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Der Kopf-Mullah

2. Oktober 2006 von Lizas Welt

Woraus speist sich eigentlich das Appeasement? Wie kommt es, dass in Europa ganz ernsthaft geglaubt wird, mittels Wohlverhalten werde man vom Terror islamistischer Gotteskrieger dauerhaft verschont? Was bewegt Menschen, die immer dann mit Inbrunst nach einem „kritischen Dialog“ rufen, wenn es wieder irgendwo so richtig geknallt hat oder auch nur zu knallen droht? Angst wäre ein Motiv – die Angst davor, selbst zur Zielscheibe von Leuten zu werden, die den Tod mehr lieben als das Leben und bei denen man trotzdem Restbestände einer ratio anzutreffen hofft, durch die es nicht zum Äußersten kommt, wenn man nur die Füße still hält – auch wenn das Gegenteil offensichtlich ist. Aber die Angst ist nicht der einzige Grund für die Beschwichtigungsversuche und den Aufruf zu Respekt und Toleranz denjenigen gegenüber, die mit einer solchen Verständnisinnigkeit rein gar nichts zu schaffen haben. Ein anderer ist die Kumpanei mit dem Islamismus, der kaum verhohlene Neid auf sein Ideale propagierendes, geschlossenes Weltbild, in dem es, sagen wir, übersichtlich zugeht, das irgendwie wertkonservativ daher kommt und jedenfalls noch Prinzipien und ihrer selbst willen ausweist. Das ist aber nicht nur eine Frage der äußerlichen Form, denn die schlägt, wie so oft, längst in Inhalt um. Vom Islam lernen, heißt siegen lernen, ließe sich dieser Ansatz auf die Parole bringen.

Einer, der sie besonders laut ruft, ist Matthias Matussek, Spiegel-Kulturchef und der Mann fürs ganz besonders Grobe im deutschen Feuilleton. Während der Fußball-Weltmeisterschaft hatte er bereits entdeckt, dass „Nationalgefühl“ doch keine „überwundene Evolutionsstufe“ ist, wie man ihm immer gesagt hatte, sondern eher ein Grund, „sich um den Hals zu fallen“. Und nun schlägt er vor, nicht ständig „schaudernd in den nahen und fernen Osten zu starren und unter selbstgerechtem Triumphgeheul die Minderwertigkeiten der dortigen Gesellschaften zu beklagen“, sondern „ab und zu die Blickrichtung zu ändern“ und „uns selber so in Augenschein zu nehmen, wie gläubige Muslims es tun“. Daraus ergeben sich dann nämlich zwangsläufig Fragen: „Sind wir bereit, für unsere Werte zu sterben? Und welche wären das dann?“ Matussek hat längst die Perspektive der marodierenden und brandschatzenden Islamisten – in seinen Worten: „gläubige Muslims“ – eingenommen und bewundert an ihnen die ultimative Bereitschaft zur Selbstaufgabe, zur Entindividualisierung, zum Kampf aufs Äußerste und zum todesbereiten Aufgehen in der Masse. Nichts davon findet er im Land, in dem er lebt, sondern nur den völligen Niedergang: eine „Brutalisierung“, die „Auflösung des Schamgefühls“, den „Zerfall der Familien“ und einen „Tanz ums goldene Selbst“.

