Teams wird? Nur wenige Spiele bleiben Oliver Kahn noch bis zum Ende seiner Karriere. Eines ist aber jetzt schon sicher: Er wird fehlen – Freunden wie Feinden.

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