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Bernstein und der Kontext-Terror

1. April 2008 von Lizas Welt

Ein echter Mann des Friedens und der Verständigung, Historiker obendrein, schickt Lizas Welt einen Kommentar zu dem auf diesem Weblog veröffentlichten Beitrag Merkaz Harav, der sich mit der Ermordung von acht Studenten der gleichnamigen jüdischen Religionsschule in Jerusalem am 6. März dieses Jahres befasste:

Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen, die sehr früh mit einem führenden Vertreter der „Yeshivat Merkaz haRav“ ein Gespräch geführt haben. Es war wenige Tage nach Gründung des „Gush Emunim“ („Block der Glaubenstreuen“) im Februar 1974. Der Gesprächspartner war R’ Yohanan Fried. Die Gründung der Yeshiva geht auf R’ Yehuda Zvi Kook zurück, der schon vor 1967 für die jüdische Besiedlung der „Wiege des jüdischen Volkes in Judäa und Samaria“ eintrat und der Gründung des Staates Israel 1948 keine theologische Bedeutung beimaß, weil er im „Philisterland“ entstand. Fried erklärte in dem damaligen Gespräch, dass der arabischen Bevölkerung des Landes keine souveränen Rechte zustehen.

Die Yeshiva und ihr Gründer, der 1980 starb, wurden zum Zentrum des theologischen Messianismus der Siedlerbewegung. Wer die Gelegenheit hat, sich wenigstens im Umfeld der Yeshiva umzuschauen, was ganz leicht ist, weil die Anlage (mittlerweile) an der Ausfahrtstraße nach Tel Aviv liegt, gewinnt den Eindruck, dass für das dortige Lehrpersonal und die Studenten (Frauen gibt es dort selbstverständlich nicht) jede politische Vereinbarung mit den Palästinensern – die auf einen wie auch immer gearteten Kompromiss hinauslaufen würde – einer Blasphemie gleichkommt.

Wenn man über den Terrorakt spricht, sollte man sich an diesen Kontext erinnern.

Dr. Reiner Bernstein

Nun war der Gründer der Yeshiva Merkaz Harav nicht Rabbi Zvi Yehuda Kook, sondern dessen Vater Abraham Isaac Kook, der erste aschkenasische Oberrabbiner im britischen Mandatsgebiet Palästina und ein überaus liberaler noch dazu. Sein Sohn Zvi Yehuda, der die Leitung der Schule nach dem Tod seines Vaters übernahm, starb auch nicht 1980, sondern erst 1982. Aber man will ja nicht kleinlich sein, nicht einmal einem studierten Geschichtswissenschaftler gegenüber. Interessanter scheint ohnehin, was Bernstein eigentlich mit dem „Kontext“ meint, an den man sich im Zusammenhang mit dem Mordanschlag in der Yeshiva „erinnern“ möge. Vielleicht ist er ja bereit, seine zarte Andeutung zu präzisieren? Einen Versuch ist es jedenfalls wert:

Sehr geehrter Herr Bernstein,

im „Umfeld der Yeshiva“ hat sich offensichtlich auch der Attentäter „umgesehen“, bevor er am 6. März acht Schüler ermordete. Verstehe ich Sie richtig, dass der „Kontext“, von dem Sie sprechen, das Blutbad in Ihren Augen verständlich macht oder gar legitimiert?

Lizas Welt

Aber, ach – die Klarstellung, sie bleibt aus. Denn:

Sie erwarten nicht, dass ich einem Anonymus antworte.
Dr. Bernstein

Nein? Doch! Also noch ein Versuch:

Seltsam. Sie haben ja zuvor auch einem „Anonymus“ geschrieben. Und jetzt soll das plötzlich ein Hindernis sein, wenn Sie eine konkrete Nachfrage gestellt bekommen? Das leuchtet mir nicht ein. Sie verstehen sicher, dass ich mir dann auf der Grundlage Ihrer ersten E-Mail meine Gedanken machen muss.

Vergebens – Bernstein schweigt sich aus, zeigt sich immerhin aber verständig:

Hoffentlich werden Sie bei der Suche fündig. Alles Gute!

Man muss gleichwohl nicht lange danach forschen, an welchen „Kontext“ der Münchner Doktor anlässlich der Ermordung von acht jungen Studenten einer jüdischen Religionslehranstalt denkt. Er lautet, kurz gefasst: Merkaz Harav ist „die zionistische Religionsschule der rassistischen Siedlerbewegung“, „die Hochburg des zionistischen Fundamentalismus“, „das Herz des religiösen Zionismus“ und das „Symbol für Vertreibung und Landraub, für religiös begründeten Rassismus“. So unverblümt hat Bernstein das, anders als die Linke Zeitung, zwar nicht formuliert. Aber der Unterschied ist kein grundsätzlicher, sondern bloß der zwischen der offenherzigen Pöbelei eines antizionistischen Krawallblatts und der etwas vornehmeren Ausdrucksweise eines Akademikers.