Um wie vieles besser habe es da doch der Islam, bei dem man noch antreffe, was hierzulande im Rückzug begriffen sei, zitiert Matussek Innenminister Wolfgang Schäuble: „die Wichtigkeit von Familie, den Respekt vor den Alten, ein Bewusstsein und Stolz mit Blick auf die eigene Geschichte, Kultur, Religion, Tradition, das tägliche Leben der eigenen Glaubensüberzeugung.“ Doch es gebe Hoffnung auf Besserung, denn: „Wie sehr sich unsere Gesellschaft im Grunde nach einer Rückkehr von Achtung und Respekt sehnt, wie gerne sie wieder den Proviant aufnehmen möchte, den sie in den letzten Jahrzehnten aus den Regalen gefegt hatte, zeigt ein Blick in die Bestseller-Liste“ – in der Bücher mit Titeln wie „Schluss mit lustig“ und „Lob der Disziplin“ ganz vorne rangierten. Auch eine „Renaissance des religiösen Gefühls“ sei zu verzeichnen, die sich gegen „Verhöhnung und Vulgarisierung“ zur Wehr setze. Deshalb feiert Matussek das Absetzen der Idomeneo-Inszenierung als begrüßenswerten „Schlag gegen die Blödsinn-Gesellschaft“, denn dass diese Interpretation der Mozart-Oper „genau der Stoff sein könnte, der den einen oder anderen Schläfer aufweckt und den Zünder in Gang setzen lässt“, kann er gut nachvollziehen: „In dieser ernsteren und bisweilen mörderischen Welt, die der westlichen Spaßgesellschaft so unangenehm nah gerückt ist, macht es eben einen Unterschied, ob man Heiliges verspottet, Erhabenes lästert.“

Und daher ist es dem Spiegel-Kulturchef auch darum zu tun, den so genannten Blasphemie-Paragrafen 166 des Strafgesetzbuches wieder konsequenter anzuwenden – auch in Bezug auf Schmähungen christlicher Symbolik –; schließlich hätten sich die „Väter des Grundgesetzes“ etwas bei seiner Einführung gedacht: „Die Kunstfreiheit hat dort ihre Grenzen, wo das religiöse Gefühl in einer Weile verletzt wird, dass es den ‚inneren Frieden’ gefährdet.“ So ganz stimmt das natürlich nicht: Bis 1969 befand noch die Kirche höchstselbst, wann eine strafwürdige Verspottung religiöser Befindlichkeiten vorliegt; im Zuge einer Strafrechtsreform wurde der Paragraf jedoch insoweit säkularisiert, als man ihm pragmatisch das Kriterium der Gefährdung des inneren Friedens beifügte. Dieser durchaus unpräzise Begriff stellte darauf ab, Polemiken gegen eine Religion nur noch dann zu ahnden, wenn eine erhebliche Zahl gekränkter Gläubiger öffentlich auf den Straßen randaliert oder dies doch wenigstens zu befürchten steht. Das geschah aber – wie erwartet – nur sehr selten, weil auch Christen, die über Walter Moers oder die Titanic nicht lachen konnten, sich nicht als Mob organisierten, der seinen gottesfürchtigen Emotionen Luft macht. Daran, dass Muslime letzteres tun könnten, hatte vor 37 Jahren vermutlich noch niemand gedacht. Nun jedoch häufen sich die Plädoyers dafür, die eigentliche Intention der seinerzeitigen Abwandlung des § 166 zu konterkarieren, statt ihn vollständig abzuschaffen. Und nun mehren sich auch die Stimmen, die, wie Matussek, die Freiheit der Rede und der Kunst eingeschränkt sehen wollen: nicht trotz islamischer Randale – also nicht aus Angst –, sondern gerade weil „wir“ „daran erinnert [werden], dass es Menschen gibt, denen etwas heilig ist“. Und das sei allemal stärker zu gewichten.

