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Rosen auf den Weg gestreut

27. September 2007 von Lizas Welt

„Linke Antisemiten gibt es nicht!“, behauptete der Schriftsteller Gerhard Zwerenz vor über dreißig Jahren mit fast schon kindlichem Trotz, nachdem das Gegenteil soeben wieder einmal offensichtlich geworden war, als zwei Mitglieder der Revolutionären Zellen ein Flugzeug entführt und dessen jüdische Passagiere von den nichtjüdischen selektiert hatten, bevor eine israelische Spezialeinheit der Geiselnahme auf dem Flughafen von Entebbe ihr Ende bereitete. Doch Zwerenz war und ist kein Einzelfall; vielmehr bleibt der Großteil der Linken bis heute unerschütterlich bei diesem Credo des chronisch guten Gewissens: Es existiert kein linker Antisemitismus! Und daher darf sich nun der Publizist und Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB), Fritz Edlinger, in der sozialdemokratischen Monatszeitschrift Zukunft über einen „sattsam bekannten zionistischen Publizisten“ auslassen, von einer „absolut bornierten und kritikfeindlichen Haltung der offiziellen Vertreter des Wiener Judentums“ schreiben sowie gegen „Israel und seine Lobbyisten im Ausland“ zu Felde ziehen. Wer das für antisemitisch hält, der bemüht, folgt man Edlinger, bloß ein „Totschlagargument“ und betreibt „Unterstellung, Diffamierung und politische Kriminalisierung“.

Edlinger (Foto) greift in seinem Beitrag dabei namentlich den Publizisten Thomas Schmidinger, die Vorsitzende von Scholars for Peace in the Middle East Austria, Ruth Contreras, und den Journalisten Karl Pfeifer an. Diesen gehe es „wahrlich nicht um eine ernsthafte und faire Auseinandersetzung mit dem Islam“, sondern „um eine klare politische Positionierung, eigentlich um eine Diffamierung“, behauptet er, ohne auch nur einen einzigen Beleg anzubringen. Besonders auf Pfeifer hat es Edlinger abgesehen: Den „sattsam bekannten zionistischen Publizisten“ schreiben zu lassen, dass es sich bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) um eine undemokratische und nicht repräsentative muslimische Organisation handelt, könne „ja wohl nur als geschmacklose Ironie interpretiert werden“. Denn: „Dies wäre in etwa so, wenn man den Chefredakteur des (der Hizbollah nahestehenden) TV-Senders Al-Manar als Experten im Streit zwischen unterschiedlichen israelischen Rabbinern über die Anerkennung des Judenstatus von Immigranten aus Russland zurate ziehen würde.“

Der Österreicher Edlinger selbst möchte jedenfalls keine Stellung zu der Frage beziehen, inwieweit eine gerade einmal 4.000 Mitglieder umfassende, autoritär strukturierte österreichische Vereinigung den Anspruch erheben kann und darf, für die etwa 400.000 in der Alpenrepublik lebenden Muslime zu sprechen, und auf welche Art und Weise sie dies tut: „Es ist nicht meine Angelegenheit, als Nicht-Muslim darauf näher einzugehen, dies hat die Islamische Glaubensgemeinschaft selbst bereits des Öfteren getan.“ Und das hat offenbar zu genügen. Deshalb verbittet er sich auch jegliche Stellungnahme Dritter – besonders, wenn sie Juden sind. Denn nicht anders ist Edlinger zu verstehen, wenn er Pfeifer einen „sattsam bekannten zionistischen Publizisten“ nennt – was nicht nur nach einem Synonym für die antisemitische Figur des „notorischen jüdischen Querulanten“ klingt, sondern auch eines ist –, und ihm den Mund verbieten will, weil sich die allen Ernstes zum Vergleich herangezogene Terrororganisation Hizbollah ja auch nicht in jüdische Angelegenheiten einmische.

Gewohnheits- und Wiederholungstäter

Während also Edlinger das Tun der Muslime in Österreich „als Nicht-Muslim“ nicht kommentieren möchte, beschäftigt er sich – als Nicht-Jude – dafür schon lange umso intensiver mit der Frage, wie sich Juden in Österreich zu verhalten haben: „Anstatt sich stets durch billige und oberflächliche Appelle an das schlechte Gewissen bzw. die Verpflichtung zur Wiedergutmachung an die österreichische bzw. europäische Bevölkerung zu wenden, sollten Sie besser einmal genauer und kritischer die politische Entwicklung in dem von Ihnen mit unkritischer Verbissenheit verteidigten israelischen Staat ansehen“, fuhr Edlinger bereits 1982 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der SPÖ-Organisation Junge Generation die Israelitische Kultusgemeinde Wien in einem Brief an.* Und das war noch nicht alles: „Diese Entwicklung ist für einen österreichischen Demokraten und Antifaschisten weitaus bedenklicher und gefährlicher als die von Ihnen immer wieder als Antisemitismus diffamierte Ablehnung der Politik der Herren Begin und Sharon in Israel. Solange Sie dazu nicht bereit sind, spreche ich Ihnen schlichtweg die moralische Berechtigung ab, über öffentliche Erklärungen und Aktivitäten von österreichischen Organisationen ein Urteil abgeben zu können.“

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Margit Reiter resümierte: „Ihm [Edlinger] waren nicht nur die ohnehin spärlich fließenden ‚Wiedergutmachungs’-Zahlungen ein Dorn im Auge, sondern er verstand es auch, die österreichischen Juden und Jüdinnen in altbekannter Manier vom österreichischen Wir-Kollektiv abzugrenzen und ihnen subtil die Instrumentalisierung der Shoa für politische Zwecke zu unterstellen. Diese Anspielungen sowie der anmaßende Ton des Briefes und auch seine aggressive und uneinsichtige Reaktion auf die gegen ihn vorgebrachte Kritik verweisen, wenn nicht auf latent antisemitische Ressentiments, so zumindest auf einen erheblichen Mangel an historischer Sensibilität.“