Einig sind sich beide allemal darin, dass es das Gemetzel des zwanzigjährigen Arabers mit israelischem Pass und Kalaschnikow ohne diesen „Kontext“ nicht gegeben hätte und dass es dementsprechend die irgendwo doch verständliche Reaktion eines Erniedrigten und Beleidigten war. Es ist dies die gleiche Logik, mit der die notorischen Friedensfreunde palästinensische Selbstmordattentate und Raketenangriffe auf den jüdischen Staat zu „Verzweiflungstaten“ herunterspielen, die Israel sich letztlich selbst zuzuschreiben habe. Nur eines dürfen solche tödlichen Attacken wie auch der Amoklauf in der Yeshiva nie sein: originär antisemitischer Terror, dessen einziges Ziel es ist, so viele Juden wie möglich umzubringen, weil sie Juden sind – egal, ob diese Juden in Sderot wohnen, in der Disko tanzen, an den Grenzübergängen das Eindringen weiterer menschlicher Bomben verhindern oder in einer Bibliothek den Talmud studieren.

Wenn es aber schon mal um den Kontext geht, sollten „die übergroße Sympathie der palästinensischen Bevölkerung mit den Intentionen des Attentäters“ und die „spontanen Freudenkundgebungen“ nicht in Vergessenheit geraten, von denen die Linke Zeitung so freimütig wie zufrieden berichtete. Dieser ausgelassene Jubel über den achtfachen Mord jedoch kümmert Bernstein nicht weiter. Stattdessen klammert er sich unbeirrt an die von ihm hierzulande vertretene Genfer Initiative, für deren Stagnation er in erster Linie Israel verantwortlich macht – wiewohl es die Palästinenser sind, die immer wieder eindrucksvoll demonstrieren, dass es ihnen nicht nur um die Hälfte des Kuchens geht (den sie längst haben könnten), sondern um die ganze Bäckerei, nicht um Koexistenz mit Israel also, sondern um ein judenfreies Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer.

Doch Bernstein befielen noch nicht einmal nach dem Wahlsieg der Hamas zu Beginn des Jahres 2006 Zweifel an der Friedfertigkeit der Bewohner des Gazastreifens und der Westbank. Die Gottespartei pendle „momentan zwischen Extremismus und Pragmatismus“, sagte er seinerzeit der Jungle World. „Es gibt heftige Flügelkämpfe, und ich bin davon überzeugt, dass sich der pragmatische Flügel schließlich durchsetzen wird.“ Ein Jahr später glaubte er dann allen Ernstes, dass sich die richtigen Vögel durchgesetzt hätten: „Die Hamas hat in den vergangenen Wochen eine lange Strecke zurückgelegt, indem sie Realitäten anerkannt hat. Es ist mehrfach von der Hamas gesagt worden, dass die Existenz des Staates Israel unbestritten ist.“ Dummerweise wusste man bei Hamasens zu Hause jedoch gar nichts davon und setzte weiter auf die Auslöschung Israels, weshalb Bernstein rasch forderte, „den islamischen Widerstand in die politische Verantwortung zu nehmen“. Dabei müssten „seine Repräsentanten verstehen lernen, dass jeder ‚Qassam’-Beschuss und jeder Selbstmordanschlag“ – ein antisemitisches Verbrechen ist? Nein, sondern nur „die Vision von einem Staat Palästina in immer weitere Ferne rückt“. Aber noch immer sah Bernstein einen Silberstreif: „Erste positive Schritte des Umdenkens deuten sich an.“

Die Hamas zog es jedoch vor, die Beschwörungen und Ratschläge aus München weiterhin zu ignorieren und derweil den Gazastreifen komplett in Beschlag zu nehmen. Kein Problem für Bernstein: „Die deutsche und die europäische Außenpolitik sollten auf Präsident Machmud Abbas einwirken, seine Verweigerungshaltung gegenüber Hamas aufzugeben. Denn es kommt darauf an, die gemäßigten Kräfte innerhalb der Islamischen Widerstandsbewegung“ – und doch nicht mehr den gesamten großartigen „islamischen Widerstand“ – „in die politische Verantwortung einzubinden“. Wie ein gemäßigter Judenmord aussehen soll, weiß Bernstein vermutlich auch nicht – aber vielleicht war ja das Attentat in der Yeshiva ein solcher, wenn man sich nur an den „Kontext erinnert“?

Und so träumt ein deutscher Historiker gemeinsam mit seiner Frau weiterhin von einem „gerechten Frieden im Nahen Osten“, dessen Wegweiser und Modell die Genfer Initiative sei. Die ist den Palästinensern jedoch erwiesenermaßen noch viel zu wenig, während ihre Umsetzung für Israel bereits mörderisch wäre. Aber vielleicht ist es ja das, was Reiner Bernstein unter Gerechtigkeit versteht. Wie auch immer – was ihm einstweilen bleibt und keiner mehr nimmt, ist jedenfalls dies: „Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen, die sehr früh mit einem führenden Vertreter der ‚Yeshivat Merkaz haRav’ ein Gespräch geführt haben.“ Und Carlsberg ist genauso wahrscheinlich das beste Bier der Welt. In einem bestimmten Kontext zumindest.

Oberes Foto: Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation ZAKA sammelt in der Bibliothek der Yeshiva Leichenteile ein. Unteres Foto: Familienangehörige trauern um die Opfer des Attentats auf die Religionsschule. Weitere Bilder, bei denen man sich laut Reiner Bernstein „an den Kontext erinnern“ soll, finden sich beim Fotodienst JAMD.

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