Ganz anderer Ansicht als Matussek ist Alan Posener in der Welt: „Die Freiheit der Kunst ist [...] unteilbar. Man kann sie nicht dort außer Kraft setzen wollen, wo sie einen selbst verletzt, sie aber dort einklagen, wo sie andere verletzen könnte. Hier gilt, was Voltaire über die Meinungsfreiheit sagte: ‚Ich bin nicht Ihrer Meinung, mein Herr, aber bereit dafür zu sterben, dass sie geäußert werden darf.’ Das ist nicht Relativismus oder moralische Gleichgültigkeit, wie einige konservative Kritiker behaupten.“ Man könne zwar fragen, „weshalb es in manchen Künstlerkreisen als Ausweis besonderer Fortschrittlichkeit gilt, das inzwischen ideologisch subkulturelle, demografisch bedrängte und politisch entmachtete Christentum zu provozieren. [...] In Deutschland [...] gehört kein Mut mehr dazu, die Kirchen mit Klischees von gestern aufs Korn zu nehmen“. Doch wichtiger ist Posener etwas anderes: „So wenig der Mullah (oder der Kardinal) im Kopf bestimmen darf, was hier gesagt, gedruckt, gespielt, gesungen oder gemalt wird, so wichtig wäre es für die Kunst, die Muslime stärker im Kopf zu haben. Damit auch die deutschen Muslime weniger Mullahs und mehr Aufklärung im Kopf haben.“

Mit diesen wenigen Sätzen ist im Grunde das Wesentliche über die wünschenswerten Konsequenzen aus der Absetzung von Idomeneo und anderen Maßnahmen der (Selbst-) Zensur gesagt. Aber einer wie Matussek ist noch lange nicht fertig: „Deshalb noch einmal zum ‚abendländischen Kulturverständnis’, das ausgerechnet von [Idomeneo-] Regisseur Neuenfels beschworen wird. Es ist wohl eher auf der Seite des Respekts zu finden. Es ist eher [...] Friedrichs des Großen Toleranz-Episteln und die ausdrückliche Einladung an den Islam, als der abgeschlagene Kopf des Propheten.“ Wenn’s also schon den alten Fritz nicht mehr gibt, möge man sich wenigstens an den preußischen Tugenden der Moslems orientieren – schöner hat selten jemand auf den Punkt gebracht, dass es auch in Zeiten wirtschaftlicher Not wirkliche Exportschlager gibt: die deutsche Ideologie, die Borniertheit also gegenüber der Aufklärung; den Idealismus und das immer währende Streben danach, die Dinge um ihrer selbst willen zu tun. Immer wieder werden deshalb per se „Respekt“ und „Achtung“ insbesondere vor „religiösen Gefühlen“ eingefordert – Kategorien, die sich selbst Zweck sein sollen und daher weder definiert noch hinterfragt werden dürfen, etwa mit Blick darauf, welche Berechtigung und welchen Nutzen sie für wen eigentlich haben und von welcher Qualität Gefühle sind, die beim kleinsten Anlass zur mörderischen Attacke wider den Verstand blasen.

In Zeiten vermeintlicher oder tatsächlicher gesellschaftlicher Zerrüttungen die Besinnung auf wahrhaft deutsche Tugenden einzuklagen, ist nichts Ungewöhnliches. Katastrophal war das jedoch schon immer. Der konservative Kulturpessimismus hat stets auf Familie, Volk und Nation beharrt, weil ihm individuelle Freiheiten, das Beharren auf unterschiedlichen Interessen und die Emanzipation von Zwangsgemeinschaften eine Bedrohung waren. In dieser Sichtweise sind ihm Unruhen wie 1968 pp. und die von Matussek so genannte „Blödsinn-Gesellschaft“ eins – nicht zuletzt, weil die einen als die Voraussetzung der anderen erscheinen. Als quasi-natürlicher Bündnispartner erscheinen ihm daher heute die, die ebenfalls „Schluss mit lustig“ fordern und das „Lob der Disziplin“ aussprechen; die sich noch gegen den „Zerfall“ wehren, keine Narzissten sind und für „ihre Werte“ sich und andere in den Tod stürzen – worin, scheint’s, die eigentliche Erfüllung besteht. In diesem Zusammenhang von Appeasement gegenüber dem Islamismus zu sprechen, ist bei Lichte betrachtet also falsch – es ist eine Kongruenz, die sich hier zeigt; eine Islamophilie, die das gemeinsame antiwestliche Ressentiment bedient; nicht Angst, sondern Angriffslust. Dem zu widerstehen, ist eine Herausforderung. Und die ist nicht leicht.

Hattip: barbarashm

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