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Alter Schwede!

4. Mai 2006 von Lizas Welt

Im Norden Europas gibt es ein Land, das nicht wenigen als sozialdemokratischer Musterwohlfahrtsstaat gilt. Als Vorbild mithin in vielerlei Hinsicht, als Vorreiter gar, der Trends setzt und als Inbegriff von Friedfertigkeit gesehen wird. Wie friedfertig man dort droben sein kann, zeigt diese Meldung:

„Schweden hat seine Teilnahme an einer internationalen Luftwaffen-Übung in Italien aufgrund der Beteiligung Israels zurückgezogen. Israelische Politiker sprechen von einer antisemitischen Entscheidung.“

Das lohnt doch einen näheren Blick:

„Im kommenden Monat findet in Italien eine internationale Übung der Luftwaffen mehrerer Staaten statt. Schweden hatte ursprünglich die Aussendung von neun Flugzeugen bestätigt. Nun zog die Regierung in Stockholm ihre Teilnahme zurück. Verteidigungsministerin Leni Bjørklund sagte, sie habe ihre Entscheidung wegen der Teilnahme ‚eines Staates, der sich nicht an internationalen Friedenssicherungs-Einsätzen beteiligt’ geändert. Ein anderes schwedisches Regierungsmitglied argumentierte weniger diplomatisch: ‚Israel handelt nicht im Namen des Friedens und sollte nicht an einer solchen Darbietung teilnehmen!’ “

Ein glatter Affront*, ganz grundsätzlich und zumal jetzt, da der Iran dem jüdischen Staat offen mit der Vernichtung droht. Entsprechend groß war das Entsetzen im Land der von den Nordeuropäern Boykottierten:

„Die Israelis sind von diesen Aussagen schockiert. Sevulun Orlev von der Nationalreligiösen Partei (NRP) sagte, Schweden habe sich der ‚islamischen Achse des Bösen’ ergeben. Ein weiterer Abgeordneter meinte, Schweden sei an der Spitze der israelfeindlichen Regierungen Europas.“

Und sie liegen damit überhaupt nicht falsch. Erst vor knapp zwei Monaten hatte eine Studie zutage gefördert, dass 36 Prozent der schwedischen Bevölkerung „eine mindestens ‚teilweise ambivalente‘ Haltung gegenüber Juden“ hat. Mehr als ein Viertel bejahten die Frage, ob „die Juden großen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben“, genauso viele möchten „keinen Juden als Ministerpräsidenten“. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch weit höher – derlei Umfragen fassen die Definition von Antisemitismus zumeist ziemlich eng.

In der Zeitschrift Bahamas schilderte Justus Wertmüller in seinem Beitrag „Intifada in Stockholm“** bereits vor zwei Jahren die Zustände in dem skandinavischen Land. Als beispielsweise am 21. März 2004 in dessen Hauptstadt das jährliche Israel-Festival der Organisation Førenade Israelinsamlingen (Vereinigte Israelaktion Notprogramm) stattfand, rotteten sich etwa dreihundert Antiimperialisten zusammen, um zum Kongresszentrum Nalen zu ziehen und das Fest anzugreifen, wie Wertmüller berichtet:

„Die Demonstranten trugen palästinensische Fahnen und die schwarz-roten der Syndikalisten, die in Stockholm recht rührig sind, und riefen Parolen wie ‚Sharon Faschist, Sharon Mörder’, ‚Die Intifada weist den Weg’ und ‚Befreit Palästina’. Weil sie nicht zum großräumig abgesperrten Veranstaltungslokal vordringen konnten, blockierten die Demonstranten eine Hauptverkehrsstraße und lieferten sich über eine Stunde lang Straßenschlachten mit der Polizei. Dabei wurden Farbeier, Glasflaschen und Steine auf die Polizisten geworfen, aber auch Metallkugeln mit Zwillen verschossen und Feuerwerksraketen gezündet.“

Außerdem wurden noch die Scheiben des Tourismusbüro des Staates Israel zertrümmert und „Boykottiert Israel!“ auf dessen Werbeflächen geschmiert. Die Randale endete mit 79 Festnahmen und der Sicherstellung zahlloser Waffen, darunter Molotow-Cocktails, die offensichtlich für die Stürmung des Israel-Festivals vorgesehen waren. Drei Tage später erschien im Aftonbladet eine ganzseitige Rechtfertigung dieser antisemitischen Attacke, die von der 22-jährigen Studentin Nabila Abdul Fattah verfasst worden war und die Sache unverhohlen auf den Punkt brachte:

