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Hemmungslose Herrenrasse

23. August 2007 von Lizas Welt

Das Strickmuster ist im Grunde immer das gleiche: In einem ostdeutschen Kaff werden Menschen, die nicht so aussehen, als könnten sie jederzeit der NPD beitreten, gejagt und halb oder ganz tot geschlagen. Der Bürgermeister beharrt gleichwohl darauf, in seinem Örtchen gebe es gar keine Rechtsradikalen, und fürchtet oder beklagt einen Imageschaden. In Politik und Medien heißt es, der Standort respektive das Ansehen Deutschlands im Ausland sei in Gefahr – was bekanntlich weit schwerer wiegt als Angriffe auf die körperliche Unversehrtheit der Opfer –, weshalb man künftig runde Tische organisieren, Zivilcourage lehren, die NPD verbieten, Aktionsprogramme ins Leben rufen und der Jugend andere Perspektiven, als alles Undeutsche kurz und klein zu hauen, offerieren müsse. Gleichzeitig vergisst kaum jemand zu betonen, im Osten gebe es nach zwei Diktaturen nun mal ein Demokratiedefizit – was wohl heißen soll, dass die jeweiligen Schläger oder Messerstecher nicht so recht Herr ihrer Sinne, sondern letztlich auch nur Opfer der Verhältnisse seien, Modernisierungsverlierer sozusagen. In der betroffenen Ortschaft zeigt man sich dessen ungeachtet störrisch, lässt die Jalousien herunter, weist alle Vorwürfe von sich und schilt die Medien, die das alles bloß hochspielten. Im Fall der Attacke eines fünfzigköpfigen deutschen Pogrompöbels auf acht Inder in Mügeln war das kein bisschen anders.

Fast auf den Tag genau fünfzehn Jahre zuvor hatte ein Mob von Deutschen versucht, zumindest den Rostocker Stadtteil Lichtenhagen mit Brandsätzen ausländerfrei zu machen. Seinerzeit reagierte die Politik darauf mit jeder Menge Verständnis und der Konsequenz, das Asylrecht faktisch einfach abzuschaffen; schließlich könne man der Bevölkerung den „massenhaften Asylmissbrauch“ nicht mehr zumuten. Derlei ist heute nicht mehr zu vernehmen, und zwar vornehmlich aus zwei Gründen: Zum einen gibt es am Artikel 16 des Grundgesetzes oder dem Ausländerrecht nicht mehr viel zu verschärfen; zum anderen hat der Pogromismus sich tatsächlich als echtes Investitionshindernis erwiesen und daher ausgedient. Als guter Deutscher hat man nun seine Vergangenheit bewältigt und bringt deshalb keine Ausländer mehr um, sondern beurteilt sie zuvörderst nach ihrem Nutzen für Staat und Vaterland: Wenn sie in irgendeiner Weise geeignet sind, für Weltoffenheit und Toleranz zu bürgen – wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft –, wenn sie Kongruenzen mit den handelsüblichen deutschen Feinden zu bieten haben – wie nicht wenige Muslime – oder ökonomisch wertvoll sind, umgarnt man sie oder lässt man sie doch zumindest weitgehend in Ruhe.

Im Osten der Republik ist das allerdings anders. Das Argument mit dem Standort beispielsweise zieht dort nicht, denn er ist gar keiner, und deshalb entfällt noch ein Grund, irgendeine Form von taktischer Zurückhaltung zu üben. Nur werden die Angriffsobjekte immer weniger, weil kaum noch Ausländer, Punks oder Obdachlose in der Zone leben, wenn es sich vermeiden lässt. Falls es dann doch einmal ein paar Asiaten, deren Schnellimbiss ansonsten als Erweiterung der eintönigen Speisekarte geduldet wird, aufs Dorffest verschlägt, braucht es nicht viel, um die Volksseele zum Kochen zu bringen. „Der verordnete Antifaschismus der DDR mag als Lebenslüge noch so oft dekonstruiert worden sein“, schrieb die kommunistischer Neigungen bekanntermaßen unverdächtige FAZ, „vielen Ostdeutschen ist er trotzdem die wirksamste Arznei gegen braune Ideologie gewesen“. Denn damals war er noch ein Standortvorteil, weil es Faschismus nur im Westen geben sollte und das Wohlverhalten entsprechend sanktioniert wurde. Das ist anders geworden, und daher bricht sich seit 1989/90 immer wieder Bahn, was ohnehin nie verschwunden war.

