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Double Standards

26. Januar 2007 von Lizas Welt

Es gehört zum Repertoire des Antizionismus, an Israel gänzlich andere Maßstäbe anzulegen als an andere Staaten, also mit double standards zu arbeiten. Damit einher geht eine Verdrehung von Ursache und Wirkung, von Tätern und Opfern; wie auch immer der jüdische Staat sein Tun begründet: Es wird ihm als Winkelzug, Ausflucht oder Vorwand zur Unterdrückung angeblich unschuldiger Menschen ausgelegt. Wenn etwa die Palästinenser mehrheitlich eine antisemitische Terrorbande in die Regierung wählen, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels ist, und das dergestalt bedrohte Land daraufhin Sanktionen verhängt, sich also nicht einfach so von der Landkarte tilgen lassen will, heißt es beispielsweise: „Kollektivstrafe für Hamas-Wahl“ – und gleich anschließend: „Im Gazastreifen leben eingesperrt von der Besatzungsmacht mehr als eine Million Palästinenser“. Ganz Gaza sei ein einziges „großes Gefängnis“, und die Welt schaue dabei zu. Daher müsse man sich nicht wundern, wenn Raketen abgefeuert werden und sich Selbstmordattentäter auf den Weg machen – so mutiert blanker Terror zu legitimem Widerstand gegen ein per se illegitimes Land. Mehr zu diesem anhaltenden Realitätsverlust weiß Karl Pfeifer.

Karl Pfeifer

Immer wiederkehrender Realitätsverlust

Das nationalbolschewistische Zentralorgan junge Welt aus Berlin lässt John Pilger (Foto) eine Jeremiade über die schrecklichen Lebensbedingungen im Gazastreifen vorbringen. Zu den Ursachen dieses Zustandes verlautbart der „preisgekrönte australische Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer“: „Der Vorwand für die anhaltenden israelischen Terrorangriffe ist die Gefangennahme eines israelischen Soldaten, eines Mitgliedes einer illegalen Besatzung, durch den palästinensischen Widerstand.“ Die Kassam-Raketen also, die auf israelisches Gebiet fallen, sind nach seiner Logik Teil des Widerstands, und wenn ein israelischer Soldat aus israelischem Gebiet – also innerhalb der Grünen Linie, die bei den Waffenstillstandsvereinbarungen 1949 gezogen wurde – entführt wird, dann kann laut Pilger daraus gefolgert werden, dass das legitim ist, weil ganz Israel illegitim ist und liquidiert gehört, wie es die Hamas fordert. Anstatt die Ursachen des Zustands zu beseitigen – also den Beschuss durch Kassam-Raketen zu stoppen –, fährt sie mit ihrem Tun fort; anstatt Israels Existenz anzuerkennen, erklären sie weiterhin, das niemals tun zu wollen, um gleichzeitig über die Reaktion der von ihnen angegriffenen Nachbarn Krokodilstränen zu vergießen. Wer das Verhalten Israels gerecht beurteilen will – und Pilger und die Nationalbolschewisten wollen das selbstverständlich nicht –, der muss es mit dem Verhalten anderer Staaten in ähnlicher Lage vergleichen, beispielsweise mit dem Verhalten Russlands in Tschetschenien. Und da fällt auf, dass alle arabischen und muslimischen Länder eng befreundet sind – mit einem Land, das ganz anders gegen ihre muslimischen Brüder und Schwestern vorgeht als Israel.

John Pilger macht für die Tatsache, dass im Gazastreifen 1,4 Millionen Menschen leben, Israel verantwortlich. Laut Meyers Universallexikon (1) hatte der Gazastreifen im Jahre 1979 nur 500.000 Einwohner. Für ein derartigen Bevölkerungszuwachs trägt Israel insofern eine Verantwortung, als es die Gesundheitsfürsorge und die hygienischen Verhältnisse während der Besatzung bis Sommer 2005 wesentlich verbessert hatte. Doch schauen wir uns die Ziffern der Uno an (2), die sich noch auf alle besetzten Gebiete bezieht und in der Zeit von 2000 bis 2003 „gewaltige Rückschritte bei der menschlichen Entwicklung“ feststellt. Die Armutsrate vor September 2000 lag bei 20,1 Prozent und stieg bis 2003 auf 55,1 Prozent, während die Arbeitslosenrate im gleichen Zeitraum von 10,0 auf 30,5 Prozent stieg. Dafür sind diejenigen verantwortlich, die 2000 die Terrorwelle namens Intifada gegen Israel ausgelöst haben. Pilger beklagt sich, dass die Menschen, die die Situation beobachten, „sich in Schweigen hüllen“, um dann jedoch „ranghohe UN-Hilfsvertreter“ zu zitieren, die „im Herbst 2006 in Le Figaro“ über den Gazastreifen berichteten. Damit dementiert er seine eigene Aussage. Er erklärt das so: „Es war ein Versuch, das Schweigen in Europa zu brechen, dessen gehorsame Allianz mit den USA und Israel sich darum bemüht, die demokratischen Ergebnisse, mit denen Hamas bei den palästinensischen Wahlen vor einem Jahr an die Macht kam, rückgängig zu machen.“

