Schmockierende Urteile

Wenn ein Preis verliehen wird, ein bedeutender noch dazu, ist das normalerweise eine feierliche Angelegenheit. Leider geschieht es jedoch allzu oft, dass entweder die völlig Falschen eine Trophäe ausgehändigt bekommen – Annemarie Schimmel und Martin Walser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels beispielsweise oder Günter Grass den Nobelpreis für Literatur – oder über würdige Preisträger hergefallen wird, weil ihre Auszeichnung angeblich unangemessen ist. Die zuletzt genannte Option zog kürzlich Alfred Grosser (Foto) in der taz, als er schrieb, die Verleihung des Börne-Preises an den Publizisten Henryk M. Broder sei eine „falsche Wahl“, ja eine „Beleidigung des Humanismus“. Broder habe die Ehrung „nicht verdient“, fand Grosser, denn mit ihr würden nun „jene Grundwerte“ beleidigt, „aufgrund derer Ludwig Börnes Name 1832 beim Hambacher Fest mit Begeisterung gefeiert wurde. Diese Werte bildeten die Basis der ersten deutschen Verfassung, die 1848 in der Frankfurter Paulskirche beschlossen wurde. Mit der diesjährigen Feier zur Verleihung des Börne-Preises in der Paulskirche wendet man sich von ihnen ab“.

Der Mann meint es tatsächlich bierernst: „Henryk M. Broder brandmarkt ständig alle und jeden, die sich um das Leiden der Anderen sorgen“; zudem „bekämpft [er], im Einklang mit fanatisch pro-israelischen Internetseiten wie ‚Honestly Concerned’, so aggressiv wie möglich alle, die nicht so denken und handeln wie er“, behauptete – ohne jede Begründung übrigens, dafür jedoch sekundiert vom notorischen Ludwig Watzal – der deutsch-französische Autor und Soziologe, der seinerseits anbot, was man nicht nur in der Alternativpresse gerne liest: „Als Jude [sic!] fühle ich mich verpflichtet, dieses Leid nicht zu ignorieren“ – das der Palästinenser zuvörderst, aber auch „das erlittene deutsche Leid der Bombennächte und der Vertreibungen“. Wenn fast die Hälfte der Deutschen meint, der Nationalsozialismus habe „auch seine guten Seiten gehabt, können sie wirklich reinsten Gewissens dieser Ansicht sein: Immerhin hat das Massenmorden wenigstens im Nachhinein großes Verständnis für ihre Kümmernisse und Beengungen bewirkt.

Vielleicht war Grosser aber auch nur neidisch und musste dieser Gefühlsregung in einer Tirade Luft verschaffen. Dabei müsste er ganz ohne Weihung gar nicht bleiben: Er wäre vermutlich ein hoch gehandelter Kandidat für den Schmock der Woche, den Henryk M. Broder in unregelmäßigen Abständen vergibt. Und durchaus ein denkbarer Nachfolger etwa des „größten Verlegers aller Zeiten“, Abraham Melzer, oder auch von Y. Michal Bodemann, Soziologe in Toronto und selbst ernannter Experte für deutsch-jüdische Geschichte. Letzterer hatte Broders Würdigung Ende November 2004 erhalten, als Belohnung für einen Beitrag mit dem Titel „Unter Verdacht“, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung vom 19. November 2004. Darin erklärte Bodemann die Muslime sozusagen zu den Juden von heute und beklagte eine grassierende „anti-islamische Hetze“, die sich „für Migranten reformulierter alter Antisemitismen“ bediene und in „Gruselgeschichten“ münde. In seiner Laudatio nannte Broder den Geehrten daraufhin einen „promovierten Schwachkopf“, „Tor“ und „selbstgerechten Trottel“, denn:

„Er kennt nicht die Artikel, die in deutschen Zeitungen erschienen sind, über die Probleme bei der Integration russischer Juden bis zu den Gaunereien in den früheren DDR-Gemeinden, er weiß nicht, dass die jüdische Gemeinde bei jedem Anlass öffentlich geröntgt und gescreent wird, mal zu Recht, mal zu Unrecht. Es ist ihm auch entgangen, dass man die zugewanderten Juden nicht dazu anhalten muss, ihre Kinder in die Schulen zu schicken und dass die jüdischen Gemeinden, im Gegensatz zu den moslemischen, Deutschkurse anbieten, um den Einwanderern den Einstieg zu erleichtern. Es ist auch noch kein Fall bekannt geworden, dass ein Jude, der von Sozialhilfe lebt, seinen drei Kindern Sprengstoff-Attrappen umgebunden und sie auf eine Demo mitgenommen hätte. Und obwohl sich die Juden ständig untereinander zoffen und krachen, ist es noch nicht passiert, dass ein Gemeindevorsitzender zum Mord an einem anderen Gemeindevorsitzenden aufgerufen hätte, der dann tatsächlich auch ermordet wurde.“*

Broder resümierte schließlich: „Bodemann ist so blöd, dass verglichen mit ihm ein Kuhfladen noch als Pizza Margarita durchgehen könnte.“ Das war vielleicht nicht nett, kam aber von Herzen. Bodemann war gleichwohl beleidigt und verlagerte das Problem von der politischen auf die juristische Ebene. Dort bekam er zuerst Recht und stritt danach gewissermaßen auch noch um ein angemessenes Honorar für seinen Orden, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete: Der Richter am Landgericht München jedenfalls war der Ansicht, „dass Broder – wie auch immer man zum Bodemann-Text stehe möge – Grenzen überschritten habe. Würde man das zulassen, gäbe es kein Halten mehr. Das müsse Broder spüren“. Fünftausend Euro stehen nun im Raum – als Schmerzensgeld für einen, der etwa die Misshandlung muslimischer Frauen unter der Rubrik „Grausig-Anekdotisches“ einordnet und sie im Übrigen mit „Anpassungsproblemen vor allem von Menschen aus traditionellen Milieus“ erklärt, die nach der ersten oder zweiten Generation“ verschwänden. Derlei – und Ähnliches – zu formulieren überschreitet hierzulande augenscheinlich keine Grenzen, weshalb jene, die somit von jeder Verantwortung für ihr Tun faktisch freigesprochen werden, kein Halten mehr kennen müssen. So viel zum Thema „anti-islamische Hetze“.

* Der Beitrag ist aufgrund eines Gerichtsurteils nicht mehr online aufzurufen, liegt Lizas Welt jedoch vollständig vor.

Noch mehr zu Alfred Grosser findet sich in einem sehr lesenswerten Beitrag von Hector Calvelli.

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