Dazu bedarf es nicht einmal unbedingt einer organisierten Neonaziszene, denn wenn es darum geht, noch den letzten Zugereisten nichtarischen Teints – ersatzweise auch „Zecken“ oder „Penner“ – mindestens in die Flucht zu schlagen, wird so mancher brave Bürger zum hemmungslosen Hooligan. Gut möglich also, dass der Mügelner Bürgermeister Gotthard Deuse durchaus die Wahrheit spricht, wenn er behauptet: „Ich kenne unsere Jugendlichen, da ist kein Rechtsextremer dabei.“ Als ob es besser wäre, wenn CDU-, SPD- oder Linksparteiwähler die Hatz betreiben respektive beklatschen. Die Rechtsradikalen, die in Ostdeutschland auf ihre „national befreiten Zonen“ stolz sind und in einigen Orten längst mehr zu sagen haben als gewählte Kommunalpolitiker, setzen die Parole „Alle Gewalt geht vom Volke aus“ nur besonders einsatzfreudig und konsequent um, stets jedoch mit dem entsprechenden Rückhalt. Mit Protest, der in diesem Zusammenhang nicht selten als Beweggrund ausgemacht wird, hat das übrigens nichts zu tun: Es ist schlicht eine konformistische Rebellion, die nach mehr und gnadenloserer staatlicher Härte ruft und dabei schon mal demonstriert, wie das auszusehen hat.

Rasereien der Marke Mügeln belegen regelmäßig, wie dünn hierzulande vor allem im Osten die zivilgesellschaftliche Hülle ist, die den volksgemeinschaftlichen Kern umgibt. Der autoritäre Charakter sucht sich immer wieder eine lustvolle Befriedigung in der Erniedrigung anderer; sein klägliches Leben trachtet nach einer Sinnstiftung durch die Zugehörigkeit zu kleineren und größeren Kollektiven – der Familie, dem Betrieb, dem Schützenverein, der Dorfgemeinschaft, der Nation – und durch den verbalen wie tätlichen Angriff auf alles, was nicht dazu gehört und es auch nicht soll. Wem das Leben sonst nichts zu bieten hat, der kann sich immer noch daran halten, Teil der Herrenrasse zu sein – mit den bekannten Aufgaben und Folgen. Die projektive Energie, die daraus erwächst, ist enthemmend und wirkt wie ein Elixier für den Exzess gegen das Abweichende: Nicht zuletzt deshalb setzte der Ausländer-raus-Mob in Mügeln alles daran, seinen Opfern auch noch nach deren Flucht in eine Pizzeria mit dem tragischen Namen Picobello den Garaus zu machen, und dabei attackierte er folgerichtig sogar die Staatsgewalt mit Flaschen, Gläsern und Bierbänken.

Da runde Tische, Exit-Programme, Zivilcourage-Workshops und andere sozialarbeiterische Sperenzchen offenkundig und nachweislich nichts fruchten, muss es – vor allem kurzfristig – darum gehen, spontane wie organisierte Angriffe auf Leib und Leben möglichst effektiv zu unterbinden. Ob dazu die Alliierten wieder einmarschieren müssen oder es auch von der Bundeswehr überwachte Ausgangssperren tun, wird sich weisen. Wenn schon verordneter Antifaschismus, dann so einer.

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