Dann kommen die jüdisch-israelischen Kronzeugen an die Reihe: „Der Historiker Ilan Pappe dokumentierte, dass die genozidale Politik nicht aus einem Vakuum käme, sondern ein Teil der von Zionisten beabsichtigten historischen ethnischen Säuberung ist.“ Pilger behauptet: „Ein Genozid schwappt gerade über die Menschen im Gazastreifen“. Genozid heißt Völkermord und bedeutet Vernichtung nationaler, rassischer oder religiösen Gruppen; das steht im vollkommenen Gegensatz zu dem außerordentlichen Bevölkerungswachstum im Gazastreifen. Pilger weiter: „Amira Hass, die in Gaza gelebt hat, beschreibt dieses als Gefängnis, das zur Schande ihres eigenen Volkes gereicht. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter Hannah im Sommer 1944 von einem Viehtransportzug zum Nazi-KZ in Bergen-Belsen laufen mußte. ‚Diese sah, wie deutsche Frauen sich den Zug der Gefangenen anschauten, also, nur zuschauten’, schrieb sie. Dieses Bild hat sich mir sehr eingeprägt, dieses verächtliche ‚Danebenstehen’ und ‚nur Zusehen’.“ Haben die Juden aus Bergen-Belsen die Deutschen mit Raketen beschossen? Was sollen solche perversen Vergleiche? Sie tragen natürlich zum Erfolg der Bücher bei, und man wird eingeladen, um zu bestätigen, was man in unseren Breitengraden so gerne hört: „Die Juden sind nicht besser als unsere Ahnen, die schauen ja auch bloß zu.“

Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Wir haben es mit Ideologietätern zu tun, die agitieren und die wissen, was sie tun. Sie bestärken den sekundären Antisemitismus in Europa, der mit einer Täter-Opfer-Umkehr arbeitet und implizit – und manchmal auch explizit – die Juden Israels als Nazis brandmarkt. Diese „Postzionisten“ stellen als Ursache hin, was tatsächlich nur Wirkung ist. In Europa appellieren sie an das Analogiedenken. So wie wir hier – mit Ausnahme des Jugoslawienkriegs und der Auseinandersetzungen im Kaukasus – seit Jahrzehnten in Frieden leben, so sei das ja auch im Nahen Osten möglich, wenn nur nicht die bösen Israelis wären. Das ist die Ratio, laut Ilan Pappe und Amira Hass. So wie der Hass des Antisemiten auf die Juden doch einen Grund haben müsse, so müsse doch der Hass der Palästinenser gegen Israel einen vernünftigen Grund haben, den man aus der Welt schaffen könnte. Doch diese nicht nur arabische, sondern auch islamische Feindseligkeit gegen Israel ist sowohl irrational als auch wohl kalkuliert. Wer diesen Hass gegen einen nichtarabischen und nichtislamischen Staat in der Region verniedlicht, macht sich seine Sache leicht. Tatsächlich ist es ja gar nicht einfach, die Wirklichkeit des Nahen Ostens so zu sehen, wie sie ist.

Die Vorschläge, wie denn der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu lösen sei, erinnern allzu sehr an die auch von gutwilligen Österreichern vor 1938 (und während der Waldheim-Kampagne von einer führenden österreichischen Journalistin) vorgebrachten Gedanken, wie der Antisemitismus zu bekämpfen sei: Die Juden müssten aufhören, mit derartiger Energie in die akademischen Berufe zu drängen, hieß es damals. Mit ähnlicher Logik fordern die Antizionisten nun, Israel müsse auf den palästinensischen Terror reagieren, indem es dessen Ursachen beseitigt – das heißt, sich nicht mehr sich mit Gewalt zu verteidigen, sondern sozusagen auch die zweite Gesichtshälfte hinzuhalten und den Nachkommen der etwa 650.000 bis 750.000 palästinensischen Flüchtlingen, die schon in dritter oder vierter Generation außerhalb des Landes geboren wurden, die „Rückkehr“ zu ermöglichen.

