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El-Masris Grundstressniveau

19. Mai 2007 von Lizas Welt

Bei manchen Schlagzeilen in der Tagespresse schreckt man dann ja doch noch auf. Die Headline „Masri legt Feuer in Großmarkt – in Psychiatrie eingewiesen“ gehört unzweifelhaft dazu. Khaled el-Masri (Foto) also – wer war das noch gleich? Richtig: Ein Deutsch-Libanese sowie CIA-Entführungs- und Folteropfer – möglicherweise mit deutscher Unterstützung –, das nicht mehr abgehört werden darf. Außerdem wahrscheinlich militanter Islamist. Und der setzt jetzt also eine Metro-Filiale in Brand, wird daraufhin festgenommen und in die Klapse gesteckt. Das mit der Kaufhausbrandstiftung war übrigens kein Fanal für die Revolution: El-Masri wollte sich bloß dafür rächen, dass sein kaputter iPod nicht zurückgenommen wurde. Und nachdem es nichts half, dass er einer Verkäuferin ins Gesicht spuckte, griff er halt zu nachhaltigeren Mitteln.

Wahrscheinlich haben ihn hierzulande nicht wenige für seine unkonventionelle Art der Beschwerdeführung sogar klammheimlich bewundert. Kennt man ja selbst: Erst kauft man vom sauer verdienten Geld Schrott, und dann kann man ihn noch nicht mal umtauschen. Da ist Rache süß, und die kann gar nicht umfangreich genug ausfallen. Aber man hat sogar noch mehr davon: „Er musste Straftäter werden, um die Therapie zu bekommen, die ihm als Opfer seit Jahren zustand“, sagte el-Masris Anwalt Manfred Gnjidic, und der meinte das völlig ernst. Das Abfackeln eines Supermarktes als Hilferuf also, der wach rütteln soll – so hat doch alles irgendwie sein Gutes.

Aber damit nicht genug. Denn der Justitiar kam im Verbund mit el-Masris Psychologin Gerlinde Dötsch – einer Expertin für Akut-Traumata am Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm, die es mit der Schweigepflicht offenbar nicht so genau nehmen muss – nun erst richtig in Fahrt. Die Therapie ihres Mandanten sei unzureichend, klagten die beiden, denn dieser befinde sich im „Zwiespalt zwischen Traumatherapie auf der einen Seite und dem öffentlichen Kampf um die Wahrheitsfindung auf der anderen“, berichtete der Spiegel. „Das war immer das Dilemma, das wir (!) das ganze Jahr über hatten“, wusste Dötsch: „Damit er nicht ganz abdriftet“, habe sie mit ihrem Patienten „bisher vor allem Entspannungsübungen“ absolviert und „ihn stabilisieren können“.

Dennoch blieben Zweifel: „Ich hoffe immer, dass er durchhält, bis er wieder hier bei mir ist, dass er nicht zusammenbricht“, sagte die Seelendoktorin angesichts el-Masris „angespannten Gesichtsausdrucks im Fernsehen“. Diese Hoffnung „erhöht aber auch die Spannung“. Logisch und, ja doch, spannend, denn: „Die Traumatisierung spielt da sicherlich eine ganz große Rolle, sie löst massive Erregungszustände aus.“ Woraus folge: „Das Grundstressniveau von Khaled el-Masri ist stets erhöht.“ Dötsch hat wirklich „Grundstressniveau“ gesagt, ein Wort, das es bis dato allenfalls in der Fachliteratur gegeben haben kann – Google liefert exakt einen Treffer, und der führt zu dem Interview mit ihr.

Das Feuer am frühen Morgen jedenfalls – höchstwahrscheinlich ein Ausdruck des „öffentlichen Kampfes um die Wahrheitsfindung“ – sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass „Traumatisierte in der Regel schlecht schlafen“ und deshalb offenbar zwangsläufig eine Art Hyperaktivismus entfalten. Aber sie sind auch tagsüber unterwegs: Es laufen Ermittlungen gegen el-Masri wegen gefährlicher Körperverletzung, weil er einen Mitarbeiter von Dekra verprügelt haben soll, der ihn abmahnte, weil er zu viele Stunden seiner Ausbildung zum Lkw-Fahrer verpasst hatte. Nicht zuletzt das brachte Anwalt Gnjidic dazu, nun zu bemerken, er habe gespürt, wie sein Mandant „meiner Kontrolle entgleitet“. Deshalb habe er auch einen Brief an Kanzlerin Merkel geschrieben und sich damit „auf den Marktplatz gestellt und um Hilfe gerufen, um unbürokratische Hilfe“. Nonkonformismus pur also – wer wollte sich da verweigern?

El-Masris Verteidiger und seine Seelenklempnerin jedoch beschweren sich über mangelnde Unterstützung, einerseits durch die Bundesregierung und andererseits durch die Krankenkasse, die „keine Finanzierungszusage gegeben“ habe. Denn Behandlungszentren wie das in Ulm, für das Gerlinde Dötsch arbeitet, haben in Deutschland keine Kassenzulassung. „Er ist allein gelassen. Man kann sich zurücklehnen und warten, bis das Fass explodiert“, zeterte Anwalt Gnjidic. Wenn es das dann tut, ist es jedenfalls nicht el-Masri vorzuwerfen: „Hätte er nichts getan, wären denn dann die Ermittlungen vorangegangen?“ Na also. Und dann kam etwas, das den Brandstifter richtig schmerzen dürfte – sein Anwalt glaubte ihn in einem Dilemma und schlussfolgerte daher: „Dieses Kreuz muss er tragen.“

Einer wie el-Masri kann also nur Opfer sein, denn als Täter – so viel ist sicher – kommt er nicht in Frage. Und wenn doch, kann er nichts dafür. Diese Aberkennung des Subjektstatus ist wahrscheinlich die schlimmste Strafe, die ihm widerfahren konnte. Dabei hat er in seinem Leben doch auch mal in vollem Bewusstsein gehandelt – aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist Khaled el-Masri jetzt in der Psychiatrie. Und das ist gut so, folgt man seinem Rechtsbeistand, denn – um es noch einmal zu sagen: „Er musste Straftäter werden, um die Therapie zu bekommen, die ihm als Opfer seit Jahren zustand.“ Wer ähnliche Probleme hat: Der nächste Supermarkt ist nicht weit.

Hattips: barbarashm & Spirit of Entebbe

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