„Wir wollten erreichen, dass nicht eine einzige Krone dafür aufgewendet wird, Häuser zu bauen, die von einem Neu-Israel besessen werden, das daran Gefallen findet, andere Menschen zu unterdrücken. Das war das gemeinsame Ziel aller Demonstranten. Wir meinen, dass wir nicht zusehen und untätig bleiben können, wenn Tag für Tag unschuldige Menschen erniedrigt und getötet werden. Nicht alle Menschen wählen den gleichen Weg, auch dann nicht, wenn sie das Gleiche wollen. Manche wählen den militanten, andere den eher (!) friedlichen. Aber kein Mensch kann eigentlich sagen, welcher der richtige ist, bevor er sich nicht in einer Situation befunden hat, in der diese Entscheidung getroffen werden muss.“

Das klingt nicht bloß wie eine Kommandoerklärung, das ist eine, abgedruckt in einer auflagenstarken sozialdemokratischen Zeitung. Und solche Positionen sind in Schweden durchaus keine Ausnahme, wie Justus Wertmüller etwa an den Beispielen der Linkspartei Vänsterpartiet, der Jungsozialisten, der Metallarbeitergewerkschaft und des Oberhaupts der evangelisch-lutherischen Kirche Schwedens – der fast alle Schweden angehören –, Erzbischof Karl Gustav Hammar (Foto), zeigt, die sich allesamt mit Regelmäßigkeit für einen Boykott Israels aussprechen und die Intifada für eine prima Angelegenheit halten.

Fehlen darf bei einer solchen Aufzählung natürlich auch die Stimme der Religion des Friedens™ nicht, die von Radio Islam nämlich. Das ist so eine Art ätherisierter Muslim Markt, und sein Gründer Ahmed Rami kofferte dementsprechend auf der Homepage des Senders die Zeitschrift Menorah – das Organ von Førenade Israelinsamlingen – an:

„Es gibt hier in Schweden eine Organisation mit einem Stab Vollzeitangestellter, die eine fremde, blutbesudelte Unterdrückermacht unterstützt. Viele schwedische Unternehmen geben diesem aggressiven, arroganten und brutalen Unterdrückerstaat, der ein ganzes Volk, das palästinensische Volk, seines Vaterlands beraubt hat, große Geldsummen. Die Unterdrückermacht ist selbstverständlich Israel, und die Organisation heißt ‚Førenade Israelinsamlingen’ (Stockholm) und gibt eine flotte und kostspielige Quartalszeitschrift im Mehrfarbdruck heraus – ‚Menorah’. Ungefähr die Hälfte dieser zionistischen Propagandapublikation ist voller Werbeanzeigen [schwedischer Firmen] und Unterstützungsanzeigen für Israel und seine Propaganda. [...] Für diese kriminelle Atommacht erbettelt ‚Førenade Israelinsamlingen’ Geld von – hoffentlich – ahnungslosen schwedischen Unternehmern. Es ist völlig haarsträubend.“

Vor diesem Hintergrund*** verwundert der schwedische Rückzug von der internationalen Luftwaffen-Übung in Italien noch weniger. Und dass diese Entscheidung eine antisemitische war, kann man wohl mit Fug und Recht behaupten. Dies zum Thema „sozialdemokratisches Musterland“.

Update 5. Mai 2006: Und als ob das alles nicht schon genug wäre, hat Schweden just heute als erstes europäisches Land einem Hamas-Minister eine Einreisegenehmigung erteilt – passenderweise auch noch dem Minister für Flüchtlingsangelegenheiten, Atef Odwan. Der darf nun zu einer von Palästinensern organisierten Konferenz nach Malmø kommen. Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri meinte dazu: „Wir werden andere europäische Länder ermutigen, dem unerschrockenen Beispiel der schwedischen Behörden zu folgen.“ Was sagte noch gleich der bereits zitierte Knesset-Abgeordnete? „Schweden ist an der Spitze der israelfeindlichen Regierungen Europas.“ Wie wahr.

* Gudrun Eussner weist zu Recht darauf hin, dass dies längst nicht die erste Brüskierung Israels auf staatsoffizieller Ebene war: Im Januar 2004 hatte bereits die widerwärtige antiisraelische Installation „Schneewittchen und der Irrsinn der Wahrheit“ des Dror Feiler zu Protesten geführt; der israelische Botschafter in Schweden, Zvi Mazel, nahm seinerzeit kurzentschlossen ein paar, sagen wir, kosmetische Korrekturen an dem Machwerk vor. Erst das sorgte jedoch für diplomatischen Aufruhr – und nicht etwa Feilers Montage: „Die Realität des palästinensischen Terrors wird zur sakralen Kunst verklärt“, kommentierte Eussner treffend.
** Der Beitrag ist nicht online zu finden, sondern nur in der Printausgabe der Bahamas Nr. 44. Bestellungen können an die Redaktion der Zeitschrift gerichtet werden.
*** Was man in Schweden diesbezüglich noch so alles in petto hat, warum man dort nichts riskiert, wenn man Hassreden gegen Israel hält und zum Massenmord and Juden aufruft, und wie aus Antisemitismus Recht wird, schildert Heplev in seinem Blog.
Hattips: Doro/Daniel Rossmann/Frank Te

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