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Scholls perfektes Finale

21. Mai 2007 von Lizas Welt

Es war ein wirklich genialer Abschied, den Mehmet Scholl da am Samstag bei seinem letzten Spiel als Fußballer hatte: Weil sich Oliver Kahn beim Aufwärmen verletzte, durfte Scholl seine Bayern als Kapitän aufs Feld führen, die obligatorische Übergabe des Blumenstraußes nahm Manager Uli Hoeneß sichtlich mit, nach einer halben Stunde schoss Scholl ein zauberhaftes Tor – das letzte seiner Laufbahn –, und als er nach 57 Minuten absprachegemäß ausgewechselt wurde, gab es wohl nur wenige unter den 69.000 Zuschauern im Münchner Stadion, die nicht zumindest schlucken mussten. Selbst in der Radiokonferenz war die Frage nach dem kommenden deutschen Meister einen Moment lang Nebensache. „Ich gehe, und ich gehe gerne“, hatte der 36-jährige in einer Pressekonferenz einen Tag vor dem finalen Kick gesagt, und tatsächlich schien ihm der Abschied leichter zu fallen als seinen Anhängern und Bewunderern: Er genoss ihn einfach.

Dieser Abgang passte zu Mehmet Scholl, der es nach zahllosen Verletzungen und privaten Achterbahnfahrten zunehmend satt hatte, ununterbrochen durch die Medien gezogen zu werden: „Ich wollte mich eben nur dann äußern, wenn ich auch etwas zu sagen habe“, bemerkte er in der Süddeutschen Zeitung in einem seiner selten gewordenen Interviews. „Viele Leute geben Interviews nicht, weil sie was zu sagen haben, sondern weil sie wo erscheinen möchten. Sie beziehen ihren Marktwert daher und werden mit Werbeverträgen belohnt. Das ist in Ordnung. Aber nichts für mich. Die 90 Minuten sind immer noch pure Freude. Aber das Drumherum hat halt immer weniger Spaß gemacht.“ Koketterie war das nicht; die hatte er schon lange nicht mehr nötig.

Denn der als Mehmet Yüksel geborene Scholl – seinen jetzigen Nachnamen übernahm er von dem zweiten Ehemann seiner Mutter – lernte den Medienzirkus im Laufe seiner Karriere gründlich und von allen Seiten kennen; jahrelang war er einer seiner besten Lieferanten und gleichzeitig prominentes Opfer. 1992 wechselte er im Alter von 21 Jahren – ausgestattet mit dem Ruf, ein Jahrhunderttalent zu sein – vom Karlsruher SC zum FC Bayern. Zu jener Zeit machte die Bundesliga, vor allem der Rekordmeister aus München, hinsichtlich der Markt- und Gesellschaftsfähigkeit gerade einen deutlichen Sprung; aus Fußballern wurden allmählich Popstars, die möglichst auch abseits des Spielfeldes die Schlagzeilen bestimmen sollten. Einer wie Mehmet Scholl kam da wie gerufen und wurde auch gleich zum Teenie-Star der Bravo-Sport; darüber hinaus blieb er mit privaten Kapriolen und vorlauten Zoten im Gespräch.

Auf dem Platz lief es zunächst jedoch höchst wechselhaft; grandiosen Spielen folgten regelmäßig durchwachsene Auftritte und umgekehrt. Scholl blies der mediale Wind eiskalt ins Gesicht: Dem Klischee vom Künstler, der empfindsam ist und seine Launen hat, schien er geradezu prototypisch zu entsprechen. Hinzu kamen recht bald immer wieder kleinere und größere Verletzungspausen, die letztlich die ganz große internationale Laufbahn verhinderten: „Scholl gilt als einer der besten deutschen Fußballspieler, die nie an einer Weltmeisterschaftsendrunde teilnahmen“, erfand das Online-Lexikon Wikipedia gar eine statistische Einordnung, die es bis dato noch nicht gab. Auf nationaler Ebene ist der Mittelfeldmann mit acht deutschen Meisterschaften und fünf Pokalsiegen dagegen ungeschlagen. Scholl selbst nimmt die diversen Aufs und Abs gelassen:

„Das alles ist doch meine Vita! Dass diverse Anekdoten in einer Häufigkeit passiert sind, spricht für sich. Ein Beispiel: Ich werde im EM-Finale 1996 ausgewechselt, obwohl ich für meinen Geschmack recht gut war – und der Mann, der für mich reinkommt [Oliver Bierhoff], schießt zwei Tore! Oder 2001: Ich verschieße den Elfmeter – wir werden trotzdem Champions-League-Sieger! Oder: Ich soll mit zur WM ’98, reiß’ mir aber die Bänder – und der Typ, der mir die Bänder gerissen hat, Jens Jeremies, fährt plötzlich mit zur WM. Oder 2000: Da werd’ ich von den Bundesligaprofis zum Spieler der Saison gewählt – und beim Spiel, bei dem ich meine Urkunde krieg’, sitz’ ich natürlich nur auf der Bank. Am Tag der Ehrung! Solche Sachen ziehen sich durch meine Karriere. [...] Das Schicksal sagt eben zur mir: ,Schau’ mal, wie du damit zurechtkommst – als Helden haben wir dich schon probiert, da taugst du nicht, nun versuch’ das mal.‘ Es ist ja nicht so, dass ich diese Rolle gesucht habe. Ich habe meine Rückschläge angenommen, und im Nachhinein war klar, dass diese Dinge kommen mussten. Wenn ich früher einen Witz über den Trainer gemacht habe – dann stand der halt hinter mir. Das war einfach so.“

Ein Mehmet Scholl in guter Form – auf dem Feld und außerhalb – gehörte gleichwohl zweifelsfrei zum Besten, was die Bundesliga in ihrer Geschichte zu bieten hatte. Dies bekundeten auf seiner Abschiedstournee oft sogar die Fans der gegnerischen Teams, die den Bayern ansonsten die Pest an den Hals wünschen. Die Bayern-Supporter wiederum wussten es ohnehin: Wenn Stadionsprecher Stephan Lehmann beim Verlesen der Aufstellung oder nach einem Tor den Vornamen rief, war die Antwort der Fans bei keinem Spieler so laut wie bei Scholl. Denn der war die perfekte Unterhaltung, weil er die seltene Gabe besaß, Unerwartetes und Überraschendes zu tun. Vor allem deshalb wurde er auch in den letzten Jahren immer wieder ins Getümmel geworfen – wenn auch selten länger als eine halbe Stunde –, falls es bei den Bayern nicht lief. Und vor der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer überreichte gar eine private Initiative dem Deutschen Fußball-Bund eine Liste, auf der sich 175.000 Unterzeichner – allerdings vergeblich – dafür aussprachen, Scholl in den WM-Kader zu berufen.

Doch auch jenseits des Rasenvierecks überließ der ungewöhnliche Fußballer Langeweile und Gleichförmigkeit stets anderen. „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich 67 Kilo geballte Erotik“, ließ er 1993 ein Publikum wissen, das sich an solche Frivolitäten erst noch gewöhnen musste; ein Jahr später antwortete er auf die Frage nach seinem Lebensmotto: „Hängt die Grünen, so lange es noch Bäume gibt!“ Diese Parole sei „eigentlich als Plädoyer für vernünftigen Umweltschutz gedacht“ gewesen, bemerkte Scholl, doch ein Politiker der nämlichen Partei zeigte ihn wegen Anstiftung zum Mord an. Gegen eine Zahlung von 15.000 Mark für einen wohltätigen Zweck wurde das Verfahren eingestellt. Die Grünen habe er trotzdem gewählt: „Ich kann sie ja nicht hängen lassen.“ Welche Schlagzeile der schmächtige Scholl über sich gerne lesen würde, wurde er 1996 gefragt. „Scholl holt Gold im Gewichtheben“, war die Antwort. Warum er die Rückennummer 7 trage? „Weil ich in diesem Alter mit dem Rauchen aufgehört habe.“ Sein Traumberuf? „Spielerfrau.“ Was er im nächsten Leben werden wolle? „Hund bei Uli Hoeneß.“ Wovor er Angst habe? „Vor Krieg und Oliver Kahn.“ Was nach dem Fußball komme? „Ich werde nie Golf spielen. Erstens ist das für mich kein Sport, und zweitens habe ich noch regelmäßig Sex.“

Dem FC Bayern wird Mehmet Scholl auf jeden Fall erhalten bleiben: Die Kegelabteilung des Klubs, der er schon seit einigen Jahren angehört, kann künftig verstärkt auf seine Dienste zurückgreifen. Das ist keine wirkliche Überraschung: Schon mit dem KV Karlsruhe gewann er bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 1983 in Aschaffenburg die Bronzemedaille. Ob er noch einmal im Bereich des Fußballs arbeiten will, ließ Scholl hingegen offen: „Darüber wurde bisher nur in den Medien gesprochen, nicht mit mir. Aber ich brauche das auch nicht“, sagte er. Zunächst einmal wolle er sich eine Pause gönnen und die Freiheit genießen, „mal an einem Freitagabend in Berlin oder Köln auf ein Konzert zu gehen“. A propos Musik: Vielleicht lässt er seinen beiden CD-Kompilationen ja noch eine dritte folgen – der Mann hat jedenfalls auch noch einen passablen Musikgeschmack.

Bei YouTube: Ausschnitte aus Mehmet Scholls letztem Spiel
Hattip: Sid Vicious

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