Wir leben in einer Zeit, in der im sudanesischen Darfur Hunderttausende ermordet oder dem Hungertod preisgegeben werden und die Großmächte sich mit Spitzfindigkeiten weigern, von einem Genozid zu sprechen. Darüber berichten die Medien sehr wenig, sind doch die Arbeitsbedingungen in Israel für Journalisten geradezu ideal, während man im Sudan sein Leben oder wenigstens seine Gesundheit riskiert. Darüber hingegen, wie Palästinenser mit anderen Palästinensern umgehen, hört man wenig bis nichts. Wer protestiert hier schon dagegen, dass die Todesstrafe in den palästinensischen Autonomiegebieten noch immer praktiziert wird und mehrere Dutzend auf ihre Hinrichtung warten? Hat hier schon jemand gegen die ungesetzlichen Inhaftierungen und die Gewalt gegen Frauen in den palästinensischen Gebieten demonstriert? Regt sich jemand auf, wenn dort immer wieder – oft genug aus dem Ausland zur Hilfe herbeigeeilte – Menschen entführt werden? Wen kümmert es, wenn während eines Jahres politische Flügelkämpfe, Familienfehden und das Begleichen alter Rechungen das Leben von mehr als 100 Palästinensern fordern und mehrere andere zur Zielscheibe von Anschlägen und Tötungen durch bewaffnete Gruppen werden, weil man sie der „Kollaboration“ mit israelischen Sicherheitsdiensten verdächtigte? Gibt es eine moralische Entrüstung darüber, wenn – wie vor kurzer Zeit geschehen – drei Schulkinder in einem Taxi in Gaza ermordet wurden, nur weil ihr Vater bei den gegnerischen Sicherheitskräften angestellt ist?

Was also auffällt, ist die Heftigkeit, mit der man von Israel ein Verhalten fordert, das sonst von niemandem verlangt wird. Der gegen Israel gerichtete Hass hat nicht nur neurotische Züge, er geht auch mit Realitätsverslust einher. Die Feindschaft der meisten arabischen Palästinenser richtet sich nicht nur gegen jegliche jüdische Souveränität, sondern überhaupt gegen die Anwesenheit einer jüdisch-israelischen Nation im Heiligen Land. Dieser Hass und diese Unversöhnlichkeit einigen die sonst gründlich zerstrittenen arabischen Staaten und Gesellschaften, sie lenken aber vor allem von den internen arabischen Differenzen ab. Die schlechte Lage im Gazastreifen resultiert aus der Alles-oder-nichts-Haltung der Mehrheit der Palästinenser und aus den wahnwitzigen Versuchen, Israel auszulöschen, sowie aus der völligen Unfähigkeit der palästinensischen Elite, konstruktive Lösungen anzustreben. Es ist natürlich einfacher, Israel zu kritisieren, weil es nicht kapituliert, und die Konzessionen, die der jüdische Staat bereits gemacht hat und für einen dauernden Frieden zu machen bereit ist, zu übersehen.

Drittes Bild von oben: Titelseite einer Ausgabe der Zeitschrift New Statesman vom Februar 2002, in der John Pilger und Dennis Sewell unter dem Titel „A kosher consiracy?“ über eine angebliche „Israel-Lobby“ in Großbritannien herzogen. Der Chefredakteur des Blattes entschuldigte sich später dafür in einem Editorial: Man habe „Bilder und Worte in einer Art und Weise verwendet, dass sie unwissentlich den Eindruck erzeugen, der New Statesman folge einer antisemitischen Tradition, die Juden als Verschwörung sieht, die das Herz der Nation durchbohrt.“

Anmerkungen
(1) Meyers Universallexikon, Leipzig 1979, Band 2, Seite 95
(2) Bericht über die menschliche Entwicklung 2005, UNDP, Seite 207

Siehe auch den Beitrag des Weblogs Tante Emma: John Pilger und Junge Welt – ein Traumpaar

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