Das war noch zurückhaltend formuliert, doch Edlinger schert sich um derartige Einwände ohnehin immer nur insoweit, als er sie für „hysterische Kampagnen“ hält – betrieben, na logisch, von Leuten, „die mit dem israelischen Gemeindienst und den USA Schulter an Schulter arbeiten“. Zu beobachten war dieses Reaktionsmuster nicht zuletzt, nachdem der von Jöran Jermas alias Israel Shamir verfasste und von Fritz Edlinger 2005 im Wiener Promedia-Verlag herausgegebene sowie mit einem Vorwort versehene Titel Blumen aus Galiläa als das kritisiert wurde, was er ist: die verschwörungstheoretische Hetzschrift eines überzeugten Antisemiten nämlich, der über gute Kontakte zu Rechtsextremisten verfügt und dort für sein Werk den rauschendsten Beifall erhielt. In Frankreich wurde das Buch aus dem Verkehr gezogen; zudem verurteilte ein Gericht den Verleger der französischen Ausgabe zu einer Haft- und einer Geldstrafe.

In Österreich hingegen geschah zunächst nichts, bis im November 2005 eine Gruppe von Intellektuellen erfolgreich gegen einen Auftritt Edlingers an der Universität Graz protestierte. Der ließ, nachdem nun doch noch zwei Zeitungen über die Angelegenheit berichteten, eine wenig glaubwürdige Distanzierung von Shamirs Ansichten folgen und gab ansonsten im Verbund mit seinem Verlag die verfolgte Unschuld („Der Angriff auf das Buch von Israel Shamir zielt unserer Meinung nach deutlich darauf ab, Kritik an Israel mit der Keule des Antisemitismusvorwurf unmöglich zu machen“). Kurz zuvor hatte Edlinger Shamir in einem Interview mit dem Muslim-Markt noch als „scharfzüngigen“ und „kritischen“ Autor verteidigt, seine Kritiker aufgefordert, „vor ihrer eigenen Türe zu kehren“, und vor allem beklagt, „dass es in Teilen der israelischen Gesellschaft nicht nur einen eklatanten Rassismus, sondern auch eine mehr oder minder klare faschistische Ideologie gibt“.

Die Zukunft der Zukunft

Doch all dies konnte ihn offenbar nicht nachhaltig diskreditieren, genauso wenig wie seine Tätigkeit als einer der wichtigsten österreichischen Lobbyisten in der arabischen Welt: Edlinger ist Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB) – die laut der irakischen Tageszeitung al-Mada zu den Empfängern von Saddam Husseins Ölgutscheinen gehörte – und reiste unter anderem im Juni 2001 mit einer Delegation seiner Organisation sogar in den Sudan, um „an den Feierlichkeiten anlässlich des zwölften Jahrestags des Amtsantrittes von Präsident Omar Hasan al-Bashirs“ – also an dessen Militärputsch-Jubiläum – teilzunehmen, wie er im GÖAB-Bulletin schrieb. Außerdem war er mehrere Jahre lang der Vertreter der SPÖ beim Nahostkomitee der Sozialistischen Internationale.

Und nun durfte Edlinger für die sozialdemokratische Zeitschrift Zukunft – deren Absicht es nach eigener Auskunft ist, „linke Alternativen für die Zukunft sichtbar zu machen und zu diskutieren“ – in die Tasten greifen und sich über „Israel, den Islam und die Linke“ spreizen. Neben den Invektiven vor allem gegen Karl Pfeifer finden sich in dem Beitrag die gewohnten Klagen über die „völkerrechtswidrige Unterdrückungs- und Vertreibungspolitik des ‚Staates der Juden’“ – dessen Existenzberechtigung bereits durch die Anführungszeichen verneint wird –, sowie die nicht minder obligatorischen, langatmigen und von jüdischen „Kronzeugen“ gestützten Rechtfertigungen für den linken Antisemitismus, der natürlich kein solcher sein soll, sondern bloß „Israelkritik“, die jedoch von interessierten Kreisen („Israel und seinen Lobbyisten im Ausland“ etwa oder „absolut bornierten und kritikfeindlichen offiziellen Vertretern des Wiener Judentums“) per „Unterstellung, Diffamierung und politischer Kriminalisierung“ hintertrieben werde. Er selbst, schreibt Edlinger, sei selbstverständlich über jeden Verdacht erhaben, ein Antisemit zu sein: „Ich bin Jahrgang 1948, 1964 der SPÖ beigetreten, peripherer Anhänger der 68er Bewegung und habe – wie die meisten Jungsozialist(inn)en meiner Generation – mit der politischen Grundschulung auch die vehemente Ablehnung des Faschismus und jeglicher Art von Rassismus eingeimpft bekommen.“ Vor allem, scheint’s, des jüdischen „Faschismus“ und „Rassismus“.

Edlingers antizionistische Propaganda ist aber nur das eine. Das andere ist es, dass die Zukunft ihr Raum gewährt und dabei auch noch zulässt, dass ein langjähriger freier Mitarbeiter der Zeitschrift antisemitisch angegangen wird – Karl Pfeifer selbst hat in einem guten Dutzend Jahren zahllose Artikel für das Blatt verfasst. Man bekommt eine Idee davon, wie die Zukunft ihren Namen inzwischen versteht und was sie sich unter „linken Alternativen“ vorstellt. Aber das ist für die österreichische Sozialdemokratie ja nichts Ungewöhnliches.

* Nicht online verfügbar; das Schreiben liegt Lizas Welt jedoch als Scan vor.

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